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Michaela Abresch

Das Mirakelbuch

Historische Erzählungen
aus dem Westerwald

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Originalausgabe

PDF-ebook: ISBN 978-3-86282-153-2

Lektorat: Susen Truffel-Reiff, ACABUS Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Der ACABUS Verlag ist ein Imprint der Diplomica Verlag GmbH,

© ACABUS Verlag, Hamburg 2012

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

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Inhalt

Ein Engel für Aleydis

Die Verlorene

Kreuz, Dolch und Hütestab

Seelenschwestern

Versprochen

Funkenflug

Wolfsaugen

Ein Stück vom Himmel

Das Geheimnis der Hainbuche

Drei goldene Münzen

Das seidene Band

Das Mirakelbuch

Historische Anmerkungen

Ein Engel für Aleydis

(Die Wälder nahe der Cistercienserabtei Marienstatt,

Anno Domini 1324)

Die himmlischen Heerscharen selbst hätten den Gesang nicht vollkommener hervorbringen können. Zuweilen war nur eine einzelne Stimme zu vernehmen, dann wiederum tönten mehrere und es war unmöglich zu sagen, wie viele sich schließlich vereinigten, um zum Lobe Gottes anzuheben.

Gela blieb stehen, die Ohren gespitzt wie ein lauernder Fuchs. Sie horchte so gebannt, dass sie darüber die Kälte der Nister vergaß, deren kleine, wilde Strömungen gurgelnd ihre Füße umspülten. Sie grub ihre Zehen in den schlammigen Grund, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und watete weiter durch das seichte Wasser. Nur noch wenige Schritte bis zum jenseitigen Ufer.

Halt dich von den Menschen fern! Die Worte der Eltern. Sie hatten Aleydis gegolten, nicht ihr. Aleydis war diejenige, die ohne Seele zur Welt gekommen war, wenige Augenblicke nach Gela. Während die eine Schwester schon an der Brust der Mutter gesaugt hatte, war die zweite in den Händen der Hebamme beinahe gestorben, ohne die Augen jemals geöffnet zu haben. Wodurch sie überlebt hatte, wusste niemand zu sagen. Zuerst hatten alle von einem Wunder gesprochen, aber damit aufgehört, als sich zeigte, dass Aleydis eine Seelenlose war und keinen Verstand besaß.

Unter Gelas nassen Füßen blieben Dreck und winzige Steinchen kleben, während sie den schmalen, Baum gesäumten Pfad entlanglief. Die Choräle schwollen an, wieder hob sich eine der Stimmen aus der Menge heraus, sie war es, die Gela weitertrieb.

Sie blickte auf. Der Turm, hinter den Bäumen. Etwas Glänzendes blinkte auf der Spitze, hoch droben, fast in den Wolken. Wie ein Stern, vom Himmel gefallen, um den Menschen den Ort zu zeigen, an dem die vom Herrgott als Boten und Beschützer geschickten Engel lebten.

Der Pfad machte einen Bogen und gab sogleich die Sicht frei auf das Bauwerk, aus dessen Mitte der Turm aufragte. Den Kopf in den Nacken gelegt, starrte Gela hinauf zur Spitze. Sie hatte nicht gewusst, dass man Häuser bauen konnte, die in den Himmel reichten. Die rotbraunen Schiefersteine und die hohen spitzbogigen Fensteröffnungen erinnerten sie auf schmerzliche Weise an die Kapelle auf dem Streithausener Kirchhof, in der sie nicht mehr gewesen war seit der Totenandacht, die man für ihre Mutter dort gehalten hatte.

Von einem Augenblick zum nächsten verebbten die Gesänge. Gela beobachtete, wie sich eine Tür öffnete. Heraus traten fromme Männer, wie Gela sie früher schon im Dorf gesehen hatte. Sie kamen gelegentlich zu den Kornmärkten oder nahmen sich der Bettler an und waren in helle, bis zu den Füßen reichende Kutten aus grobem Stoff und schwarze, ärmellose Obergewänder gehüllt, die sie in der Taille mit einem Strick gürteten. Rasch duckte Gela sich ins Gestrüpp. Fromme Männer waren keine Engel, soviel wusste sie, auch wenn sie ihnen äußerlich mehr ähnelten als den Menschen.

