Zersplitterte Seele

 

 

 

Laura Adrian

 

 

Zersplitterte Seele

 

 

 

Roman

 

 

 

Alle Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist rein zufällig. Original Ausgabe erschienen im Mai 2018 bei Merlins Bookshop.

 

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Korrektorat & Lektorat: Klarissa Klein, www.klarissa-klein.com

Verlag: Merlins Bookshop, Inh. Dietmar Noss, Waldstr. 22, 65626 Birlenbach

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Katarzyna Białasiewicz via 123rf.com

 

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Inhaltsverzeichnis

 

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 1

 

„Lisaaa!“, der wütende Schrei von Frau Hummel hallte von der Dienstwohnung im Erdgeschoss durch das gesamte Haus. Über zwei Stockwerke hinweg spürte man den Zorn der Heimleitung.

Normalerweise war es nicht Frau Hummels Art zu schreien, in ihrem Studium und nach über zwanzig Jahren Diensterfahrung hatte sie gelernt ruhig zu bleiben, aber diese Klientin kostete sie den letzten Nerv! Lisa lebte erst seit drei Wochen in der betreuten Einrichtung und hatte sich schon mehr Tadel geleistet, als die restlichen elf Jugendlichen zusammen. Bereits nach der ersten Woche wurde sie von der Polizei bei einem Ladendiebstahl aufgegriffen. Eine Woche später prügelte sie sich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft – der Grund hierfür war immer noch unklar – und jetzt das! Kein Wunder, dass das Mädchen bereits aus zahlreichen anderen Heimen, Wohngruppen und Pflegefamilien geworfen wurde. Niemand traute sich mehr zu, die 16-Jährige zu bändigen.

 

Aufgebracht streifte sich Frau Hummel mit ihrer rechten Hand durch ihr halblanges, bereits an einigen Stellen deutlich ergrautes Haar. Sie konnte es kaum fassen, was in dem Schreiben, das von Lisas Schule stammte und nun vor ihr lag, zu lesen war. Bis heute glaubte sie immer daran, dass die Jugendlichen lediglich eine feste Bezugsperson und Fürsorge benötigten, um wieder einen Halt im Leben zu finden. Die meisten von ihnen besaßen keine leichte Vergangenheit und waren nicht umsonst in einem Heim gelandet. Vielen hatten ihre Eltern schon in frühen Jahren verloren oder durchlebten Gewalt in der Familie. Kannte man ihre Vorgeschichten, konnte man die meisten Verhaltensweisen nachvollziehen. Bei manchen Akten lief es selbst ihr als erfahrene Heimleitung eiskalt den Rücken hinunter. Es war grausam, welch schreckliche Dinge einige ihrer Schützlinge schon in ihrem kurzen Leben durchmachen mussten.

In ihrem Haus nahm sie gerne sogenannte „schwere Fälle“ auf, die aus anderen Einrichtungen oder Familien geworfen wurden, weil sie sich nicht integrieren konnten, beziehungsweise wollten, oder sich zu drastische Vergehen geleistet hatten. Und ja, natürlich gab es in der Anfangszeit häufig Probleme und kleineren oder größeren Kummer, doch im Normalfall legte sich das recht schnell. Sobald die Neuankömmlinge spürten, dass sie an diesem Ort willkommen waren, und die Mitarbeiter des Hauses niemanden voreilig aufgaben, begannen sie aufzutauen. Die meisten von ihnen besaßen zwar eine harte Schale, aber der Kern in ihnen zeigte sich weich und verletzlich. Sie seufzte. Hatte sie sich in Lisa getäuscht? Zaghaft bewegte sie den Kopf von rechts nach links, nein, diesen Gedanken musste sie abschütteln. Es gab keine Jugendlichen, die von Grund auf böse waren. Jedes Verhalten, das die Mädchen und Jungen an den Tag legten, spiegelte etwas aus ihrer Vergangenheit wieder. Lisa benötigte noch Zeit, um anzukommen.

Frau Hummel lehnte sich auf ihrem schwarzen Bürostuhl zurück, schloss die Augenlider und atmete zweimal tief ein und aus. Sie musste ruhig bleiben und das Gespräch mit ihr suchen. Auch wenn es nicht einfach werden würde, wollte sie dem Mädchen noch eine Chance geben. In ihren Gedanken glaubte sie fest daran, dass Lisa sich nicht mit Absicht so verhielt.

 

Nachdem sie spürte, dass das unangenehme Brodeln in ihr, dass durch das Schreiben der Schule ausgelöst wurde, verschwand, stand sie schwungvoll auf, griff nach dem Blatt Papier und verließ das Büro. Im Treppenhaus traf sie auf Herrn Moosbach, einen ihrer Mitarbeiter, der gerade drei Klienten aus der Schule abgeholt hatte. Sie grüßte ihn und die Jugendlichen und wollte im Anschluss ihren Weg direkt weiter fortsetzen, doch Herr Moosbach deutet ihr kurz zu warten. „Ich muss mit dir reden. Cindy hat sich zum wiederholten Male über Lisa beschwert ...“, begann er. „Sie würde ihre Sachen, ohne nachzufragen, mitbenutzen, in der Wohnung rauchen und ihr damit drohen, dass sie sie schlägt, wenn sie etwas an das Personal petzt.“

Frau Hummel atmete laut hörbar aus. Auf diese Nachricht hätte sie gut und gerne verzichten können. Cindy war die Mitbewohnerin von Lisa. In der Einrichtung teilten sich immer zwei bis maximal vier Jugendliche ein kleines Apartment mit Küche, Bad, einem Wohnzimmer und je nach Anzahl der Bewohner zwei bis vier Klienten-Zimmern. Diese Besonderheit gab es nicht in jeder Einrichtung. Die meisten Häuser besaßen lediglich ein bis zwei Aufenthaltsräume für alle Jugendlichen und zum Teil gab es dort noch nicht mal Einzelzimmer, sondern ausschließlich Doppelzimmer. Die Privatsphäre war in solchen Gruppen dementsprechend deutlich mehr eingeschränkt als hier. Die Jugendlichen besaßen durch die unterschiedlichen Wohnungen mehr Freiraum und Privatleben. Das wirkte sich auf die meisten von ihnen positiv aus und ersparte so manche Eskalationen. Man durfte schließlich nicht vergessen, dass ein Großteil der Bewohner zu aggressivem Verhalten in Stresssituationen neigten oder in großen Menschengruppen nicht zurechtkamen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen musste bereits aufgrund nicht tolerierbarem Verhaltens aus anderen Einrichtungen genommen werden. Doch natürlich boten die Kleingruppen auch negative Aspekte. Was sich hinter den Türen der Apartments abspielte, konnte vom Personal nicht immer und zu jeder Zeit kontrolliert werden. Mehr Freiraum bedeutete dementsprechend auch mehr Eigenverantwortung.

