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Der Quotensachse


Der Quotensachse

Vom unaufhaltsamen Aufstieg eines Staatsbürgers sächsischer Nationalität
1. Auflage

von: Matthias Biskupek

CHF 9.00

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 22.06.2021
ISBN/EAN: 9783965214767
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 205

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

„Bei Biskupek kommt’s knüppelhageldick. Da wird nicht geschmunzelt und geblinzelt, nicht kokettiert und vielleicht gar ein bisschen mitempfunden. Das Buch ist genau, ungemein bösartig und teilweise in der Art, wie der Autor mit höhnisch verzogener Lippe kalauert.“
Sächsische Zeitung
„Endlich mal einer, dem die deutsche Wende gut bekommen ist! Mario Claudius Zwintzscher aus Ainitzsch an der Zschopau hat, wie es sich gehört, im Jahre 1989 seinen ersten demokratischen Wahlkampf mit Hilfe des sächsischen Nationalstolzes gewonnen.“
Süddeutsche Zeitung
„Das Buch, das die tierisch-ernsten Wendewälzer aus den Regalen fegt.“
Takt, Leipzig
Lehmseife und Fragebogen
Slawische Stammbäume und erzgebirgische Baumstämme
Ainitzsch an der Zschopau
Familienbande. Familienbande. Und alle gemeinsam im Chor: Familienbande!
Die Sabotage des Großen Aufbruchs
Wie ich Ungarisch lehren wollte
An der Grenze der Südlichkeitsverbrechen
Das 11. Plenum im Zerspanungskreise
Friedliebend nichts unterschrieben
Söxante Nööf
Deukratschnik
Wie Walter Ulbricht ums Leben kam
Anarchistische Phase
Leben in der Diaspora
Über das Herumkommen oder Mascha und Maria
Einsatz wider Alkoholgegner
Wie ich gemaßregelt wurde
Heldin der Arbeit zum Frauentag
Warum ich nicht mehr Ungarisch lernen wollte
Schiff der Hoffnung
Wendekreis
Ausbruch aus einem Arbeitsvertrag
Die Geburtstagsfeier
Die Besetzung der Dienststelle
Mein erstes Wessi
Wahltaktik in Sachsen
Die Ausrufung des Freistaates Sachsen
Ainitzsch unterm Himmel, blaufarben
Mit Trabba bei Juergen im Westen
Vom besseren und vom besten Wissen
Im Sachsenwald
Räuber und Schambambel mit Dr. Schneider
Kurzer Beweis von Freudenspenden und Trauerarbeit
Im Innern der Talk-Show
Die Präsidentenwahl
Das Große Dankeschön mit Rede und …
… und Diskussionsbeiträgen
Danksagung
Sicherungsvermerk
Zur Aussprache fremdsprachiger Stellen
Liste fremdsprachiger Ausdrücke
Matthias Biskupek war am 22. Oktober 1950 in Chemnitz geboren worden und wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der sächsischen Kleinstadt Mittweida auf. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter war Angestellte. Nach Schulbesuch und Abitur mit gleichzeitiger Lehre als Maschinenbauer studierte Biskupek an der Technischen Hochschule Magdeburg technische Kybernetik und Prozessmesstechnik. Von 1973 bis 1976 war er als Systemanalytiker und zeitweise auch als Maschinenfahrer im Chemiefaserkombinat Schwarza bei Rudolstadt tätig. Nachdem er bereits während seiner Schul- und Studienzeit verschiedene literarische Zirkel besucht und mehrfach am Schweriner Poetenseminar teilgenommen hatte, in den achtziger Jahren auch als Seminarleiter, arbeitete er seit 1976 am Theater Rudolstadt, zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg, zeitweilig auch als Bühnentechniker, Programmheftzeichner, Inspizient und Kleindarsteller. In den Jahren 1981/82 absolvierte er einen Sonderkurs am Leipziger Literaturinstitut. Seit 1983 lebte er freischaffend in Rudolstadt. 