Der Krimi Sommer Rucksack 1: Zwei Krimis in einem Band

Steirisch Sterben und Mord in 2 Teilen

Hartmut Schnedl und Max Oban


ISBN: 978-3-99074-129-0
1. Auflage 2020, Marchtrenk, Österreich
© 2020 Verlag federfrei

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Umschlagabbildung: Светлана Евграфова - Adobe Stock
Lektorat: S. Bähr


Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

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Inhalt

Steirisch Sterben

1. Jänner, 0:17 Uhr

Das Geschoss aus 6 g Blei mit einem Mantel aus stark kupferhaltiger Messinglegierung blieb in 2.373 m Seehöhe für einen Sekundenbruchteil in der Luft stehen. Erdanziehungskraft und Vortrieb hielten sich die Waage, dann fiel es mit einer Beschleunigung von 9,81 m/sec² in Richtung Erdmittelpunkt. Mit einer Geschwindigkeit von 342 km/h traf es die Wodkaflasche. Florian Thal stand mit nacktem Oberkörper im Schnee. Mit den Hüften imitierte er Kopulationsbewegungen, seine Lippen stülpte er über den Flaschenhals. Das Geschoss zerschlug das Glas. Ein daumennagelgroßer Splitter zerfetzte Florians Halsschlagader. Eine pulsierende Blutfontäne färbte den Schnee hellrot und bespritzte die Gesichter der Umstehenden. Zweiundvierzig Sekunden später war Florian Thal tot.

Dienstag, 17. Jänner

»Wollen Sie etwas lesen? Kronekurierpressestandard?«

In meiner Geldbörse zwischen Presseausweis, einem vergessenen Starbucks-Sammelpass mit einem einsamen Stempel und einigen fleckigen Visitenkarten steckte eine blaue ÖBB-Vorteilscard »Presse«. Mit ihr hatte ich Anspruch auf ein Gratis-Update auf die erste Klasse. Der Zugbegleiter brachte mir Zeitungen ins Abteil und behandelte mich mit auffallender Höflichkeit. Auch wenn ich nicht für Kronekurierpressestandard arbeitete, sondern für den »Biobauer«, dem »Informationsblatt für den fortschrittlichen Landwirt«. Ich bin einer jener freien Journalisten, die für wenig Geld Artikel für Fachmagazine und Kundenzeitschriften schreiben, denen es weniger auf die Qualität der Texte ankommt als darauf, die Seiten zwischen den Inseraten zu füllen. Martin Ellmer, Chefredakteur des »Biobauer«, hatte – wie immer in letzter Sekunde – einen freien Mitarbeiter gesucht, der ihm eine Betriebsreportage für die nächste Ausgabe lieferte. Ich hatte zwar keine Ahnung von Landwirtschaft, aber ich hatte Zeit. Martin Ellmer hatte mir einen Fragenkatalog zusammengestellt, der mir als Leitfaden dienen sollte. Nun saß ich im EC 533 »Lakeside Park« und bereitete mich auch das Gespräch mit Franz Brandter vor. Brandter hatte vor ein paar Jahren seinen Hof in Murau auf Biolandwirtschaft umgestellt – Murtalrind, Turopolje-Schweine und Saiblingszucht. »Betriebsreportage« war ein Euphemismus für einen bezahlten PR-Artikel. Meine Aufgabe war es, die Qualität der Produkte herauszustreichen und dabei nicht mit Superlativen zu geizen. Ich wusste, dass so ein Interview harte Arbeit sein konnte: Landwirte neigen zu Einsilbigkeit. Wie einsilbig Franz Brandter bei unserer Begegnung sein sollte, davon hatte ich noch keine Ahnung.

 

In Unzmarkt war ich durch mit den Zeitungen. Ich packte meinen Rucksack und stieg aus dem Zug. Der eisige Wind trieb mir Schneekristalle in die Augen. Die Schalter in der Wartehalle waren geschlossen. Ein paar Schüler, die mit niedergeschlagenen Augenlidern und Stöpseln in den Ohren auf der harten Holzbank zu meditieren schienen, wiesen mir den Weg zum Anschlusszug auf dem Schmalspurgleis.

