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Veronika Wengert, M.A., geboren 1974 in Karlsruhe, hat sich ihr Studium der Südslawistik, Russistik und Journalistik zum Beruf gemacht: Für deutschsprachige Medien in Russland recherchierte sie bereits zu ihrer Studienzeit, und als Redakteurin der »Moskauer Deutschen Zeitung« durchstreifte sie die russische Hauptstadt knapp vier Jahre lang – immer auf der Suche nach einer guten Geschichte. Nebenbei absolvierte sie ein Masterstudium »Medien und interkulturelle Kommunikation«.

Schließlich kehrte Veronika Wengert dem hohen Norden den Rücken, um in Kroatien mehr als sechs Jahre lang die bequemsten Hotelbetten und höchsten Eisbecher für ihre Reiseführer ausfindig zu machen. Nun lebt sie mit ihrer Familie, stilecht mit Dirndl und sonntäglichem Biergartenbesuch, in Bayern.

Die Liebe zu Russland lässt Veronika Wengert seit zwei Jahrzehnten jedoch nicht mehr los – und sie fährt immer wieder dorthin. Zum Ankommen gönnt sie sich dann erst mal einen Hering unterm Pelzmantel.

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WAS SUCHT DER HERING UNTERM PELZMANTEL?

VERONIKA WENGERT

© Conbook Medien GmbH, Neuss, 2019, 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.conbook-verlag.de

Einbandgestaltung: Weiß-Freiburg GmbH – Graphik & Buchgestaltung unter Verwendung eines Motivs von © istockphoto.com/fisher_photostudio und © istockphoto. com/olemac

Satz: Röser MEDIA, Karlsruhe

Druck und Verarbeitung: CPI Books GmbH, Leck

ISBN: 9783958892200

Die in diesem Buch dargestellten Zusammenhänge, Erlebnisse und Thesen entstammen den Erfahrungen und/oder der Fantasie der Autorin und/oder geben ihre Sicht der Ereignisse wieder. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Institutionen sowie deren Handlungen und Ansichten sind rein zufällig. Die genannten Fakten wurden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert, eine Garantie für Richtigkeit und Vollständigkeit können aber weder der Verlag noch die Autorin übernehmen. Lesermeinungen gerne an feedback@conbook.de

INHALT

PROLOG

Interview

1 HERR MÜLLER GEHT AUF TUCHFÜHLUNG

Der Bär in der Warteschlange

2 HERR MÜLLER IM SOG DER HANDYMANIE

Wieso Kaninchen telefonieren können

3 HERR MÜLLER STELLT SICH VOR

Rote Lippen soll man – besser nicht mit Handschlag begrüßen

4 HERR MÜLLER GEHT UNTER DIE CO-RENNFAHRER

Wer im Straßenverkehr bremst, hat verloren

5 HERR MÜLLER LANGT BEIM FRÜHSTÜCK KRÄFTIG ZU

Syrniki, Blini und Gulasch am frühen Morgen

6 HERR MÜLLER FÄHRT TAXI

No Russian? Dann sei meine Melkkuh!

7 HERR MÜLLER FÄHRT MIT DER METRO

Im Herzen der Erde. Oder: Drängeln verboten!

8 HERR MÜLLER REIST OHNE LAMBORGHINI AN

Warum die Fahrt mit der Metro das Geschäft verdirbt

9 HERR MÜLLER LERNT RUSSISCH

Von Röhrlauten und kyrillischen Buchstaben

10 HERR MÜLLER LERNT DEN VIELVÖLKERSTAAT RUSSLAND KENNEN

Schmelztiegel zwischen Asien und Europa

11 HERR MÜLLER MAG DEN EUROVISION SONG CONTEST

Russland und die Ukraine: Beziehungsstatus »Es ist kompliziert«

12 HERR MÜLLER SUCHT EINE WOHNUNG

Warum hängen Teppiche eigentlich an der Wand?

13 HERR MÜLLER ERINNERT SICH AN DIE SCHULGLOCKE

Warum sich russische Schüler über eine Fünf freuen

14 HERR MÜLLER GEHT EINKAUFEN

Der Kunde ist nicht immer König

15 HERR MÜLLER TRIFFT DIE RUSSISCHE SEELE

Himmelhoch-jauchzend und zu Tode betrübt

16 HERR MÜLLER GEHT ALLEINE ESSEN

Einer gegen alle: Das Kollektiv geht vor!

17 HERR MÜLLER ZIEHT DAS GLÜCK AN

Nicht nur schwarze Katzen sollte man meiden

18 HERR MÜLLER LERNT VÄTERCHEN FROST KENNEN

Warum feiern die Russen eigentlich zweimal Neujahr?

19 HERR MÜLLER MISCHT SICH UNTER DIE WALRÖSSER

Eislöcher sind zum Baden da

20 HERR MÜLLER BEHAUPTET SICH ALS CHEF

Andere Länder – andere Arbeitsmoral

21 HERR MÜLLER LERNT DIE HOHE KUNST DES IMPROVISIERENS

Warum einen Aschenbecher kaufen, wo es doch Bierdosen gibt?

22 HERR MÜLLER GEHT INS MAUSOLEUM

Wieso Lenin keine Ruhe findet

23 HERR MÜLLER ZU GAST BEI FREUNDEN

Wie kommt der Hering unter den Pelzmantel?

24 HERR MÜLLER IN DEN KLAUEN DES KATERS

Der Tag danach: Gleiches mit Gleichem auskurieren

25 HERR MÜLLER GEWÖHNT SICH AN DIE RUSSISCHE KÄLTE

Wie reguliert man eigentlich russische Heizungen?

26 HERR MÜLLER HAT EINE VERABREDUNG

Getrennte Rechnungen? Bye-bye love!

27 HERR MÜLLER PFLEGT KONTAKTE

Woran erkennt man einen Oligarchen?

