Wertlos

 

 

 

Anna Perenna

 

 

 

Wertlos

 

 

 

 

 

 

Alle Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist rein zufällig. Original-Ausgabe erschienen im September 2018 bei Merlins Bookshop.

 

Copyright © Merlins Bookshop

Korrektorat & Lektorat: Klarissa Klein & Merlins Bookshop

Verlag: Merlins Bookshop, Inh. Dietmar Noss, Waldstr. 22, 65626 Birlenbach

Alle Rechte liegen bei Merlins Bookshop, Inh. Dietmar Noss, Waldstr. 22, 65626 Birlenbach

 

Coverfoto: Adobe Stock

 

 

 

 

 

 

 

Stets unbeschwert und ohne viel zu denken,

sollten wir leben und uns mit Glück beschenken.

 

Zwischen Traum und Realität existieren wir.

Einfach leben im Jetzt und Hier.

 

Wenn das doch nur so einfach wär.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Prolog

 

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, acht, ...“

„Nach sechs kommt was?“, herrschte mich eine Stimme von hinten an. Stillschweigend saß ich da.

„Noch einmal von vorne!“

„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs … (konzentriere dich!) sieben, acht, ähm zehn.“

„Was kannst du überhaupt? Du kannst nichts und du bist nichts! Los noch einmal von vorne!“

 

Verängstigt saß ich auf meinem kleinen Plastikstuhl, Tränen stiegen mir in meine kleinen Augen. Du kannst das, zeig es ihm, sagte ich zu mir im Stillen. Wieder fing ich an zu zählen, doch auch beim dritten Mal versagte ich. Er schrie mich an, seine Geduld war am Ende. Starr blickte ich auf den großen Tisch vor mir und hoffte. Hoffte auf Normalität. Doch das war sie schon. Unsere Normalität. Seine Stimme verschwamm in meinem Kopf, er packte mich an meinem zarten sieben Jahre alten Handgelenk und zerrte mich vom Stuhl. Seine Schreie, sein Blick. So oft schon gesehen, so oft doch erlebt und immer wieder so fremd. Nun stand er vor mir groß, stark und laut als stünde der Teufel höchstpersönlich vor mir. Mein Herz schlug immer schneller, so intensiv, bis ich jeden Herzschlag in meinem Halse spürte. Wilder und impulsiver, ich spürte den Schwindel und dann seine Faust.

 

„Papi bitte nicht, du tust mir weh, bitte hör auf!“, schrie ich flehend und bitterlich weinend, doch es brachte nichts.

 

All das Weinen, Bitten und Flehen lösten sich mit jedem seiner Hiebe in Schall und Rauch auf. Das Hoffen auf Hilfe, meine stillen Gebete gen Himmel, nichts dergleichen wurde erhört. Gefühlt blieb die Zeit stehen, ich konnte nur noch Weinen und den Schmerz spüren. Ich hatte das Gefühl in der Höhle eines Löwen gefangen zu sein, der ich nicht mehr entkommen konnte. Zitternd kauerte ich in unserem, für mich so großen Wohnzimmer, in der Ecke zwischen zwei Sofas. Es ist vorbei. Endlich. Vorerst. Meine Beine umfasst von meinen klammernden Armen, den Kopf abgestützt auf den Knien. Der kleine zerbrechliche Körper verziert mit Flecken in allen Farben des Regenbogens. Und die Zeit verging, viel zu langsam. Gefühlte Stunden verharrte ich dort in meiner Ecke, die mir in jenem Moment mein Schutz war, solange bis meine Mutter kam und mich weinend fand.

 

Es ist ein Tag wie jeder andere, mal besser, mal schlechter, aber ich lebe. Und in dieser aussichtslosen Welt voll Hoffnung auf Erlösung stecke ich fest. Ich, Emilia und das ist meine Geschichte.

