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Nadine Zacher

Ohne Gestern



Titel

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Gestern

 

 

 

Nadine Zacher

 

 

Impressum

 

Copyright: vss-verlag

Jahr: 2021

 

 

Lektorat/ Korrektorat: Hermann Schladt

Cover: Sabrina Gleichmann unter Verwendung eines Fotos von Pixabay

 

 

Verlagsportal: www.vss-verlag.de

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie

 

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig

 

 

Prolog

 

 

Die Welt war leer, ein Ballen Arm und Reich,

Der Jahreszeit beraubt und ohne Leben,

Ein Klumpen Toter und des Staubes Chaos.

Die Flüsse standen still und alle Meere,

Nichts regte sich in ihres Schweigens Tiefe.

Die Schiffe lagen unbemannt und faulten,

Stückweis´ zerfielen ihre morschen Masten

Und schliefen ruhig in dem starren Abgrund.

Die Wellen tot, im Grabe der Gezeiten;

Der Mond, ihr Meister, war schon längst erloschen.

Der Wind war aus, die Luft erstickt, die Wolken

Waren verschwunden; ihre Hilfe hatte

Die Finsternis nicht not – sie war das All.

 

 

(Aus: „Darkness“ George Gordon Lord Byron)

 

 

 

 

 

Katastrophe (altgriechisch καταστροφή katastrophé) bezeichnet eine unabsehbare und radikale Wendung nach unten.

 

 

Teil 1

 

 

Der Ausbruch

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

Ich erinnere mich genau. Auch wenn ich nicht weiß, für wen diese Erinnerung von Nutzen sein sollte. Möglicherweise für niemanden mehr. Vielleicht ist sie nur ein winziger Tropfen Flüssigkeit, der in einer endlosen Wüste einfach verdampft. In einem Moment ist er da, im nächsten sieht man keinerlei Spuren mehr, alles ist weit und leer, und im kurzen Augenblick seiner Existenz war dieser Tropfen vollkommen nutzlos und ohne jede Bedeutung.

Unsere Erinnerung macht uns zu dem, was wir sind. Ohne Erinnerung wissen wir nicht, wer wir waren, und haben wir vergessen, wer wir waren, können wir nicht mehr erkennen, wer wir sind.

Riechen und Schmecken, das bleibt. Hören, Tasten, Sehen Aufstehen und Losrennen. Wir sind noch zur Flucht bereit, auch wenn wir längst nicht mehr wissen, wohin.

Wenn das Unvorstellbare geschieht, ist der Mensch niemals vorbereitet. Wir denken uns Szenarien aus und versagen im Kleinen und im Großen. Was wäre, wenn ich meinen Job verlöre, wenn das Ergebnis meiner letzten Untersuchung schlecht ausfiele? Welche Dinge würde ich noch tun wollen, welche wären unwichtig geworden?

Was wäre, wenn es einen Anschlag gäbe, nicht irgendwo, sondern hier? Wenn wider alle Vernunft und Erwartung ein Bürgerkrieg über uns hereinbräche oder sich eine Seuche ausbreitete, nicht in Teilen der Welt, die uns nur durch die Nachrichten erreichen, sondern vor unserer Haustür? Sich einschleicht in das, was wir unser alltägliches Leben nennen.

Wenn die Welt, wie wir sie kennen, unterginge, wären unsere Vorbereitungen gut genug? Was würde mit jedem Einzelnen von uns geschehen? Und wozu wären wir fähig? Zu sehr viel mehr als ich dachte. Zumindest das kann ich nach den Ereignissen der letzten Monate sagen. Ich war zu wesentlich mehr fähig als ich vermutet hatte, weil ich wie jeder Mensch, wenn es darauf ankam, egoistisch und grausam war, und weil ich überleben wollte.

Rückblickend gab es Zeichen, wobei Zeichen vielleicht das falsche Wort ist, denn es gab niemanden, der versuchte, die Zeichen zu deuten. Ein Unbehagen war es eher. Etwas hing über uns und klebte an uns wie schwüle Gewitterluft, dunkel und feucht. Man konnte noch nicht sehen, wie sich die Wolken anthrazitfarben und dunkelgrün zusammenzogen, man hörte noch keinen Donner grollen, aber wir fühlten es. Der Körper spürt die Schwere der Luft, die Dunkelheit, die hinter den Wolken lauert. Der Teil von uns, der Gefahren wittert, bevor man sie sieht, nimmt all das wahr. Ein Gewitter ist längst keine Bedrohung mehr, deswegen fangen wir nichts mit den Informationen an, die uns der Körper gibt. Schlimmstenfalls werden wir nass. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden?

Aber es war da, dieses Unbehagen. Schon bevor das Unvorstellbare geschah, hatte sich die Welt verändert. Nicht mit einem Donnerknall von heute auf morgen, aber auch nicht so still und leise, dass es niemand bemerkt hätte. Schritt für Schritt hatte sie sich verändert, und jeder dieser Schritte war schmerzhaft und brannte sich ins Gedächtnis ein, schuf mehr Zusammenhalt und spaltete gleichzeitig die Meinungen, die Bevölkerungen und Nationen. Ein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Bedürfnis zu teilen und sich die Hände zu reichen und dem Willen, sich schützend vor das Eigene zu stellen, in dem Bewusstsein, dass es niemals genug für alle geben kann.

Jeder Terroranschlag, der die Welt erschütterte, war ein weiterer Schritt, der die Welt und uns veränderte. Wir gewöhnten uns nicht daran. Doch wir konnten auch nicht im permanenten Gefühl der Bedrohung und der Angst leben. Seinen Körper und seinen Geist in einem andauernden Ausnahmezustand zu halten, ist nicht möglich. Nicht wenn man früh am Morgen die S-Bahn zur Arbeit erwischen muss und in Supermärkten nach veganen Fertigprodukten und ökologisch einwandfreiem Waschmittel sucht. Nicht wenn man all das aufrechterhalten will, was unseren Alltag zwischen Aufwachen und Schlafengehen ausmacht. Das kann man nur, wenn man ums Überleben kämpft, wenn die Dinge soweit aus der Bahn geworfen sind, dass nichts anderes mehr eine Rolle spielt.

Das Unbehagen fand Einzug in unser Leben. Apokalyptische Szenarien hatten Hochkonjunktur. Der Weltuntergang wurde auf so vielfältige Weise dargestellt und zelebriert, dass er jede der menschlichen Ängste bedienen konnte. In Büchern war es jeden Tag schlechter um die Welt bestellt, gerettet wurde sie selten. In Filmen und Fernsehserien kämpften erschöpfte Helden gegen Naturkatastrophen und Zombiearmeen. Jeder Teenager wusste, wie man im Ernstfall einen Zombie hätte erledigen können, und jeder Erwachsene hatte in einem verborgenen Teil seines Gehirns schon einmal darüber nachgedacht, was zu tun wäre, wenn das Unvorstellbare einträfe. Vielleicht war es nur eine von verschiedenen Arten, mit den Ängsten umzugehen, zu denen wir allen Grund hatten.