28 HERR MÜLLER VERGISST DEN FRAUENTAG

Das Rückgrat der Gesellschaft

29 HERR MÜLLER KNÜPFT SEILSCHAFTEN

Zeit- und Raumempfinden auf russische Art

30 HERR MÜLLER SCHWITZT IN DER BANJA

Des Russen Freud’, des Deutschen Tod!

31 HERR MÜLLER ISST FLEISCHLOS

Vegetarier haben es nicht immer einfach

32 HERR MÜLLER FEIERT OSTERN

Wer hat die bunten Eier auf dem Friedhof versteckt?

33 HERR MÜLLER PLANT ZUR FALSCHEN ZEIT

Ausnahmezustand: Das öffentliche Leben macht kollektiv Urlaub

34 HERR MÜLLER GEHT UNTER DIE SOMMERFRISCHLER

Die Datschenzeit hat begonnen: Staukolonnen und Plumpsklos

35 HERR MÜLLER GEHT INS MUSEUM

Kultur für das Volk

36 HERR MÜLLER FÄHRT ZUG

Pantoffeln und Tee auf Rädern

37 HERR MÜLLER ÜBT DAS SPRINGEN

Bürokratischer Hürdenlauf als Königsdisziplin

38 HERRN MÜLLER GEHT UNTER DIE KALTDUSCHER

Schneit es in Moskau etwa auch im Juni?

39 HERR MÜLLER HEBT AB

Abschied von Moskau

EPILOG

Kurzinterview

ANHANG

Glossar

PROLOG

INTERVIEW

Nachfolgend ein Interview mit Paul Müller aus Karlsruhe, der künftig die Repräsentanz eines deutschen Gaskonzerns in Moskau leiten wird. Das Gespräch ist im Wirtschaftsteil einer badischen Regionalzeitung erschienen.

Zeitung | Herr Müller, Sie werden bald für knapp zwei Jahre in Moskau arbeiten. Wie kommt es dazu?

Paul Müller | Ich bin für einen renommierten deutschen Gaskonzern tätig. Mein Unternehmen schickt mich als neuen Leiter unserer Repräsentanz nach Moskau. Wir möchten unser Engagement in Russland verstärken und gemeinsam mit unserem russischen Partner, der RosInGaz, in Westsibirien nach Gas bohren. Wir gehen davon aus, dass dort mehrere Milliarden Kubikmeter Gasvorkommen lagern!

Z | Was erwarten Sie persönlich in Russland?

PM | Vermutlich wird es in Moskau ein wenig hektischer als bei uns in Karlsruhe zugehen. Wie in Berlin womöglich. Ansonsten ist das doch eine europäische Großstadt, wie jede andere auch. Auf alle Fälle ist es eine große Herausforderung für mich, denn in Osteuropa war ich noch nie zuvor!

Z | Haben Sie denn gar keine Angst, einfach so nach Moskau zu ziehen? Man liest ja immer wieder Schauermärchen ...

PM | Das stimmt. Also, um ehrlich zu sein: Ein wenig mulmig ist mir schon zumute, vor allem wegen der Mafia, den Oligarchen und der Kälte, ich bin da sehr empfindlich. Andererseits sollen ja die Russen so gastfreundlich und herzlich sein. Das wird sicher eine ziemlich spannende Zeit!

Z | Hatten Sie denn schon mal Kontakt mit Russen?

PM | Ja, ich hatte hier in Karlsruhe mal sehr nette Nachbarn. Ein russisches Ehepaar: Konstantin, genannt Kostja, und seine Frau Anja. Anja ist im Russischen die Verniedlichungsform von Anna. Die beiden haben zwei Jahre nebenan gewohnt und mich auch mal zu sich eingeladen. Anja konnte so unglaublich gut kochen! Sie wissen schon, Borschtsch und so. Das war aber eigentlich mein einziger Kontakt zu Russen, zumindest bis jetzt. Ich hoffe mal, dass alle so gastfreundlich und herzlich sind?!

Z | Können Sie denn überhaupt Russisch? Immerhin schreiben die Russen ja auch ganz anders als wir!

PM | Ich hatte hier ein paar Wochen Russischunterricht, werde aber in Moskau noch weiter lernen. Die kyrillische Schrift ist wirklich nicht so einfach, aber einzelne Wörter kann ich schon entziffern. Zudem bekomme ich vor Ort eine Dolmetscherin und Assistentin, sie heißt Natascha. Vor allem bei Verhandlungen wird sie mich begleiten. Das wird also schon irgendwie klappen mit der Verständigung. Außerdem spreche ich ja Englisch und natürlich Deutsch.

Z | Und was sagen Ihre Bekannten zu Ihrem beruflichen Abenteuer?

PM | Meine Freunde haben wirklich fast ein wenig Angst um mich. Sie haben mich schon gewarnt, dass ich mich vor Bären und Wodka hüten soll, also mir die ganze Klischeepalette aufgezählt. Aber meine Entsendung ist ja nur für zwei Jahre, dann komme ich wieder in unser schönes Karlsruhe zurück!

Z | Wie werden Sie wohnen?

PM | In Moskau muss ich mir noch eine passende Wohnung suchen. Das habe ich nicht meinen Angestellten oder meinem Vorgänger Jakob Lehmann überlassen, der ja nun in Rente geht. Da will ich mich selbst umsehen. Zunächst bin ich im Hotel untergebracht.

Z | Werden Sie auch reisen?

PM | Gelegentlich werde ich auch Dienstreisen nach Sibirien und anderswohin unternehmen müssen. Wir stehen erst am Anfang unserer Aktivitäten in Russland und müssen mit vielen Kooperationspartnern und möglichen Zulieferern verhandeln. Für Sibirien habe ich mir die dicksten Ski-Unterhosen gekauft, die es in Karlsruhe gab, denn eigentlich bin ich schon eher ein verfrorener Typ.

Z | Herr Müller, dann wünschen wir Ihnen eine gute Reise und bedanken uns für das Interview!