Kapitel 1

 

Was an diesem Tag noch geschah, daran kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter mich fand; ab da spalten sich meine Geister. Jetzt liege ich in meinem großen Zimmer, der Fernseher läuft. Er ist klein, aber das bin ich ja auch. Auf meinem Bett liegend, die Füße in die Luft gestreckt, zappe ich mich durch die Programme und kann sonst nichts mit mir anfangen. Nichts für Kinder, das auch nicht, ah die Schlümpfe, nein, möchte ich auch nicht sehen. Ich drehe mich auf den Rücken, stemme meine Beine gegen die Dachschräge und lasse meinen Kopf vom Bett baumeln. Aus der Perspektive sieht alles anders aus. Oftmals interessanter, wenn alles auf dem Kopf steht. Ich sehe mich in meinem Zimmer um, den Fernseher nehme ich nicht mehr wahr. Den Raum durchflutet helles Tageslicht. Nun, zumindest ist es draußen schön und die Sonne scheint. Nicht so wie hier, in diesem Haus, in meinem Innersten.

 

Wir haben zwei Stockwerke. Im Erdgeschoss unsere Küche, Wohnzimmer, Gäste-WC. Vom großen Flur führt eine Treppe nach oben in den ersten Stock. Die Stufen mit Teppich ausgelegt, eher schmal aber im Bogen nach oben ragend. Die Treppen faszinieren mich. Es ist nichts Besonderes; eben nur zum Besteigen, aber für mich waren sie besonders. Keine Ahnung wieso, ich glaube aber, weil sie den Wendeltreppen eines Leuchtturms ähneln. Im ersten Stockwerk sind zwei Zimmer. Das Elternschlafzimmer und das Badezimmer. Im Zweiten befinden sich noch zwei Zimmer und mit ihnen die Letzten dieses Hauses. Das Kinderzimmer meines Bruders und dann war da noch meines. Mittlerweile ist mein Bruder schon zwei Jahre alt, oftmals hasse ich ihn, weil er mich nervt, aber dennoch liebe ich ihn. Wenn ich oft so da liege durchdringen mich tausend Gedanken und ich weiß nicht, wie ich sie ordnen soll oder kann. Jedes Mal, wenn ich aus meinem Fenster schaue, das direkt an der Dachschräge liegt mit dem Blick gen Himmel, habe ich das Gefühl den Sternen ganz nah zu sein. Ich erinnere mich, meine Gedanken machen es wahr. So sehe ich mich wieder und fühle mich zurück in mein Erlebtes. Alles so dunkel; ich fühle mich so schwer, so allein, einsam. Mein Herz blutete und ich wusste nicht, wie ich das alles noch überstehen sollte.

 

Mein Vater kam nach Hause und schon ging es los. Mal lag hier etwas herum, mal da; nichts Besonderes und schon gar nicht gravierend, aber ihm gefiel das nicht. So fing er an, wie so oft, durchzudrehen, packte meine Mutter am Arm und maulte sie an, warum sie nicht aufgeräumt hat. Mein Herzschlag verdreifachte sich; wie so oft. Er schlug, als wäre alles zu spät. Das mit an zu sehen, machte mir Angst. Angst um den Frieden, den wir bis zu dem Augenblick hatten, bevor er wieder nach Hause kam, um meine Mutter und zuletzt auch um mich. Mein Bruder war ja nicht da, er lag schon in seinem Bett und schlief. Der Glückliche bekam nie etwas von alledem mit. Papas Liebling. Kaum zu glauben bei der Lautstärke, mit der mein Vater verbal ausrastete, jedes Mal. Und nicht nur das. Meine Mutter erklärte ihm ihren Gehorsam.

 

„Es tut mir leid. Ich habe es heute nicht mehr geschafft, alles zu erledigen.“ „Warum zum Teufel? Hattest du etwas Besseres zu tun? Was ist so viel besser, als dass du es nicht für nötig hältst, hier Ordnung zu halten?“, schrie er sie an.