Eilig machte sie sich auf den Rückweg. Wachte Aleydis auf, bevor sie zurück war, würde sie vor Angst wieder irgendwelche Torheiten begehen. Sich in die Hände beißen, bis sie bluteten oder ihren Kopf wieder und wieder gegen einen harten Gegenstand schlagen.

Ich werde sie fortbringen, hatte der Vater eines Tages zu Gela gesagt, nur wenige Tage nach dem Begräbnis ihrer Mutter.

Fortbringen, wen? Gela hatte nicht verstanden. Ihr Blick war dem des Vaters gefolgt, hinüber zu Aleydis, die in der Ecke im Stroh gekauert und mit offen stehendem Mund ins Leere gestarrt hatte.

Sie ist ein Balg ohne Seele, war seine Antwort. Nie nannte er Aleydis bei ihrem Namen. Kinder wie sie gehören eingesperrt, sie sind ein Werk des Teufels, ich bringe sie dorthin, wo sie unter ihresgleichen ist.

Aleydis hatte daraufhin mit beiden Armen ihren Oberkörper umschlungen und angefangen, ihn ruckartig vor und zurück zu wiegen.

Gela hatte sich zu ihr gekniet und sie fest an sich gedrückt. Aber sie ist meine Schwester! Ihr dürft sie nicht fortschicken! Sie wird sich fürchten, wenn ich nicht bei ihr bin!

Es hatte weh getan, als sich der Blick ihres Vaters hart in ihr Gesicht bohrte.

Dummes Zeug! Es ist das Beste für sie und uns alle, und jetzt kein Wort mehr davon!

Schon von weitem entdeckte sie ihre Schwester auf der Lichtung. Mit von sich gestreckten Beinen saß sie im taufeuchten Gras und blinzelte über die Wipfel der Tannen hinweg in die Sonne, die im Osten aufging. Als sie Gela erspähte, erhob sie sich. Ihr rechtes Bein war kürzer als das linke, was ihr den hinkenden Gang verlieh, an dem man sie schon aus der Ferne erkannte. Während Gela die Arme ausbreitete und Aleydis’ Namen rief, tauchte eine Erinnerung auf. Die letzte Nacht in ihrem Elternhaus. Aleydis neben ihr auf der harten Strohmatratze hatte schmatzende Geräusche von sich gegeben. Im Dunkeln hatte Gela nach ihrer Schwester getastet. Ihre Hand zu berühren, war als berühre sie ihre eigene. Wir sind eins, Aleydis, ich lasse dich nicht allein. Der Entschluss war schnell gefasst. Ein Bündel mit einem Kanten Brot darin und zwei Schultertüchern aus der Truhe ihrer Mutter, versteckt unter der gemeinsamen Schlafdecke. Mehr hatte es nicht gegeben zum Mitnehmen. Schuhe besaßen sie keine und die verschlissenen Kleider, die sie auf den Leibern trugen, waren ihre einzigen Kleidungsstücke. Flüchtig hatte Gela sich gefragt, wie lange sich der Hunger wohl aushalten ließe, nachdem der Brotkanten aufgegessen wäre, hatte aber mit dem Nachgrübeln aufgehört, als sie keine Antwort fand.

Halt dich von den Menschen fern!

Sie wusste, dass sie einen verborgenen Ort finden musste, ein Versteck für Aleydis, während sie selbst um Almosen betteln würde.