Selbstverständlich wurden die Jugendlichen nicht sich selbst überlassen; Tag und Nacht waren mindestens zwei Betreuer in der Dienstwohnung im Erdgeschoss anwesend, die sich kümmerten. Es gab täglich drei gemeinsame Mahlzeiten in der Gruppenwohnung im ersten Stock, regelmäßige Gruppenangebote, Ausflüge, Einzelgespräche und Gruppengespräche. Termine mussten mit den Betreuern abgesprochen werden, genauso wie Ausgehzeiten ... Bis darauf, dass die Jugendlichen in Apartments untergebracht waren und nicht in einem langen Flur Zimmer an Zimmer wohnten, unterschieden sich die Regeln und die Betreuungsweise kaum von denen anderer Wohngruppen. Allerdings ist es, wie erwähnt, leichter zu überblicken, was die Bewohner in ihren Privatbereich fabrizieren, wenn sie alle auf einer Etage wohnen und nicht in einzelnen Wohnungen, die auf zwei Stockwerken verteilt liegen. Kleinerer Streitereien untereinander fielen deswegen leider weniger schnell auf und auch Regelverstöße wie zum Beispiel das Rauchen in den Räumlichkeiten, Alkohol- beziehungsweise Drogenkonsum konnten ebenfalls nicht jedes Mal sofort entdeckt werden.

„Ich kümmere mich darum. Doch zuerst muss ich mit ihr über das Schreiben, das heute von der Schule gekommen ist, reden.“ Herr Moosbach lachte gekünstelt. „Sie lässt aber auch nichts aus. Hat sie geschwänzt?“ „Nein, wenn es nur das wäre, wäre ich froh!“ Sie überreichte ihm das Papier, das sie in der Hand hielt, und ließ ihn lesen. Sein Blick wanderte über die geschriebenen Zeilen und Entrüstung zeichnete sich in seiner Mimik wieder. Geschockt reichte er seiner Vorgesetzten das Schreiben zurück. „Ich weiß jetzt nicht, was ich dazu sagen soll“, suchte er nach den richtigen Worten. „Lisa zählt definitiv nicht zu den einfachsten Menschen, aber das hätte ich ihr nicht zugetraut! Weißt du den Grund, weshalb sie sich so verhalten hat?“ „Nein. Noch nicht. Ich hoffe jedoch, dass sie mir einen guten Grund nennen kann. Einen Lehrer anzuspucken überschreitet schließlich jede Grenze! Das ist ein absolutes No-Go, gleichgültig, was vorgefallen ist. Es gibt keinen Anlass, der solch ein Verhalten rechtfertigt.“ Herr Moosbach nickte zustimmend.

Als er das erste Mal Lisas Akte vom Jugendamt überflog, fühlte er noch Mitleid und dachte, welch ein armes Mädchen sie sei. Sechzehn Jahre jung, seit vier Jahren Vollwaise und keine Verwandte, die sich um sie kümmern könnten. Seitdem wurde in zahlreichen Einrichtungen deutschlandweit herumgereicht. Ein Psychologe diagnostizierte vor zwei Jahren bei ihr Depressionen und hin und wieder waren in ihrer Akte Schnittverletzungen vermerkt, deren Ursache unklar war. Vermutlich hatte sie sich diese selbst zugefügt, da sie mit ihrem inneren Schmerz nicht anders umzugehen wusste. Einmal war sie deshalb sogar stationär in einer psychiatrischen Klinik, weil das Personal vom Jugendamt sie als eigengefährdet einstufte. Sie wurde nach einer Party mit angeschnittenen Pulsadern gefunden. Einen Tag später behauptete sie vor dem behandelnden Therapeuten dann, dass sie sich nicht umbringen wollte und nicht wüsste, woher die Schnitte an ihrem Handgelenk kämen. Sie schien kaum noch Halt im Leben zu besitzen und alles dafür zu tun, um noch weiter abzustürzen. Lisa stellte für ihn eine klassische Klientin dar, die das Vertrauen in sich selbst und die Welt verloren hatte, doch er war davon überzeugt, dass sie kein verkehrter Mensch war. Er glaubte fest daran, dass sie sich fangen würde, sobald sie sich eingelebt hätte. Eigentlich. Zumindest tat er das in den ersten Tagen. Doch dieser Glaube bröckelte zunehmend weiter. Sein Mitgefühl verflog von Tag zu Tag mehr und stattdessen machte sich Ratlosigkeit breit. Merkte dieses Mädchen nicht, dass sie mit Vollgas auf eine Wand zusteuerte?

 

Nachdem Frau Hummel ihren Weg weiter in Richtung des Apartments, in dem Lisa wohnte, fortsetzte, blieb er noch einige Sekunden stehen und starrte nachdenklich gegen die Wand. Irgendwie musste man ihr doch helfen können. Es konnte nicht sein, dass sie auch hier in dieser Einrichtung ihre Chance auf ein festes Zuhause verspielte.

 

Kapitel 2

Erwartungsvoll klopfte die Heimleitung an die hölzerne Wohnungstür. Es machte sie extrem wütend und traurig, wie Lisa sich derzeit aufführte. Trotzdem – oder auch gerade deswegen – zwang sie sich dazu, ruhig zu bleiben und aufkochende Emotionen in ihrem Innern verborgen zu halten.

Als nach einigen Sekunden immer noch keine Schritte hinter der Tür zu hören waren, griff sie nach ihrem Schlüsselbund, suchte den Universalschlüssel, mit dem sie in jedes Apartment hereinkam, klopft nochmals, dieses Mal energischer, an und schloss parallel dazu auf. Bereits im vorderen Flurbereich drang ihr der Geruch von kaltem Zigarettenrauch in die Nase. Anspannung breitete sich in ihr aus. Sie wusste, dass es pädagogisch absolut nicht wertvoll war und leider auch verboten, aber diesem Moment wünschte sie sich kurzzeitig, dem Mädchen eine Ohrfeige geben zu dürfen. Nicht, weil sie ein Verfechter der Prügelstrafe war, sondern weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Kein Wunder, dass bereits so viele Einrichtungen sagen mussten, dass sie keine Basis einer vernünftigen Zusammenarbeit zu dem Mädchen fanden, dass sie emotional zu negativ gestimmt, und somit am Ende ihres Fachwissens seien.

Im Slalom kämpfte sie sich weiter in Richtung Zimmertür. Der Flur der Mädchen-WG glich einem Schlachtfeld. Schuhe, Handtaschen, Jacken und sogar ein Staubsauger lagen mitten im Weg. Von wegen Mädchen wären ordentlicher als Jungs, diese These wurde hier eindeutig widerlegt!

Lisas Zimmer befand sich am hinteren Ende des Flurs, der L-förmig verlief. Dabei kam Frau Hummel an dem Wohnzimmer vorbei, in dem ebenfalls das Chaos regierte, dem Bad, aus dem es noch mehr nach Rauch roch, der Küche, in der die Küchenzeile unter unzähligen schmutzigen Tellern begraben war und Cindys Zimmer, bei dem die Tür verschlossen war. Auch bei Lisas Privatraum war die Tür zu.