Kleinlaut und mit hochgezogenen Schultern antwortete meine Mutter:

„Ich, ich hatte doch heute den Termin in der Schule, habe danach den Haushalt erledigt und noch einige Termine, die anstanden.“

 

Während das Schauspiel lief, versuchte ich mich aus der Küche zu schleichen und versteckte mich im Wohnzimmer auf dem Sofa. Gewohnte Grundhaltung, Füße auf die Couch und meine Beine mit meinen Armen umschlungen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, so besser geschützt zu sein. Allerdings brachte auch diese Position rein überhaupt nichts. Nun wurde es immer lauter und lauter. Die Küche ist mit dem Wohnzimmer verbunden. Also ein Raum quasi, nur dass man durch einen schönen Bogen gehen musste, um hier zu stehen, wo ich sitze. Ich hielt meine Ohren und Augen fest zusammengepresst geschlossen und hoffte, dass aller Lärm, aller Unmut auf der Stelle verschwanden. Und trotzdem hörte ich diesen Knall. Vater hatte sie geohrfeigt.

 

„Oh bitte lieber Gott, hilf mir, dass das alles ein Ende hat. Bitte, bitte, bitte!“

Tränen sammelten sich in meinen Augen und liefen die Wangen hinunter. Ich wollte sie noch aufhalten, aber es war so schwer. Fühlte mich so leer. Nun kamen Schritte auf mich zu. Schwer und stampfend, sie hatten Aggressionspotenzial. Das kannte ich mittlerweile schon viel zu gut. Noch immer saß ich da und wartete und hoffte. Bitte nicht ich. Bitte nicht. Da spürte ich einen packenden Griff an meinem Fußgelenk, er zerrte meine Beine in Richtung Boden, sah mich von oben herab an. Ich sah ihn kurz an und sofort wieder weg.

 

„Wolltest du nicht deiner Mama helfen, Fräulein?“, fuhr er mich an.

Ich schwieg, denn egal was ich sagte, es wäre gerade eh alles falsch und ja ich hätte ihr helfen sollen, aber warum? Darf ich nicht Kind sein? Nicht spielen? Warum muss ich jetzt schon so „erwachsen“ sein? Ich will das nicht. Ich will nicht erwachsen sein und will schon gar nicht wie meine Eltern sein. So forderte er mich noch einmal auf zu antworten.

 

„Ich wollte spielen und hätte ihr ganz sicher noch geholfen aufzuräumen. Ganz sicher“, sagte ich ihm mit zitternder Stimme.

„Wie oft habe ich dir gesagt, dass, wenn du gespielt hast und fertig bist, es sofort wieder zusammen räumen sollst? Wie oft? Wann fruchtet das endlich bei dir?“ Und während er mich so anfuhr, öffnete er den dunkelbraunen Gürtel an seiner Hose, deren Farbe hellblau war, ja ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Er trug weite Jeans, wie es in den 90ern üblich war. Mit einem Ruck hatte er den Gürtel durch seine Schlaufen gezogen und prügelte nun auf mich ein. Es tat weh. So unglaublich weh, und während ich mich krümmte, weinte, schrie, hoffte und wartete, verschwand der Schmerz allmählich trotz weiterer Schläge. Ich fühlte nichts mehr. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er von mir ab und schickte mich auf mein Zimmer.

„Dich will ich heute nicht mehr sehen, verschwinde aus meinen Augen, dein Abendessen wird für heute gestrichen, dass dir das klar ist!“

 

Mit langsamen und schmerzhaften Bewegungen ging ich zurück in mein Zimmer, am Bett, an den Schränken vorbei, sah empor zu meinem Fenster an der Dachschräge und setzte mich darunter auf den Teppich, der dort lag, auf die Knie, faltete meine Hände und fing an zu beten und zu fluchen. „Bitte lieber Gott, warum hilfst du mir denn nie? Wo bist du denn, wenn es dich gibt? Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr leben.“

 

So verharrte ich über Stunden im Dunkeln an dieser einen Stelle, und als ich damit fertig war, waren da nur noch ich, die Dunkelheit und die Sterne, die durch mein Fenster schienen. Oh, wenn ich daran zurückdenke, dann war das der Zeitpunkt, an dem ich bereits anfing, nicht mehr an Gott zu glauben. Alles, was mir noch halt geben konnte, war ich selbst. Stark zu bleiben und das durch zu stehen. Sei eine gute Tochter und du wirst glücklicher leben. Auch das brachte leider nichts, denn egal was und wie ich es machte, es war nie richtig oder nur ganz selten. Manchmal war sogar etwas richtig und in anderen Momenten war das, was vorher noch richtig war, doch wieder falsch. Was also, fragte ich mich, ist denn nun richtig? Und was ist falsch?