Eine merkwürdige Erleichterung war es, mit der wir diesen fiktiven Überlebenskampf verfolgten. Es war die Erleichterung darüber, dass dies nur in Filmen und Büchern geschah und wir Entspanntheit gegenüber Zombiearmeen empfinden konnten, wenn im wirklichen Leben Schlimmeres über uns schwebte. Aber da war noch mehr, noch etwas anderes - schwerer zu greifen, weil es widersprüchlicher war und eine dunkle Sehnsucht nach Chaos und wilder Freiheit offenbarte.

Es war eine Art Befriedigung, die sich beim Anblick einer untergehenden Welt einstellte. Wie eine aufatmende Erleichterung stellte ich es mir vor. Es gäbe keine Arbeit mehr, keine Verpflichtungen, kein Funktionieren. Die einzige Verpflichtung wäre das Überleben. Geld wäre bedeutungslos, unser gesellschaftlicher Status würde keine Rolle mehr spielen. Gedanken an die Altersvorsorge, die nächste Mieterhöhung und die kommenden Rechnungen – bedeutungslos. Karriere machen, erfolgreich sein – bedeutungslos. Ein großes, erleichtertes Abstreifen all dessen. Wie ein Sprung ins kalte Wasser, nachdem man sich die Kleider vom überhitzen Körper reißen durfte.

Ich wusste, ich war mit diesem Gefühl nicht allein. Es gab viele wie mich. Viele, die sich beim Anblick des Weltuntergangs nach genau diesem Sprung ins kalte Wasser sehnten.

Wir waren unglaublich naiv.

Natürlich hatte meine Sammlung perfekter Espressotassen so wenig Bedeutung wie die Arbeit, der ich jeden Tag nachging. Aber der Glaube daran, auch am nächsten Morgen in Sicherheit das Haus verlassen zu können, die Gewissheit, dass der Tod geliebter Menschen sich nachvollziehbar und in weiter Ferne ereignen würde, die Tatsache, dass Verluste begrenzt und damit auch aushaltbar blieben, all das hatte durchaus eine Bedeutung.

Zu überleben war so viel schwerer als es jeder von uns gedacht hatte.

Die Ereignisse begannen für uns alle an einem anderen Tag und an einem anderen Ort. Aber uns allen gemeinsam war, dass etwas seinen Anfang nahm, was nicht aufzuhalten war, was sich wie eine schwarze Welle über die Stadt bewegte, über das Land, über den Kontinent, über uns alle.

Kapitel 2

 

Es ist zu warm, als ich über die weißen Flure der Klinik zu den Fahrstühlen gehe. Die ersten heißen Tage des Sommers, der mit so viel Regen begonnen hatte als würde der Frühling nahtlos in den Herbst übergehen, treiben die Menschen raus in die Parkanlagen, in ihre Gärten und ans Wasser.

Ich erwarte die kühle Luft von Klimaanlagen, als ich die Tür zum Klinikgebäude aufstoße, doch die Luft ist stickig und heiß. Das Gebäude ist alt und schön, hell und herrschaftlich, innen saniert und hoch modern ausgerüstet; die modernste Klinik der Stadt und im ganzen Umkreis. Und ohne funktionierende Klimaanlage.

Der blonden Frau an der Anmeldung kleben die Haare verschwitzt und strähnig an der Stirn. Mein Blick bleibt an einem kleinen Schweißtropfen hängen, der neben ihrem linken Ohr zum Hals herunter läuft, während sie mir den Weg in die Abteilung für Atemwegserkrankungen erklärt. Gebäudeteil A, zweiter Stock, Lungenabteilung Abschnitt C. Dort soll ich nach der genauen Zimmernummer fragen.

Der Fahrstuhl ist langsam, ich warte. Die Schritte hinter mir stammen mit Sicherheit von weichen Turnschuhsohlen, und tatsächlich stellt sich kurz darauf ein Paar blauer Nikes neben mich. Der Mann, der zu den Schuhen gehört, blickt mit einer schwarz umrandeten Brille zur Fahrstuhlanzeige. Aus irgendeinem Grund ist mir klar, dass auch er zur Testgruppe gehört, was bedeutet, dass ich in den nächsten drei Monaten einmal wöchentlich mit ihm zusammentreffen werde.

Das Lämpchen am Fahrstuhl leuchtet bereits, trotzdem drückt er noch einmal auf den Knopf, stülpt sich vorher aber den Ärmel seiner Trainingsjacke über den Zeigefinger, so dass nur der Stoff, aber nicht seine Haut, den Knopf berührt. Mit einem schnellen Blick schaut er zur Seite und sieht mich an. Ich tue so als hätte ich nichts bemerkt und nicke ihm kurz zu.

Der Fahrstuhl ist eng. Als er hinter mir den Raum betritt, geht er an mir vorbei, um sich in die hintere, mir entgegengesetzte Ecke des Fahrstuhls zu stellen. Ich drücke auf den Knopf für den zweiten Stock und kann ihn dabei im Spiegel der Seitenwand beobachten. Der Stoff seines Ärmels legt sich wieder um den Zeigefinger, er drückt aber nicht auf einen der Knöpfe, sondern ballt die Hand zu einer Faust, die völlig vom Stoff der Trainingsjacke umhüllt wird.

Er ist jung, vielleicht Mitte oder Ende zwanzig, sein Haar ist trotzdem schon schütter; er trägt ein Hemd mit einem altmodischen kleinen Karomuster unter seiner Trainingsjacke, der oberste Knopf des Hemdes ist geschlossen. Er bewegt sich nicht und scheint noch nicht einmal zu blinzeln.

Der Fahrstuhl hält im zweiten Stock, dort liegt die Lungenabteilung, und ich wende mich nach rechts, um in Abschnitt C zu gelangen; die weichen Sohlen der Turnschuhe folgen mir.

Im Schwesternzimmer ist niemand zu sehen. Ich blicke den Flur entlang, um jemanden zu finden, der mir die Zimmernummer sagen kann, als aus einem der Krankenzimmer ein junger Pfleger kommt, der ein Tropfgestell vor sich her schiebt.

Ich sage ihm, dass ich zur Testgruppe von Dr. Groninger gehöre und einen Termin um 08.30 Uhr habe. Dr. Groninger sei noch nicht da, sagt er, aber der Termin würde in Zimmer 237 stattfinden, den Flur runter und links, davor sei ein Wartebereich, dort könne ich Platz nehmen, ein paar andere aus der Gruppe seien auch schon da.

Der Wartebereich besteht aus zwei sich gegenüberliegenden Reihen hellbrauner Plastikstühle und ist schlecht beleuchtet. Durch die dichten Ahornbäume vor den Fenstern fällt nur wenig Licht herein; die Luft ist auch hier warm und stickig.