1993 war er Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar. 1997 bekam er ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2000 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano. 2016 wurde Biskupek mit dem Walter-Bauer-Preis ausgezeichnet. Zu seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gehörten Romane, Geschichten, Kabaretttexte, Feuilletons und Features für den Rundfunk sowie in den 1980er Jahren auch Treatments für die DEFA, die jedoch nie zu Filmen wurden. Von 1985 bis zu dessen Auflösung war er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1990 der letzte Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, 1992/93 VS-Vorsitzender in Thüringen.
Er ist am 11. April 1921 in Rudolstadt verstorben.
Ausbruch aus einem Arbeitsvertrag
Das Land war durcheinandergeraten – so wie meine Ehe. Jahrzehntelang waren die sächsischen Grenzen verwischt worden, und ein gutes Jahrzehnt lang hatten wir unsere ehelichen Beziehungen unter der gemeinsamen Bettdecke gehalten. Doch plötzlich erstreckte sich zwischen dem Zimmer, in dem meine Frau mit unseren Töchtern hauste, und meinem ein vierhundert Kilometer langer Korridor. In dessen Mitte befanden sich ein exzellent gepflegter Eisenzaun, frischgemähte Rasenstreifen, exakte Plattenwege, Panzersperren, Wachhunde und rotbäckig-staunende Postenführer.
Alles war plötzlich anders. Ich kam von meiner Auszeichnungsreise nicht in liebende Arme zurück, sondern in das unwirtliche Magdeburg; Hauptstadt eines mir zutiefst fremden Bezirks. Wie sollte ich da nicht dem Ruf ans Heimatbüro zu Ainitzsch folgen?
Ainitzsch stand da, mit offenen, aus den Angeln gehobenen Haustüren, mit zerbröckelnden Porphyrstufen, mit Plattenbauten, die sich im Osten der Stadt weit über den Kirchturm erhoben. Der Lessingstraße waren sämtliche Messingklinken verlustig gegangen; die Ratten in der Bach hatten proportional zum durchschnittlichen Lebendgewicht der Bevölkerung zugenommen.
Die Zeitungen sprachen vom Dialog, der zu führen sei. Stefan Schwartze führte mich in eine Baracke hinter dem Ainitzscher Rathaus, früher als Büro des städtischen Kohlenhofs genutzt, und sagte, dass unbedingt noch ein Schreibtisch hinzukommen müsse. Auch habe er sehr gute Regalwände gesehen, die es als Kontingent gebe. Ursel sei schon umgezogen, zu ihrer Mutter, und fange nächste Woche an. Und als Resümee formulierte er: Määnsch, dreffsch eich uff dor Gabb Argona, unn jeddse misch mer alle zamm Ainiddsch uff.
Ich ging zwecks Beginn der Aufmischung von Ainitzsch zur Wohnung meines Bruders Gerdi. Sie war versiegelt mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Gerdi war mitten in seiner dritten Scheidung mit der noch nicht rechtskräftig abgetrennten Ehefrau nach Stuttgart verzogen. Dort bekam er Übergangsgeld. Meine Mutter hatte gesagt: S brischd ja alles ausenanner. Mein Vater hatte Honecker beschimpft, den er seit mehr als 27 Jahren nicht leiden konnte, wie er sagte.
Ich ging zu Bärbel Wanczek aufs Wohnungsamt. Sie hatte in der letzten Bankreihe gesessen, unweit von mir. Jetzt saß sie direkt vor mir, lächelte mich an: Na, mei Marjoh, gommsde widder? und gab mir einen Stempel auf mein Gesuch der Wohnung Gerdis wegen. De Bollezei muss abor ooch ihrn Seeschn gähm, flötete sie. Mit polizeilichem Segen – der Bruder von Peter Bink saß dort – knackte ich das amtliche Siegel an der Wohnungstür und machte es mir zwischen den Möbeln meines Bruders bequem.
Doch wie kam ich nun aus meinem Arbeitsvertrag heraus? Eines wusste ich: Man kündigt nicht einfach. Vermutlich ging das fast gar nicht. Auch wäre es eines Zwintzschers unwürdig, wie mein Vater, der nun Rentner war, sagen würde.