Mit kurzen heiseren Jauchzern taumelte Aleydis in die Umarmung ihrer Schwester. Wieder und wieder drehten sie sich im Kreis, auf den Sonnenstrahlen tanzten winzige Staubteilchen, Aleydis warf den Kopf zurück und schloss die Augen und Gela summte eine Melodie, bis sie am Ende schwindelig und lachend ins Gras sanken. Schulter an Schulter lagen sie unter einem Himmel aus Glück. Gela verwandelte die Wolken in Tiere, flocht Haarkränze aus Trollblumen und Aleydis klatschte vor Freude in die Hände, weil sie Fürstentöchter geworden waren.

Die Hütte aus morschem Holz und mit eingestürztem Dach hatte Gela bei einem Streifzug durch den Wald entdeckt. Es war nicht leicht gewesen, sie bewohnbar zu machen und beim Wegräumen der herumliegenden Knüppel, die unhandlich waren und schwer, hatte Gela sich die Handflächen aufgeschürft. Dennoch erfüllte sie großer Stolz. Ein Haus für sie beide. Eine Schwesternhütte. Nachts schliefen sie auf Farnblättern, zugedeckt mit den wollenen Tüchern, die nach ihrer Mutter rochen, und durch das offene Dach fielen die Träume in die Schwesternhütte, geradewegs in ihren Schlaf. Es war Frühling, kurz vor dem Osterfest. An den Winter dachte Gela nicht, er war noch weit weg.

Aleydis hatte nicht gelernt zu sprechen, was vieles schwierig machte, aber in jener Nacht, in der sie ihr Zuhause verließen, ein Glück war. Lautlos wie Nachttiere, die es gewohnt waren, sich ohne ein Geräusch in der Dunkelheit zu bewegen, hatten sie Streithausen den Rücken gekehrt und waren davongeschlichen, hinaus aufs freie Feld. Sie fanden Zuflucht im Buchenhain, in dem sie jedes Jahr das Holz für den Winter holten. Eng aneinander geschmiegt hatten sie dort auf den Morgen gewartet. Nur einmal hatte Aleydis sich in die Hand gebissen, sich jedoch beruhigt, als Gela sie in ihren Armen gewiegt und leise in ihr Ohr gesungen hatte.

Viele Tage waren seither vergangen, längst hatte Gela die Orientierung verloren. Sie hielten sich in den Wäldern auf, die ein sicheres Versteck für Aleydis boten, während Gela in den Dörfern und Weilern um etwas Essen bettelte. Meist gab man ihr nicht mehr als einen Bissen ungesalzenes Brot, es reichte nicht zum Sattwerden für sie beide. Wenn der Hunger sie elend machte, kauten sie Rindenstückchen, die sie von den Bäumen rissen; es tat ihnen gut, etwas Festes zwischen den Zähnen zu spüren.

Erst vor kurzem hatte Gela den Turm mit der glänzenden Spitze entdeckt, in der Nähe der Schwesternhütte, an einem Morgen in der Dämmerung. Es gab eine Glocke darin, Gela mochte ihr helles Läuten. Wenn sie ertönte, eilten kurz darauf die frommen Männer in den Turm, um ihre Choräle anzustimmen. Gela wünschte sich nichts mehr, als Aleydis einmal mit hierher nehmen zu können. Doch die Warnung ihres Vaters hatte sich wie mit glühender Kohle in ihr Herz gebrannt. Dass jemand kommen und Aleydis mitnehmen könnte, war zu ihrer größten Angst geworden.

Eines Morgens erwachte Gela früher als sonst. Der Himmel über der Schwesternhütte war verhangen von dunklen Wolken, in der Ferne schrie ein einsamer Nachtvogel. Aleydis wimmerte im Schlaf. Mit ihren Dreck verkrusteten Fingernägeln kratzte sie an den schorfigen Flecken, die vor ein paar Tagen auf ihrer Haut erschienen waren. Gela wartete, bis Aleydis ruhig wurde, dann erhob sie sich. Sie trat aus der Hütte. Ihre Fußsohlen drückten sich in den Teppich aus Tannennadeln. Über ihr raunte der Wind, er trug den Geruch von Harz und nassem Holz zu ihr herüber. Ein kleiner pelziger Körper huschte über ihre Zehen und verschwand in der Hütte. Fröstelnd zog Gela ihr Wolltuch enger um sich. Bald würde sie es sich zweimal um den Oberkörper schlingen können.