„Guten Morgen“, sage ich, als ich den Wartebereich betrete. Die ältere Frau, die es sich direkt unter dem Fenster mit einer Zeitschrift bequem gemacht hat, sieht mich kurz an, sagt nichts, zieht nur eine Augenbraue hoch und schlägt ein Bein über das andere.

„Morgen“, erwidert der Mann, der gerade in den Zeitschriften wühlt und eine Autozeitschrift aus dem Stapel hervorzieht. Er hat eine kräftige Statur, die nicht auf die Art Muskeln schließen lässt, die man sich im Fitnessstudio antrainiert, sondern die ausstrahlt, dass er schon immer hart anpacken konnte. Im Garten, wenn das Auto kaputt ist, wenn bei einem Umzug das Sofa und der Kleiderschrank transportiert werden muss, eben dann, wenn es nötig ist. Da wird nicht lange gefackelt. Ein Bier hinterher gegen die Rückenschmerzen und am nächsten Tag weiter. Sein Kopf ist weitestgehend kahl, nur an den Seiten und am Hinterkopf sieht man noch kurz geschorene braune Haare. Er lächelt freundlich und verbindlich, als er sich mir gegenüber setzt.

Der Turnschuhträger bleibt am Eingang des Wartebereichs stehen, sieht sich um, scheint keinen Platz zu finden, der genügend Abstand zu den bereits belegten Sitzplätzen bietet, räuspert sich einmal und wendet den Blick von den Wartenden ab.

„Grauenhafte Luft hier“, sagt der Mann mir gegenüber. „Ist ja hier drinnen noch heißer als draußen, und da geht man schon fast ein.“

„Ja“, sage ich. „Komisch, dass die Klimaanlage nicht funktioniert.“

„Sind nur für die Verbreitung von Viren und Bakterien zuständig, mehr nicht.“ Die Frau unter dem Fenster sieht kurz von ihrer Zeitschrift auf, schlägt erneut ein Bein über das andere und lässt dabei einen dunkelblauen Lackschuh mit hohem Absatz schwingen.

„Wenn man nicht mal mehr das bisschen Hitze aushalten kann...“

Den Rest des Satzes lässt sie im Nichts verlaufen, aber ihr Tonfall macht absolut deutlich, was man von solchen Jammerlappen zu erwarten hat, nämlich nichts.

Bei den Worten „Viren und Bakterien“ dreht sich der Turnschuhmann kurz um, sagt nichts, starrt nur einen Moment die Frau an, die sich schon längst wieder ihrer Zeitschrift zugewandt hat.

„Na dann wären es aber zumindest angenehm kühle Bakterien“, sagt der Glatzkopf, lacht über seinen eigenen Witz und wirft die Autozeitschrift wieder auf den Stapel auf dem Tisch. Die Frau schaut nur kurz auf, erwidert nichts, atmet aber hörbar aus.

Ich stehe auf, um mir einen Plastikbecher am Wasserspender zu füllen, als ein Mann mit schnellen Schritten verschwitzt in den Wartebereich kommt. Er hat einen Stapel loser Papiere in der Hand, sieht sich suchend um und fragt: „Ist hier die Testgruppe? Asthmabehandlung? Groninger?“

„Richtig“, sagt der Glatzkopf. „Aber immer mit der Ruhe, ist noch nichts passiert.“

„Gut“, sagt der Mann, dem das Hemd schon am Oberkörper klebt, und wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn. Er nickt in die Runde, geht ebenfalls zum Wasserspender und trinkt. Dann setzt er sich mir gegenüber und fängt an, geräuschvoll in seinen Papieren zu blättern. Er sieht gut aus, hat eine hohe Stirn, dichtes schwarzes Haar, dunkle Haut und einen auffälligen Ring an der rechten Hand.

Als ich ihn betrachte, biegt eine Frau um die Ecke und kommt zielstrebig auf den Wartebereich zu. Sie trägt einen weißen Kittel, unter dem sie überwiegend in dunklen Blautönen gekleidet ist, hat relativ kurze, zurückgekämmte dunkle Haare, von denen ihr nur ein paar Strähnen ins Gesicht fallen. Sie bleibt abrupt stehen, lächelt kurz in die Runde und sagt: „Guten Morgen. Groninger. Entschuldigen Sie die Verspätung, ich bin aufgehalten worden.“

Ein zögerliches „Guten Morgen“ ist hier und da zu hören.

Noch in Gedanken stehe ich auf und folge Dr. Groninger, die sich mit einem knappen „Wir können sofort beginnen“ umdreht und voraus geht.

„Nehmen Sie Platz, wo Sie möchten“, sagt sie, als alle den weißen, steril wirkenden Raum betreten haben, in dem sechs bequem aussehende Sessel aufgestellt sind, die sich vermutlich in eine liegende Position verstellen lassen. Neben jedem Sessel steht eine Halterung, die so aussieht wie die Infusionshalterung, die der junge Pfleger über den Flur geschoben hatte.

Dr. Groninger setzt sich an einen weißen Tisch und fängt an, ihre Unterlagen zu sortieren.

Als alle sitzen, starren wir gemeinschaftlich auf den leer gebliebenen Sessel. Genau in diesem Moment wird die Tür ohne Anklopfen und mit zu viel Schwung geöffnet, so dass sie gegen das daneben stehende Regal kracht und wieder von alleine zuschwingt.

Eine Frau, nicht älter als achtzehn oder neunzehn, steht mit schweren schwarzen Stiefeln, Kaugummi kauend im Raum und sieht sich um.

„Bin ich hier richtig?“ Die Stimme ist ungeduldig, fast vorwurfsvoll.

Dr. Groninger sieht sie lächelnd an, wirft einen kurzen Blick in ihre Unterlagen und sagt dann: „Sie müssen Sophie Hager sein. Wie schön, dann sind wir ja vollzählig. Nehmen Sie doch bitte Platz.“

„Hm“, ist alles, was man von Sophie Hager hört, bevor sie zum leeren Sessel schlurft und sich neben mich setzt.

Ihr rechtes Profil ist mir zugewandt, und ich sehe auf abrasierte Haare, ein Piercing in der Nase und eins unterhalb der Unterlippe. Sie dreht sich zu mir um und schaut mich herausfordernd an. Ich entdecke das gleiche Piercing an der linken Seite der Unterlippe. Ihre linke Kopfhälfte ist von langen, strähnigen Haaren bedeckt, die sich nicht zwischen blond und hellgrün entscheiden können. Ich drehe den Kopf wieder nach vorne, mir ist klar, dass sie nicht als erste wegschauen wird.

