Über Rebecca Solnit

Rebecca Solnit, Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Seit den achtziger Jahren beschäftigt sie sich vor allem mit Menschenrechtsfragen und Problemen des Umweltschutzes. Sie studierte Journalismus in San Francisco und Berkeley, ist Herausgeberin des Magazins Harper’s und schreibt regelmäßig Kolumnen für den Guardian. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Rebecca Solnit lebt in San Francisco.

 

 

Bettina Münch arbeitete als Kinder- und Jugendbuchlektorin. Heute lebt sie als freiberufliche Übersetzerin und Autorin in Bad Vilbel. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören V.S. Naipaul, Joseph Boyden und Amy Liptrot.

 

Kirsten Riesselmann ist Kulturjournalistin und Übersetzerin, u.a. von Leslie Jamison, Katie Roiphe, Kristin Dombek und John Jeremiah Sullivan. Sie lebt in Berlin.

Fußnoten

Anm. d. Übers.: Der Begriff »Jim Crow« bezeichnet das historische System allumfassender Diskriminierung Schwarzer Amerikaner nach dem Ende der Sklaverei in den USA. Die unter diesem Begriff subsumierten Gesetze regelten bis in die sechziger Jahre hinein die Rassentrennung. Heute bezieht sich der Begriff auf ein neues System von unter dem Deckmantel der Kriminalitätsbekämpfung etablierten rassistischen Ausgrenzungsmechanismen. (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)

Einer der außergewöhnlichsten Tage in der jüngeren amerika-

nischen Geschichte war der 7. Oktober 2016, als die Obama-Regierung offiziell bekannt gab, dass sich das Regime von Wladimir Putin in die amerikanischen Wahlen einmische. Diese Neuigkeit hätte einschlagen müssen wie eine Bombe, wurde aber unverzüglich von der Veröffentlichung des Videomitschnitts aus der Sendung Access Hollywood an den Rand gedrängt, dessen widerwärtige Schlüpfrigkeit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog. Der Videoclip wiederum verschwand schnell wieder aus dem Fokus, als Wikileaks die gehackten E-Mails der Demokraten veröffentlichte, was sorgfältiger arbeitende Medien vielleicht mit der Warnung der Obama-Regierung in Verbindung gebracht hätten.

Ein Jahr später erklärte die Journalistin, Politikerin und Musikerin Danica Roem, die als erste offen transgender lebende Kandidatin ins Abgeordnetenhaus von Virginia gewählt wurde: »Ich habe ununterbrochen über Arbeitsplätze geredet. Über Straßen, Schulen, Gesundheitsversorgung. Und über Gleichheit. Das weiß ich, weil Lee Carter und ich uns im Wahlkampf immer wieder begegnet sind. Trotzdem seid ihr uns permanent dafür angegangen, dass wir ›Kindergartenkindern Transgender und Sozialismus beibringen‹ wollten.«

Falls er denn gewonnen hat. Später schrieb ich darüber: »In vielen Swing States, wie etwa in Florida, North Carolina, Pennsylvania und Wisconsin, gab es außerordentliche Diskrepanzen zwischen den Nachwahlbefragungen und den tatsächlichen Wahlergebnissen. Auch wenn es üblich ist, Letztere für verlässlicher zu halten, gelten Wählerbefragungen in anderen Teilen der Welt als wichtige Faktoren zur Überprüfung der Ergebnisse. Hätte Clinton diese Staaten für sich gewonnen, wäre ihr ein überwältigender Wahlsieg sicher gewesen. Kurz nach der Wahl berichtete das Anwalts- und Journalisten-Gespann Bob Fitrakis und Harvey Wasserman: »In 24 von 28 Staaten wiesen abweichende Wählerbefragungen Clinton ebenfalls mehr Stimmen zu als das offizielle Ergebnis. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies in einer nicht-getürkten Wahl passiert, bewegt sich im Bereich der statistischen Unmöglichkeit.« Ich weiß nicht, ob diese Aussage zutrifft, denn es hat keine relevanten Untersuchungen gegeben, und die von Jill Stein veranlassten Neuauszählungen in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania wurden von einer offensichtlich in Panik geratenen Republikanischen Partei gestoppt.«

Anm. d. Übers.: Das Wahlrechtsgesetz von 1965 sollte die gleiche Beteiligung von Minderheiten, besonders Afroamerikanern, bei US-Wahlen gewährleisten.