Selbstsicher klopfte sie und wartete, dass sie hereingebeten wurde. Doch nichts geschah. Keine Reaktion. Das stellte allerdings keine unübliche Verhaltensweise dar. Viele Bewohner reagierten nicht, wenn sie wussten, dass es sich um einen Betreuer handelte. Sie versuchten damit, Gesprächen zu vermeiden und sich vor unangenehmen Dingen zu drücken. Obwohl diese Taktik nie erfolgreich verlief, versuchten es die Klienten immer wieder. Ohne zu zögern, betätigte sie deshalb ohne Genehmigung die Türklinke und betrat den Raum.

Lisa saß mit angewinkelten Beinen auf ihrem Bett, das an der gegenüberliegenden Wand zur Tür stand. Über ihren Ohren trug sie schwarze Kopfhörer, die mit ihrem Handy verbunden waren. Ihr Gesicht wirkte blass und das dunkle Make-up, das sie täglich trug, sah leicht verlaufen aus. Ihre Haltung drückte Ablehnung aus. Frau Hummel zwang sich zu einem Lächeln und versuchte, ein Gespräch zu beginnen. „Ich hatte mehrfach geklopft, aber du hattest nicht reagiert, deshalb bin ich einfach hereingekommen.“ Lisa schien sich jedoch nicht beeindrucken zu lassen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte kühl und ihr Blick teilnahmslos.

Irritiert schaute sich Frau Hummel in den vier Wänden um. Sie hatte fest damit gerechnet, dass es hier ebenfalls unordentlich aussehen würde, doch die Erscheinung des Zimmers war anders. Es lag nichts herum, der Boden war aufgeräumt, selbst auf dem Schreibtisch lagen nur ein Laptop und mehrere Ladekabel. Die Wände waren nicht beklebt oder dekoriert ... Normalerweise war das eines der ersten Dinge, die neue Klienten taten: Sie richteten ihr Zimmer ein, hängten Bilder auf, Postkarten oder Briefe, die ihnen etwas bedeuteten, doch hier war nichts von all dem zu sehen. Lediglich ein großer Rollkoffer, ein Rucksack und eine Reisetasche standen in der Ecke neben dem Kleiderschrank. Entweder war Lisa eine akribische Ordnungsfanatikerin, die alles sofort in Schränken und Schubladen verstaute, oder sie hatte noch gar nicht damit begonnen überhaupt irgendetwas auszuräumen.

„Ich möchte gerne mit dir sprechen“, startete sie einen zweiten Anlauf. Doch von der Klientin kam weiterhin keine Antwort. „Darf ich mich setzen?“ Mit einem wütenden Funkeln in den Augen signalisierte Lisa ihr, dass es ihr nicht recht war, dass sie sich in ihrem Zimmer befand, doch darauf konnte sie derzeit keine Rücksicht nehmen. Sie nahm sich den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand, und platzierte ihn so, dass sie ihr direkt gegenübersitzen konnte. „Nimmst du bitte die Kopfhörer von den Ohren?“

Wie zu erwarten, reagierte Lisa auch auf diese Aufforderung nicht. Doch die Heimleitung war nicht doof. Während sie den Stuhl abstellte und sich hinsetzte, musterte sie das Mädchen. Dabei fiel ihr Blick auf das Handy, das mit den Kopfhörern verbunden war. Dort wurde angezeigt, dass die Musik auf Pause stand. Das hieß, auch wenn Lisa so tat, als würde sie sie nicht hören, konnte sie sie sehr wohl verstehen. „Wenn du mir nicht zuhörst, werde ich jetzt ein Selbstgespräch führen“, probierte sie einen dritten Annäherungsversuch. „Ich denke, du weißt, wieso ich hier bin. Ich habe einen Brief von deiner Schule erhalten und um ehrlich zu sein, hat mich dieser ziemlich geschockt.“ Demonstrativ bewegte sie die Blätter in der Hand. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es macht mich sprachlos, traurig und wütend zugleich. Wie kann man nur auf solche eine Idee kommen?“ Während sie sprach, beobachtete sie Lisas Mimik, die sich minimal veränderte. Sie schien ihr tatsächlich zuzuhören. „Willst du lesen, was in dem Schreiben steht, oder kannst du es dir denken?“ Genervt zog Lisa die Augenbrauen nach oben und ihre Knie näher an ihren Oberkörper. So eiskalt, wie das Mädchen nach außen hintat, schien sie offensichtlich nicht zu sein. Die Situation war ihr unangenehm. „Sehr geehrte Frau Hummel“, begann die Heimleitung die Zeilen vorzulesen. „Bedauerlicherweise muss ich Ihnen mitteilen, dass ihre Klientin Lisa Brüser zum wiederholten Male im Unterricht negativ aufgefallen ist. Sie streitet sich mit ihren Mitschülern, erscheint dauerhaft unpünktlich, weist erhebliche Lücken im Lernstoff auf und stört gezielt den Unterrichtsverlauf mit vorlauten Bemerkungen. Besonders auffällig zeigte sich ihr Verhalten während der letzten Mathematikstunde am Dienstag den 13. April. An dem besagten Tag bekamen die Schüler der Klasse die Ergebnisse der vorangegangenen Mathematikklausur mitgeteilt. Laut Aussage von Herrn Müller soll er mit Lisa nach der Notenbekanntgabe ein Gespräch unter vier Augen mit ihr vor der Tür des Klassensaales gesucht haben, um über das Ergebnis und mögliche Unterstützungsmethoden zu sprechen. Dort sei die besagte Schülerin ohne ersichtlichen Grund wütend geworden, hätte ihn angespuckt und wäre anschließend aus dem Schulgebäude gerannt. Aufgrund dieses Vorfalls, der davor bereits bestehenden Problematik und der seit Dienstag konstanten Abwesenheit der Schülerin erbitte ich mir als Schulleitung ein klärendes Gespräch zwischen allen Parteien.“

Während sie das Schreiben vorlas, beobachtete Frau Hummel aufmerksam jede Gesichtsregung bei ihrer Klientin. Lisa schien ihr zuzuhören. Ihr Kiefer verkrampfte sich und die Augenpartie zog sich leicht zusammen, allerdings blieb sie weiterhin stumm. „Was sagst du dazu?“, forderte sie Lisa zu einer Antwort auf. Wenn Blicke töten könnten, würde die Heimleitung nun tot am Boden liegen.

Lisa kämpfte. Sie kämpfte gegen die Wut in sich an, gegen den Hass, gegen Erinnerungen und gegen Verzweiflung. Sie spürte, wie sich ihre Kehle zuzog. Wieso konnten diese doofen Erwachsenen sie nicht in Ruhe lassen? Ständig reden, Gespräche und die Frage „was sagst du dazu?“ Als ob ihre Meinung hier überhaupt irgendwen interessierte! Nervös begann sie mit ihren Fingern am Kabel der Kopfhörer herumzuspielen. Sie knickte es und drückte ihre Fingernägel in die schwarze Gummiummantelung. Immer fester und fester.