„Also“, setzt Dr. Groninger an, „ich weiß, Sie haben alle schon bei Ihren Lungenfachärzten viele Fragebögen ausgefüllt und diverse Tests über sich ergehen lassen. Aber ein paar Formalitäten werden wir noch klären müssen, bevor wir mit den Infusionen beginnen. Die eigentliche Infusion wird ungefähr eine halbe Stunde dauern, anschließend müssen Sie noch einmal eine halbe Stunde hier in den Räumlichkeiten warten, nur um sicher zu gehen, dass keine akuten Nebenwirkungen oder Gegenreaktionen auftreten, aber das halte ich für sehr unwahrscheinlich.“

Dr. Groninger blickt von ihren Unterlagen auf und schaut in die Runde. „Wenn Sie Fragen haben, egal welche, unterbrechen Sie mich jeder Zeit.“ Sie lächelt knapp, als sie einen kurzen Moment abwartet, in dem niemand etwas zu sagen hat, und blickt dann wieder in ihre Unterlagen. Professionell ist das einzige Wort, das mir zu ihr einfällt, nichts an ihr ist zu viel oder zu wenig.

„Gut. Es ist wichtig, dass alle Informationen, die wir über Sie haben, vollständig sind, um die Ergebnisse der Testreihe später so gewinnbringend wie möglich auswerten zu können. Wir müssen es im Einzelnen durchgehen. Bei einigen von Ihnen fehlen noch ein paar Angaben, Kleinigkeiten nur. Frau Hager, ich fange direkt mit Ihnen an. Lassen Sie mich kurz nachschauen.“

Während sie in den Papieren blättert, kratzt sich Frau Hager neben mir geräuschvoll an ihrer schwarzen Strumpfhose, die in den schweren Lederstiefeln mündet.

„Ich finde hier in meinen Unterlagen keine Information darüber, wann die Beschwerden bei Ihnen das erste Mal aufgetreten sind. Können Sie mir sagen, in welchem Alter sich Ihre Asthma-Erkrankung bemerkbar gemacht hat?“

„Nein“, ist alles, was Frau Hager äußert. Sie lässt diesem Wort eine lange Pause folgen, in der sie Dr. Groninger unverwandt ansieht.

„Nein?“ Dr. Groninger sieht irritiert auf. „Warum nicht?“

„Weiß nicht. Solange ich zurück denken kann, hab ich den Scheiß schon. Ich war als kleines Kind in Pflegefamilien, die frag ich doch heute nicht mehr nach so was, die frag ich doch nach gar nichts mehr.“

Alle starren Frau Hager an.

Dr. Groninger schafft es, einen neutralen Ton zu bewahren.

„Verstehe. An welches Alter können Sie sich denn mit Sicherheit erinnern?“

„Mit fünf, das weiß ich, an diesem verdammten Geburtstag wär ich fast erstickt.“

„In Ordnung.“ Dr. Groninger ist nicht aus der Fassung zu bringen. „Ich denke, dann sind Ihre Angaben damit vollständig.“

Frau Hager sieht sich um und merkt, dass sie von allen angestarrt wird, steht dann mit Bewegungen auf, die aufreizend langsam wirken, geht zum Abfalleimer neben der Tür und spuckt ihr Kaugummi geräuschvoll hinein.

Dr. Groninger wartet nicht, bis sie wieder sitzt, sondern wendet sich direkt dem Glatzkopf zu meiner Rechten zu.

„Herr Kemper, bei Ihnen fehlt uns im Grunde nur Ihr Impfpass, die Sekretärin hatte Ihnen ausrichten lassen, ihn heute mitzubringen.“ Sie sieht ihn auffordernd an. Es ist klar, dass sie sich Zeit nehmen wird, aber es ist auch deutlich, dass die Dinge gerne so zügig wie möglich abgewickelt werden dürfen.

„Sicher“, sagt er, während er in einer abgegriffenen schwarzen Ledertasche wühlt. „Hab ich. Hier.“ Damit steht er auf und reicht ihn Dr. Groninger über den Tisch. Nachdem sie einen kurzen Blick hineingeworfen hat, legt sie ihn in eine helle Plastikmappe.

„Sie bekommen ihn selbstverständlich nach der heutigen Sitzung zurück, wir würden nur gerne eine Kopie anfertigen.“

„Kein Problem.“ Er winkt lässig ab. „Den hab ich das letzte Mal vor fünf Jahren in Thailand gebraucht, da komm ich wohl so schnell nicht wieder hin.“ Mit einem Seufzen lässt er sich wieder in den Stuhl fallen.

„Ellen Mark?“

„Ja?“, sage ich.

„Die Ergebnisse der letzten Testung des Lungenvolumens fehlen uns noch. Sie sagten Dr. Jacobi am Telefon, dass Sie sie heute mitbringen könnten?“

„Ja, sie haben den Test extra noch einmal vor drei Tagen wiederholt, damit alles aktuell ist.“ Ich stehe auf und reiche ihr das Blatt mit den Ergebnissen. Es fühlt sich so an, als würde eine Lehrerin die Hausaufgaben einsammeln.

„Ah ja, sehr gut.“ Auch diese Ergebnisse wandern zu ihren Unterlagen.

„So“, sie wird abrupt unterbrochen, als nach einem kurzen Klopfen sofort die Tür geöffnet wird und eine Schwester mit einem weißen Rollwagen den Raum betritt, auf dem eine kompliziert aussehende Anordnung von Röhrchen, Kanülen und Spritzen ausgebreitet ist.

Sie sieht Dr. Groninger verwirrt an. „Soll ich jetzt schon?“

„Doch, doch, das machen wir parallel. Sie können gleich anfangen.“ Und an uns andere gerichtet: “Damit alle Werte aktuell sind, werden wir Ihnen noch einmal Blut abnehmen beziehungsweise Schwester Charlotte wird es tun. Das Gleiche wird auch bei den folgenden Sitzungen passieren, damit wir Ihre Werte jederzeit unter Kontrolle haben. Hat jemand von Ihnen ein Problem damit? Ich meine mit der Blutabnahme?“

Der Turnschuhmann räuspert sich. „Ich kann das nicht sehen“, sagt er so leise, dass ich ihn kaum verstehen kann.

„Bitte? Sie müssen etwas lauter sprechen.“ Durch das Lächeln von Dr. Groninger ist ein Hauch Ungeduld zu erahnen.

„Ich kann kein Blut sehen. Mir wird schlecht dabei. Vielleicht kann ich solange einfach rausgehen?“

„Herr...“ Dr. Groninger sucht in ihren Unterlagen. „Solms?“

„Ja.“

„Warten Sie einen Moment.“ Sie sieht von ihren Unterlagen auf. „Bei Ihnen ist alles vollständig. Dann gehen Sie doch kurz vor die Tür, wir rufen Sie dann wieder rein.“ Und zur Schwester gewandt: „Fangen Sie an, einfach der Reihe nach. Herrn Solms können Sie dann separat im Nebenzimmer dran nehmen.“

Die Schwester rollt ihren Wagen neben Sophie Hager und beginnt damit, die Einstichstelle zu desinfizieren.

Ich sehe aus dem Fenster. Es müssen sich Wolken vor die Sonne geschoben und den Himmel verdunkelt haben. Ein merkwürdiges Licht entsteht im Raum; eine Spannung liegt in der Luft, wie kurz vor einem Gewitter.