Der Triebwagen ratterte vorbei an weißen Weiden, weißen Häusern und schmutzbraunen Straßen. Jugendliche hatten ihre Snowboards gegen die Sitze gelehnt und saßen über ihre Handys gebeugt. Eine alte Frau starrte stumm auf den Boden. Die Heizung war zu heiß eingestellt. Ich holte meine Notizen heraus und ging noch einmal meine Fragen durch. Doch die verschneite, menschenleere Landschaft lenkte mich ab. Ich ließ meinen Block auf meine Knie sinken und starrte durch die trüben Scheiben. Teufenbach, Saurau, Triebendorf – die Namen der Stationen schienen aus einem verloren gegangenen Kapitel der »Herr der Ringe«-Bücher geborgt.

Ich hatte mit Franz Brandter vereinbart, dass er mich vom Bahnhof Murau abholen würde. Als ich ausgestiegen war, stand ich allein auf dem Parkplatz. Ich nestelte meinen Rucksack auf, um mein Notizbuch herauszuholen. Mit klammen Fingern suchte ich nach seiner Telefonnummer und tippte sie in mein Handy. Ich ließ es läuten, bis die Mailbox ansprang. »Hallo, hier Dimiter Damianovic vom ›Biobauer‹«, sprach ich ins elektronische Rauschen. »Es ist 14 Uhr. Ich stehe wie vereinbart am Bahnhof. Bitte rufen Sie mich zurück.«

 

Die Kälte kroch die Ärmel meiner Baumwolljacke hoch. Das oberste Drittel meiner Stirn, dort, wo sich in den letzten Jahren immer mehr Haare verabschiedet hatten, fühlte sich an wie mit Eiswasser begossen. Zwischen den Zehen spürte ich eine verdächtig klamme Feuchte. An der Tür des Bahnhofsrestaurants hing ein Zettel: »Pächter gesucht«. Auf der anderen Straßenseite blickte mir die Bronzeskulptur einer streng dreinblickenden Frau in einem kegelförmigen Gewand entgegen. An ihre Beine schmiegte sich eine verschlagene Katze. Die beiden bewachten einen kubischen Gebäudekomplex aus bläulichem Glas. Im Inneren des Amtsgebäudes war es warm, und das Gewirr der Stiegen erinnerte mich an eine Grafik von Escher. Von der Decke hingen drei Schilder: »Reisepass«, »Führerschein« und »Waffen«. Ein vergilbtes Plakat warnte vor einer Alien-Invasion. Es informierte über die Gefahren eingeschleppter Pflanzen: kaukasischer Riesenbärenklau, amerikanisches Ragweed, japanischer Knöterich, kanadische Goldrute und indisches Springkraut.

»Suchen Sie etwas? Kann ich Ihnen helfen?« Die Stimme aus der Portiersloge hatte einen genervten Unterton.

»Können Sie mir sagen, wie ich zum Lärchberg 14 komme?«

»Wenn Sie auf den Lärchberg wollen, müssen Sie in Richtung St. Lorenzen fahren und bei der BP-Tankstelle rechts hinauf.«

»Ich habe kein Auto. Wie komme ich mit dem Bus dorthin?«

»Auf den Lärchberg gibt’s nur den Schulbus, und der ist schon gefahren. Mit dem hätten Sie aber eh nicht mitfahren dürfen, dafür sind Sie schon ein wenig zu alt.«

»Gibt es sonst keine Möglichkeit, dorthin zu kommen?«

»Sie können zu Fuß gehen. Dazu brauchen Sie mindestens eine Stunde. Wenn Sie Glück haben, nimmt Sie ein Auto mit. Hier haben Sie eine Umgebungskarte.«

 