1

HERR MÜLLER GEHT AUF TUCHFÜHLUNG

DER BÄR IN DER WARTESCHLANGE

Auf diese Begegnung ist Paul Müller nun überhaupt nicht vorbereitet. Russland tritt, zumindest in diesem Augenblick, recht unerwartet in sein Leben. Und das in Form eines Bären! Mit dickem Fellkragen und einer Pelzmütze, die sicher so groß wie ein Wagenrad ist. Doch was für eine seltsame Gattung!? Weder brummt der Bär, noch stößt er sonst einen Laut aus. Und ausgehungert wirkt er schon dreimal nicht!

Stattdessen schiebt der Bär seinen mächtigen Körper einfach vor Herrn Müller, um ihm die Sicht auf einen Fuchspelz zu versperren. Antippen? Vermutlich würde ihn der Bär kurzerhand zerfleischen, mitten in der Abfertigungshalle des Frankfurter Flughafens. Anschließend würde sich das Tier vermutlich noch genüsslich eine Flasche Wodka zur Verdauung in den Rachen schütten. Herr Müller taucht in eine Wanne voller Selbstmitleid ein. Hätte er doch besser mal seinen Bizeps trainiert, statt die Abende immer im Büro zu verbringen. Nun ist es zu spät!

Doch wie bezwingt man einen russischen Bären? Ausharren und ihm kampflos den Vortritt in der Warteschlange überlassen? Das verbietet ihm sein süddeutscher Stolz!

In seinem Inneren brodelt es, und dann beginnt der Vulkan auch schon zu speien: »Entschuldigung, aber ich stehe auch in der Reihe und zwar schon locker seit einer halben Stunde!« Herrn Müllers Satzmelodie macht einen Quantensprung ans obere Ende der Tonleiter. Mit solch einem Auftreten würde er nicht mal ein Gummibärchen in die Flucht schlagen, geschweige denn einen echt russischen Meister Petz, der sicher gerade erst der Taiga entsprungen ist! Und der ihn zudem auch noch um eine Kopflänge überragt!

Langsam kommt Bewegung in das Bärenfell, das sich träge umdreht. Zwei schwarze Augen blicken ihn fragend an. Der Bär öffnet seinen Mund ... nein, da kommt kein Brüllen heraus, sondern Laute, die Herr Müller nicht versteht.

»Russkij?«

Herr Müller zuckt verlegen mit den Schultern. »Njet!«

Von vorne wirkt der Bär, im Russischen übrigens medwjed, noch bedrohlicher ... äh, eigentlich war die Kritik ja nicht so gemeint ... nicht im Geringsten ...

Der Bär brummt noch etwas, und schon dreht sich das pelzige Wagenrad wieder nach vorne. Aha, es gilt also das Recht des Stärkeren? Das kann ja heiter werden in den kommenden beiden Jahren in Moskau, falls alle Russen so unhöflich und vor allem bedrohlich wirken sollten!

Was ist diesmal schiefgelaufen?

Stopp, Herr Müller! Nicht so voreilig! Russische Bären laufen natürlich nicht einfach frei auf dem Frankfurter Flughafen herum. Und falls diese ihre Verdauung nach dem Verzehr eines Passagiers noch mit einer Flasche Wodka fördern sollten, dürfte dies nicht nur Tierpsychologen, sondern vermutlich auch sämtliche Paparazzi im Land in Aufruhr versetzen.

Auch in Russland gibt es selbstverständlich Warteschlangen, die respektiert werden. Denn solche Schlangen – übrigens eine ungewohnte Gattung, die weder beißt noch giftig ist, dafür langlebiger als der nordsibirische Permafrostboden sein kann – gehörten fest zum sowjetischen Alltag. Mangelwirtschaft und leere Regale prägten das Leben der Menschen. Wenn es etwas zu kaufen gab, und seien es nur taubenblaue Stoffturnschuhe in Größe 41, reihte man sich eben stundenlang in die Warteschlange ein. Später würde man die Schuhe schon mit jemandem tauschen können für ein Produkt, das man selbst benötigte. So funktionierte die sowjetische Planwirtschaft im Alltag. Manchmal konnte es auch vorkommen, dass für eine Ware massiv Propaganda gemacht werden musste, um diese dem Volk schmackhaft zu machen – und das Produkt letztlich unter die Leute zu bringen: Fischkonserven etwa, weil die staatlichen Betriebe zu viel davon produziert hatten und man nicht wusste, wohin damit. Die Fabriken orientierten sich bekanntermaßen am Plan statt an der Nachfrage.

Doch nicht nur vor den Geschäften gab es lange Reihen: Um einen Blick auf den bleichen, mumifizierten Lenin in seinem Mausoleum zu erhaschen, wickelte sich die Menschenschlange mindestens einmal munter um den Roten Platz in Moskau. Und als 1990 der erste McDonald’s der Sowjetunion auf dem Moskauer Puschkinplatz eröffnete, rasselte die Schlange ungewohnt heftig: Vier Stunden dauerte die Wartezeit für Big Mäc und Co.! Über 30.000 Menschen waren zur Einweihung der amerikanischen Fast-Food-Kette gekommen, mehr als je in einem anderen Land zuvor! Dabei gab es natürlich auch ganz Findige, die davon profitierten: Diese reihten sich in die Schlange, um die gekauften Burger später vor der Filiale teurer zu verkaufen, eben mit einem gewissen »Warteschlangen-Zuschlag«.

Den enormen Menschenauflauf bei der Eröffnung des ersten Mc-Donald’s in Moskau sieht die Markenforscherin Luise Althanns als Zeichen dafür, dass die Bürger mit der sowjetischen Lebensrealität sehr unzufrieden waren. Die Neugier auf Westprodukte habe die Menschenmassen angelockt, beschreibt Althanns in ihrem Buch »McLenin« den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft.

Die Schlangenkultur in Russland hat bis heute ihre festen Regeln. Gewöhnlich wird der Letzte in der Reihe von einem Neuankömmling gefragt, ob er auch wirklich der Letzte sei: »Wy posljednyj?« So klingt das dann auf Russisch. Auch wenn es offensichtlich ist und sonst weit und breit niemand zu sehen ist.