„Lisa, ich denke nicht, dass das Kabel etwas dafür kann“, unterbrach Frau Hummel sie, die weiterhin auf eine Rechtfertigung wartete. Sie konnte und wollte sich mit dem Schweigen nicht abfinden. Irgendeinen Grund musste es für das bockige Verhalten der Schülerin geben. „Ich will dir helfen, aber das kann ich nicht, wenn du nicht mit mir sprichst.“

„Boa! Ich will aber nicht reden!“ Ursprünglich hatte sie vor, das gesamte Gespräch über zu schweigen. Kein Wort zu sagen war meistens die schnellste und einfachste Methode nervige Unterhaltungen zu beenden, doch diese doofe Heimleiterin schien leider zu hartnäckig zu sein. Sie konnte ihre Wut nicht länger in sich behalten. „Mir ist nicht mehr zu helfen. Mir kann niemand helfen! Und dieser doofe Mathelehrer hat es verdient! Genauso wie es meine Mitschüler verdient haben und jeder andere auf dieser Welt auch!“ Zornig riss sie die Kopfhörer von ihren Ohren. In ihren Augen sammelten sich Tränen, die sie zwanghaft versuchte zurückzuhalten. Niemand sollte sie weinen sehen. „Anhand deiner Reaktion merke ich, dass du mir offensichtlich doch zugehört hast“, entgegnete Frau Hummel nüchtern. „Und anhand der Lautstärke erkenne ich, dass du ziemlich wütend sein musst.“ „Einen Scheiß bin ich! Haben Sie solche doofen Aussagen an der Uni gelernt? Nur, weil Sie studiert haben, bedeutet das nicht, dass Sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben!“ „Können wir bitte auf einer sachlichen Ebene miteinander kommunizieren?“ „Wer sagt, dass ich mich mit Ihnen unterhalten möchte?“ Seufzen. Provokante Blicke von der Klientin und Ratlosigkeit auf der Seite der Heimleitung. „Bitte Lisa ...“ „Faszinierend, wie Sie jetzt auf Knien nach einem Gespräch betteln.“

Es stellte jedes Mal dasselbe dar. In jeder Einrichtung, in der sie bis jetzt untergebracht war, versuchten die Betreuer sie zu bekehren. Lisa, du musst freundlich sein, strenge dich an, du wirfst dein Leben weg, etc. Langsam konnte sie schon ein ganzes Buch mit diesen Aussagen füllen. Zuerst wurde so getan, als wären alle superfreundlich, dann wurde das Gespräch gesucht, als dritte Stufe gab es Sanktionen, als Viertes kam das „bitte, bitte, reiß dich zusammen“ und als letzte Stufe wurde das Jugendamt benachrichtigt und sie wurde erneut in eine neue Einrichtung verbracht. Dieses Spiel fand mittlerweile schon über drei Jahre statt. Lediglich in ihrer ersten Wohngruppe hielt sie es fast ein Jahr aus. Danach waren es nur noch Monate oder zum Teil sogar Wochen, bis sie weitergeschoben wurde. „Ich krieche nicht auf Knien bei dir an und ich werde auch nicht betteln. Mein Ziel ist es, mit dir die Gründe zu erkunden, wieso du dich so verhältst. Ich möchte dich verstehen“, probierte Frau Hummel das Thema wieder zurück in die ursprüngliche Richtung zu leiten. „Wieso wollen Sie das? Weil Sie dafür bezahlt werden? Oder weil Sie Angst haben, dass es keinen guten Eindruck macht, wenn Sie das Jugendamt anrufen und denen mitteilen, dass auch Sie nicht dazu in der Lage sind, mich auf den richtigen Weg zurückzubringen?“

Langsam versiegten die Tränen in ihren Augen und sie begann Spaß daran zu entwickeln die Leitung auflaufen zu lassen. Sie wusste genau, wo sie hinzielen musste, damit ihre Worte trafen. „Was ist dein Ziel?“, provozierte Frau Hummel zurück. „Willst du wieder eine Einrichtung weitergeschoben werden? Möchtest du in ein paar Jahren auf der Straße landen? Macht es dich stolz, wenn Leute in dir einen hoffnungslosen Fall sehen? Vielleicht solltest du dir überlegen, wem du mit deinem Verhalten mehr schadest: den Menschen, zu denen du fies bist, die du beleidigst, auf die du einschlägst oder dir selbst?“

Stille. Die Äußerung hatte gesessen. Lisa schluckte. Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich dazu in der Lage fühlte, erneut kontra zu geben. Dieses Mal klang ihre Stimme allerdings nicht mehr so fest wie zuvor, sondern eher dünn und zerbrechlich. „Das ist doch gleichgültig. Es dauert nicht mehr lange, bis ich hier weg bin ... Meine Koffer brauche ich gar nicht erst auszupacken.“ „Wenn du das so siehst, finde ich das traurig. Ich hätte dir in diesem Haus gerne ein neues Zuhause geboten und dir eine Chance geben, aber nutzen … musst du sie.“ In ihrem Gesicht zeichneten sich inzwischen Sorgenfalten ab. „Ich hoffe, dass du noch mal in dich gehst und zu einer guten Entscheidung kommst. Morgen findet nach der zweiten großen Pause ein Gespräch in der Schule statt. Ich hoffe, dass du dich bei deinem Lehrer entschuldigst und nicht noch mehr Einfälle hast, wie man sich richtig unbeliebt macht. Ich fände es schade, wenn du dir auch hier wieder alle Möglichkeiten auf eine Zukunft verspielst. Langsam wird die Luft für dich dünn. Irgendwann ist die Endstation für dich eine geschlossene Jugendeinrichtung und ich denke nicht, dass du das möchtest.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Heimleitung. Eine längere Kommunikation machte aktuell keinen Sinn. Lisa mauerte. Sie ließ niemanden an sich heran, blockte ab und sorgte mit allen Mitteln dafür, dass ihr kein Mensch zu nahekam. Sicherlich gab es hierfür Gründe, aber solange sie diese nicht benannte, mussten alle vor der Mauer stehen bleiben und zusehen, wie sie mit einem Vorschlaghammer jeden, der ihre Unterstützung anbot, niederschlug. Dieses Verhalten war nicht abnormal für Jugendliche, die in einem Heim wohnten, durch einen Schicksalsschlag aus ihrem alten Leben gerissen wurden und nun einen neuen Platz finden mussten. Besonders solche Klienten wie Lisa, die ständig von A nach B geschoben wurden, weil sie überall aneckten, fassten sehr schwer Vertrauen, was auf gewisse Weise auch verständlich war. Wer in regelmäßigen Abständen mitgeteilt bekommt, dass er zu anstrengend und zu kompliziert sei und niemanden findet, der sich intensiv mit ihm beschäftigt, einen Blick hinter die harte Fassade wagt und sich die Zeit nimmt, eine engere Vertrauensbasis aufzubauen, wird eiskalt und stahlhart. Bis zu einem gewissen Grad konnte sie sich in das Mädchen hineinversetzen. Es war keine einfache Lage. Allerdings fehlte ihr das Verständnis dafür, dass Lisa weder sich noch der Wohngruppe überhaupt irgendeine Chance gab. Sie hatte sich selbst bereits so aufgegeben, dass sie es gefühlt darauf anlegte, schnellstmöglich weitergeschoben zu werden.

Mit einem leisen, verzweifelten Seufzen schloss Frau Hummel die Apartmenttür hinter sich. Ihrem Gesichtsausdruck sah man die Sorgen, die sie sich machte deutlich an. So konnte es nicht mehr lange weitergehen.