Ob die frommen Männer sich auch in der Nacht zum Lobpreis Gottes versammelten? Im Dunkeln könnte sie sich vielleicht näher an das Haus mit dem Turm heranwagen, um den Gesang deutlicher zu hören. Ohne einen weiteren Gedanken und aufgeregt wie ein Vogeljunges vor dem ersten Flug lief sie los.

Silbrige Nebelschwaden verbargen die Umgebung, doch die Gegend war ihr nicht mehr fremd. Mühelos fand sie zwischen Bäumen und Gestrüpp hindurch. Vom Plätschern der Nister geleitet lief sie weiter. Sie fand die Furt im Bachlauf, an der sie gefahrlos hindurch und zur gegenüberliegenden Seite gelangte. Kurz darauf erhoben sich vor ihr die Umrisse des Turms mit der glänzenden Spitze. Gela blieb stehen, lauschte. Alles war still, die Nacht atmete ein und aus, wie sie es immer tat, ohne Choräle, ohne Stimmen, die sich in den Himmel schwangen. Und doch war etwas anders.

Ein kleines Feuer brannte auf der freien Fläche unweit der Eingangstür und ringsherum standen im Kreis die frommen Männer. Sie trugen wallende helle Mäntel, murmelten Gebete in einer Sprache, die Gela nicht verstand, und in ihren Händen tanzten zuckende Flammen.

Ihren Blick starr nach vorn gerichtet, wagte Gela sich weiter. Sie spürte keine Angst, brauchte kein Versteck, die Nacht genügte als Schutz. Scheite knisterten und Funken stoben, als eine Handvoll Reisig ins Feuer geworfen wurde. Einer hob ein irdenes Gefäß mit einem flackernden Talglicht empor und führte damit die Prozession der frommen Männer an, die nach und nach im Haus mit dem Turm verschwand. Als sich die Tür hinter dem Letzten schloss, wagte Gela sich ans Feuer. Die Hände von sich gestreckt, durchdrang sie etwas beinah Vergessenes, wie eine Welle, die sie erfüllte vom Kopf bis zu den schmutzigen Füßen und die die Kälte aus ihren Gliedern trieb, sie lächeln ließ und schläfrig machte. Der Rauch biss in ihren Augen, sie schloss die Lider.

Aleydis. Auf dem feuchten Farnbett. Gela schämte sich der Wärme, die ihren mageren Körper durchströmte, während sie an ihre Schwester dachte. Könntest du doch hier sein …

Das Flüstern erstarb ihr auf den Lippen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie fuhr herum, die Augen vor Schreck geweitet.

Einer der frommen Männer starrte auf sie herab. Er überragte sie um ein Vielfaches, wodurch er trotz seines weißen Ordenskleides bedrohlich wirkte. Mit einem Schlag wich die Wärme aus ihrem Körper. Klamm fühlte sich das feucht gewordene Kleid auf dem Leib an, ein feines Zittern kroch ihr über den Rücken. Unfähig sich zu rühren, senkte sie den Kopf. Konnte einer, der engelsgleiche Choräle sang, etwas Schlechtes im Schilde führen? Er kniete sich vor sie hin, scherte sich nicht um Staub und Asche, die sein Ordenskleid beschmutzten, und suchte ihren Blick. Vorsichtig erwiderte sie ihn. Er hatte kein hartes Gesicht wie ihr Vater. Wach blitzten seine Augen unter buschigen Brauen und als ein Lächeln über seine Lippen zog, floh die Angst aus Gelas Herz und sie hob den Kopf.