Solche Fragen hängen wiederum mit einer beliebten Abwandlung der Schlangenkultur zusammen: dem »Platzhalter-Phänomen«. Die Spielregeln sind einfach: Man sagt einfach seinem Hintermann kurz Bescheid, dass man später wiederkommt, und nutzt die gewonnene Zeit, um andere Besorgungen zu erledigen. So kann es sein, dass zwar nur drei Menschen sichtbar in der Schlange stehen, diese allerdings weitere zehn Plätze »hüten«. Und so reißt die Warteschlange nur schleppend ab, da immer wieder jemand hinzukommt, der schon einmal da gewesen war.

Doch zurück nach Deutschland: Der Bär in der Frankfurter Abfertigungshalle mag nicht sonderlich höflich wirken. Nun ja, vielleicht stand er bereits vorher in der Schlange und ist nun wieder zurückgekehrt? So genau wissen wir das nicht, da unser Herr Müller ja erst Russisch lernt und ihn nicht verstanden hat. Das soll kein Plädoyer für Drängler sein, aber ganz so unschuldig ist der Karlsruher Geschäftsmann auch nicht. Dieser hat sich nämlich, nachdem er schon länger in der Schlange stand, nicht wirklich dynamisch mitbewegt – zumindest für russische Maßstäbe. Dadurch, dass er nicht aufgerückt war, entstand eine Lücke. Und in diesen Zwischenraum hat sich der »Bär«, letztlich auch hineingeschoben, da er dachte, Herr Müller würde einfach so in der geschäftigen Halle herumstehen – statt in der Warteschlange.

Der »Bär« ist Russe, Herr Müller Deutscher. Beide haben eine unterschiedliche Auffassung von Körperdistanz. Entsprechend nah ist Herr Müller – zumindest für sein eigenes Empfinden – zum Vordermann aufgerückt. Für unseren »Bären« war das jedoch zu viel Zwischenraum und daher hat er diesen Abstand als »Nicht-Anstehen« interpretiert. Die so genannte Intimzone beginnt im westlichen Europa etwa bei einer Armlänge Entfernung vom Körper: In diese Sphäre werden nur nahestehende Menschen hineingelassen. Wer in diesen Radius eindringt, wie es der »Bär« getan hat, wird als unangenehm und aufdringlich empfunden.

Die Auffassung, was als Intimzone gilt, unterscheidet sich – was manch einen Westeuropäer ganz schön irritieren kann. Wenn die Intimzone so knapp bemessen ist, was folgt danach? Die so genannte persönliche Zone, mit einer Distanz zwischen einem halben Meter und einem Meter. Steht also jemand einen Meter von Ihnen entfernt und unterhält sich mit Ihnen, ist das angenehm – ohne als aufdringlich empfunden zu werden. Der Abstand bis zu vier Metern, also rund um die Warteschlange am Check-in-Schalter wäre die soziale Zone, der gesamte Frankfurter Flughafen die öffentliche Zone.

Doch zurück zu unserem Protagonisten: Herr Müller weiß noch nicht, was er in Moskau täglich – spätestens jedoch bei seiner ersten Fahrt mit der Metro, wie die U-Bahn dort genannt wird – erleben wird. In der Metro wird ein für westliche Ausländer recht befremdliches Spiel gespielt. Es heißt »Kniekehle-an-Kniekehle«. Hält man auf der Rolltreppe eine Stufe »Sicherheitsabstand« zum Vordermann, wird es vermutlich nicht allzu lange dauern, bis ein Überholender den Zwischenraum auffüllt. Dass man dabei den Atem des Hintermanns regelrecht im Nacken spüren kann, scheint niemanden ernsthaft zu stören. Der geringere Abstand in der Intimzone und der persönlichen Zone gilt generell für Warteschlangen aller Art: Stellt man sich in einer Bank an, kennt man gewöhnlich recht bald die Hausnummer und Höhe der Kreditrate der Mitwartenden.

Doch woher kommt das? Die geringere Körperdistanz in der Öffentlichkeit hängt zuweilen mit den beengten Lebensverhältnissen vieler Russen zusammen: Wohnraum in Großstädten ist knapp, oft leben mehrere Generationen in einer Wohnung oder gar in einer Kommunalwohnung, die umgangssprachlich kommunalka genannt wird. Solche Gemeinschaftswohnungen waren in der Sowjetunion weit verbreitet: Mehrere Familien teilten sich Küche und Bad miteinander. Entsprechend werden die Begriffe »Enge« oder »Privatsphäre« anders aufgefasst als in Westeuropa. Noch heute wohnt fast ein Zehntel der Stadtbevölkerung von St. Petersburg, früher eine Hochburg dieser Wohnungsform, in einer kommunalka. Auch wenn in den vergangenen Jahren viele Kommunalwohnungen verschwunden sind und saniert wurden, gibt es sich noch. So günstig das Wohnen dort sein mag: Das Zusammenleben in einem einzigen Zimmer führt nicht selten zu zerrütteten Ehen, da es keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Andererseits sollen in einer kommunalka schon viele Liebesgeschichten begonnen haben. Einer der bekanntesten russischen Gegenwartsautoren, Viktor Jerofejew (»Die Moskauer Schönheit«), bezeichnete die kommunalka einmal als »Vorhölle«.

Eine unterschiedliche Auffassung von Privatsphäre gilt übrigens auch für Besucher in russischen Wohnungen. Wenn Sie bei Freunden oder in einer Gastfamilie untergebracht sind und sich in ihr Zimmer zurückziehen möchten, werden Sie vermutlich nicht lange ungestört bleiben: Ihr Gastgeber hat Angst, dass Sie sich langweilen könnten, und wird Ihnen vermutlich einen Tee anbieten oder die Nase zum kurzen Plausch durch die Zimmertür hineinstecken.

Was können Sie besser machen?