Im Schwermaschinenkombinat hatte es spontane Kundgebungen gegeben, jeweils um viertel fünf, also unmittelbar nach Normalschichtschluss. Es gab Schwer- und Unterpunkte, die abgearbeitet wurden. „Anmeldung demokratischer Wahlen“, hieß ein solch untergeordneter Schwerpunkt. Ein anderer war mit „Das Magdeburger Identitätsgefühl“ überschrieben. „Kein Lohn für Gammelarbeit“ hatte die Gewerkschaft als Diskussionspunkt gefordert. Es war mir unklar, wie ich all dies in meine Statistiken einarbeiten sollte – was nach der Arbeitszeit geschah, war auf besonderen Bögen aufzulisten. Doch wie dort Schwerpunkte, im Sinne von direkten Diskussionspunkten, von Unterpunkten zu trennen waren, die unmittelbar betriebliches Geschehen in außerbetrieblichen Zeiten reflektierten, darüber gab es bislang keine Aussagen.
Ich beantragte die Aufhebung meines Arbeitsvertrages im gegenseitigen Einvernehmen. Der entsprechende Kadersachbearbeiter war aber vor zehn Tagen nach Paderborn ausgereist. Zwischen den verschiedenen Leitungsebenen im Betrieb tobte der Kampf, ob man den Sachbearbeiter unter Republikflucht oder unter Familienzusammenführung gemäß Helsinki abheften sollte. Mitten in dieses Kampfgetümmel geriet meine auf vier Seiten verteilte Bitte. Meine Bitte um Aufhebung des Arbeitsvertrages zwecks Übernahme einer gesellschaftlich wichtigen Funktion in meiner Heimatstadt, wo auch eine Wohnung zur Verfügung stünde.
Die vier Seiten wanderten von Schreibtisch zu Schreibtisch, von Haupt- zu Nebenabteilung, von Mitarbeiterin zu Sachbearbeiter, von Chef zu Leiter, von Ablage zu Unterschriftenmappe. Alle vier Seiten bekamen je vier Eselsohren.
In jener Zeit fehlten allüberall im Betrieb Leute. Gelegentlich kam es vor, dass zwei Planstellen von einer Halbtagskraft vertreten wurden. Der Betrieb fuhr also mit viertel Kraft voraus. Da immer mehr Werktätige ins kapitalistische Ausland abwanderten, andererseits meine Abteilung „Exportstatistik“ ständig angehalten wurde, Erfolge zu bringen, ließen wir die ausgewanderten Arbeitskräfte als Aktiva auf der Habenseite verbuchen. Jeder Werktätige, der sich in diesem Oktober 1989 selbstständig und ungeplant aus dem Kombinat „Friedhold Zentener“ hundert Kilometer nach Westen versetzte, war ein Sieg für die Exportstatistik! Wir rechneten pro Bürger mit einer bestimmten Summe in Valutamark. So kam es, dass just zu dieser Zeit unsere Umsatzkurve steil nach oben stieg.
Die Exporte ins nichtsozialistische Wirtschaftssystem boomten. Oder florierten sie damals?
Wir wurden als Vorbild hingestellt. Wir waren echt Spitze. Als aber auch die Sachbearbeiter der Kaderabteilungen begannen, sich massenhaft zu exportieren, musste die Generaldirektion zu unkonventionellen Methoden greifen. Unsere Abteilung Exportstatistik bekam ganz unbürokratisch, wie es in jenen großen Zeiten üblich wurde, sämtliche Kaderangelegenheiten übertragen. Für Unkundige sei erklärt, dass der Begriff „Personalabteilung“ damals noch nicht einmal im ansonsten stets führenden Sachsen üblich war. Geschweige denn in Magdeburg.
Also, meine vierseitige Bitte um Aufhebung landete bereits nach zwei Wochen Kreislauf ausgerechnet auf meinem Tisch.