Ich probierte es noch einmal mit dem Handy. Diesmal meldete sich nicht einmal die Mailbox. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu gehen – schon allein, um mich warm zu laufen. In dem grauen Winterwetter zog die Stadt ein mürrisches Gesicht. Doch auch an einem lauen Frühlingstag würden die Straßen wohl kaum vor Leben strotzen. Leere Auslagenscheiben reihten sich aneinander. Hinter einigen hingen Schautafeln von Immobilienbüros, deren Angebote zum Großteil in ungarischer Sprache verfasst waren. Hinter anderen waren verstaubte Acryl- und Aquarellbilder ausgestellt. Ein Waffengeschäft schien der einzige Laden zu sein, der noch nicht dichtgemacht hatte. Ich wollte mir eine Mütze und ein paar Handschuhe kaufen, fand aber kein Geschäft, das solch brauchbare Dinge feilbot. Brandter meldete sich immer noch nicht, und ich stapfte die Straße auf den Lärchberg hoch. Die einzige andere Möglichkeit wäre gewesen, unverrichteter Dinge zurückzufahren. Das würde bedeuten: kein Honorar, keine Spesenabrechnung. Ganz abgesehen von Martin Ellmers Tobsuchtsanfall.

 

Ich brauchte knapp anderthalb Stunden, bis ich den Hof fand. Es war ein kleines altes Haus, teils aus Stein, teils aus Holz. Vor der Haustür stand eine Bank, um die der Schnee rundherum weggefegt war. Vom Dach hingen Eiszapfen. Klingel konnte ich keine entdecken, also klopfte ich an die Tür. Klopfte noch einmal und trat schließlich ein. Die Diele roch nach Stall und nach Holzfeuer. Rechts gab es eine einfache Tür, die wohl in die Küche führte. Geradeaus ging es über eine Holztreppe in den oberen Stock.

»Grüß Gott, ist jemand zu Hause?«

Die Holzstiege knarrte. Eine kleine Frau um die achtzig, gebeugt und mager, erschien im Halbdunkel des oberen Treppenabsatzes. Sie klammerte sich mit beiden Händen an das Geländer und kletterte Stufe um Stufe herab, wobei sie einen Fuß nachzog und jeden Schritt mit einem Ächzen begleitete.

»Ich suche Franz Brandter«, sagte ich. »Wir hatten eine Verabredung und ...«

Die Frau drehte um und kletterte wieder nach oben.

»Franzl!«, rief sie in den ersten Stock. Eine männliche Stimme grummelte eine unverständliche Antwort. Im Halbdunkel des oberen Treppenabsatzes erschien ein Mann in Hosenträgern. Ebenso klein wie die Frau, ebenso alt.

»Ja?«

»Franz Brandter?«

»Das bin ich.«

Mir fiel etwas ein: »Heißt Ihr Sohn auch Franz? Wo kann ich ihn finden?«

»Der ist wahrscheinlich beim Fischteich draußen.«

»Ich bin Dimiter Damianovic. Von der Zeitschrift ›Biobauer‹.«

»Sind Sie ein Russe? Wenn Sie hinausgehen, geradeaus und dann den Rain hinunter.«

 

Der Weg war ausgetreten. Eine dünne Schneeschicht hatte sich auf die Fußstapfen gelegt. Von oben zeichnete sich der Fischteich als längliches weißes Rechteck ab. In der Mitte war das Eis eingebrochen. Eine rote Daunenjacke schwamm im Wasser. Als ich mich näherte, bestätigte sich, was ich befürchtet hatte, aber nicht wahrhaben wollte: Es war nicht nur eine Daunenjacke. In ihr steckte ein Mensch. Kopf und Unterkörper waren unter Wasser. Die Daunenjacke ließ wie eine Rettungsweste den Oberkörper obenauf schwimmen. Ich begann zu rennen, stolperte und kugelte durch den Schnee. Den Rucksack ließ ich fallen und hastete an den Teich. Ich hatte mich nicht geirrt: Im Wasser trieb ein Mensch. Regungslos. Beunruhigend regungslos. Am Ufer lag ein Stallbesen. Ich legte mich flach aufs Eis, schob mich Stück für Stück voran und versuchte, den Besen als Enterhaken zu benutzen. Der Körper war zu schwer, und die Jacke hatte sich mit Wasser vollgesogen. Ich kroch noch weiter vor und konnte den nassen Stoff mit der Hand fassen. Das Eis bot keinen geeigneten Widerstand – statt den Körper zu mir zu ziehen, zog ich mich selbst noch weiter in Richtung offenes Wasser. Ich bekam nun einen Arm zu packen und glitschige kalte Finger, die aus dem Ärmel hervorschauten. Mit meiner freien Hand löste ich meinen Gürtel aus der Hose. Ich schlang ihn um das Handgelenk des leblosen Körpers und zog die Schlaufe fest. Das andere Ende des Gürtels befestigte ich am Besen. Ich kroch wieder rückwärts, bis der Gürtel sich straff spannte. Den Besen setzte ich teils als Verlängerung der Leine, teils als Hebel ein, und so gelang es mir langsam, den Körper auf das Eis und ans Ufer zu ziehen. Kopf und Beine hingen schlaff herab. Die Füße waren in einem grotesken Winkel abgeknickt. Ich sank in den Schnee und rang nach Luft, bevor ich den Körper umdrehte. Das Gesicht war grau und schwammig, die offenen Lippen blau marmoriert. An Stirn und Schläfe zeichneten sich dunkle Flecken ab, die Augen waren verdreht und von einem trüben Schleier bedeckt.