„Ich mache mal das Licht an“, sagt die Schwester. „Sonst sehe ich zu wenig.“

Der Moment verfliegt augenblicklich, als der Raum in helles Neonlicht getaucht wird, und kurz richten wir alle unsere Aufmerksamkeit auf die spitze Nadel, die langsam in die Vene von Frau Hager eindringt. Die Spritze füllt sich dunkelrot, bis die Nadel herausgezogen wird und die Schwester einen Tupfer auf die Einstichstelle drückt.

„Jetzt schön fest drauf drücken“, sagt sie, und Frau Hager übernimmt den Tupfer und presst ihn sich in die Armbeuge.

„Gut“, sagt Dr. Groninger, „machen wir weiter. Frau Jesching?“ Damit sieht sie die ältere Dame an, die uns über die Verbreitung von Viren und Bakterien aufgeklärt hat. Währenddessen spüre ich kaltes Desinfektionsmittel auf meiner Haut und fühle, wie die Nadel in die Haut eindringt.

Frau Jesching ist sicher älter als sie aussieht. Genau genommen sieht sie vor allem nach einem aus, nach Geld. Ihre Kleidung ist genau aufeinander abgestimmt; ihre Seidenbluse sieht teuer aus, genau wie ihr Schmuck. Nichts Übertriebenes, Vulgäres, gerade so, dass man sich die Juwelierläden und Boutiquen am Jungfernstieg, am Neuen Wall und in Eppendorf vorstellen kann, in denen sie, ohne auf Verluste Rücksicht nehmen zu müssen, die Kreditkarte zückt. Ihr Haar ist blond und kinnlang, wobei es mich nicht wundern würde, wenn sie unter diesem kostspieligen Blond schon ergraut wäre. Sie könnte Ende fünfzig sein, aber genauso gut auch Mitte sechzig. Ihre perfekt geschminkten Lippen verziehen sich zu einem dünnen Lächeln, als sie reserviert „Ja, bitte?“ sagt.

„Ich brauche noch eine Kopie Ihrer Geburtsurkunde, und dann fehlen hier noch ein paar Informationen.“

„Von einer Geburtsurkunde weiß ich nichts, aber die fehlenden Informationen kann ich Ihnen eventuell geben, wenn Sie mir Ihre Fragen stellen würden.“ Das Lächeln von Frau Jesching bleibt schmallippig und wie eingefroren, und ich spüre, wie mir langsam die Nadel aus der Vene gezogen wird.

„Nun, ich dachte, Dr. Jacobi hätte auch mit Ihnen noch einmal Rücksprache gehalten. Aber gut, dann reichen Sie die Geburtsurkunde doch bitte nächste Woche nach, eine Kopie reicht völlig. Dann stelle ich mal meine Fragen. Als Allergie auslösende und damit asthmatische Reaktionen hervorrufende Substanz steht hier nur 'Getreide'. Wären Sie so freundlich mir mitzuteilen, um welche Getreidesorten genau es sich dabei handelt?“

„Roggen, und zwar ausschließlich.“ Frau Jesching beginnt wieder, mit ihrem Lackschuh zu wippen und sieht Dr. Groninger unverwandt an. Ein Blick, der die gesamte Kompetenz des Krankenhauses in Frage stellt.

Die Krankenschwester zögert, sich Frau Jesching mit Spritze und Tupfer zu nähern, bekommt dann aber Frau Jeschings linken Arm in unmittelbare Reichweite gestreckt mit der kurzen Anweisung: „Nun machen Sie schon.“

Ich stelle mir vor, wie Frau Jesching mit den gleichen Worten und dem gleichen Tonfall ihre Putzfrau oder einen Kellner im Restaurant zurechtweist. Hoffentlich gibt sie der Schwester kein Trinkgeld. Die Schwester wirft nur einen kurzen, verwirrten Blick zu Dr. Groninger, fängt dann aber an, die Armbeuge von Frau Jesching zu desinfizieren.

„Also Roggen“, sagt Dr. Groninger. „Außerdem finde ich hier keine Information darüber, ob Sie schon einmal eine Hyposensibilisierung gegen die Allergieauslöser gemacht haben.“

„Ja, habe ich. Sollte eine achtzigprozentige Wahrscheinlichkeit auf eine positive Wirkung haben, hat aber null Prozent gewirkt. Ich hoffe, Ihre Testreihe wird dieses Ergebnis nicht wiederholen.“

Dr. Groninger lässt den letzten Satz von Frau Jesching unkommentiert und wendet sich stattdessen an die Schwester. „Nehmen Sie doch als nächstes schon mal Herrn Solms dran, dann müssen wir gleich nicht alle auf ihn warten.“

Die Schwester nickt und verlässt mit ihrem Rollwagen den Raum. Trotz der grellen Neonbeleuchtung wird es wieder dunkler im Zimmer, und es kommt mir so vor, als wäre in weiter Ferne ein leises Donnergrollen zu hören.

„Herr Hashemi, aus irgendwelchen Gründen fehlt uns ihr Allergietest, die Ergebnisse vom Lungenvolumen und das letzte Blutbild, aber ich sehe, Sie haben einiges dabei.“

Dr. Groninger streckt die Hand aus und nimmt einen Wust von Papieren entgegen.

„Dann lassen Sie mal sehen“, sagt sie und vertieft sich kurz in die Papiere, die sie auf unterschiedliche Stapel auf ihrem Schreibtisch ordnet. Nach einer Minute, in der sich das Schweigen und die Gewitterluft verdichten, sieht sie von ihren Unterlagen auf und sagt: „Gut, dann haben wir es. Ich erkläre noch ein paar allgemeine Dinge, bevor Schwester Charlotte sich um die letzten Blutabnahmen kümmert und Ihnen die Infusion legen wird. Ich sehe mal nach, wie weit sie draußen gekommen sind, nicht dass uns Herr Solms doch noch umgekippt ist.“ Sie steht auf, und in diesem Moment kommt die Schwester wieder zur Tür rein.

„Hat einen Moment länger gedauert“, sagt sie. „Herr Solms ist ein bisschen blass um die Nase geworden, aber jetzt geht es wieder. Er bleibt nur noch einen kleinen Augenblick im Warteraum sitzen.“

Zielstrebig wendet sie sich der Armbeuge von Herrn Hashemi zu, und abermals sehen wir alle, wie die Nadel in die Haut eindringt und die dunkelrote Flüssigkeit heraussaugt. Es hat etwas merkwürdig Intimes, wie diese kleine, dünne Nadel in den Körper eines anderen Menschen eindringt.

„Ausgezeichnet.“ Dr. Groninger ist sichtlich erfreut über das erkennbare Fortschreiten, als Schwester Charlotte auch die letzte Blutabnahme bei Herrn Kemper beendet hat. „Dann holen Sie mal Herrn Solms wieder herein, wenn er dazu schon in der Lage ist. Sie können dann auch gleich die Infusionen vorbereiten.“

Es fühlt sich seltsam an, dass niemand etwas in diesen leeren Moment hinein sagt. Die Stille wird durch leises Donnergrollen durchbrochen.