Im Mitarbeiterbüro angekommen setzte sie sich an ihren Schreibtisch und stützte ihren Kopf auf ihre Hände. „Wie soll ich diesem Mädchen bloß helfen?“

 

Kurz nachdem die Tür des Apartments ins Schloss fiel, brach Lisa in Tränen aus. Kalte, salzige Tropfen rollten über ihre Wangen und tropften an ihrem Kinn herunter. In ihr brodelten Anspannung und Wut. Aggressiv presste sie die Fingernägel der rechten Hand in ihren linken Unterarm. Der Schmerz, der dadurch ausgelöst wurde, hielt sie davon ab, zu explodieren. Sie fühlte sich wie eine Ladung Sprengstoff, die ohne Sicherung in der Gegend herumstand, mitten in einem brennenden Gebäude. Warum konnte sie nicht so sein wie andere? Wieso? Sie wollte das alles nicht. Sie wünschte sich ein richtiges Zuhause, Menschen, die sie akzeptierten, wie sie war, die ihr das Gefühl von Geborgenheit gaben, doch das Einzige, was sie jedes Mal erreichte, war innerhalb kürzester Zeit gehasst zu werden. Sie führte sich ekelig auf, wusste nicht wohin mit ihren vielen Gefühlen, ließ niemanden an sich heran und wer es doch wagte, sich in ihre Nähe zu begeben, wurde verletzt. Sie wünschte sich jemanden, der zu ihr stand, schickte jedoch jeden, der es wagte, auch nur ansatzweise an das Gute in ihr zu glauben, zum Mond. „Ich bin ein Monster ...“, schluchzte sie vor sich hin und krallte dabei ihre Fingernägel so tief in die Haut, dass es anfing zu bluten. Ihre dunkle Schminke unter den Augen verlief durch die Tränen und ihre Mundwinkel verzerrten sich durch die Verzweiflung. Vorwurfsvoll blickte sie aus dem Fenster in Richtung Himmel. „Warum? Warum tust du mir das an?“ Ihre Stimme glich einem Flehen. Nach außen hin tat Lisa stark. Sie spielte die Randaliererin, die sich gegen alles und jeden stellte, die sich laut zeigte, voller Aggressionen und Hass, doch in Wirklichkeit war sie ein kleines, verletztes Mädchen ...

Kapitel 3

„Hast du mit ihr geredet“, erkundigte sich Herr Moosbach, als er nach dem Abendessen in die Dienstwohnung kam. „Na ja, reden kann man das nicht nennen“, sagte Frau Hummel. Seitdem sie im Büro angekommen war, beschäftigte sie sich mit einem Eintrag in Lisas Akte. Nach wichtigen Gesprächen oder Vorfällen musste jedes Mal eine schriftliche Zusammenfassung des Ereignisses eingetragen werden, damit auch die Kollegen aus den nachfolgenden Diensten Bescheid wussten und auf den neusten Stand kamen. „Sie hat wie immer abgeblockt, sich desinteressiert gezeigt und getan als wäre ihr alles gleichgültig.“ „Hmmm. Beim Abendessen war sie ebenfalls nicht anwesend.“ „Das habe ich mir fast gedacht. Sie meidet den Kontakt zu jedem.“ „Ja, es ist verdammt schwer, an sie heranzukommen. Sie hat sogar noch nicht einmal ihre Koffer ausgepackt.“ „Ja, das hat sie mir auch erzählt. Sie möchte nicht auspacken, weil sie sowieso nicht sonderlich lange hierbleiben wird.“ Herr Moosbach nahm sich einen Stuhl und setzte sich seiner Chefin gegenüber an den Tisch. „Und wie geht es nun weiter?“

Herr Moosbach arbeitete mittlerweile seit vier Jahren in der betreuten Wohngruppe. Davor hatte er seine Ausbildung in einem geschlossenen Jugendwohnheim absolviert. Dort hatte er schon mehrfach Kontakt zu Jugendlichen, die es ihm nicht gerade einfach gemacht hatten, eine Kommunikation zu gestalten. Wer mit sogenannten „Problemjugendlichen“ arbeitet, weiß, dass nicht jeden Tag Friede-Freude-Eierkuchen herrscht. Es gibt fast täglich kleinere oder größere Schwierigkeiten. Zu sagen, dass man irgendwann abstumpft und sich daran gewöhnt, wäre falsch, denn das tut man nicht. Aber nach einer bestimmten Berufszeit wird man ruhiger und gelassener und die Definition des Wortes „schwierig“ verschiebt sich. Doch Lisa gehörte definitiv zu den Klienten, die man ohne Zweifel auch als berufserfahrener Mitarbeiter als „schwierig“ einstufen musste.

„Wenn ich ehrlich bin, ich weiß es nicht“, gab seine Chefin zu. „Ich bin ratlos.“ Hilfesuchend sah sie ihn an. „Ich bin echt ratlos. Ich weiß es nicht.“ Wiederholte sie, so als ob sie es selbst nicht glauben könnte. „Ich muss zugeben, dass ich derzeit der Meinung bin, dass wir ihr nicht das geben können, was sie benötigt. Sie braucht eine engere Überwachung, vielleicht sogar therapeutische Hilfe. Diesen Rahmen können wir hier nicht geben. Wir haben eine Sorgfaltspflicht ihr gegenüber und auch den anderen Jugendlichen. Das, was sie sich in den wenigen Wochen, die sie nun hier ist, geleistet hat, sprengt den Rahmen.“ Verständnisvoll nickte Herr Moosbach. Er konnte ihre Äußerungen nachvollziehen. „Morgen ist die Aussprache in der Schule. Ich hoffe, dass sie sich dort zusammenreißt. Wenn sie der Schule verwiesen wird, stehen wir vor einem weiteren Problem. Dann gibt es kaum noch Optionen. So leid es mir tut ... dann muss ich Kontakt zum Jugendamt aufnehmen.“ „Das wäre doof.“ „Ja, aber was soll ich anderes tun? Wir haben unser Bestes versucht. Ich kann nicht einen Mitarbeiter dazu einstellen, sich alleine darum zu kümmern, die Probleme, die sie verursacht wieder geradezubiegen.“ Herr Moosbach konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Zumal ein einziger Mitarbeiter dazu wahrscheinlich gar nicht ausreicht.“ Frau Hummel zwang sich ebenfalls zu einem ironischen Lächeln. „Ja, leider ja.“ „Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Warten wir morgen das Gespräch ab und schauen, was passiert. Ich hoffe, dass sie sich zusammenreißt und den Ernst der Lage begreift“, versuchte er seiner Vorgesetzten Mut zu machen. Ihr war die belastende Sachlage anzumerken. So nachdenklich hatte er sie bisher nur sehr selten gesehen. Normalerweise war sie eine lebensfrohe Natur, die durchweg das Positive, selbst in den negativsten Situationen, sah.