Die Präsenz der Native Americans in jener Landschaft erkannte Muir hingegen nicht als wesentlich an, als ihn dort seine Erleuchtung überkam; eine beunruhigende Tilgung, auf der die These meines Buches Savage Dreams von 1994 beruht.

All das wurde so natürlich auch schon vor dem Aufkommen der Antifa geschrieben, dieser Freiwilligenbewegung, die sich gegen die Gewalt Weißer Rassisten stellt. Aber das ist eine gänzlich andere Geschichte aus einer gänzlich anderen Zeit.

Dieser Text ist eine überarbeitete Fassung meiner Antrittsvorlesung an meiner Alma Mater, der Graduate School of Journalism an der University of California, Berkeley.

Politik und amerikanische Sprache

Der Klassifikation des Aarne-Thompson-Uther-Index zufolge geht es in einem bestimmten Typus von Volksmärchen immer darum, dass »ein geheimnisvoller oder bedrohlicher Helfer in dem Moment besiegt wird, in dem der Held oder die Heldin seinen Namen herausfindet«. In alter Zeit wussten die Menschen, dass Namen Macht besitzen. Manche wissen das noch immer. Indem wir Dinge bei ihrem wahren Namen nennen, durchbrechen wir die Lügen, mit denen Untätigkeit, Gleichgültigkeit oder Weltfremdheit entschuldigt, abgeschwächt, vertuscht, verdeckt oder umgangen werden oder die sie befördern. Dies ist zwar nicht das alleinige Mittel zur Veränderung der Welt, aber doch ein wesentlicher Schritt.

Wenn es um düstere Themen geht, betrachte ich den Akt des Benennens als eine Art Diagnose. Auch wenn nicht alle diagnostizierten Krankheiten heilbar sind, ist man, sobald man weiß, womit man es zu tun hat, deutlich besser gerüstet, sich entsprechende Gegenmaß

Das Benennen ist der erste Schritt des Befreiungsprozesses. Als Rumpelstilzchen seinen wahren Namen ausgesprochen hört, bekommt es einen selbstzerstörerischen Wutanfall, der die Heldin von seiner Erpressung erlöst. Obwohl man allgemein annimmt, Märchen handelten von Verzauberung, ist das Ziel doch häufig die Entzauberung: Flüche werden gebrochen, die Täuschung oder Verwandlung einer Person aufgehoben, die dadurch stumm oder unkenntlich wurde oder ihr menschliches Äußeres verlor. Die Benennung dessen, was Politiker und andere mächtige Führungspersönlichkeiten in aller Heimlichkeit getan haben, führt häufig zu Rücktritten und Veränderungen des Machtgefüges.

Etwas offen zu benennen, bedeutet, das aufzudecken, was brutal oder korrupt sein mag – oder auch wichtig und möglich. Wer die Welt verändern will, muss auch die Begriffe und die Art, wie eine Geschichte erzählt wird, verändern, muss neue Namen, Formulierungen und Redewendungen finden und populär machen. Zu

Das Ganze funktioniert in beide Richtungen. Man denke nur daran, wie die Trump-Regierung den Begriff der Familienzusammenführung, der sich nach etwas durchaus Positivem anhört, in die dubios und ansteckend klingende »Kettenmigration« verwandelt hat. Erinnern Sie sich, wie die zweite Bush-Regierung den Begriff Folter in »erweiterte Verhörmethoden« umdefinierte und wie viele Presseorgane diesen Begriff übernahmen. Oder denken Sie an die hohle Phrase der