Erinnern Sie sich an eine Retro-Zigarettenreklame, die in den 1980er-Jahren aktuell war? »Wer wird denn gleich in die Luft gehen?«, appellierte ein zufrieden lachendes Männchen namens Bruno an die Verbraucher. Vielleicht sollten wir Herrn Müller solch einen Aufkleber mit auf den Weg geben, den er im Bedarfsfall an die Felljacke eines Vordermanns heften kann? Die Warterei in Menschenschlangen kann manchmal ganz schön nervenaufreibend sein, allerdings wird in Russland deswegen niemand wutentbrannt aus der Haut fahren. Vielmehr harren die meisten Russen mit einer fast stoischen Geduld aus. Machen Sie es wie die Russen: Bleiben Sie immer freundlich und gelassen, denn ändern können Sie die Situation ohnehin nicht! Wenn Sie aufbrausend werden, könnten Sie nur ihr Gesicht verlieren!

Wenn Sie Ihr Gesprächspartner (den Sie natürlich schon kennen) am Ärmel anfasst oder umarmt, dann betrachten Sie das als echten Sympathiebeweis: Ihr Gegenüber mag Sie und will Ihnen keines-falls »auf die Pelle rücken«, zumindest nicht bewusst. Er hat nur eine andere Auffassung von Körperdistanz als Sie, also eine größere »persönliche Zone«, die sich mit Ihrer »Intimzone« überlappt.

Und wenn jemand in der Warteschlange, etwa am Bankautomaten, Einsicht in Ihre Kontobewegungen hat, da er so dicht hinter Ihnen steht – nehmen Sie es gelassen! Umgekehrt erfahren Sie ja auch von seiner finanziellen Misere. Wieder zurück in Westeuropa sollten Sie dieses Spiel allerdings nicht bei Ihrer Hausbank versuchen: Anderswo wirkt das »Atme-deinem-Vordermann-in-den-Nacken«-Spiel und Ignorieren der Wartelinie doch recht befremdlich.

2

HERR MÜLLER IM SOG DER HANDYMANIE

WIESO KANINCHEN TELEFONIEREN KÖNNEN

»Allo?«

Herr Müller reißt die Augen auf.

»Allo-o-o-o?«

Ein Weckruf? Nein! Ein russisches Allo entspricht dem deutschen »Hallo« bei der privaten Begrüßung am Telefon (bei Unternehmen hat sich die Nennung von Namen oder Firmennamen in den vergangenen Jahren zunehmend durchgesetzt). Verschlafen blinzelt der Karlsruher Geschäftsmann um sich. Sein Blick fällt auf den Sicherheitsgurt, der seine Hüften umspannt. Ach richtig, er war im Flugzeug nach Moskau eingeschlafen. Ein lautes Prassen lässt ihn aufschrecken, als würden sich gerade alle Hagelwolken am Himmel kollektiv über dem Flugzeug ergießen. Klatschende Hände neben ihm, vor ihm, hinter ihm! Autsch! Ein Ellenbogen bohrt sich unsanft in seine Rippen. Sein Blick folgt dem Arm, der dazu gehört und seine linke Armlehne komplett in Beschlag genommen hat. Ein weißes Kaninchen? Herr Müller reibt sich die Augen. Vielleicht hätte er doch nicht so lange schlafen sollen, nun kommt er ja gar nicht mehr zu sich.

Das weiße Kaninchen klatscht immer noch. Dabei wippt der pelzige Ellenbogen aufgeregt auf und ab, als wolle er die Lebensdauer von Herrn Müllers Sakko mutwillig verkürzen. Der Geschäftsmann verzieht das Gesicht. Ein Redeschwall ergießt sich über ihn, das Kaninchen klingt aufgeregt.

Gerade will er seiner neuen Bekanntschaft seinen russischen Paradesatz präsentieren: »Ja Vas ne ponimaju.« (»Ich verstehe Sie nicht«; bitte nicht verwechseln: Das Wörtchen ja bedeutet im Russischen »ich«, die Zustimmung, also das deutsche »Ja«, heißt unterdessen da). Als er jedoch ein Smartphone entdeckt, das unter der voluminös aufgetürmten Haarpracht hervorblitzt, hält er inne. Aha, das Kaninchen unterhält sich ja überhaupt nicht mit ihm! Glück gehabt, dann würde er mit seinen marginalen Russischkenntnissen wenigstens nicht ins Stottern kommen ...

Aber: Was hat das Kaninchen eigentlich so dringend zu bereden, während das Flugzeug noch mit voller Kraft voraus die Landebahn entlangbrettert? Herr Müller ist verunsichert.

»Allo?« Diesmal ertönt der gleiche Ruf aus der hinteren Sitzreihe. Er dreht sich um. Und da, noch einmal vorne, ein lang gezogenes »Allo-o-o-o?« Ist das ein Ankunftsritual der Russen, wenn sie in ihrer Heimat landen? So wie der Papst erst mal den Boden zur Begrüßung küsst?

Nun schrillt es hinter ihm. Herr Müller ist verwirrt. Was war das nur für ein Land, in dem alle Passagiere bei der Landung kollektiv »Allo!« brüllen? Und dazu auch noch Beifall klatschen! Und überhaupt, seit wann können weiße Kaninchen eigentlich telefonieren?

Was ist diesmal schiefgelaufen?

Herr Müller hat, noch vor seiner Ankunft in Moskau, einen beliebten russischen Volkssport kennenlernt: die Handymanie. Wozu hat man denn ein Mobiltelefon oder neuerdings Smartphone, wenn man es nicht nutzt? So wird in Russland gerne immer und überall telefoniert, sei es im Kino, in der Sauna oder während einer Geschäftsbesprechung – wo immer es ein Empfangssignal gibt. Und einzig darauf kommt es an! Und was ohnehin alle Mitreisenden im Flugzeug längst schon wissen, erfährt so auch der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. Und zwar in Echtzeit, nur gefühlte Nano-Sekunden nach dem Aufsetzen der Räder: »Wir sind soeben gelandet!«

Doch wem müssen sich die russischen Passagiere überhaupt so eilig mitteilen?