 

Die Nacht verlief äußerst unruhig. Nachdem sie eine Jogginghose und ein viel zu großes T-Shirt zum Schlafen angezogen hatte, legte sich Lisa in ihr Bett. Da sie komplette Dunkelheit nicht ausstehen konnte, ließ sie jede Nacht den Rollladen an dem Fenster offen, damit das Mondlicht hereinschien. Da heute Vollmond herrschte, war somit ihr Zimmer besonders hell ausgeleuchtet.

Unruhig wälzte sie sich von rechts nach links, knüllte ihr Kopfkissen zusammen, entfaltete es wieder und warf es anschließend komplett aus dem Bett. Ihre Gedanken waren so laut, dass ihr Körper kaum zur Ruhe kommen konnte. Sie fühlte sich alleine. Sie befand sich in einem Haus voller Menschen, keine fünf Meter von ihrem Zimmer entfernt schlief ihre Mitbewohnerin, zwei Stockwerke unter ihr befand sich das Personalzimmer, in dem eine Betreuerin Nachtwache hielt ..., aber dennoch kam sie sich verloren und allein gelassen vor. Sie gehörte nicht hierher. Sie passte nicht zu den anderen. Das spürte sie immer wieder aufs Neue. Gleichgültig, in welche Einrichtung sie kam, durchweg kam sie sich vor wie ein Fremdkörper. Sie vermisste das Gefühl irgendwo anzukommen. Ihr Leben glich einer Flucht. Ja, sie floh. Nirgends blieb sie lange, ständig verspürte sie Unruhe in sich, Angst, Furcht und den Willen wegzulaufen.

Wovor sie wegrannte? Das wusste sie nicht. Ein Psychologe hatte ihr vor knapp einem Jahr erklärt, dass sie vor sich selbst weglaufen würde. Das sie Angst hätte vor dem, was sie sei. Aber was wussten diese seltsamen Psychologen schon? Die waren meistens genauso ungebildet, wie die ganzen Sozialarbeiter und Erzieher. Sie besuchten eine Schule, studierten anschließend auf einer Universität, besaßen ein intaktes Elternhaus, mussten sich nie mit größeren Problemen herumärgern und behaupteten dann, dass sie den kompletten Durchblick im Leben hätten. Doch einen Scheiß hatten sie. Sie wussten nicht von den Schwierigkeiten und den hinterhältigen Plänen, die das Schicksal für manche Personen bereithielt. Sie konnten sich nicht in sie hineinversetzen.

Mit Schwung drehte sie sich auf ihre linke Seite und rollte sich unter der Zudecke zusammen. Anschließend ließ sie ihren Blick durch den Raum wandern. In der Ecke hinter der Tür standen ihre noch gepackten Koffer. Diese auszupacken würde sich nun auch nicht mehr lohnen. Morgen oder spätestens übermorgen wäre sie sowieso wieder weg von hier. Hörbar atmete sie aus. Sie wusste, was das Gespräch in der Schule bedeutete und sie verstand ebenfalls, was es hieß, dass es ihre letzte Chance darstellte. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Innerhalb von Rekordzeit hatte sie selbst die Betreuer aus einer angeblich erfahrenen Wohngruppe an ihre Grenzen gebracht. Niemand wollte sie haben. Warum auch? Wer wollte schon so einen Emo wie sie haben? Ein Mädchen, das nie lachte, durchweg schwarze Klamotten trug, die Augen dunkel geschminkt hatte, alte Narben unter Armstulpen versteckte, kaum sprach und mehr Unsinn anstellte, als alle anderen Jugendlichen im Haus zusammen. Sie war ein Fehler. Niemand wollte einem Fehler wie ihr Obdach bieten ... Nein, nicht sie redete sich ein, dass sie ein Fehler war, sondern diesen Begriff hatte sie schon in mehreren Pflegefamilien gehört. Mit ihr konnte man sich nicht sehen lassen.

Tränen stiegen ihr in die Augen, aber gekonnt hielt sie diese wie immer zurück. Sie wollte nicht weinen. Es gab keinen Grund, traurig zu sein, schließlich war sie eigenständig an ihrer Lage schuld. Sie hatte schon oft die Gelegenheit besessen, sich anders zu verhalten, aber sie verspielte jede Chance. Warum? Weil vielleicht genau das für sie eine Möglichkeit war, um zu überleben. Manchmal machte man Dinge, bei denen man genau wusste, dass sie einem Schaden, dass sie nicht gut sind, aber man sah keinen alternativen Ausweg.

Das Leben ist wie ein großer Raum mit ganz vielen Türen. Man steht in diesem Raum und hat eine scheinbar unbegrenzte Anzahl von Türen vor sich. Im Laufe der Zeit oder durch falsche Entscheidungen schließen sich einige Türen oder manche gehen auch wieder auf. Es wird nie der Fall sein, dass alle Türen geschlossen sind. Doch bei einigen Menschen spielt das Schicksal nicht fair. Es verschließt mehr Türen, als es öffnet. Die Anzahl der Türen wird zunehmend geringer und durch äußere Umstände, die zu der bescheidenen Auswahl hinzukommen, bleiben nur noch wenige offen. Es macht sich eine Art Platzangst in einem breit. Man möchte im Leben weiterkommen, nicht ständig an derselben Stelle, im gleichen Raum, stehen bleiben. Kopflos und ohne über mögliche Folgen nachzudenken, flüchtet man durch eine Tür, die offen steht. Selbst, wenn einem bewusst ist, dass diese Tür kein positiver Weg ist, rennt man hindurch, weil es sich besser anfühlt, als bewegungsunfähig stehen zu bleiben ...

 

Auch Frau Hummel grübelte in dieser Nacht noch lange. Mit einem Glas Rotwein setzte sie sich auf dem Sessel im Wohnzimmer und überlegte, wie es weitergehen sollte. Der morgigen Aussprache in der Schule sah sie pessimistisch entgegen. Selbst wenn sich Lisa für ihr Verhalten entschuldigen sollte, gab es noch ein Dutzend weitere Schwierigkeiten, die ihr den Weg in die Gemeinschaft hinein versperrten. Es war schwer, jemanden zu integrieren, der sich nicht integrieren wollte. Was auch immer dieses Mädchen in ihren jungen Jahren für Erfahrungen gemacht hatte, es war auf jeden Fall nichts, was sie leicht vergessen konnte. Etwas hatte sie geprägt.