Es gibt so viele Möglichkeiten, eine Lüge zu erzählen. Man kann lügen, indem man sämtliche Auswirkungen großflächig ignoriert, entscheidende Informationen weglässt oder Ursache und Wirkung entkoppelt; man kann Informationen verfälschen, indem man sie verzerrt oder in ein Missverhältnis setzt, Gewalt beschönigt oder absolut legale Handlungen verunglimpft, sodass Weiße Jugendliche »abhängen«, Schwarze dagegen »herumlungern« oder irgendwo »lauern«. Sprache kann ausradieren und verdrehen, in die falsche Richtung weisen, sie kann falsche Köder auslegen und vom Eigentlichen ablenken. Sie kann Leichen vergraben oder sie hervorholen.

Man kann sich einreden, die Daten über den Klimawandel könnten so oder so interpretiert werden und die Spindoktoren der Unternehmen seien ebenso ernst

Man kann Konflikte erfinden, wo es keine gibt: Eine Politik, die »Klasse gegen Identität« ausspielt, ignoriert, dass wir alle in beide Kategorien gehören und ein Großteil derjenigen, die man der Arbeiterklasse zuordnen mag, auch Frauen und/oder People of Color sind. Der Slogan der Occupy-Wall-Street-Bewegung »We are the 99 percent« bestand auf der Vision einer Gesellschaft, die nicht in verschiedene Klassen aufgeteilt werden

Präzision, Genauigkeit und Klarheit der Sprache sind von Bedeutung, nicht nur als Gesten des Respekts gegenüber unseren Gesprächspartnern, sondern auch gegenüber dem Thema – gleichgültig, ob es um eine Person oder die Erde selbst geht – und gegenüber der historischen Wahrheit. Darüber hinaus sind sie Ausdruck der Selbstachtung; in vielen alten Kulturen gibt es Redewendungen, in denen es darum geht, ob ein Mensch zu seinem Wort steht, ob er Wort hält oder sein Wort bricht. »Unser Wort ist unsere Waffe« war der Titel einer Sammlung von Schriften des zapatistischen Anführers Subcomandante Marcos. Jemand, dessen Worte unzuverlässig, gelogen, leeres Geschwätz oder heiße Luft sind, ist ein Niemand – ein Windbeutel, ein Schwindler, dem man selbst dann nicht mehr glaubt, wenn er die Wahrheit sagt.

Jedenfalls war es früher so, und genau deshalb ist eine der jetzigen Krisen eine linguistische. Worte verkommen zu einem Brei schwammiger Aussagen. Das Silicon Valley greift zu Phrasen, um sich selbst schönzureden und gleichzeitig seine Agenden voranzutreiben: Sharing Economy, disruptive Innovationen, Konnektivität, Offenheit – und Begriffe wie Überwachungs feuern zurück. Der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten beleidigt die Sprache selbst mit seinem gelallten, hingeklatschten, halbgaren Wortsalat und seinem Beharren darauf, dass er sich nach Belieben aussuchen kann, was er als Wahrheit und Fakt ansieht, selbst wenn es am Tag davor noch etwas ganz anderes war: Was auch immer er sonst noch damit bedient, er leistet in jedem Fall der Bedeutungslosigkeit Vorschub.

Die Suche nach Bedeutung drückt sich nicht nur darin aus, wie wir unser Leben leben, sondern auch darin, wie wir unser Leben und was uns sonst noch umgibt beschreiben. Es ist, wie ich in einem der folgenden Essays sage: »Sobald wir eine Sache beim Namen nennen, können wir anfangen, uns ernsthaft über unsere Prioritäten und Werte zu unterhalten. Denn der Aufstand gegen Brutalität beginnt mit einem Aufstand gegen die Sprache, die diese Brutalität verdeckt.«

Ermutigung bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes Mut zu machen; Desintegration bedeutet den Verlust von Integrität oder Integration. Der sorgfältige und genaue Umgang mit Sprache ist eine Möglichkeit, sich dem Bedeutungsverlust entgegenzustellen, die Gemeinschaft, die man liebt, zu ermutigen und generell Gespräche zu fördern, die Hoffnungen und Visionen säen. In den folgenden Essays habe ich versucht, die Dinge bei ihrem wahren Namen zu nennen.