Ein Engel! Jeder Zweifel stob dahin und die jeher gefühlte Ahnung, dass im Turm mit der glänzenden Spitze keine Menschen, sondern die himmlischen Boten und Beschützer wohnten, wurde zur Gewissheit. Erleichterung und Zuversicht trieben ihr Tränen in die Augen, sie wollte sie fortblinzeln, doch sie strömten als schmutzige Rinnsale über ihr ungewaschenes Gesicht. Sie leckte sie von den Lippen und begann zu sprechen, mit leiser Stimme, stockend zuerst, dann immer sicherer, vom Hunger und dem Betteln, vom Versteck im Wald und von der Sorge um ihre Schwester, die ohne Seele war und deshalb die Menschen meiden musste, aber hier bei den Engeln gewiss nichts zu fürchten hatte. Und als sie geendet hatte und sah, dass der Engel sich nicht abwandte, sondern sie noch immer freundlich anblickte, wagte sie es, mit demütig gesenktem Kopf um eine Schale Haferbrei für ihre Schwester und sich zu bitten.

Komm, sagte der Engel und seine Stimme klang wie die eines Menschen. Er hielt ihr seine geöffnete Hand entgegen.

Komm, wir holen sie zu uns.

Die Verlorene

(Wülfersberg, Anno Domini 1450)

Sie lächelte. Es war ein gütiges und zugleich versteinertes Lächeln, wie es nur in die Züge eines Madonnenantlitzes gemeißelt sein konnte.

Die Lippen fest aufeinander gepresst, heftete Perdis ihren Blick auf die Heilige, während sich der Seitenflügel der Marienkapelle leerte. Ein Meer aus weißen Ordenskleidern und schwarzen Schleiern glitt leise raschelnd aus den Bänken und durch den Mittelgang hinaus ins Freie. Als Perdis die Kapellentür nach der letzten Schwester ins Schloss fallen hörte, sackten ihre schmalen Schultern zusammen.

Die Schwestern hatten sich daran gewöhnt, dass Perdis stets die Letzte war, diejenige, die noch blieb, wenn die Stundengebete beendet und die Mitschwestern längst gegangen waren. Niemand wollte die Andacht der Kleinen stören, wenn sie mit unbewegtem Blick vor der Statue der Madonna verharrte. Selten hatte die Oberin eine Novizin mit solcher Demut beten sehen.

Sie war ein sonderbares Mädchen. Immer schon gewesen. Nicht nur, dass sie keine begüterte Adelstochter war, wie die meisten hier, und es niemanden gab, der dem Konvent mit dem Eintritt der Novizin eine Mitgift zahlte, wie es üblich war in Wülfersberg. Vielmehr noch fiel ihr verträumtes, selbstvergessenes Wesen auf, das ihr eine Art unsichtbaren Mantel verlieh, der die anderen immer ein wenig auf Abstand hielt. Schon als Kind hatte sie ihre Zeit am liebsten im Klostergarten verbracht, wo sie rücklings im Gras zwischen den Obstbäumen gelegen und sich mit ihnen auf stumme Weise verständigt hatte. Die Mitschwestern schüttelten die Köpfe, ließen sie jedoch gewähren. Erst als sie irgendwann angefangen hatte, das Klostergelände unerlaubt zu verlassen, um Stunden später mit erhitzten Wangen zurückzukehren, bestellte die Mutter Oberin sie zu sich.

„Du bist kein kleines Mädchen mehr, Perdis, sondern eine Novizin. Du hast die Klosterregeln zu befolgen wie alle hier!“

Unter der Stimme der Oberin war Perdis erschrocken zusammengezuckt. Das Verbot, sich nicht außerhalb der Klostergebäude aufzuhalten, war ihr nicht fremd.

„Ich weiß, Ehrwürdige Mutter“, hatte Perdis gemurmelt und verlegen zu Boden geblickt. In der Nähe befand sich das Nachbarkloster Rommersdorf, in dem die Brüder lebten. Nie hatte sich jemand die Mühe gemacht, Perdis zu erklären, warum es Schwestern und Mönchen nicht erlaubt war, die jeweiligen Klöster zu verlassen, und danach zu fragen, hatte sie nie gewagt.