Den Angehörigen! Denn die Familienbande sind längst nicht so lose wie in Westeuropa. Meist leben mehrere Generationen unter einem Dach, sei es auf dem Land oder in einer engen Stadtwohnung. Dazu sind sie in der Regel auch gezwungen, denn Wohnraum ist knapp und die eigenen Mittel meist ebenso. Durch die räumliche Nähe bleiben sich die Generationen länger verbunden, auch wenn der eigene Nachwuchs längst schon flügge und ergraut ist. Entsprechend bekommen nicht nur der Partner und die Kinder den eigenen Alltag mit, sondern auch die Eltern, Schwiegereltern oder sonstige Verwandte, die mit unter einem Dach leben – so beispielsweise auch die heile Landung mit dem Flugzeug.

Tun wir den russischen Passagieren aber nicht unrecht. Viele, die etwa auf dem internationalen Moskauer Flughafen Scheremetjewo landen, rufen auch einfach aus pragmatischen Gründen an: Sie haben sich mit Verwandten oder einem Fahrer verabredet, der sie abholen soll. Das Parken auf dem Flughafen ist nicht wirklich günstig, den »fliegenden« Einstieg im Vorbeifahren schafft man jedoch kostenlos, wenn man das Gelände innerhalb einer kurzen Zeit wieder verlässt. Daher bildet sich manchmal außerhalb des abgezäunten Flughafengeländes eine Autoschlange: Das sind in der Regel Abholer, die auf das erlösende Telefonat warten, um die Ankommenden im Vorbeifahren einzusammeln.

Was das weiße Kaninchen betrifft. Selbstverständlich hat dieses weder Pfötchen noch ein Stummelschwänzchen. Vielmehr beginnt Herr Müller schon vor seiner Ankunft in Russland, alle Pelzmäntel mit den Tierarten gleichzusetzen, aus deren Fell sie genäht wurden (siehe auch die Begegnung mit dem Braunbär im Kapitel »Herr Müller geht auf Tuchfühlung«). So schult er, wenn auch unbewusst, sein Auge schon mal für etwas, das die meisten Russen sehr gut beherrschen: Denn während für viele westliche Ausländer Pelz gleich Pelz ist, egal ob Kaninchen, Fuchs oder Zobel, und dessen Tragen ebenso verpönt ist, wie mit einem Bunny-Kostüm in einem Beichtstuhl aufzutauchen, so erkennen die meisten Russen ziemlich genau, aus welchem Fell der Mantel hergestellt wurde. Und können entsprechend auf den sozialen Status des Pelzträgers schließen.

Machen wir uns nichts vor: Kaninchen sind eher in der unteren Preisklasse angesiedelt, also wird Herr Müllers Sitznachbarin vermutlich nicht allzu betucht sein. Das wird der Karlsruher Geschäftsmann später noch in seinem Hotel merken, wenn er die Tierhaare von seinem Sakko wieder entfernen muss, da günstige Pelze manchmal ganz schön haaren können.

Eigentlich ist es ja eher selten, dass Russinnen ihre Pelzmäntel im Flieger anlassen. Die Mützen lassen sie hingegen meist auf, da die Frisur nach Abnehmen der schapka oftmals einem Vogelnest gleicht und gefährliche Greifvögel zur Beutejagd animieren könnte. Eine russische Fluggesellschaft weiß, zumindest laut der deutschen Wirtschaftszeitung »Handelsblatt«, was ihre weiblichen Fluggäste anderswo immer wieder vermissen: ausreichend Platz für Pelzmäntel!

Was können Sie besser machen?

Nein, Sie müssen sich jetzt keinen Pelz kaufen, unablässig ins Handy brüllen und anfangen, bei der Landung in die Hände zu klatschen, um in Russland nicht als Ausländer aufzufallen. Aber wundern Sie sich dann nicht, wenn sie beim Aufsetzen des Flugzeuges vielleicht mitleidig angeschaut werden, da Sie niemanden haben, den sie anrufen können. Vielleicht haben Sie ja auch einen Fahrer, der auf Sie wartet und dem Sie dann Ihr persönliches »Allo-Allo-Mantra« via Handy entgegenbrüllen können. Apropos Smartphone: Machen Sie sich auf so einiges gefasst! Klingeltöne in fast allen Arten und Abarten stehen in Russland ungebremst hoch im Kurs!

Und schenken Sie sich den Landeapplaus im Flieger getrost. Wozu auch? Die klatschenden Passagiere sind vermutlich einfach heilfroh, wieder auf der Erde angekommen zu sein. Aber genau das ist doch der Job eines Flugkapitäns, nicht wahr? Also wieder auf dem Asphalt aufzusetzen! Sie klatschen ja auch nicht, wenn Ihnen eine Backwarenfachverkäuferin oder ein Verkäufer ein Brot über die Theke schiebt, nur weil diese ihren Job erfüllt hat!

Globalen Tierschutz-Kampagnen zum Trotz: Pelzmäntel und Mützen, schuba und schapka genannt, haben in Russland nach wie vor Konjunktur und einen hohen Stellenwert, über den sich nicht nur die Elite definiert. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, sich darüber aufzuregen, ob das nun unmoralisch oder politisch unkorrekt gegenüber dem Tier sein könnte. Gut, bei der jüngeren, westlichen Generation in den Großstädtchen hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Wenn Sie sich allerdings in Russland einen Pelz kaufen, da in München oder Bonn erstandene Skijacken bei minus 30 Grad Celsius nichts mehr hergeben und die Kälte unerbittlich ins Knochenmark kriecht, sollten Sie damit vielleicht nicht unbedingt nach Deutschland reisen, wenn Sie böse Blicke vermeiden wollen!

So befremdlich Herr Müller die allgegenwärtigen Pelzmützen zunächst auch finden mag (vor allem solche mit herunterklappbaren Ohrteilen für Männer), so wird er sich »oben ohne« nicht nur als Ausländer outen – sondern vor allem schrecklich bibbern. Warme Kopf- und Ohrenbekleidung ist ein Muss, da 30 Prozent Wärmeverlust über die Kopfhaut erfolgt. Eine dicke Fellmütze mit Ohrenschutz ist die Rettung!