2014

Man kann eine Frau aus der Kirche vertreiben, aber ihr die Kirche austreiben kann man nicht. Das dachte ich jedenfalls, wenn meine vom Glauben abgefallene katholische Mutter durch Eiscreme und Brokkoli ausgelöste Dramen der Versuchung, Sünde und Buße durchlebte oder bei dem Gedanken, etwas falsch gemacht zu haben, vor Angst erstarrte. Sie hatte zwar die Riten und Zelebrationen hinter sich gelassen, aber nicht die Vorstellung, dass Fehler grundsätzlich unverzeihlich sind. Viele von uns glauben an Perfektion, obwohl sie alles ruiniert, denn das Perfekte ist nicht nur der Feind von allem, was gut ist, sondern auch dessen, was realistisch und möglich ist und uns Vergnügen bereitet.

Der strafende Gott meiner Mutter war der Feind von Kojote, dem lüsternen und ewig vom Pech verfolgten Schelm, der mitsamt seinen Vettern in den Mythen der amerikanischen Ureinwohner als unberechenbarer Schöpfer der Welt gilt. Sie verhalfen mir zu einer Vorstellung von dieser Welt als etwas, das ganz und gar nicht perfekt, sondern durch Ränke und Zänkereien

Während sie die Welt und alles, was in ihr ist, gestalten, streiten sich die beiden darüber, ob es auch Krankheit und Tod geben soll. Der siegreiche Bruder fürchtet eine Überbevölkerung. Der Verlierer verlässt beleidigt die Erde und vergisst in seiner Eile einige seiner Schöpfungen, darunter auch Kojoten, Palmen und Fliegen. Der verbliebene Bruder wird zu einem Problemfall; er stellt seiner Tochter, dem Mond, nach; versieht Klapper

Der Stamm der Ohlone aus der Bay Area von San Francisco, wo ich wohne, sieht im Kojoten das Urwesen, das zusammen mit Adler und Kolibri die Erde schuf. Letzterer macht sich über Kojotes Versuche lustig, herauszufinden, wie genau er seine Frau schwängern kann. (Er ist nicht immer so naiv. In den Geschichten der Winnebago von den Großen Seen schickt Kojote seinen abnehmbaren Penis auf lange heimliche Penetrationsausflüge, wie eine Drohne aus der Traumzeit.) Der kalifornische Dichter Gary Snyder formulierte es einmal so: »Der alte Doktor Kojote … ist nicht geneigt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.« Aber er besitzt eine ansteckende Ausgelassenheit und große kreative Kraft. In einem anderen kalifornischen Entstehungsmythos streiten sich die Götter über die Fortpflanzung: Einer postuliert, ein Mann und eine Frau sollten nachts einen Stock zwischen sich legen, der sich beim Aufwachen am nächsten Tag in ein Baby verwandelt hat. Ein anderer findet, zum Kindermachen sollten auch jede Menge nächtliches Geschmuse und Lachen gehören.

Diese raffinierten Geschichten, ohne Scheu vor Improvisation, Versagen und Sex, erinnern mich an Jazz.

Fast alle, die von der biblischen Schöpfungsgeschichte geprägt wurden, und das ist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung, glauben an irgendeine Version des Sündenfalls. Selbst viele weltliche Geschichten beruhen häufig auf dieser Struktur. Bei den Konservativen kommt das Paradies vor dem Fall – üblicherweise mit starken Vätern und sittsamen Ehefrauen und ohne irgendwelche nicht-heterosexuellen Menschen –, aber auch Liberale haben ihre Geschichten über Zeiten, in denen es noch keine Korruption gab, dafür aber matriarchale Gemeinschaften, Paläo-Diäten und handgefertigtes Allerlei, vom Käse bis zum Klappstuhl. Doch wenn man sich vom Konzept der Sünde verabschiedet, erübrigt sich auch der Fall. Und man kann anfangen, sich an Dingen zu erfreuen, die einfach nur ziemlich gut sind.