Herr Solms wird hereingeführt, tatsächlich auffallend blass im Gesicht.

„Herr Solms“, sagt Dr. Groninger, „ich hoffe, es geht wieder. Meinen Sie, Sie schaffen die Infusion gleich?“

„Ja“, erwidert er. Seine leise Stimme macht mich nervös. „Es sind nicht die Nadeln, es ist nur das Blut, dieses Klebrige...“ Er bricht ab, mit einem Tonfall, dem man den Ekel anhört.

„In Ordnung, dann wird das mit der Infusion ja kein Problem sein. Also, ich will Ihnen noch ein paar Informationen geben, bevor wir beginnen, und vor allem müssen Sie, wenn Sie alles gehört und verstanden haben, die Einverständniserklärung unterschreiben. Damit entbinden Sie die Klinik von der Verantwortung für eventuelle Nebenwirkungen und Komplikationen und bekräftigen noch einmal die Korrektheit sämtlicher Auskünfte, die Sie gemacht haben. Außerdem willigen Sie natürlich ein, dass wir alle Ergebnisse zugunsten der Studie auswerten dürfen, mit der wir das neue Medikament auf den Markt bringen wollen. Dass wir wöchentlich Bluttests bei Ihnen machen werden, habe ich schon erwähnt. Damit uns diese Ergebnisse aber auch so viel wie möglich sagen, bitte ich sie, in der Zwischenzeit möglichst genau Protokoll zu führen. Das heißt vor allem über drei Faktoren. Zum einen über die Schwere Ihrer Symptome und zu welchen Tages- oder Nachtzeiten Ihre Asthmaproblematik am stärksten ist.

Außerdem führen Sie bitte genau Protokoll darüber, wann Sie welche Medikamente nehmen, vollkommen unabhängig davon, ob es sich um Ihre gewohnte Asthmamedikation handelt oder es ein beliebiges anderes Medikament ist, auch wenn es sich bloß um eine Kopfschmerztablette handeln sollte.

Und nicht zuletzt werden Sie Ihren Körper gut unter Beobachtung halten und alles notieren, was von Ihrem normalen Körperempfinden abweicht, alles, was auf eine Nebenwirkung hindeuten könnte. Auch hier sind die kleinsten Dinge für uns aufschlussreich. Auch wenn es Ihnen selbst vielleicht bedeutungslos erscheint, notieren Sie es einfach, egal, ob es ein kurz auftretender Juckreiz ist oder es Kopfschmerzen sind, wenn Sie normalerweise nicht zu Kopfschmerzen neigen.

Sollten Sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt ernstlich unwohl fühlen, melden Sie sich bitte umgehend. Und ich meine wirklich umgehend. Sollte es Ihnen nicht gut gehen, sind wir hier die beste Anlaufstelle für Sie. Die Station ist Tag und Nacht besetzt, und hier sind alle Informationen hinterlegt, die für ein schnelles Eingreifen wichtig sind. Aber ich will Sie nicht beunruhigen, natürlich gehe ich nicht davon aus, dass etwas passieren wird, was Sie ernsthaft gefährden könnte.“ Dr. Groninger sieht uns prüfend an, als wollte sie abschätzen, dass ihre Worte niemanden verunsichert haben.

„Kriegen wir etwas für den Notfall mit? Ich mein ja nur, man will den Teufel ja nicht an die Wand malen, aber für den Fall, dass wirklich was passiert.“ Herr Kemper gibt sich Mühe, nicht besorgt zu wirken. Seine Stimme klingt fest, aber seine Finger kneten die Knöchel der anderen Hand.

„Ja“, erwidert Dr. Groninger, „das bekommen Sie tatsächlich. Jeder von Ihnen bekommt zwei unterschiedliche Tabletten mit, die in ihrer Kombination einem allergischem Schock entgegenwirken. Sollte also gegen alle Erwartung Ihre Symptomatik durch unser Medikament derart verstärkt werden, dass ein allergischer Schock ausgelöst wird, müssen Sie umgehend diese beiden Tabletten unmittelbar nacheinander einnehmen und sich vom Notarzt ins nächstliegende Krankenhaus, am besten natürlich zu uns, bringen lassen. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Fall eigentlich kaum erwähnenswert ist, der Vollständigkeit halber müssen wir sie aber erwähnen. Also stellen Sie sicher, dass Sie in den nächsten Wochen Ihre Notfalltabletten bei sich tragen.“

„Soll das heißen, wir könnten ersticken?“ Herr Hashemi starrt Dr. Groninger ungläubig an, und es macht sich eine nervöse Spannung im Raum breit. Alle sehen jetzt abwechselnd Dr. Groninger und die anderen Gruppenteilnehmer an. Das Wort „ersticken“ hängt deutlich greifbar im Raum.

„Nein, das soll es nicht heißen.“ Dr. Groninger spricht langsam und betont jede Silbe. „Es soll heißen, dass es schlimmstenfalls zu einer durch einen allergischen Schock ausgelösten akuten Atemnot kommen könnte, die zum einen extrem unwahrscheinlich ist und für die Sie zum anderen sehr effektiv ausgerüstet sind. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung, glauben Sie mir.“

Dr. Groninger lächelt beruhigend, aber ich bekomme trotz der Hitze Gänsehaut. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir gerade alle kurz davor sind aufzustehen und zu gehen. Wir wissen, dass eine solche Teststudie niemals völlig risikofrei sein kann, dass kein Medikament der Welt, egal ob bereits zugelassen oder nicht, risikofrei ist. Und wir wissen ebenfalls, dass es sich diese Klinik und der verantwortliche Pharmakonzern nicht leisten können, uns bewusst einem unkalkulierbaren Risiko auszusetzen.

„Wir haben das Medikament bereits durch viele Testläufe abgesichert, und bedenken Sie bitte, dass bei Ihnen allen nicht nur eine Verbesserung der Symptome, sondern eine vollständige Symptomfreiheit wahrscheinlich ist. Sie sind gerade aufgrund der Schwere Ihrer Symptomatik ausgewählt worden, um die Effektivität unseres Medikaments möglichst schlagkräftig unter Beweis zu stellen. Darum geht es doch, um die Verbesserung Ihrer Lebensqualität, um nichts anderes. 'Aero-Alpha' wird das erste Medikament auf dem Weltmarkt sein, das Ihre Erkrankung nicht nur lindert, sondern beseitigen wird, und zwar vollständig.“

Wieder entsteht eine unangenehme Stille. Die ersten Regentropen klatschen wie schwere, nutzlose Insekten an die Fensterscheiben, und die Luft ist so schwül, dass ich sie wie ein Gewicht auf meinen Bronchien und meiner Lunge spüren kann.

„Also geben Sie uns schon diese gottverdammte Einverständniserklärung.“

Dr. Groninger lacht unsicher und reicht Frau Jesching dann sichtlich erleichtert zwei aneinandergeheftete, eng beschriebene Blätter, die Frau Jesching, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen, unterschreibt und an Dr. Groninger zurück gibt.