3

HERR MÜLLER STELLT SICH VOR

ROTE LIPPEN SOLL MAN — BESSER NICHT MIT HANDSCHLAG BEGRÜSSEN

Rote Lederjacke, kurzer schwarzer Rock und die Lippen kräftig nachgezogen. So steht sie hinter der Absperrung im Moskauer Flughafen Scheremetjewo vor ihm. Beine bis zum Himmel, sicher so hoch wie der Eiffelturm. Oder zumindest wie die Pyramide auf dem Karlsruher Marktplatz. Und diese wundervollen rosigen Wangen!

Herr Müller starrt die brünette junge Frau, die einen Papierausdruck mit der umlautlosen Aufschrift »Paul Muller« in der Hand hält, verwirrt an.

Nein, ein schönes »ü«, also einen Umlaut in seinem Namen, wird Herr Müller in den kommenden beiden Jahren nicht wirklich zu hören bekommen. Von Miller über Mjuller über Muller reicht die Aussprache-Palette seines Namens in Russland. Würde er ihn buchstabieren, dann wohl am ehesten als Mjuller, um verstanden zu werden, denn das »ü« wird im Russischen als der kyrillische Buchstabe »ю« (sprich: ju) dargestellt.

Aber darum geht es erst mal nicht. Beim Anblick der bildschönen Frau mit dem Schild hält Herrn Müllers Unterkiefer der Schwerkraft nicht mehr stand. Das muss Natascha sein, und sie ist schon jetzt ein Traum von einer Assistentin! Doch wie kann sie nur mitten im Winter mit so einem kurzen Rock herumlaufen? Wo er selbst seine Skiunterhosen schon jetzt schmerzlich vermisst – und das, obwohl er das Terminal noch nicht einmal verlassen hat.

Nataschas Blick weicht seinen Augen aus und bleibt an seinem Kinn haften. »Herr Mjuller?«, unterbricht sie seine Gedanken.

Endlich nickt der Geschäftsmann.

»Es freut mich, dass wir uns bekannt machen. Ich bin Natalja Fjodorowna«, sagt sie kühl. (Eine Standard-Kennenlern-Phrase heißt im Russischen: »Dawajte posnakomimsja«, wörtlich: »Lassen Sie uns kennenlernen« oder »Lassen Sie uns bekannt machen«. Nun, da hängt Nataschas Deutsch irgendwie zu sehr am Russischen fest.)

Herr Müller strahlt. »Natascha, priwjet ... das freut mich.« Kräftig streckt er ihr seine Hand entgegen – zaghaft umschließt Nataschas Hand die seine so sanft, dass es fast schon kitzelt. Das Wort Händedruck scheint vermutlich nicht in Russland erfunden worden zu sein?!

Da besinnt sich Herr Müller, dass er ja seine neue Assistentin gerade beim Vornamen genannt hat. Und überhaupt, warum nennt sie sich selbst Natalja? Ist das vielleicht ihre Vertretung?

»Frau Fjodorowna, sind Sie Natascha?«

Die junge Frau nickt ein wenig irritiert. Und fast scheint es, als würde ein kleines Lächeln über ihr Gesicht huschen. Oder hat sich Herr Müller da nur getäuscht?

Was ist diesmal schiefgelaufen?

Gleich mal vorweg und zu seiner Verteidigung: Herr Müller führt seit seiner Scheidung ungefähr ein genauso prickelndes Liebesleben wie ein Pinguin, der einsam auf einer Eisscholle im Nordpolarmeer treibt. Nehmen wir es ihm daher nicht krumm, dass er sich ein wenig umschaut. Dabei ist er weder ein »Lustmolch« oder gar sexistisch. Keine Sorge. Schließlich hat er doch so viel von den slawischen Schönheiten mit ihren hohen Wangenknochen gehört, vielleicht eines der gängigsten Klischees über Russland, und ist deshalb so aus dem Häuschen?

Nicht zu Unrecht, denn russische Frauen legen viel Wert auf ihr Aussehen und betonen ihre Weiblichkeit. Sie wollen schön und attraktiv sein, unterstreichen ihre femininen Züge und kokettieren mit ihren Reizen. Und unabhängig von ihrem Einkommen oder ihrem Familienstand sehen sie immer aus wie Frauen. Mit sorgsam aufgetragenem Make-up und femininen Röcken tauchen sie nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Supermarkt auf. Stets bemüht, dem weiblichen Schönheitsideal nahe zu kommen. Selbst widrige Bedingungen, die zum russischen Alltag gehören – seien es meterhohe Schneeberge, knöcheltiefe Taupfützen im Frühjahr oder kratergroße Schlaglöcher auf den Bürgersteigen – scheinen sie nicht davon abzuhalten, ihre Weiblichkeit durch abenteuerlich-hohe Absätze zu betonen. Apropos Schuhe: Was westliche Ausländer immer wieder wundert, sind die meist blitzblank geputzten Schuhe, die die meisten Russen haben, trotz Matschwetter. Darauf wird großen Wert gelegt. Und dass »eine Frau immer eine Frau bleiben muss«, besagt auch ein russisches Sprichwort: Schenschtschina dolschna ostatsja schenschtschinoj.

Selbst zu späten Sowjetzeiten, als das Wort Modeboutique noch dem kapitalistischen Ausland zugeschrieben wurde, legten die Russinnen Wert auf schöne Kleider. Und schneiderten diese nicht selten selbst – mithilfe der beliebten Burda-Schnittmuster, die ihrerzeit begehrte Tauschware auf dem Schwarzmarkt waren.

Kurze Röcke im Winter? Nichts Ungewöhnliches. Hohe Stiefel und ein Pelzmantel halten schließlich warm. Da sollte sich Herr Müller lieber Gedanken um seine eigene Kleidung machen und überlegen, ob es so geschickt war, ohne Mütze und lange Unterhosen nach Moskau zu fliegen!