Dem nordkalifornischen Stamm der Pomo zufolge entstand die Welt aus der Achselschmiere des Schöp

Diese alten Mythen sind nicht die Geschichten, mit denen ich aufgewachsen bin, doch sie laden dazu ein, genau diese noch einmal zu überdenken. Wenn das Perfekte der Feind des Guten ist, dann ist das Unvollkommene vielleicht sein Freund.

Wahlkatastrophen

2017

Es war einmal ein Kind, das reich geboren wurde und dem es an nichts mangelte, doch der Knabe war besessen von einer abgrundtiefen, grenzenlosen alles an sich reißenden Raffgier. Er wollte mehr und bekam mehr, wollte noch mehr und bekam noch mehr. Er war ein gezacktes oranges Scherenpaar, das pausenlos über den Meeresgrund trippelt, hinlangt und stiehlt, eine Aaskrabbe, ein Hummer und kochender Hummertopf zugleich, eine Termite, ein tyrannischer Herrscher über seine eigene kleine Welt. Am Anfang profitierte er von dem Reichtum, der ihm vermacht worden war, dann bewegte er sich unter Gaunern und Gangstern, die ihm nichts übel nahmen, solange er ihnen von Nutzen war; es könnte auch sein, dass Nachsicht herrscht in Kreisen, in denen Menschen untereinander loyal sind, bis sie betrügen oder selbst betrogen werden und sich nicht mehr an Gesetze und die Bibel halten. Sieben Jahrzehnte lang stillte er also seine Gier und nutzte seine Lizenz zu lügen und zu betrügen, zu stehlen und ehrliche Menschen um ihren Lohn zu prellen. Er setzte Dinge in den Sand,

Er galt als großer Macher, doch vor allem war er ein Zerstörer. Er legte sich Gebäude, Frauen und Firmen zu, behandelte alle auf die gleiche Weise, lobte sie in den Himmel und stieß sie wieder ab, geriet in Pleiten und Scheidungen, sprang von Prozess zu Prozess wie einst die Flößer über ihre Baumstämme, wenn sie den Fluss hinunter zum Sägewerk trieben. Doch solange er sich in der Unterwelt der Geschäftemacher bewegte, waren die Regeln flexibel, ihre Durchsetzung noch flexibler, und er ging nicht baden. Doch er war unersättlich, er wollte mehr, also pokerte er darum, der mächtigste Mann der Welt zu werden, und gewann, ohne Gespür für das, was er sich gewünscht hatte.

Wenn ich an ihn denke, fällt mir Puschkins Nacherzählung des alten Märchens vom Fischer und seiner Frau ein. Ein goldener Fisch, der sich im Netz eines alten Fischers verfangen hatte, versprach dem alten Mann, seine Wünsche zu erfüllen, wenn er den Fisch dafür ins Meer zurückwarf. Der Fischer bat um nichts, erzählte jedoch seiner Frau später von der Begegnung mit dem Zauberwesen. Die Frau schickte den Ehemann zurück, damit er um einen neuen Waschtrog für sie bitte. Dann ein zweites Mal, damit der Fisch ihre Erdhütte durch ein richtiges Haus ersetze, und ihre Wünsche wurden Mal

Am Ende verlangte sie, zur Herrscherin über das Meer und den goldenen Fisch zu werden. Und der alte Mann kehrte an den Strand zurück, um dem Fisch von den jüngsten Wünschen zu erzählen – und ihm sein Leid zu klagen. Diesmal antwortete der Fisch nicht mehr, er schlug lediglich mit der Schwanzflosse, und als sich der alte Mann umdrehte, sah er seine Frau mit ihrem zerbrochenen Waschtrog vor der alten Erdhütte sitzen.

Es ist gefährlich, die Dinge zu übertreiben, sagt uns diese russische Geschichte; genug ist genug. Und zu viel ist Nichts.