Ich ließ diese Bitte zunächst zwei Tage liegen. Das war allgemein so üblich. Dann begann ich mich gelinde darüber aufzuregen, wieso man ausgerechnet mir ein so problematisches Papier mit – ich zählte penibel nach – insgesamt sechzehn Eselsohren – zur Bearbeitung gab. Ich schnauzte jene Abteilungen telefonisch an, die vor mir auf dem Verteiler standen. Leider war kaum jemand zum Anschnauzen da. Urlaub, Versammlung, zeitweilige oder dauernde Abwesenheit aus ungeklärten Gründen, hörte ich.
Über meinen Antrag betreffs Aufhebung des Arbeitsvertrages musste ich nun also selbst entscheiden. Dabei habe ich diese Sache nicht auf meinen Tisch gezogen; es war wirklich eine Angelegenheit klarer Richtlinienkompetenz.
Im Antrag las ich, was ich schon wusste. Ich sollte eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe im Heimatbüro Ainitzsch übernehmen. Dabei wusste ich doch, dass ich das nur so geschrieben hatte, weil mir nichts anderes eingefallen war. Ich wusste, dass noch überhaupt keine Planstelle in Ainitzsch genehmigt worden war. Ich wusste auch, dass ich de Faggsn, wie man in Sachsen sagte, mit diesem dämlichen Magdeburg und seinem dämlichen Kombinat und seinem dämlichen ursächsischen Namensgeber Friedhold Zentener digge hadde. Doch aus meinem Antrag ging das nicht hervor.
Hatte ich klammheimlich versucht, mich zu belügen?
Ich legte den Antrag zur Rechten und die Richtlinien für Entlassungen aus dem Arbeitsrechtsverhältnis im gegenseitigen guten Einvernehmen zur Linken.
Mit dem Werktätigen ist ein klärendes Gespräch zu führen, stand da.
Das tat ich.
Der Werktätige ist auf den hohen volkswirtschaftlichen Stellenwert des Kombinats hinzuweisen.
Ich wies hin, fiel mir aber sogleich fast unhöflich ins Wort: Ich wüsste doch genau, wie hier gegammelt würde!
Da musste ich zähneknirschend diesen Punkt fallen lassen.
Dem Werktätigen ist gegebenenfalls eine höhere Gehalts-/ Lohnstufe anzubieten.
Ich bot es mir an.
Ich lehnte dankend ab.
Es geht mir nicht um Geld, sagte ich. In dieser spannenden Zeit – ich wusste damals schon, dass wir demnächst immer „spannend“ sagen würden, wenn wir westlichen Nichtsachsen unsere Epoche des Umbruchs erklären würden – in dieser spannenden Zeit will man den Puls der Zeit spüren.
Der Werktätige ist feinfühlig zu fragen, ob er in persönlichen Konflikten stecke, ob er finanzielle Probleme habe, ob der Ehepartner Schwierigkeiten mache, ob die Kinder ihm über den Kopf wüchsen. Elternhaus, Schule und Pionierorganisation gemeinsam könnten helfen.
Ich antwortete mir, vielleicht etwas grob, das sei meine Sache.
Der Werktätige ist auf die umfangreichen kulturellen und sportlichen Möglichkeiten hinzuweisen, die das Schwermaschinenkombinat und darüber hinaus auch die aufblühende Bezirksstadt Magdeburg bieten.
Ich grübelte, sagte mir aber schließlich, dass es mir nicht darum ginge.
Dem Werktätigen ist im Fall eines negativen Ausgangs der Überzeugungsarbeit ein Aufhebungsvertrag anzubieten. Er hat auf alle finanziellen Ansprüche an das Kombinat zu verzichten.
Ich sagte mir, dass ich verzichte.
Einer Genehmigung sollte nach Klärung der Sachfragen dann nichts mehr im Wege stehen.
Ich unterschrieb und schob mir den Arbeitsvertrag zur Unterschrift hin.
Ich zeichnete gegen, nachdem ich ihn misstrauisch durchgelesen hatte.
Mit herzlichen Wünschen für seinen weiteren Weg und dem Hinweis, dass die persönliche Entscheidung für den Betrieb zwar schmerzlich sei, man aber private Beweggründe achte, ist der Werktätige zu verabschieden.
Ich gab mir den Aufhebungsvertrag in die Hand, hernach selber dieselbe, verließ meinen Arbeitsplatz und fuhr nach Ainitzsch.

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