„Sie dürfen sich natürlich alles in Ruhe durchlesen“, sagt Dr. Groninger, als sie auch an alle anderen die Einverständniserklärung verteilt. Ich überfliege die beiden Seiten. Im Großen und Ganzen steht hier nichts, was nicht schon Dr. Groninger oder meine Lungenärztin erklärt hätten, bis auf den Zusatz, dass wir Stillschweigen zu bewahren haben, bis das Medikament auf den Markt gebracht ist.

„Krass“, höre ich Sophie Hager neben mir murmeln, aber auch sie unterschreibt, wie wir alle.

„Also gut, dann können wir mit den Infusionen beginnen. Nehmen Sie sich Zeitschriften, lehnen Sie sich ruhig in den Stühlen zurück, und machen Sie es sich bequem. Schwester Charlotte wird Ihnen die Infusion legen und sie dann nach etwa dreißig Minuten wieder entfernen. Wie gesagt, müssen Sie danach noch weitere dreißig Minuten hier warten, das ist unumgänglich. Jeder von Ihnen wird während der gesamten Zeit am anderen Arm einen Notfallknopf tragen, durch den Sie direkt mit dem Schwesternzimmer verbunden sind, sollte es Ihnen in irgendeiner Form nicht gut gehen. Nach Ablauf der Zeit komme ich noch einmal und teile Ihnen Ihre Protokollbögen für die kommenden sieben Tage und die Notfalltabletten aus.“ Bei den letzten Worten ist sie schon auf dem Weg zur Tür.

Wieder entsteht eine Stille, die mit kleinen, belanglosen Geräuschen gefüllt ist. Herr Solms räuspert sich, eine Zeitschriftenseite wird umgeblättert, Frau Hager zerreißt ein Kaugummipapier, ich drücke auf mein Asthmaspray und inhaliere tief, der Regen schlägt weiter gegen die Fensterscheiben.

Ruhe senkt sich auf mich. Ich schließe die Augen, entspanne meine Rückenmuskeln im Sessel und blinzle nur einmal, als die Schwester zusammen mit einem jungen Pfleger den Raum betritt und sechs Infusionsständer hinein geschoben werden, an denen die Infusionsbeutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit befestigt sind. Als ich erneut das Desinfektionsmittel auf meiner Haut spüre, öffne ich für einen kurzen Moment die Augen und nicke der Schwester zu. Die Ruhe bleibt. Auch als ich spüre, wie die Nadel in meine Haut eindringt und sich die kühle Flüssigkeit in meinem Arm ausbreitet.

Kapitel 3

 

Patient Null war ein Kind. Natürlich - das Chaos kommt mit den Kindern. Der Schmutz und der Dreck. Sie gehen an Orte, an die man nicht gehen sollte, sie fassen Dinge an, von denen man besser die Finger lässt und stecken Sachen in den Mund, die wir nicht einmal unter den Schuhen kleben haben wollten. Mit den Kindern kommt der unberechenbare Faktor, die Unvernunft und die Tatsache, dass es so vieles gibt, was sich unserer Kontrolle entzieht. Irgendwo in dunklen Ecken, in geheimen Waldverstecken und verfallenen Gartenschuppen.

Die Seuche ist schon seit Monaten wieder auf dem Rückmarsch, aber immer noch sterben Menschen, und zwar in Größenordnungen, wie sie hier in Europa kaum vorstellbar sind.

Julia hat es sich mit einem Gin Tonic und einer Schale Oliven vor dem Fernseher gemütlich gemacht und beobachtet gebannt, wie sich ein paar Menschen mit Mundschutz und Latexhandschuhen ihren Weg durch enge Gassen und Berge von Plastikmüll bahnen und von Haus zu Haus gehen, um nach Erkrankten und Leichen zu suchen. Die Kranken müssen isoliert und die Toten entsorgt werden. Die Vermummten sind Contact Tracers in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. Ihre Aufgabe ist es das Elend aufzuspüren.

Ich setze mich auf die Sofalehne, die leise ächzend nachgibt.

Die Contact Tracers bleiben immer auf Sicherheitsabstand zu den Menschen, die sie in ihren Häusern und Hütten aufsuchen, befragen sie nach ihren Symptomen: Kopfschmerzen, Fieber, Durchfall oder Erbrechen. Die Symptome von Ebola sind eindeutig, zumindest in dieser Zeit und an diesem Ort sind sie nicht mehr misszuverstehen.

In den Großstädten hat sich Ebola schneller als an allen anderen Orten ausgebreitet. Wie ein einziger Organismus sind diese Orte immer in Bewegung, reiben ihre verschwitzen Gliedmaßen und infizierten Eingeweide aneinander, so dass jeder Infizierte das Virus im Schnitt an zwei weitere Menschen weitergibt. In Großstädte strömen viele Menschen von außen hinein, aber auch viele hinaus und tragen jeden Tag und jede Minute das Virus in andere, entferntere Teile des Landes. In den großen Städten der Nachbarländer Liberia und Guinea sieht es genauso aus.

Die Vereinten Nationen hatten die Gefährdung des Weltfriedens verkündet. Aber wie konnte es von einem knapp zwei Jahre alten Jungen in einem Dorf in Guinea zur Gefährdung des Weltfriedens kommen? Die Antwort ist so erschütternd wie einfach. Irgendwo auf der Welt fasst ein Kleinkind in einem unbeobachteten Moment etwas an, was es nicht anfassen soll. Möglicherweise steckt es sich danach die Finger in den Mund, auch das sollte es nicht tun, aber das Kind tut es, so wie es Kinder überall auf der Welt tagtäglich tun. In Berlin, in Hamburg, in London und Paris - überall.

Die Menschen können es einem Virus leicht oder schwer machen; sie müssen dem Virus Nahrung geben und günstige Bedingungen schaffen, damit es zur Gefährdung des Weltfriedens kommen kann.

Schritt für Schritt halfen sie dem Ebola-Virus, durch eine Verkettung von Unwissenheit, menschlichem Versagen und Aberglauben seinen Weg in die Welt zu nehmen.

Der kleine Junge in dem Dorf in Guinea hieß Emile, und bis Emile starb, hatte man ihn ausschließlich mit Malariamitteln behandelt und nicht einmal entfernt an Ebola gedacht. Emiles Eltern waren nicht mehr zusammen und lebten in getrennten Häusern, so konnte das Virus auf zwei Hausgemeinschaften überspringen, da der kranke Junge mal in dem einen und mal in dem anderen Haus versorgt wurde. Verwandte und Besucher der Familie trugen das Virus in die Nachbardörfer, wo es sich seinen Weg durch weitere Familien und Hausgemeinschaften bahnen konnte.