Ich suchte nach der Halsschlagader, fand aber keinen Puls. Ich legte den Körper auf festgetretenen Schnee und versuchte eine Herzmassage. Pressen ... pressen ... pressen... Umsonst. Besser gleich die Rettung anrufen. Das Handy war im Außenfach des Rucksacks. Kein Empfang. Nur Notrufe. Dies war ein Notruf. Mit zitternden Fingern schaffte ich es, den Euronotruf 112 einzugeben.

 

Qualvolle Minuten fror ich allein neben dem leblosen Körper. Die Dämmerung kündigte sich an und verwandelte den Wald ringsum in eine finstere Wand, die wie schleichendes Raubzeug näher zu kriechen schien. Dann durchbrach ein blauer, pulsierender Schein die Finsternis: Der Rettungswagen schraubte sich die Serpentinen hoch und blieb vor dem Brandter-Hof stehen. Stimmengewirr, dann liefen die Sanitäter mit einer Bahre durch den Schnee. Das Blaulicht illuminierte die Szene mit einem unwirklichen Stakkato. Die Sanitäter stellten keine Frage zu viel, sie kannten jeden ihrer Handgriffe. Nun waren auch zwei Polizisten angekommen. Der Revierinspektor, hager und lang, wollte meine Telefonnummer. Ich gab ihm meine Visitenkarte.

»Ihren Ausweis noch. Führerschein?«

»Habe ich nicht bei mir.«

Der zweite Polizist drängte sich vor.

»Es wäre günstig, wenn Sie bis morgen bleiben könnten. Wir müssen Ihnen noch ein paar Fragen stellen. Den Zug nach Wien erwischen Sie heute eh nimmer.«

»In der Stadt gibt’s ein paar Gasthöfe«, sagte der Lange.

»Frau Belkoff hat auch noch ein Zimmer frei. Da sind Sie gemütlicher untergebracht«, unterbrach sein Kollege ihn. »Wenn Sie wollen, bringen wir Sie hin. Sie sind ja ganz durchgefroren.«

 

Bei Frau Belkoff roch es nach Rauch und Katzen. Sie trug eine Art rosafarbenen Turban, hatte rote Fingernägel und rote Lippen, die aus ihrem zerknitterten, nikotingelben Gesicht leuchteten. Über ihrem türkisblauen Pullover hing eine Halskette aus großen smaragdgrünen Holzperlen. Frau Belkoff brachte mir heißen Kaffee. Vom Kasten herab starrte mich ein Paar Katzenaugen an. Eine zweite Katze kauerte auf der großen Pendeluhr. Als ich mich auf das blau und grün gemusterte Sofa setzte, flüchtete eine dritte Katze aus ihrem Versteck unter dem Kissen.

An den Wänden der Wohnküche hingen Landschaftsaquarelle und Kupferstiche. Mir fiel ein großformatiger Bildkalender ins Auge. Das Kalenderblatt zeigte einen nackten Mann mit einer Motorsäge im verschneiten Wald. Das Bild war nicht eben vulgär, aber inmitten der heimeligen Atmosphäre der Wohnküche wirkte es wie die Faust aufs Auge.