Doch stopp. Damit Sie erst gar nicht auf abwegige Gedanken kommen! Natascha mag zwar eine rote Lederjacke und einen eher offenlegenden als verhüllenden Rock tragen. Aber schließen Sie anhand dieser Kleidung bitte nicht darauf, dass sie leicht zu haben sei! Der Griff zu intensiven Farben und gewagten Formen wurzelt nicht zuletzt auch in der modisch recht tristen Sowjet-Vergangenheit. Schöne und vor allem individuelle Kleidung war Mangelware, vielmehr musste auf das gerade verfügbare Angebot zurückgegriffen werden, irgendwo zwischen gähnenden Kaufhausregalen und einer Massenlieferung blauer Stoffmäntel. Gekauft wurde, was verfügbar war. Lange Jahre herrschte Nachholbedarf. Geblieben ist die Vorliebe für eher fröhliche Farben.

Zudem propagierte der Sowjetstaat, zumindest in seinen frühen Jahren, dass Frauen gute Mütter, aber auch gute Arbeiter sein müssten. Das weibliche Geschlecht wurde in einheitliche Firmenkluft gesteckt, die Individualität damit erdrückt. Schon seit den 1990er Jahren stehen die Nobelboutiquen an der Moskauer Einkaufsstraße Twerskaja internationalen und westlichen Metropolen in nichts nach. Damals eroberte der »Rote Dior«, Slava Zaitsev (geboren als Wjatscheslaw Michailowitsch Saitsew) die westlichen Laufstege und wurde sogar Ehrenbürger von Paris. Zaitsev war kein Newcomer: Er hatte schon 1980 die Uniformen der sowjetischen Olympiamannschaft entworfen. Doch nicht nur Zaitsev, auch andere Designer, wurden auch in Russland längst schon von den neuen Influencern abgelöst: Russische Modebloggerinnen und Fashionistas haben ihre treuen Follower in aller Welt und mischen ganz vorne mit in Zeiten, in denen Modeblogger ein Vollzeitjob geworden ist.

Natascha begrüßt Herrn Müller recht reserviert, sie lächelt nicht. Wundern Sie sich nicht: Das öffentliche Gesicht in Russland ist ernst, vor allem im Beruf und erst recht beim ersten Kennenlernen. Weit verbreitet ist auch der Irrglaube, dass ein Lächeln im Beruf als oberflächliche Eigenschaft interpretiert werden könnte und das Gegenüber auf eine unprofessionelle Einstellung zum Beruf schließen könnte. Doch keine Sorge, Herr Müller wird Natascha noch in vielen Episoden lachen sehen – auch wenn sich die Mimik in puncto Lächeln unterscheidet.

Händeschütteln zur Begrüßung war in Russland lange Jahre nur unter Männern üblich. In Großstädten werden Ihnen vermutlich auch Frauen die Hand reichen, allerdings vermutlich solche aus einer jüngeren, international aufgeschlossenen Generation. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte die Initiative zum Händeschütteln entsprechend von der Frau ausgehen, warten Sie daher lieber ab. Geht das Händeschütteln mit russischen Frauen schief, können Sie die Situation jedoch immer noch galant in ein »Küss die Hand gnä’(dige) Frau« umkehren. Umgekehrt fühlen sich westliche Frauen nicht selten übergangen, wenn sie von russischen Geschäftspartnern nicht die Hand gereicht bekommen – was leider immer noch vorkommt.

Dass ihm Natascha nicht in die Augen schaut, empfindet Herr Müller als unhöflich. Doch da belehren wir ihn lieber sofort, dass es in Russland nicht üblich ist, jemanden allzu direkt anzuschauen. Das ist auch der Fall, wenn Russen die Gläser heben und ihr Blick genau in diesem Augenblick auf Ihre Schuhspitzen oder aus dem Fenster fällt. Entsprechend scheint die Trink-Weisheit, dass man sieben Jahre schlechten Sex haben werde, wenn man sich beim Zuprosten nicht in die Augen schaue, auch nicht in Russland entstanden zu sein!

Wäre Herr Müller zu Sowjetzeiten in Moskau gelandet, wäre er vermutlich mit towarisch angesprochen worden, also Genosse. Die Anrede gospodin für Herren oder gosposcha für Frauen war in der Sowjetunion hingegen verpönt. Denn schließlich gab es keine Herren mehr, sondern nur die klassenlose Gesellschaft. (Gott hat die etymologisch gleiche Wortwurzel und heißt im Russischen Gospodj.) Diese beiden Anredeformen wurden in der Regel nur für Ausländer verwendet. Der Genosse ist unterdessen im Alltag, insofern man es nicht mit hartgesottenen Sowjetnostalgikern zu tun hat, längst schon in der Mottenkiste der Vergangenheit verschwunden.

Noch etwas: Natascha ist die die Kurzform des recht verbreiteten russischen Frauennamens Natalja. Manchmal ist es für Ausländer verwirrend, dass russische Kurz- oder Kosenamen genauso lang wie der eigentliche Name sind: Aus Ana wird »Anja« und aus Olga wird »Olja«. Wladimir wird von seinen Freunden nur »Wolodja« genannt, Sergej ist »Serjoscha«, aus Konstantin wird »Kostja« und aus Natalja eben »Natascha«. Herr Müller müsste seine Assistentin streng genommen mit Vor- und Vatersnamen anreden. Nataljas Vater hieß Fjodor, daher wäre die korrekte Anrede für sie Natalja Fjodorowna, also wörtlich »Natalja, Tochter des Fjodor«. Wäre Natascha ein Mann, hätte ihr Vatersname – der übrigens zwischen Vor- und Nachnamen eingeschoben wird – die grammatische Endung -owitsch. Fjodor Fjodorowitsch wäre also »Fjodor, Sohn des Fjodor«.

Aus Natascha wird jedoch nicht Frau Fjodorowna, sondern Frau Gontscharowa, denn so lautet ihr Nachname. (Ein gontschar