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Ohne Gestern


Ohne Gestern


1. Auflage

von: Nadine Zacher

CHF 10.00

Verlag: VSS-Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 15.04.2021
ISBN/EAN: 9783961272327
Sprache: deutsch

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Als in Hamburg nach einem Flugzeugabsturz immer mehr Menschen erkranken, ahnt noch niemand, dass dies der Beginn einer Pandemie ist, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Die Ansteckungsrate ist enorm, die Inkubationszeit kurz und die Todesrate liegt nach einem wochenlangen Siechtum nahezu bei 100 Prozent. Rasend schnell breitet sich die Seuche weltweit aus und schon nach wenigen Tagen bricht die öffentliche Ordnung zusammen.
Eine kleine Gruppe Hamburger Bürger aber bleibt von Ansteckung verschont. Alle leiden unter der gleichen Krankheit und gehören zu einer Testgruppe, die mit einem neuen Medikament behandelt wird. Hat dies etwas damit zu tun, das sie von der Seuche verschont werden? Und könnte ihre Immunität entscheidend beitragen, einen Impfstoff zu finden? Zu dieser Gruppe gehören sie Enddreißigerin Ellen Mark, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird und die junge Aussteigerin Sophie Hager, deren unangepasste Art immer wieder für Unruhe in der Gruppe sorgt, deren Energie diese immer wieder vorantretbt.
Zusammen mit ihrer Ärztin gehen sie auf einen wahnwitzigen Trip quer durch Deutschland, denn der Hersteller des Medikaments hat seinen Sitz in der Nähe von München.
Wird es gelingen einen Impfstoff zu finden, der die wenigen noch überlebenden Menschen retten könnte?
Vor Corona geschrieben, schildert „Ohne Gestern“ zahlreiche Dinge, die zwischenzeitlich für uns alle Realität geworden sind, zeigt aber auch auf, dass wir bisher mit einem blauen Auge davongekommen sind.
Ich erinnere mich genau. Auch wenn ich nicht weiß, für wen diese Erinnerung von Nutzen sein sollte. Möglicherweise für niemanden mehr. Vielleicht ist sie nur ein winziger Tropfen Flüssigkeit, der in einer endlosen Wüste einfach verdampft. In einem Moment ist er da, im nächsten sieht man keinerlei Spuren mehr, alles ist weit und leer, und im kurzen Augenblick seiner Existenz war dieser Tropfen vollkommen nutzlos und ohne jede Bedeutung.
Unsere Erinnerung macht uns zu dem, was wir sind. Ohne Erinnerung wissen wir nicht, wer wir waren, und haben wir vergessen, wer wir waren, können wir nicht mehr erkennen, wer wir sind.
Riechen und Schmecken, das bleibt. Hören, Tasten, Sehen Aufstehen und Losrennen. Wir sind noch zur Flucht bereit, auch wenn wir längst nicht mehr wissen, wohin.
Wenn das Unvorstellbare geschieht, ist der Mensch niemals vorbereitet. Wir denken uns Szenarien aus und versagen im Kleinen und im Großen. Was wäre, wenn ich meinen Job verlöre, wenn das Ergebnis meiner letzten Untersuchung schlecht ausfiele? Welche Dinge würde ich noch tun wollen, welche wären unwichtig geworden?
Was wäre, wenn es einen Anschlag gäbe, nicht irgendwo, sondern hier? Wenn wider alle Vernunft und Erwartung ein Bürgerkrieg über uns hereinbräche oder sich eine Seuche ausbreitete, nicht in Teilen der Welt, die uns nur durch die Nachrichten erreichen, sondern vor unserer Haustür? Sich einschleicht in das, was wir unser alltägliches Leben nennen.
Wenn die Welt, wie wir sie kennen, unterginge, wären unsere Vorbereitungen gut genug? Was würde mit jedem Einzelnen von uns geschehen? Und wozu wären wir fähig? Zu sehr viel mehr als ich dachte. Zumindest das kann ich nach den Ereignissen der letzten Monate sagen. Ich war zu wesentlich mehr fähig als ich vermutet hatte, weil ich wie jeder Mensch, wenn es darauf ankam, egoistisch und grausam war, und weil ich überleben wollte.
Rückblickend gab es Zeichen, wobei Zeichen vielleicht das falsche Wort ist, denn es gab niemanden, der versuchte, die Zeichen zu deuten. Ein Unbehagen war es eher. Etwas hing über uns und klebte an uns wie schwüle Gewitterluft, dunkel und feucht. Man konnte noch nicht sehen, wie sich die Wolken anthrazitfarben und dunkelgrün zusammenzogen, man hörte noch keinen Donner grollen, aber wir fühlten es. Der Körper spürt die Schwere der Luft, die Dunkelheit, die hinter den Wolken lauert. Der Teil von uns, der Gefahren wittert, bevor man sie sieht, nimmt all das wahr. Ein Gewitter ist längst keine Bedrohung mehr, deswegen fangen wir nichts mit den Informationen an, die uns der Körper gibt. Schlimmstenfalls werden wir nass. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden?