Krämpfe schüttelten Perdis, während die Lippen der Madonna unentwegt lächelten. Sie schlang die Arme um den Leib. Wie lange ließ sich ihr Leiden noch vor den anderen verbergen? Seit ein paar Tagen hatten sich die Schmerzen verschlimmert. Sie überfielen sie häufiger, kamen stoßweise, machten ihren Leib hart wie ein Brett und zogen bis in den Rücken. Sie zwang sich zur Ruhe, versuchte, gleichmäßiger zu atmen. „Warum strafst du mich, Herr?“ Kaum hörbar verließen die Worte ihre Lippen. „Fließt unreines Blut in meinen Adern, dass ich nicht würdig bin, das Leben einer Prämonstratenserin zu führen?“

Niemand außer dem himmlischen Vater kannte ihre Herkunft.

Gefunden hatte man sie. An der Klosterpforte, eingewickelt in ein fadenscheiniges Tuch, kaum ein paar Tage alt, mager und zu schwach zum Weinen. Die Schwestern hatten sich ihrer erbarmt und sie noch am gleichen Tag mit geweihtem Wasser getauft. Perdis, die Verlorene.

„Deine Mutter verlor dich“, hatten sie ihr erklärt, später, als sie älter war, „und Gott in seiner Gnade sorgte dafür, dass wir dich fanden.“

Einmal hatte Perdis einen Knopf von ihrem Ordenskleid verloren. Sie hatte solange in jeder Ecke ihrer Zelle nach ihm gesucht, bis sie ihn fand. Warum hatte ihre Mutter nicht ebenfalls so lange nach ihr gesucht, bis sie sie wieder gefunden hatte? Vielleicht lag es daran, dass Perdis für den verlorenen Knopf keinen Ersatz gehabt hätte.

Der Geruch der Opferlichter, die vor der Madonna brannten, erfüllte die Luft in der düsteren Kapelle. Still war es, kein Geräusch außer ihrem Atem. Der Schmerz ebbte ab und sie kniete sich mit gesenktem Kopf auf den mit Lehm und Stroh festgestampften Boden. Lautlos formten ihre Lippen die Verse des Rosenkranzgebetes, während die glatten, braunen Holzperlchen eines nach dem anderen durch ihre Finger glitten.

Es war irgendwann im letzten Sommer gewesen, an einem heißen, trockenen Tag um die Mittagszeit. Im Schutz des Waldes hatte sie es gewagt, ihren Novizinnenschleier abzustreifen. Es hatte so gut getan, die Hände in den Bach zu tauchen, um sich damit über das erhitzte Gesicht und die raspelkurzen Haare zu fahren. Der Wald war ihr Vertrauter, die Bäume ihre Gefährten; hier gab es keine Mauern, keine Verbote, keine Regeln, niemanden, der kontrollierte oder mahnte.

Dass sie beobachtet wurde, hatte sie nicht bemerkt. Er hatte es ihr erst gestanden, nachdem sie sich eine Weile kannten und er sie ein paar Mal mitgenommen hatte in seine Baumhütte. Ein Versteck, errichtet zwischen drei kräftigen Eichenstämmen, mit Wänden aus miteinander verwobenen Weidenzweigen, ausgekleidet mit Laub, und über allem ein Schatten spendendes Dach aus Ästen und Moos. Er hieß Gabriel, trug ein ähnliches Ordenskleid wie sie und auch er hatte die Gelübde noch nicht abgelegt.

Sie erhob sich, als ihre Knie sich taub anfühlten und trat aus dem Dämmerlicht der Kapelle ins Freie. Bald würden an dieser Stelle die Feierlichkeiten stattfinden und sie, Perdis, würde im Mittelpunkt stehen. Allein der Gedanke versetzte sie in Unruhe. Wie konnte sie dem Herrn eine demütige Braut sein, wenn sie weiter unter den Anfällen litt?