Frau Belkoff fing meinen irritierten Blick auf.

»Wie unsensibel von mir!« Sie schlug sich mit der flachen Hand auf den Mund. »Sie finden eine Leiche, und dann kommen Sie zu mir, und an der Wand hängt das Foto jenes Mannes, den sie eben tot aufgefunden haben. Ich hätte den Kalender schon abnehmen sollen, als die Sache mit Florian Thal passiert ist.«

»Ist das der Jungbauernkalender?«

»Nein, den haben die ›Young Rural Professionals‹ herausgebracht. Den Kalender hat mir Elias Hafner geschenkt, ein junger Freund. Ich habe ihn aufgehängt, um ihm eine Freude zu machen. Warum auch nicht? Die Bilder sind zwar nicht ganz geschmackssicher, aber im Grunde finde ich nichts dabei, dass man seinen Körper herzeigt, solange er noch knackig ist. Als ich ein junges Mädchen war, wollte ein Bildhauer eine Aktplastik von mir anfertigen. Meine Mutter war strikt dagegen. Dabei hätte man eh nichts gesehen: Es war nämlich ein abstrakter Künstler, der mit Profilstahl und rostigen Nieten gearbeitet hat. Keines seiner Kunstwerke war unter drei Meter groß.«

»Es wäre ganz sicher eine entzückende Plastik geworden.«

»Die man im nächsten Krieg eingeschmolzen hätte.«

»Einen Kalender wirft man auch am Ende des Jahres weg.«

»Aber man macht keine Kanonen draus. Mit einem Kalender kann man höchstens eine Fliege totschlagen.«

»Wer sind diese ›Young Urban …‹?«

»›Young Rural Professionals‹. Ein Zusammenschluss junger, tüchtiger Männer.«

»Und Herr Brandter war Mitglied dieser ... Professionals?«

»Ja. Er hat seinen Betrieb in den letzten Jahren ziemlich erfolgreich erweitert. Wer ihn kannte, bevor er seine Frau geheiratet hatte, hätte ihm das nie zugetraut. Ich habe auf der Gemeinde in der Stadtbücherei gearbeitet. Ich kannte fast alle Kinder aus dem Ort, zumindest diejenigen, die lasen. Franz las gerne. Er hat sich die üblichen Kinderbücher ausgeborgt. Die ›Fünf Freunde‹ hat er sehr gemocht. Wenn keines dieser Bücher da war, hat er ›Hanni und Nanni‹ gelesen. Er wollte nach der Hauptschule aufs Oberstufengymnasium, aber sein Vater hat ihn auf die Landwirtschaftsschule geschickt, wo er auch Schlosser gelernt hat. Von da an hat er sich nie wieder in der Bücherei blicken lassen. Er litt sehr unter der Fuchtel seines Vaters. Der Alte ist ein Tyrann, alles hat nach seinem Kopf gehen müssen, auch noch, als er siebzig war. Alles hat so bleiben müssen, wie es immer war, und mit dem Hof ist es immer weiter bergab gegangen. Dann hat Franz Erika kennengelernt. Das heißt, gekannt hat er sie ja schon, seit sie Kinder waren. Sie war zwei oder drei Jahre älter als er und war in der Bank angestellt. Vor fünf Jahren sind sie einander auf der Landwirtschaftsmesse in Wels über den Weg gelaufen. Sie kennen das sicher: Man freut sich, ein bekanntes Gesicht in einer fremden Stadt zu sehen, man geht miteinander essen, trinkt zu viel, landet gemeinsam im Bett ... Es war das erste Mal für Franz, dass er eine Freundin gehabt hat. Als er zurück war, hat es geheißen: Im Frühling heiraten wir. Alle haben geglaubt, es wäre ein Kind unterwegs, aber das stimmte nicht. Vielleicht hat sie das Kind auch verloren. Die beiden haben jedenfalls bis heute keinen Nachwuchs. Erika hat sich mit ihren Schwiegereltern überhaupt nicht verstanden. Man erzählt sich, dass sie zu viert am Esstisch gesessen sind, Erika, Franz und seine Eltern, ohne ein Wort miteinander zu reden. Erika ist ein Sturschädel, noch sturer als der alte Brandter, sonst hätte sie es dort nicht ausgehalten. Sie hat verlangt, dass der Alte den Hof endlich ganz in Franz’ Hände geben sollte, aber da hat sie auf Granit gebissen. Erst als die alte Bäuerin krank geworden ist und nicht mehr arbeiten konnte, hat der Alte nachgegeben. Seitdem ist er mehr und mehr verfallen. Heute ist er ein altes Männlein, ein Schatten des kraftstrotzenden Egomanen, der er früher war. Sie haben ihn ja kennengelernt.«