Aber es war da, dieses Unbehagen. Schon bevor das Unvorstellbare geschah, hatte sich die Welt verändert. Nicht mit einem Donnerknall von heute auf morgen, aber auch nicht so still und leise, dass es niemand bemerkt hätte. Schritt für Schritt hatte sie sich verändert, und jeder dieser Schritte war schmerzhaft und brannte sich ins Gedächtnis ein, schuf mehr Zusammenhalt und spaltete gleichzeitig die Meinungen, die Bevölkerungen und Nationen. Ein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Bedürfnis zu teilen und sich die Hände zu reichen und dem Willen, sich schützend vor das Eigene zu stellen, in dem Bewusstsein, dass es niemals genug für alle geben kann.
Jeder Terroranschlag, der die Welt erschütterte, war ein weiterer Schritt, der die Welt und uns veränderte. Wir gewöhnten uns nicht daran. Doch wir konnten auch nicht im permanenten Gefühl der Bedrohung und der Angst leben. Seinen Körper und seinen Geist in einem andauernden Ausnahmezustand zu halten, ist nicht möglich. Nicht wenn man früh am Morgen die S-Bahn zur Arbeit erwischen muss und in Supermärkten nach veganen Fertigprodukten und ökologisch einwandfreiem Waschmittel sucht. Nicht wenn man all das aufrechterhalten will, was unseren Alltag zwischen Aufwachen und Schlafengehen ausmacht. Das kann man nur, wenn man ums Überleben kämpft, wenn die Dinge soweit aus der Bahn geworfen sind, dass nichts anderes mehr eine Rolle spielt.
Das Unbehagen fand Einzug in unser Leben. Apokalyptische Szenarien hatten Hochkonjunktur. Der Weltuntergang wurde auf so vielfältige Weise dargestellt und zelebriert, dass er jede der menschlichen Ängste bedienen konnte. In Büchern war es jeden Tag schlechter um die Welt bestellt, gerettet wurde sie selten. In Filmen und Fernsehserien kämpften erschöpfte Helden gegen Naturkatastrophen und Zombiearmeen. Jeder Teenager wusste, wie man im Ernstfall einen Zombie hätte erledigen können, und jeder Erwachsene hatte in einem verborgenen Teil seines Gehirns schon einmal darüber nachgedacht, was zu tun wäre, wenn das Unvorstellbare einträfe. Vielleicht war es nur eine von verschiedenen Arten, mit den Ängsten umzugehen, zu denen wir allen Grund hatten.
Eine merkwürdige Erleichterung war es, mit der wir diesen fiktiven Überlebenskampf verfolgten. Es war die Erleichterung darüber, dass dies nur in Filmen und Büchern geschah und wir Entspanntheit gegenüber Zombiearmeen empfinden konnten, wenn im wirklichen Leben Schlimmeres über uns schwebte. Aber da war noch mehr, noch etwas anderes - schwerer zu greifen, weil es widersprüchlicher war und eine dunkle Sehnsucht nach Chaos und wilder Freiheit offenbarte.
Es war eine Art Befriedigung, die sich beim Anblick einer untergehenden Welt einstellte. Wie eine aufatmende Erleichterung stellte ich es mir vor. Es gäbe keine Arbeit mehr, keine Verpflichtungen, kein Funktionieren. Die einzige Verpflichtung wäre das Überleben. Geld wäre bedeutungslos, unser gesellschaftlicher Status würde keine Rolle mehr spielen. Gedanken an die Altersvorsorge, die nächste Mieterhöhung und die kommenden Rechnungen – bedeutungslos. Karriere machen, erfolgreich sein – bedeutungslos. Ein großes, erleichtertes Abstreifen all dessen. Wie ein Sprung ins kalte Wasser, nachdem man sich die Kleider vom überhitzen Körper reißen durfte.
Ich wusste, ich war mit diesem Gefühl nicht allein. Es gab viele wie mich. Viele, die sich beim Anblick des Weltuntergangs nach genau diesem Sprung ins kalte Wasser sehnten.
Wir waren unglaublich naiv.
Natürlich hatte meine Sammlung perfekter Espressotassen so wenig Bedeutung wie die Arbeit, der ich jeden Tag nachging. Aber der Glaube daran, auch am nächsten Morgen in Sicherheit das Haus verlassen zu können, die Gewissheit, dass der Tod geliebter Menschen sich nachvollziehbar und in weiter Ferne ereignen würde, die Tatsache, dass Verluste begrenzt und damit auch aushaltbar blieben, all das hatte durchaus eine Bedeutung.
Zu überleben war so viel schwerer als es jeder von uns gedacht hatte.
Die Ereignisse begannen für uns alle an einem anderen Tag und an einem anderen Ort. Aber uns allen gemeinsam war, dass etwas seinen Anfang nahm, was nicht aufzuhalten war, was sich wie eine schwarze Welle über die Stadt bewegte, über das Land, über den Kontinent, über uns alle.

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