Eine neue Schmerzwelle schoss in ihren Leib. Ihre Knie verloren den Halt. Vor der Kapellentür sank sie zusammen. Warme Flüssigkeit rann an ihren Beinen herab, sammelte sich zu einer Pfütze, die ihr Ordenskleid durchnässte.

Heilige Muttergottes, alle Engel des himmlischen Reiches, heiliger Petrus, Schutzpatron unseres Klosters, helft mir, steht mir bei, ich bitte euch …

Gebetsfetzen stammelnd wartete sie auf das Nachlassen des Schmerzanfalls. Dann kroch sie auf Händen und Knien zu der niedrigen Mauer neben dem Seitenflügel der Kapelle. Haltsuchend krallte sie die Hände ins Mauerwerk, zwang sich zur Ruhe und flehte Gott um Gnade an. Nach einer Weile gelang es ihr aufzustehen.

Sie warf einen Blick hinüber zum Kreuzgang, an den sich das Refektorium anschloss, in dem sich die Schwestern um diese Zeit versammelten, um die Mittagsmahlzeit einzunehmen. Ihr Platz würde leer bleiben. Man würde sie vermissen. Nach ihr suchen. Entdecken, dass sie krank war. Man würde sie nicht zulassen zur Profess. Jesus würde keine kranke Braut wollen. Aber ihr fehlte die Kraft, hineinzugehen, sich zu den anderen an den Tisch zu setzen und ihren Schmerz zu überspielen.

Niemand darf mich so sehen … Sie raffte den feuchten Saum ihres Kleides und lief so rasch sie konnte. Es fiel schwer, jeder Schritt war eine Qual, jeder Atemzug ein Stöhnen. Ihr Schleier verfing sich im Gestrüpp und zerriss. Sie erreichte die Baumhütte, bevor sie sich zum ersten Mal übergeben musste. Wie ein Tier kniete sie am Bach, um sich Wasser ins Gesicht zu schöpfen. Nach einer Weile kroch sie zurück zur Hütte. Sie erinnerte sich an die Stunden, die sie mit Gabriel hier verbracht hatte, an seine Geschichten, mit denen er sie zum Lachen und zum Weinen bringen konnte, und an seine Hände, die sie angefasst hatten, wo noch nie jemand sie angefasst hatte. Leibkrämpfe schüttelten sie, etwas drückte zwischen ihren Beinen. Sie tastete danach, fühlte die harte Wölbung unter dem Stoff ihres Kleides. Schweiß perlte auf ihrer Stirn.

„Ave Maria, gratia plena, dominus tecum …, lass mich nicht sterben …“ Achtlos riss sie sich den Schleier vom Kopf, rieb sich damit Tränen und Schweiß aus dem Gesicht. Wieder zwang die Übelkeit sie zum Würgen. Sie richtete ihren Oberkörper auf, dann wurde es dunkel vor ihren Augen.

Ein Schrei rief sie zurück ins Bewusstsein. Dass sie selbst ihn hervorgebracht hatte, begriff sie nicht. Der Schmerz zerschnitt ihr die Eingeweide. „Es soll aufhören!“

Warum hörte ihre Stimme sich so fremd an? Jemand war bei ihr, murmelte etwas, das sie nicht verstand, legte ihr etwas Kühles auf die Stirn. „Ruhig, versuch ganz ruhig zu atmen.“ Eine Frauenstimme. Ein weißes Kleid. Hände zwischen ihren gespreizten Schenkeln. Worte in einem Singsang, der beruhigte.

Sie bäumte sich auf, spürte die fremden Hände auf ihrem Leib, wie sie ihn drückten und pressten. Mit dem letzten Schrei endlich verschwand der Schmerz. Perdis sank zurück. Aus halbgeöffneten Augen sah sie den blutverschmierten Körper des winzigen Wesens zwischen ihren Beinen, und Hände, die es hielten. Sie wischten weißen Schleim aus seiner Mundhöhle und betteten es vorsichtig in den zerrissenen Kopfschleier. Es fühlte sich warm an und brachte kurze, kehlige Laute hervor, als es auf Perdis’ Brust lag.