Der Knabe, der zum mächtigsten Mann der Welt wurde, oder zumindest die Immobilie bewohnte, die schon von einer ganzen Reihe mächtiger Männer bewohnt worden war, hatte zuvor ein Familienunternehmen ge

Ich bin schon oft Männern begegnet (und selten, wenn auch mehr als einmal einer Frau), die so mächtig geworden waren, dass es niemanden mehr gab, der ihnen sagte, wenn sie sich grausam, falsch, töricht, absurd oder abstoßend verhielten. Am Ende gibt es in der Welt dieser Menschen nur noch sie allein, denn wer nicht bereit ist zu erfahren, wie sich andere Menschen fühlen und was sie brauchen, der ist auch nicht bereit, die Existenz anderer Menschen anzuerkennen. So ist es um die Einsamkeit an der Spitze bestellt. Es ist, als lebten diese kleingeistigen Tyrannen in einer Welt ohne Spiegel, ohne Mitmenschen, ohne Anker – abgeschirmt von den Folgen ihres Tuns.

»Sie waren leichtfertige Menschen«, steht in F. Scott Fitzgeralds Der große Gatsby über das reiche Paar im Zentrum seines Romans. »Sie zerstörten Dinge und Lebewesen, und dann zogen sie sich wieder in ihr Geld oder ihre grenzenlose Leichtfertigkeit zurück oder was immer es war, das sie zusammenhielt, und ließen andere das Chaos beseitigen, das sie angerichtet hatten.«

Indem wir aufeinander reagieren, uns gegen Gemeinheit und Falschheit wehren und verlangen, dass die Menschen, mit denen wir zusammen sind, uns respektvoll zuhören und antworten – so wie wir es selbst tun, wenn es uns zugestanden wird und wir geschätzt werden –, sorgen wir gegenseitig dafür, dass wir ehrlich und gut bleiben. Es gibt eine Demokratie des sozialen Diskurses, durch die wir gewahr werden, dass nicht nur wir selbst, sondern auch andere Begierden, Gefühle und Ängste verspüren. In der Occupy-Wall-Street-Bewegung engagierte sich eine alte Frau, an deren Worte ich immer wieder denken muss. Sie sagte: »Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der alle wichtig sind.« Genauso sähe eine Demokratie aus, die nicht nur eine wirtschaftliche und politische ist, sondern auch eine Demokratie des Geistes und des Herzens.

Seit Trumps Sieg ist Hannah Arendt in beunruhi

Manche Menschen nutzen ihre Macht, um diesen Dialog zum Verstummen zu bringen, und leben in der Leere ihrer sich zunehmend verschlechternden und immer abwegiger werdenden Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Bedeutung. Es ist, als verlöre man auf einer einsamen Insel den Verstand, allerdings mit Schleimern und Zimmerservice. Als hätte man einen gehorsamen Kompass, der den Norden immer dort anzeigt, wo man ihn gerade haben will. Ob man der Tyrann einer Familie, einer kleinen Firma, eines riesigen Unternehmens oder gar der Tyrann einer ganzen Nation ist –

Ein Bewusstsein für uns selbst und andere gewinnen wir durch Rückschläge und Schwierigkeiten. Durch sie gewöhnen wir uns daran, dass sich die Welt nicht immer nur um uns dreht. Menschen, die damit nicht umgehen müssen, sind zerbrechlich, schwach und unfähig, Widerspruch zu ertragen, weil sie von der Notwendigkeit durchdrungen sind, stets zu bekommen, was sie wollen. Die reichen Studenten, mit denen ich im College zu tun hatte, schlugen dort über die Stränge, als wären sie auf der Suche nach Wänden, die ihnen Grenzen setzen. Sie sprangen von ihren ererbten Höhen, als wünschten sie sich Schwerkraft, die sie auf dem Boden aufschlagen ließe, doch ihre Eltern und ihre Privilegien warfen immer wieder Sicherheitsnetze und Aufprallkissen aus, sie polsterten die Wände und sammelten die Scherben auf, sodass alles, was die Studenten taten, bedeutungslos wurde, im wahrsten Sinne des Wortes folgenlos. Sie trieben dahin wie Astronauten im Weltraum.