Kapitel 4

Der nächste Morgen startete damit, dass Lisa unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. „Aufstehen, hast du deinen Wecker schon wieder überhört?“, maulte eine Betreuerin, deren Namen sie schon, kurz nachdem sie sich vor drei Wochen vorgestellt hatte, wieder vergessen hatte. Namen merken war sowieso unnötig. Denn erfahrungsgemäß blieb sie ja nie lange an einem Ort. „Nein, ich habe erst gar keinen Wecker gestellt“, rief sie verschlafen. Die Betreuerin, die nun ihr Fenster öffnete, um Lisa mit der kühlen Morgenluft aufzuwecken, schüttelte den Kopf. „Du bist mir echt ein Rätsel. Dir ist klar, dass in Deutschland Schulpflicht herrscht und Schulbildung für deine Zukunft wichtig ist?“ Lisa gähnte und richtete sich auf. Mit einem gespielten Lächeln antwortete sie: „Welche Zukunft?“

 

Das Frühstück stellte für Lisa ein Mittel zum Zweck dar. Während die anderen Klienten des Hauses herumalberten und sichtlich Spaß hatten, schmierte sie sich ein Brötchen und aß es. Bei jedem Bissen hatte sie das Gefühl, dass ihr das Essen im Hals stecken blieb. Allerdings lag das nicht daran, dass es trocken war, sondern daran, dass ihr die Angst vor dem Gespräch in der Schule die Kehle abschnürte. Es hatte einen Grund, weshalb sie den Mathelehrer angespuckt hatte. Sie konnte ihn nicht leiden. Er ekelte sie an. Er sah aus wie ein Schuldirektor, mit dem sie vor einigen Jahren zu tun hatte. Bei der Erinnerung an diesen Menschen kam ihr das Frühstück fast wieder hoch. Sie musste gegen einen Würgereiz ankämpfen. Hastig legte sie das restliche Brötchen zurück auf ihren Teller, sprang auf und flüchtete aus dem Speisesaal. Verwirrt schauten ihr die anderen aus dem Raum hinterher. Niemand wunderte sich mehr über ihr merkwürdiges Verhalten oder ärgerte sich darüber. Es war bereits bekannt, dass sie sich hin und wieder seltsam verhielt. „Boa, was ist denn jetzt schon wieder mit der los?“, meckerte Toni, einer der eher ruhigeren Klienten. „Keine Ahnung, die will bestimmt im Mittelpunkt stehen“, antwortete Mandy. „Na ja, bald sind wir sie ja los. Die bleibt bestimmt nicht mehr lange. Sie leistet sich so viele Vergehen und passt einfach nicht zu uns“, ergänzte Cindy, die sich schon seit Tagen nichts Sehnlichster wünschte, als dass Lisa endlich aus ihrer Wohnung verschwand. In einer Wohngruppe zählte es zur Normalität, dass Klienten einzogen, mit denen man sich gut verstand und dass es welche gab, die man weniger gut leiden konnte. Damit musste man sich abfinden, aber solch eine Katastrophe wie Lisa gab es selten. In Cindy kochten bereits Aggressionen hoch, wenn sie allein ihren Namen hörte! Seitdem Lisa bei ihr eingezogen war, herrschte Chaos in der Wohnung, das Bad stank nach Zigarettenrauch und ständig verschwanden Dinge, die ihr gehörten. „Könnt ihr euch bitte um eure eigenen Dinge kümmern und damit aufhören über andere zu lästern?“, unterband die Betreuerin, welche die Tischaufsicht hatte, die aufkeimende Diskussion. „Ja, aber stimmt doch! Bevor sie zu uns kam, gab es bedeutend weniger Probleme!“ „Toni!“, der Ton der Betreuerin wurde härter. „Jeder hat einen Grund, weshalb er hier ist und jeder besitzt eine Vorgeschichte. Die meisten von euch waren am Anfang nicht einfach.“ „Nicht einfach? Dieses Mädchen ist eine Katastrophe!“

 

Lisa spürte weiterhin Ekel in sich. Er saß in ihrer Kehle fest. Wie sollte sie diesen Tag bloß überstehen? Mit Schwung schloss sie die Apartmenttür hinter sich und verschwand auf Toilette. Panisch riss sie den Toilettendeckel nach oben, beugte sich nach vorne und übergab sich. Mit der linken Hand drückte sie in ihre Magengegend und die rechte Hand versenkte sie fast vollständig in ihrem Rachen. Tränen schossen in ihre Augen. Tränen des Ekels, des Selbsthasses und des Schmerzes. Erst als ihr Frühstück vollständig aus ihrem Magen entfernt war, hörte sie damit auf, sich den Finger in den Hals zu stecken. Erschöpft ließ sie sich zu Boden sinken. „Wenn die gesamte Welt dich ankotzt, dann kotze einfach zurück“, diesen Satz setzte sie seit mittlerweile knapp zwei Jahren wortwörtlich in die Tat um. Sie übergab sich nicht, um schlank zu sein oder die Kalorien, die sich in ihr befanden, loszuwerden, sondern ihr Grund war allein der Ausdruck von Selbsthass und Verachtung gegenüber dem eigenen Körper. Es stellte für sie eine Art Druckabbau dar. Wann immer ihre innere Anspannung zu stark wurde und sie das Gefühl verspürte, von innen heraus zu explodieren, steckte sie sich den Finger in den Hals, zerkratzte sich die Arme oder ritzte sie sich mit scharfen Gegenständen auf. Für sie stellte diese Weise mit Stress umzugehen die einzige Möglichkeit dar, nicht vollständig kaputt zu gehen.

Entkräftet richtete sie sich auf. Ihre Beine zitterten durch die Anstrengung und das Adrenalin, welches durch ihren Körper schoss. Kotzen hörte sich zwar leicht an, doch stellte für den Organismus eine gewaltige Anstrengung dar. Sie stützte sich mit ihren Händen auf dem Rand des Waschbeckens ab und öffnete den Wasserhahn. Aus dem Spiegel starrte sie ein Geist an. Ein Mädchen mit schwarzem, dünnem Haar, totenblasser Haut, geröteten Augen, dunklen Ringen darunter ... Das sollte sie sein? Nein, dieses Mädchen kannte sie nicht. Sie war ihr völlig fremd. Wer auch immer diese Person im Spiegel war, sie sah traurig und leblos aus.

Fast zwei Minuten lang hielt Lisa ihre Handgelenke unter den eiskalten Wasserstrahl. Die Kälte holte sie zurück in die Realität. Sie durfte die Kontrolle nicht verlieren. Sie musste funktionieren. Ihre Schutzmauer um ihre Gedanken und Gefühle sollte nicht anfangen zu bröckeln. Nie, niemals wieder würde sie es erlauben, dass noch einmal jemand sie verletzte! Lieber blieb sie kalt wie ein Stein ohne Gefühle und reglos ohne Emotionen, anstatt noch einmal so extrem verwundet zu werden!

 

Um halb acht herrschte Aufbruchsstimmung in der Einrichtung. Die Jugendlichen mussten sich auf den Weg in ihre Schulen, Berufsschulen oder Ausbildungsstätten begeben. Einige taten das zu Fuß und andere, die einen zu weiten Fußweg hatten, wurden von einem Betreuer gefahren.

Normalerweise befand sich Lisas Schule in einer Entfernung, die innerhalb von fünfzehn Minuten zu Fuß erreichbar war, doch da bei ihr „besondere Umstände“ herrschten, wurde ihr heute das Privileg gestattet ebenfalls mit dem Auto mitzufahren. Wobei sie dies nicht wirklich als Privileg ansah. Die Aussage „du darfst heute mit dem Auto mitfahren, Herr oder Frau XY wird dich in die Schule fahren“, stellte mal wieder eine typische Formulierung für Erzieher dar. In diesem Satz wurde auf nette Weise ausgedrückt, dass die Heimleitung fürchtete, dass sie gar nicht erst im Schulgebäude ankam und ein Betreuer durch das Bringen kontrollieren sollte, dass sie tatsächlich pünktlich zum Unterricht erschien. Die Worte „du darfst“ verlieh dem Ganzen noch ein bisschen das Gefühl, dass es sich um eine Belohnung handeln sollte, was natürlich nicht der Fall war. Es handelte sich vielmehr um eine Strafe, oder einen Versuch Kontrolle auszuüben. Allerdings wurde dieses Anliegen durch das „du darfst“ höflich formuliert.