 

Heute bin ich anderer Meinung als zu der Zeit, ich hatte jeden Augenblick das Gefühl, dass alles falsch sei, egal was ich tat oder sagte, aber dazu brauchte es weitaus sehr viele Jahre, um zu reifen. Ich denke, es gibt kein richtig und kein falsch. Bleibe dir selbst einfach treu. Wieder aus der Situation erwacht, legte ich mich in mein Bett und versuchte einzuschlafen.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, stand ich vor meinem Schrank und holte ein paar Blätter sowie Buntstifte. Ich entdeckte damals schon meine große Leidenschaft für das Malen und Zeichnen. Natürlich konnte ich mich an den Schreibtisch setzen, aber warum dort, wenn es auf dem Teppich doch so viel schöner war. Also legte ich mich auf den Bauch, die Beine in die Höhe und fing an zu malen. Meine Mutter kam und holte mich zum Essen, Papa war wieder unterwegs. Wie froh ich doch war. Das hatte schon Vorteile, wenn er selbst Lastkraftwagen fuhr, da war er sogar mal ein paar Tage nicht da. Wir aßen zusammen mit meinem Bruder, der in seinem Hochstuhl saß und nicht ruhig sitzen wollte. Er stand auf, Mutter setzte ihn wieder hin, er stand wieder auf. Spuckte sein Essen über den Tisch. Igitt, wie soll mir da noch die Mahlzeit schmecken, dachte ich bei mir und verdrehte die Augen. Zu meinem Bruder gebeugt flüsterte ich ihm ins Ohr.

 

„He Luca, wenn du jetzt ganz lieb bist, still sitzen bleibst und dein Essen vernünftig isst, spiele ich mit dir nachher etwas ganz Lustiges. Aber, dazu musst du jetzt still bleiben.“

Da sah er mich mit großen Augen an, nickte und für einen Augenblick genoss ich die Ruhe. Ich sah zu, wie sich meine Mama das Essen in den Mund stopfte, Gabel für Gabel überhäuft mit Nudeln in Bolognese-Soße getränkt. Das Geräusch beim Kauen, das Geschmatze meines Bruders und so wünschte ich mir wieder seine Unruhe herbei.

 

„Heute am späten Nachmittag kommt Cecilia mit ihren Söhnen vorbei“, erwähnte meine Mutter mit einem auf mir ruhenden Blick. Mit einem Nicken antwortete ich ihr.

„Okay.“ Auch das noch, ich hatte keine Lust sie zu sehen, die Jungs waren komische Typen, aber ich konnte es mir ja nicht aussuchen. Fertig mit dem Essen, warteten wir, bis der Tisch abgeräumt war, und ich half meiner Mutter beim Abwasch. Luca rannte durch den Bogen in das Wohnzimmer und brummte wie ein Auto.

„Brumm, brumm, brumm.“

Rannte mit Schwung um die Kurve und krachte auf seinen mit Pampers verbundenen Hintern. Lachend ging ich zu ihm, nahm ihn an die Hand. Er sah mich an.

„Wir jetzt bilen?“

„Ja, das habe ich dir versprochen“, sagte ich und tätschelte seinen Kopf. In Windeseile rannten wir die Treppen nach oben in sein Zimmer.

„Macht langsam Kinder, sonst stürzt noch jemand die Treppen hinunter!“, rief Mutter uns hinterher.

„Los, wir schnappen uns deine kleine Matratze und legen sie auf meine große Bettdecke. Bin gleich wieder da.“

 

Schnell holte ich meine Decke vom Bett aus meinem Zimmer, breitete sie auf dem Fußboden aus, legte zusammen mit meinem Bruder die kleine Matratze darauf und zogen sie mit aller Kraft hinaus in den Flur. Vor den Treppen hielten wir an.