„Das ist verrückt“, murmelt Julia neben mir. „Ein einziges Kind. Kannst du dir das vorstellen?“

„Nein“, sage ich. „Es wirkt alles so zufällig. Als hätte es auch ganz anders kommen können. Stell dir vor, der Junge hätte am Tag, als er sich infizierte, einen Unfall gehabt – wäre vom Auto überfahren worden oder beim Spielen irgendwo runter gefallen – vielleicht wäre nichts von all dem passiert.“

Julia schweigt und schiebt sich nachdenklich eine Olive in den Mund.

„Es ist unheimlich. Als hätte man nichts unter Kontrolle.“

Julia reicht mir stumm ihren Gin Tonic.

„Ich darf nicht“, sage ich. „Die Infusion.“

Julia schüttet den Rest in einem Zug hinunter und geht in die Küche.

Flughund mit Reis ist eine billige und einfache Mahlzeit in Emiles Dorf. Die Kamera zeigt, dass Flughunde wie gigantische Fledermäuse auf Bäumen landen, um Mangos und Papayas zu fressen. Es wurde seit Jahren vermutet, dass Flughunde eine Heimstatt und eine Brutstätte für das Ebola-Virus sind. Die Evolution hatte dafür gesorgt, dass beide überleben konnten, der Flughund und das Virus. Die Katastrophe war erst perfekt, als zwei völlig fremde Systeme zusammenkamen, das Virus und der Mensch.

Julia setzt sich neben mich, drückt mir eine weitere Schüssel Oliven mit Mandelfüllung in die Hand und legt ihre frei gewordene Hand auf mein Knie. Eine schöne Hand. Sie sucht nicht häufig körperliche Nähe, berührt nicht im Vorbeigehen meine Schulter, legt nicht beim Spazierengehen den Arm um mich. Aber jetzt liegt diese Hand dort auf meinem Bein, als würde die Rundung meines Knies genau in die Wölbung ihrer Hand passen.

Die Reportage zeigt, wie ein Dschungelgebiet mit viel Aufwand und schweren Maschinen Stück für Stück abgeholzt wird und der Mensch sich da ansiedelt, wo er nicht hingehört, inmitten wilder Natur, der mit ein paar Baggern und Gerätschaften nichts von ihrer Wildheit genommen wird. Der Mensch war an diesem Ort nicht vorgesehen.

Als „Superspreader“ wird ein Mensch bezeichnet, der aufgrund bestimmter Umstände eine ungewöhnlich hohe Anzahl Menschen infiziert. In diesem Fall hieß der Superspreader Finda, war eine Frau um die sechzig, wohnte in einem kleinen Ort im Dreiländereck von Guinea, Liberia und Sierra Leone, und man kann sagen, dass sie als Heilerin eine lokale Berühmtheit war. Natürlich suchten Menschen mit Ebola-Symptomen ihre Heilerin auf, natürlich steckte sich Finda an und ebenso selbstverständlich folgte ihr Tod. Die Menschen trauerten um die Frau, die ihnen jahrzehntelang bei kleinen Wehwehchen und ernsthaften Krankheiten so gute Dienste erwiesen hatte. Aufgrund der Lage des Ortes kamen die Trauernden aus allen drei Ländern. Sie kamen, um ihrer Heilerin die letzte Ehre zu erweisen, wuschen sie, kleideten sie in weiße Gewänder, bahrten sie auf, um gebührend Abschied zu nehmen. Wie viele hundert Menschen den Leichnam Findas berührten, ist unklar. Aber es waren viele, und ein Ebolaerkrankter ist zu keinem Zeitpunkt ansteckender als am Ende seines Lebens und kurz danach.

Das Virus hatte viele helfende Hände bekommen, die es aus diesem Ort heraustrugen.

Fünf Tage, nachdem die Heilerin beerdigt wurde, wird das Virus von den Behörden in Sierra Leone entdeckt. Die betroffenen Patientinnen werden so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht und dort isoliert. Eine der Frauen im Endstadium der Krankheit stirbt jedoch nicht, sondern erholt sich von ihren Symptomen und verlässt mit ihrem Ehemann das Krankenhaus. Die anderen sieben infizierten Frauen beobachten den Vorgang gebannt. Das Eingreifen einer göttlichen Macht muss am Werke sein, es ist gar nicht anders möglich, ihnen wurde doch gesagt, die Krankheit ende immer tödlich. Mit Hilfe ihrer Männer verlassen die hochinfektiösen Frauen das Krankenhaus. Ihre Männer stecken sich alle an und geben das Virus an andere weiter.

Eine junge Frau lässt sich kurz darauf aufgrund einer Fehlgeburt ins Krankenhaus einweisen, unwesentlich später ein anderer Patient, beide wissen noch nicht, dass sie das Virus in sich tragen. Die Schutzkleidung im Krankenhaus ist völlig unzureichend; ein Pförtner und drei Schwestern werden angesteckt. Nur eine der Schwestern überlebt. Sie erleidet selber eine Fehlgeburt, bei der sich alle vier Hebammen anstecken und sterben. Weitere Pfleger, Schwestern, Ärzte und Ärztinnen werden infiziert, bis zwei Monate später das Krankenhaus vollkommen lahm gelegt ist und Sierra Leone eines seiner besten Krankenhäuser verloren hat.

Das Virus bahnt sich weiter seinen Weg, während Regierung und WHO quälend langsam reagieren. Schließlich gelangt es nach Freetown, wo die Contact Tracers auf den Spuren des Elends dem Virus hinterher jagen, in dem Gefühl, immer zu langsam zu sein, immer auf der Hut, sich nicht selber zu infizieren. Das Virus ist jetzt in eine Millionenstadt eingedrungen. Und es wird diese Stadt zerfressen und aushöhlen, bis nicht mehr viel davon übrig ist.

Julia schaut zum Balkon, wo die Tür weit offen steht, um die abkühlende Luft des Abends hereinzulassen. Aus der Ferne nähert sich Flugzeuglärm, der langsam lauter wird, weil die Flugzeuge seit zwei Tagen die Ausweichroute über den Stadtpark fliegen, der nur wenige Minuten von unserer Wohnung entfernt ist.

Es ist mir rätselhaft, wovon die Änderungen der Flugrouten abhängig sind. Etwas mit Windrichtungen und Wetterbedingungen muss es zu tun haben. Doch heute ist es windstill und warm; nachdem die schwüle Luft und das Gewitter am Morgen verzogen waren, wurde der Himmel wieder strahlend blau.

Die Flugzeuge donnern seit vorgestern in ohrenbetäubender Lautstärke über die Köpfe der Parkbesucher und über das Dach unseres Hauses hinweg.

Jetzt schaue ich ebenfalls zur geöffneten Balkontür und auf das Stück blauen Himmel, das man vom Sofa aus sieht; hier nähert sich etwas, das lauter und größer zu sein scheint als die Flugzeuge, die seit zwei Tagen den üblichen Lärm verursachen.

Julia und ich sehen uns an, ein kurzer Moment nur, in dem uns beiden klar ist, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt und dass gleich etwas passieren wird, was eigentlich nicht möglich ist und was dann doch passiert.