 

Zähneknirschend saß Lisa auf dem Beifahrersitz des Autos. Ihr passte es überhaupt nicht, dass sie den Schulweg nicht laufen durfte. Sie hätte gerade die kühle Frühlingsluft gebraucht, um ihren Kopf abzukühlen und ihre Gedanken auszuschalten. Außenstehende sahen aktuell ein eingeschüchtertes Mädchen, welches in leicht geduckter Haltung dasaß, deren Augen eine Mischung aus Gleichgültigkeit und Verachtung ausstrahlten, doch in ihr drinnen tobten viel mehr Emotionen.

Sie hatte Angst. Angst vor ihren Mitschülern, Angst vor dem Gespräch, Angst vor ihrer Zukunft. Sie wollte nicht in die Schule, sie wollte niemanden sehen, sie wollte mit niemandem reden. Was nützte eine Aussprache, wenn es keine Zukunft gab? Was brachte es, sich an einen Tisch zu setzen, wenn die Beteiligten übereinander sprachen und nicht miteinander? Was war es wert, jemanden eine zweite Chance zu geben, der sich selbst nicht einmal eine erste Chance gab? Wieso sollte man an jemanden glauben, der selbst nicht an sich glaubte? Ihr Mund blieb still, doch in ihrem Kopf wurde es zunehmend lauter. Ihr Leben schien sich zum unendlichen Male im Kreis zu drehen. Egal, wo sie hinkam, in welche Einrichtung, in welche Stadt, in welches Bundesland, sie kam nicht von der Stelle. Nirgendwo hielt sie es aus, sie eckte bei Mitschülern an, bei Lehrern, bei Betreuern ... Sie konnte das alles nicht mehr aushalten.

Je näher sie der Schule kamen, desto mehr beschleunigte ihr Herzschlag. Zuerst stiegen zwei Mädchen bei der Berufsschule aus und danach ein Junge beim Bahnhof. Panik breitete sich in ihrem Körper aus. Ihre Hände wurden schwitzig und ihre Muskeln versteiften. Als die Betreuerin den Wagen abbremste und in einer Haltebucht einparkte, schnürte es ihr die Luft ab. Ihre Augen weiteten sich. In ihren Gedanken tobte ein Krieg. Alles fühlte sich an wie ein Déjà-vu. Sie kannte diese Situation, zu oft stand sie schon an dem Punkt. Sie wusste, wie es ausging. Wollte sie sich das antun?

„Möchtest du nicht aussteigen?“, fragte die Betreuerin. Unsicher schüttelte Lisa ihren Kopf. „Nein, ich kann das nicht.“ Irritiert schaute sie sie an. „Die Tür ist nicht verschlossen. Du kannst ganz normal aussteigen.“ Erneutes Kopfschütteln. „Es liegt nicht an der Tür. Es liegt an mir ...“ Ihre Stimme hörte sich ungewohnt fremd an. Dünn und zerbrechlich, so, wie sie sich aktuell auch fühlte. Eine kurze Schweigepause entstand. Niemand schien zu wissen, was er sagen sollte. Die Betreuerin war verwirrt von der Reaktion der Klientin und Lisa gelähmt von ihren eigenen Gedanken. „Ich kann das nicht“, wiederholte sie. „Ich gehöre nicht hierher. Ich weiß, dass mich niemand haben möchte und das Gespräch nachher kann man sich sparen. Ich kann mich nicht ändern. Ich will das nicht.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich verdiene diese Chance nicht, wenn ich sie nicht nutzen kann.“ Überforderte schnaufte die Betreuerin laut aus. „Wieso solltest du diese Chance nicht verdienen?“ „..., weil ich ein Arschloch bin.“ „Quatsch.“ „Was wissen Sie schon über mich? Sie kennen meine Akte, aber nicht meine Geschichte!“ Lisas Ton klang vorwurfsvoll. „Jetzt übertreibst du aber“, versuchte die Betreuerin sie zu beruhigen. „Ich verstehe, dass die Lage unangenehm für dich ist, und dass du vielleicht auch etwas Angst hast, aber das ist kein Grund sich hängen zu lassen.“ Entrüstet schaute Lisa ihr ins Gesicht. „Sie haben keine Ahnung ...“ Bereits jetzt schon bereute sie ihr Verhalten. Wie konnte sie annehmen, dass sie jemand verstehen würde?

Niemand, der nicht das durchgemacht hatte, was sie erlebt hatte, könnte auch nur annähernd nachvollziehen, wie sie sich fühlte. Sie spürte, wie ihr Herzschlag sich verlangsamte. Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie kannte es, es fühlte sich an, wie sterben. Ihre Gedanken klinkten sich aus der Realität aus. Die Umrisse um sie herum verschwammen. Geräusche entfernten sich. Sie saß in einem Zug. An ihr rauschte alles vorbei. Der Zug beschleunigte. Das Einzige, was sie noch wahrnahm, war das Heulen des Fahrtwindes und irgendwo in der Ferne die Stimme der Betreuerin. Sie sagte etwas, aber ihre Worte kamen nicht mehr bei ihr an. Lisa schloss die Augen. Der Lokführer des Zuges schien wahnsinnig! Er fuhr deutlich zu schnell. In ihren Gedanken machte sich eine Mischung aus Panik und Resignation breit. Zu oft saß sie schon in diesem Zug, zu oft hatte sie schon versucht, ihn zu stoppen und zu oft war sie daran gescheitert. Es gab kein Halten. Die Notbremsen waren defekt und der Lokführer nicht mehr ansprechbar. Bilder tauchten vor den Fenstern auf. Bilder, die negative Emotionen auslösten, Angst, Furcht, Wut, Hass und Aggression. Und dann, plötzlich, wie aus dem Nichts tauchte eine Wand auf. „Lisa?! Hey, hörst du mir überhaupt zu?“ Panisch riss Lisa die Augen auf. Die Wand befand sich direkt vor ihr. Sie wusste, dass die Kollision unvermeidbar war. Sie besaß keinerlei Kontrolle mehr über den Zug, der die Richtung und das Tempo ihres Handels vorgab. Hastig drückte sie den Verriegelungsknopf der Autotür neben sich zu und schnappte nach Luft. Ihr Gesicht besaß kaum noch Farbe.

„Ich kann das nicht“, begann sie zu stottern. Ihr Körper zitterte dabei. Flehend drehte sie sich zu der nun völlig perplexen Betreuerin um. „Ich kann das wirklich nicht. Es geht nicht.“ Eine einzelne Träne kullerte über ihre Wange. „Können wir bitte zurückfahren.“ Weitere Tränen folgten der Ersten. Sie wirkte wie ein Häufchen Elend.