„Los, setz dich drauf. Ich zieh dich die Treppen runter, aber du musst dich gut festhalten!“, forderte ich ihn auf.

Mittig platziert saß er nun auf seiner Matratze. Den hinteren Teil meiner Decke drückte ich ihm in den Rücken, damit er nicht rückwärts herunterfiel und sich gar noch den Kopf aufschlug. Drückte mich der Wand entlang vorbei und stellte mich auf die erste Stufe von ganz oben, packte die vorderen Enden der Decke und fing an ihn zu ziehen. Eins, zwei, drei, vier, fünf ... ziemlich anstrengend, aber er hatte Freude. Bei jeder Stufe rüttelte es ihn durch und er wackelte und lachte mit Schnuller im Mund und seine weißblonden Locken wippten hin und her. Im ersten Stockwerk angekommen, schlug ich ihm vor:

„Komm, wir machen das anders, dann wird das viel lustiger.“

Ich trug die Sachen geschwind nach oben, Luca stapfte Stufe für Stufe hinterher, wie es ein Zweijähriger eben konnte. Die Matratze lud ich im Zimmer ab und die Decke vor die Treppe. Er setzte sich wieder und diesmal war es leichter, zu ziehen. So zog ich ihn nochmals hinunter und es rüttelte ihn umso mehr. Sein Lachen wurde so enorm, dass er seinen Schnuller aus dem Mund verlor und ihm Tränen in die Augen stiegen. Zum Glück hatte er Pampers an, sonst hätte es ihm vermutlich nicht so sehr gefallen. Das Ganze haben wir ein paar Mal gemacht, bis es an der Tür klingelte.

 

„Schnell komm Luca, wir tragen die Sachen hoch und verstecken uns in deinem Geheimversteck im Zimmer.“

Außer Atem kamen wir oben an, ich etwas eher als er, so packte ich die Decke und schmiss sie auf mein Bett, lief zurück, um meinen Bruder an die Hand zu nehmen, und dann verschwanden wir gemeinsam in seinem Zimmer.

Rechts stand sein Kleiderschrank, links waren zwei Fenster, darunter stand das Bett. Wenn man zur Tür hereinkam, konnte man nur nach rechts gehen. Es war kleiner und enger als mein Zimmer, hatte aber einen Geheimraum; dazu musste man noch einmal rechts herum gehen, direkt unter die Dachschräge. Stehen konnte ich dort nicht, aber das machte nichts, so war es viel mysteriöser. Wir krabbelten nach ganz hinten, stapelten vor uns alle Kissen und Kuscheltiere und versteckten uns, solange es ging. Mama rief schon zum dritten Mal, nun sollten wir besser nach unten gehen, um mir nicht doch noch Ärger einzuhandeln. Luca nahm mich an der Hand und versuchte im gleichen Tempo mit mir zu kommen. Seine kleinen Beine streckten sich, soweit es ging auseinander, dass es aussah, als wolle er einen Spagat üben.

„Wir kommen schon!“, rief ich nach unten und tauchten auch kurz darauf im Wohnzimmer auf.

Da saßen sie, wie die Hühner auf einer Stange auf dem Sofa, und warteten darauf, dass wir kamen. Beide Jungs, der eine größer der andere kleiner, saßen da und langweilten sich. Wir begrüßten zuerst Cecilia und anschließend Richie und Joseph. Wir drei Großen mussten nach oben gehen, damit sich unsere Eltern mal wieder in Ruhe unterhalten konnten. Ehrlich gesagt wollte ich auch überhaupt nicht wissen, um was es da bei ihren Gesprächen ging. Also liefen wir nach oben und Luca blieb unten, spielte wieder brumm, brumm, brumm und fuhr seine kleinen Autos gegen den Schrank.

 

In meinem Zimmer sprachen wir darüber, mit was wir uns die Zeit vertreiben könnten, auch wenn ich so gar keine Lust hatte, mit den beiden etwas zu unternehmen. So fingen wir an, Indianer zu spielen. Ja, ich das kleine Mädchen, mochte solche Spiele gern. Zumal folgende Geschichte für immer in meinem Gedächtnis bleiben sollte, wie ich feststellte.