»Ich habe ihn nur kurz gesehen.«

»Sobald Franz, ich meine den jungen Franz, übernommen hatte, wurde die ganze Landwirtschaft konsequent umgestellt. Alles hat müssen Bio sein. Diese komischen Wildschweine haben sie sich angeschafft, den Fischteich, die Räucherei. Da stehen irrsinnige Schulden dahinter. Erika war von der Bank, das mit dem Geld hat sie geregelt. Tüchtig ist sie ja. Und sie lasst sich Sachen einfallen: Bis nach München ist sie gefahren, jedes Gourmet-Restaurant hat sie persönlich besucht. Auf einmal sah man ihr Bild in jeder zweiten Zeitschrift: Im ›Genuss pur‹, im ›Fisch frisch‹ im ›Dreihaubenmagazin‹. Sogar im Fernsehen war sie.«

»Der Hof schaut gar nicht so groß aus. Und modern schon gar nicht.«

»Sie haben ja nur den alten Hof kennengelernt. Dort, wo die Eltern wohnen. Der Franz und die Erika haben den Nachbarhof dazugepachtet. Dort stehen die neuen Ställe und ihr neues Wohnhaus. Groß und modern, mit viel Holz und Glas.«

»Was jetzt wohl daraus wird?«

»Erika ist eine starke Frau. Fast schon brutal. Wenn es sein muss, schupft sie die Landwirtschaft alleine. Von den Schwiegereltern lasst sie sich sicher nicht helfen, da beißt sie sich vorher die Nase ab.«

 

Ich hatte meinen Kaffee ausgetrunken. Die Katzen hatten inzwischen entschieden, dass ich harmlos war. Die frechste spazierte mit hochgerecktem Schwanz über das Sofa und rieb ihr Köpfchen an meinem Oberschenkel. Mir fiel ein, dass Martin Ellmer, der Chefredakteur des »Biobauer«, auf meine Reportage über den Brandter-Hof wartete. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und rief ihn am Handy an. Wie ich gehofft hatte, war er noch im Verlag und meldete sich mit seinem üblichen Grant am Telefon.

 

»Martin, du musst die zwei Seiten mit etwas anderem füllen. Der Bericht über den Brandter kommt nicht«, fiel ich mit der Tür ins Haus.

»Ich habe mich auf dich verlassen, Dim. Soll ich auf die zwei Seiten Blümchenmuster drucken, damit unsere Leser es als Einwickelpapier verwenden können? Oder einen Ausschneidebogen für Konfetti draus machen?«

»Franz Brandter ist tot. Ein Unfall.« In kurzen Worten erzählte ich ihm alles. Ich deutete an, dass ich von ihm erwartete, mir zumindest meine Spesen zu ersetzen.

»Wenn ich dir schon eine Fahrt in diesen abgelegenen Winkel bezahle, bringst du von dort auch eine Story mit.«

»Was denn für eine Story?«

»Über Franz Brandters Glück und Ende. Wie er alles aufgebaut hat, wie er seine Frau kennengelernt hat, wie er gestorben ist, wie seine Frau weitermachen wird. Mit viel Herzschmerz, Schmalz und Schicksal. Wir drucken die Geschichte in ›Griaß enk!‹ ab.«

»Griaß enk!« war das jüngste Kind des Verlags. Eine Zeitschrift, die eine romantische »Zurück zum Land«-Botschaft mit Lifestyle-Themen verband. Es war eine kunterbunte Mischung aus Tränen-Schicksalsberichten, Gartentipps, Kochrezepten und Lebensweisheiten.