Ebenbürtigkeit lässt uns ehrlich bleiben. Es sind Gleichrangige, die uns daran erinnern, wer wir sind und wie wir uns verhalten, die im persönlichen Bereich also das übernehmen, was eine freie Presse in einer funktionierenden Gesellschaft leistet. Ungleichheit schafft

Ein Mann wollte der mächtigste Mann der Welt werden und durch Zufall, Einmischung und eine Reihe von Katastrophen wurde ihm sein Wunsch gewährt. Gewiss hatte er sich vorgestellt, dass mehr Macht auch mehr Schmeicheleien und ein höheres Ansehen, also einen noch größeren Spiegelsaal bedeuten würde, um seine Großartigkeit widerzuspiegeln. Doch er verwechselte Macht mit Prominenz. Dieser Mann hatte Freunde

Dieser Mann bildete sich ein, die Macht würde sich in ihn einbetten und ihn groß machen, so wie Midas’ Berührung alles in Gold verwandelte. Doch die Macht der Präsidentschaft war, was sie schon immer war: ein System von Beziehungen, eine Macht, die von der Bereitschaft der Menschen abhängt, die Befehle des Präsidenten auszuführen; und diese Bereitschaft wiederum speist sich aus dem Respekt des Präsidenten für das Gesetz, die Wahrheit und das Volk. Ein Mann, dessen Befehle nicht befolgt werden, stellt seine Machtlosigkeit zur Schau wie dreckige Wäsche auf der Leine. Einen Tag vor dem Amtsantritt dieses Präsidenten verkündete einer seiner Lakaien, die Macht des Präsidenten sei substanziell und könne nicht infrage gestellt werden. Es gibt Tyrannen, die ihre Untertanen durch eine solche Aussage mit Furcht erfüllen können, weil sie zuvor genug Furcht verbreitet haben.

Ein wahrer Tyrann sitzt jenseits des Meeres, im Land von Puschkin. Er manipuliert Wahlen in seinem Land, eliminiert seine Feinde (besonders Journalisten) durch

Die Befehle der amerikanischen Witzfigur wurden missachtet, seine Geheimnisse sickerten in einem solchen Ausmaß durch, dass sein Büro den Brunnen von Versailles glich, vielleicht auch nur einem einfachen Sieb. Kurz nach seinem Amtsantritt wurde in der Washington Post ein bemerkenswerter Artikel veröffentlicht, der sich aus dreißig anonymen Quellen speiste. Seine Agenda wurde unterlaufen, selbst von einer Minderheitspartei, die eigentlich über keine sonderliche Macht verfügen sollte; die Gerichte hoben seine Dekrete immer wieder auf, und ein Skandal jagte den nächsten. In noch nie da gewesenem Ausmaß übten sich die Bürger*innen der Vereinigten Staaten in verschiedensten Arten des Widerstands, innerhalb und außerhalb des wahlpolitischen Geschehens. Der Diktator der klei

Er ist der meistverspottete Mensch der Welt. Nach dem Marsch der Frauen, am 21. Januar 2017, scherzten die Leute, noch nie sei ein Mann an einem einzigen Tag von mehr Frauen zurückgewiesen worden; er wurde im Fernsehen, in Zeitungen, in Karikaturen und von fremden Staatsoberhäuptern verspottet; er war die Zielscheibe von Millionen Witzen, und jeder einzelne seiner Tweets erfuhr augenblicklich eine Welle von Angriffen und Beleidigungen durch Bürger*innen, die sich diebisch darüber freuten, der aufgeblähten Macht die unverblümte Wahrheit entgegensetzen zu können.

Der Mann im Weißen Haus sitzt nackt und bloß im

162018

162018

Es war einmal ein Mann, der einen Pakt schloss. Er würde der König der Welt werden, aber nur, wenn er zuließ,

An jenem Tag veränderte sich etwas. Die Verschie