Zwei Monate später, zu Trinitatis am Sonntag nach Pfingsten, legten Perdis und zwei weitere Novizinnen in der Klosterkapelle zu Wülfersberg die Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams ab. Als die Schwestern in geordneten Reihen, die drei neuen Bräute Jesu in ihrer Mitte, von der Kapelle ins Refektorium zogen, unterbrach das Schreien eines Säuglings die Andacht. Die Schwestern lächelten. Ihr Findelkind.

Jemand hatte es kurz vor Ostern an der Klosterpforte verloren, so wie Perdis damals. Ein kleines Mädchen, es war höchstens ein paar Stunden alt gewesen, aber kräftig und gesund. Der Umstand, dass es in den Kopfschleier einer Prämonstratenserin eingewickelt war, sorgte für eine Menge Spekulationen, die die Mutter Oberin jedoch rasch verbot. Sie vertraute Perdis die Pflege des Säuglings an, und nach kurzer Zeit wunderte sich niemand mehr darüber, dass das Kind sich ausgerechnet von der merkwürdigsten Schwester im Konvent am schnellsten in den Schlaf wiegen ließ.

Kreuz, Dolch und Hütestab

(Die Wälder um Reichenstein, Anno Domini 1550)

Nur bei genauem Hinsehen konnte man die schmale Hand der Äbtissin zittern sehen, während sie die Finger nach dem Dolch ausstreckte. Unbeachtet hatte er viele Jahre in seinem Grab aus Erde und vermodertem Laub geruht, verborgen vor den Augen aller, so, als habe es ihn nie gegeben und als sei das Blut, das inzwischen auf dem matt gewordenen Stahl zu schwarzen Flecken getrocknet war, nie geflossen. Das tödliche Geheimnis, um das nur die Äbtissin und Johannes wussten, schien in der bewaldeten Senke hinter dem Burgberg so gut aufgehoben wie nirgendwo sonst.

Sie zögerte und warf einen raschen Blick über die Schulter, wo sie in einiger Entfernung am Waldrand ihre Mitschwester zurückgelassen und sie gebeten hatte, dort zu warten, während sie selbst eine Weile in der Einsamkeit des Waldes zu verbringen wünschte. Richildis, die fromme Seele, wäre in einen Schreikrampf ausgebrochen, hätte sie den Dreck unter den Fingernägeln der Ehrwürdigen Mutter entdeckt oder gar den Dolch, den diese soeben aus seinem Versteck befreit hatte.

Die blauen Augen der Äbtissin verengten sich, während sie ihren Blick erneut auf das Messer richtete. Nicht berühren, nur ansehen … Die Hand mit dem Siegelring zuckte zurück. Spuren feuchter Erde klebten zwischen ihren Fingern, wie damals. Sie schloss die Augen.

„Er muss fort … für immer verschwinden … niemand wird davon erfahren …“

Schweiß perlte auf Klaras Stirn, einzelne Haarsträhnen hatten sich aus dem silbernen Reif gelöst, der ihr hüftlanges, dunkles Haar bändigte. In größter Hast gruben ihre Hände eine Mulde in den Waldboden, dabei kniete sie wie ein Bauernmädchen auf der Erde, mit vor Anstrengung geröteten Wangen und schmutzigem Kleid. Stieß sie beim Graben auf verzweigtes, knorriges Wurzelwerk, gab sie unwillige Laute von sich, die der Tochter des Burgherrn niemand zugetraut hätte. Doch sie hörte nicht auf, grub und wühlte und verschwendete keinen Gedanken an die Worte, die ihrer Mutter später die Ursache der schmutzigen, abgebrochenen Fingernägel erklären würden.