»Martin, du weißt, dass ich das nicht kann. Ich bin ein knochentrockener Schreiber, kein Seitenblicke-Paparazzo.«

»Das schaffst du schon. Am besten, du hechtest mit einem Kopfsprung direkt ins kalte Wasser. Rede mit seiner Frau, mit den Nachbarn und, wenn nötig, auch mit seiner Kindergartentante und seiner Hebamme. Und mach Fotos! Wenn sie gut sind, übernehmen wir sie, sonst schicken wir einen Fotografen hin. Redaktionsschluss ist nächste Woche.«

»Wie ist das Honorar?«

»Übliches Zeichenhonorar, plus 25 Prozent. Maximal neuntausend Zeichen.«

»Ich überleg’ es mir. Ich sage dir morgen Bescheid.«

Ich schaltete mein Handy aus. Auf weitere Gespräche hatte ich keine Lust mehr. Ich spürte, wie erschöpft ich war. Ich legte mich aufs Bett und betrachtete die paar Bücher, die das Regal in dem kleinen Zimmer schmückten. »Readers Digest Auswahlbücher«. Gab es die immer noch? Krimis mit knallroten Titelfotos, die mehr Blut versprachen, als der Inhalt hergab. Heiteres von Roda Roda und Hugo Wiener. Ich fuhr meinen Laptop hoch und stöpselte die Kopfhörer ein. Ich hatte mir »Die Welt ohne uns« als Hörbuch auf die Festplatte geladen. Während die sanfte Stimme den Verfall der menschlichen Zivilisation schilderte, fiel ich in eine angenehme Trance und schlummerte ein.

 

*

 

Es war spät am Abend, als ich aufschreckte. Um zu sehen, wie spät es war, dazu hätte ich erst mein Handy einschalten müssen. Es genügte zu wissen, dass ich Hunger hatte.

 

Frau Belkoffs Haus war ein Bau aus den 1940er- oder 1950er-Jahren. Mein Zimmer lag im ersten Stock. Aus Frau Belkoffs Privaträumen im Erdgeschoss drangen Fernsehgeräusche. Die schmale Treppe knarzte leise, als ich nach unten ging, der Haustorschlüssel ließ sich geräuschlos im Schloss drehen. Es war still. Der Schnee auf den Dächern dämpfte die fernen Autogeräusche. Aus der anderen Richtung hörte man das Glucksen eines Baches, der sich unter einer Eisschicht wand. Die Straße war ein graubrauner Matsch, durchsetzt mit Streusplitt, der unter meinen dünnen Sohlen knirschte. Die Siedlung lag in einer Art Senke. Über eine Betonbrücke mit knalligen türkisfarbenen Eisenstreben kam ich am Friedhof vorbei. Im Stadtzentrum war nicht viel mehr los. Immerhin gab es ein paar Gasthäuser, die ganz gemütlich wirkten. Ich stieg die drei Stufen zum »Postpferd« hinunter und zog meinen Kopf ein, um mich nicht am niedrigen Türstock zu stoßen. Im Vorraum schwammen Forellen in einem engen Aquarium und warteten auf ihren Tod in der Küche, falls sie nicht vorher an Langeweile starben. An der Bar lehnten zwei Männer, in ein Gespräch vertieft. Zwei Tische waren von Familien besetzt, die leise miteinander sprachen, als hätten sie Angst, eine Andacht zu stören. Ich blätterte die Speisekarte durch. Die Kellnerin nahm mir die Entscheidung ab. Sie hatte ein hartes, regungsloses Gesicht und trug ein ländlich-romantisches, blau kariertes Schürzenkleid. Der Kontrast war frappant.

»Nach zweiundzwanzig Uhr gibt es nichts mehr Warmes«, sagte sie harsch. »Das heißt, einen Schinken-Käse-Toast können Sie schon noch haben. Oder ein belegtes Brot.«

»Einen Salat vielleicht?«

»Nix da. Der Koch ist schon heimgegangen.«

»Dann einen Toast. Ohne Schinken, nur mit Käse. Nein, besser gleich zwei. Mit Ketchup.«

»Was zum Trinken?«

»Ein kleines Bier.«

 

Nachdem ich gegessen hatte, kamen die beiden Männer von der Theke an meinen Tisch.