Mittig im Zimmer stellten wir uns vor, dort sei ein Marterpfahl. Unsichtbar natürlich. Früher war alles noch so voller Fantasie, wenn Kinder spielten. Vor dem Marterpfahl stand ein Eimer, in den wir Bücher luden und so taten, als wäre dies das Feuer der Opfergabe. Joseph meinte wieder alles besser zu wissen, wollte, dass alles nach seiner Pfeife tanzte und Richie, sein kleiner Bruder, hielt natürlich zu ihm. Wie sollte es auch anders sein? Allerdings wusste ich sehr genau mich durchzusetzen, ging aber gelegentlich auch Kompromisse ein. So waren die beiden jene Eindringlinge, welche ich als Indianeroberhaupt für die Opfergabe schnappte und fesselte. Rücken an Rücken stellte ich sie auf.

„Kopf gerade, ihr seid jetzt schon am Marterpfahl gebunden. Weglaufen ist unfair“, sagte ich, ging zum Schrank, kramte aus meinen Schubladen den Gürtel meines flauschigen weißen Bademantels, ging zurück und band die beiden an Händen und ihrem Hals fest zusammen, Rücken an Rücken stehend.

Dass es zu fest war, war mir nicht ganz bewusst, aber ich lachte, als ich sah, dass sie bereits nach ein paar Minuten rot im Gesicht anliefen. Ich ging auf sie zu und versuchte den Dreifachknoten zu lösen, allerdings gelang es mir nicht und somit bekam ich dann doch etwas Panik. Nach unten gehen konnte ich nicht, ich wusste, ich würde riesigen Ärger bekommen. Also versuchte ich weiter mein Glück, als plötzlich die Tür aufsprang und Cecilia schockiert herbeieilte. Eltern sind nicht dumm. Wenn man lange Zeit zu leise war, war und ist, ist es heute immer noch ein Zeichen, dass etwas im Busch ist. Sie konnte nun mit aller Kraft die starken Knoten lösen und die Jungs befreien. Ich musste mir ein Kichern verkneifen und versuchte, ernst zu sein. Verdient hätten sie es ja, dachte ich.

 

Sie stellte uns alle drei der Reihe nach auf und fing an Ohrfeigen auszuteilen. Das war das Schöne. Selbst, wenn nur ich etwas angestellt hatte, bekamen sie gleich noch etwas davon ab. Anders herum war es dann allerdings nicht mehr so schön. Zumindest war es da das letzte Mal, dass ich mit ihnen spielen musste. Als sie gingen, bekam ich noch zusätzlich von meiner Mutter eine schallende Ohrfeige.

„Was fällt dir ein, so eine Dummheit zu machen? Wirst du überhaupt nicht schlauer?“

Zurecht muss ich sagen, denn es war fahrlässig und zugleich eine Dummheit dies zu tun.

Kapitel 2

 

Den Rest des Tages, der ja ohnehin nicht mehr sonderlich viel bot, lungerte ich wieder in meinem Zimmer herum. Schmiss mich auf mein Bett. Fernseher an, aus, an, aus, an, aus, ... so ging das eine ganze Weile, während ich bei jedem Einschalten, einen anderen Sender wählte, irgendwann blieb ich bei einem Musiksender hängen, stellte mich in den Raum mit einem Stift zum Mund geführt und begann zu singen und tanzen. Immer wieder hopste ich vom Stand in den Spagat. Ich liebte es, so beweglich sein zu können, und musste das für mich auch andauernd vorführen. Da war das eine oder andere Kind schon etwas neidisch und das gefiel mir. Immerhin konnte ich ja sonst nichts und war ein Nichts. Etwas außer Atem ging ich ins Badezimmer und wollte mich gerade fertigmachen, um Schlafen gehen zu können. Mein Zahn wackelte gewaltig und tat ziemlich weh. Vor dem Spiegel versuchte ich zu erkennen, welcher Zahn das sein sollte, und versuchte daran zu wackeln und zu ziehen, aber er war anscheinend noch viel zu fest und ich hatte Angst, dass es schmerzt. In dem Moment kam meine Mutter in das Bad und fragte:

„Bist du dann endlich so weit? Du musst morgen früh raus.“

„Ja Mama, mein Zahn tut weh und ich kann ihn nicht ziehen.“

So geriet das Gespräch dann in eine Diskussion.

„Lass den Zahn gut sein und sehe zu, dass du fertig wirst.“

„Aber er tut weh!“

„Das ist mir gerade vollkommen egal, mach dich endlich fertig.“

Als ich bockig vom Spiegel wegtrat und noch etwas erwidern wollte, holte sie einmal kräftig aus, klatschte mir das Handtuch ins Gesicht und der Zahn fiel im hohen Bogen zu Boden. Da hätte ich ihn mir lieber selbst ziehen können, dachte ich weinend auf dem Boden sitzend. Sie ging zur Tür und wollte gehen, da drehte sie sich noch einmal zu mir um.

„Nun hast du ihn raus, mach dich fertig“, fauchte sie mich an und verschwand.

 

Weinend suchte ich nach meinem Zahn, ging zum Waschbecken und fing an, mich fertigzumachen. Schön gereinigt legte ich den Zahn dann unter mein Kopfkissen. Richtete die Decke ordentlich hin, schlüpfte darunter, zog sie bis halb über meinen Kopf und drehte mich zur Seite. Einige Zeit danach kam meine Mutter weinend in mein Zimmer. Ich blickte sie an und sie nahm mich in den Arm, sagte mir, es würde ihr leidtun und sie hätte mich lieb. In dem Moment war es für mich wieder gut. Endlich eine Umarmung. Endlich. So etwas kam viel zu selten vor, meistens musste erst etwas passieren.

 

Am nächsten Tag ging ich wie gewohnt in die Schule und überstand den Tag. Zumindest lenkte es etwas von allem ab. Doch mit jeder schlechten Note, die ich nach Hause brachte, wurde mir schlecht. Ich konnte mir einfach nichts merken. Mein Kopf war viel zu voll, sodass mir einfache Fragen zu schwer erschienen und ich selbst diese nicht richtig verstanden hatte. Gedanken um alles Mögliche.

 

Bereits in diesem Alter zeichnete es mich aus, ein Denker zu sein, eher verschlossen und allein. Natürlich machte ich auch Scherze mit, die kaum einer lustig fand, aber das störte mich nicht, solange ich darüber lachen konnte.

 

Nach einem anstrengenden, langen Tag in der Schule ging ich nach Hause. Im Kopf ging ich schon einmal durch, was mich heute wohl erwarten würde, wenn ich ankam. War mein Vater nun wieder zu Hause, oder traf ich nur meine Mutter an? Ich konnte mir so vieles Ausdenken und Ausmalen, wie ich wollte, im Endeffekt zählte ja nur, was auf mich zukam. Also ging ich den ganzen langen Weg durch unseren Ort. Meistens nahm ich den Weg hinten herum, manchmal auch vorne, aber heute war mir der längere Weg einfach lieber. So schlenderte ich, mit meiner schweren Schultasche auf dem Rücken, den Weg entlang der Donau, machte einen kurzen Stopp am Spielplatz. Noch kurz schaukeln, etwas trinken und schnell mein Pausenbrot entsorgen, damit niemand bemerkt, dass ich nichts gegessen hatte, sonst gäbe es wieder nur Theater und Hunger hatte ich einfach keinen.

 

Allmählich ging ich dann weiter, an der Feuerwehr vorbei, und kam letzten Endes zehn Minuten später zu Hause an. Meine Mutter öffnete mir die Tür und gab mir mit einer Kopf- und Handbewegung zu verstehen, ich solle mich beeilen, durch die Tür zu kommen. So eilte ich in den Flur, stellte leise die Tasche ab, streifte Jacke und Schuhe von meinem Körper und schon hörte ich Schritte von oben nach unten kommen. Ich beeilte mich, meine Sachen an Ort und Stelle zu bringen, und huschte mit meinem Schulranzen durch die Küche ins Wohnzimmer, packte meine Sachen aus und begann auch schon Hausaufgaben zu machen.