»Dürfen wir uns zu dir setzen?«, fragte der Gepflegtere der beiden. Er trug Jeans und Trachtensakko, und sein dunkles, sorgfältig gescheiteltes Haar glänzte von Gel. Der andere, klein und ungeschlacht, steckte in einem ausgebeulten, olivfarbenen Pullover.

»Trink dein Bier, dann geben wir dir noch einen aus«, sagte er.

»Seid ihr Freunde vom Franz Brandter?«, fragte ich.

»Ich bin der Gugganig-Wirt, für dich einfach Egon«, entgegnete der Gepflegte. »Und das da ist der Bertl. Bertram Ferchner.«

»Dimiter Damianovic«, stellte ich mich vor.

Die Kellnerin brachte drei Gläser.

»Wir sind von den ›Young Rural Professionals‹«, sagte Egon. »Auch der Franz war dabei.«

»Der hat immer so getan, als ob er was Besseres wäre. Als dann die vielen Zeitungen über ihn geschrieben haben und das Fernsehen da war, ist er völlig abgehoben. Da war er nur mehr der Star. Als ob er etwas Besonderes wäre«, sagte Bertram.

»Vielleicht war er ja wirklich was Besseres. Woher willst du das wissen?«, fuhr Egon ihn an. »Kaum hat einer Erfolg, werden die anderen neidisch Jeder, der ein bisschen Substanz in der Birne hat, zieht sowieso weg.«

»Wenn einer auf uns scheißt, dann brauchen wir ihn auch nicht bei uns«, trotzte der Stämmige.

»Er war wohl nicht sehr beliebt?«, hakte ich nach.

»Ach was, die üblichen Streitereien«, wiegelte Egon ab.

»Beschissen hat er einen. Von vorne bis hinten«, beharrte Bertram.

»Sagen wir so: wirtschaftlich gehandelt.«

»Und ich habe dabei draufgezahlt. Ich hatte gedacht, wir seien Freunde.«

Egon zuckte die Achseln. »Willst du mit ihm tauschen? Jetzt noch?«

Bertram murmelte etwas Unverständliches.

Egon wandte sich wieder an mich: »Seit Tagen ist es jetzt saukalt. Wer hätte damit gerechnet, dass das Eis so dünn ist! Was meinst du?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat es einen Riss gegeben.«

»Und dann fällt er einfach so ins Wasser. Ritsch-platsch! Und kann sich nicht mehr selber ans Land retten«, raunzte Bertl voller Sarkasmus.

»Du hast keine Ahnung, wie schwierig das ist. Ich habe ihn herausgezogen. Auf dem Eis kann man sich nirgends festhalten, dauernd rutscht man ab«, entgegnete ich.

»Hätte er nicht um Hilfe rufen können?«

»Hat er wahrscheinlich eh. Aber wer hat ihn schon gehört? Seine Eltern sind halb taub, sonst war niemand in der Nähe.«

»Du warst in der Nähe.«

»Ich habe den Franz Brandter so gegen halb fünf am Nachmittag gefunden. Da kann er schon seit Stunden im Wasser gelegen haben. Aber warum fragst du?«

Egon leerte den letzten Rest Bier aus seinem Glas und stand auf.

Bertram beugte sich zu mir und wackelte mit dem Zeigefinger. »Zuerst der Florian Thal. Dann Franz. Und als Nächste sind wir dran!« Egon packte Bertram am Ärmel und zog ihn mit sich. »Entschuldige ihn, er hat zu viel getrunken. Dann wird er immer philosophisch.«

»Wer ist Florian Thal? Was ist ihm zugestoßen?«, rief ich ihnen nach, aber sie waren schon in ihre Jacken geschlüpft und in die kalte Winternacht entschwunden. Die Kellnerin wischte zum hundertsten Mal den Bierhahn glänzend und warf mir einen »Geht-mich-nix-an«-Blick zu. Ich war der letzte Gast.

»Wollen S’ noch was?«

»Zahlen, bitte.«