Borderline

Borderline
- Scherben einer Persönlichkeit –


 

 

Martina Schwarz

 

 

 

 

 

Original-Ausgabe erschienen im Januar 2021 bei Merlins Bookshop.

 

Copyright © Merlins Bookshop

Korrektorat & Lektorat: Klarissa Klein, Merlins Bookshop

Verlag: Merlins Bookshop, Inh. Dietmar Noss, Waldstr. 22, 65626 Birlenbach

Alle Rechte liegen bei Merlins Bookshop, Inh. Dietmar Noss, Waldstr. 22, 65626 Birlenbach

 

Coverfoto: Adobe Stock

 

Brennt!

 

Ich verbrenne innerlich, ein Buschfeuer der Vergeltung

Glutheisser Hass, rotgerändert, voller Wucht

Ich brenne die Brücken nieder

 

Versengte Sorgen, Asche auf eure Häupter

Wo mein Zorn lodert, wachsen keine Bäume

Ich töte alles ab

 

Ich bereite den Scheiterhaufen vor, zünde die Rache

Mein Schmelztegel läuft endlich über

In der Hitze des Gefechts

 

Meine Berührung zeichnet euch alle

Ich schreie meine Verzweiflung verqualmt ins Unterholz

Ich beschuldige euch lichterloh

 

Die Funken leuchten in der Dunkelheit der Hierarchie

Ihr seid der tropfende Brandbeschleuniger

Wer mit Feuer spielt…

 

Mein Flammenmeer zerstört die Welt, in der ich verdurste

Stumme Rauchzeichen bemerkt aber ignoriert

Ich schlage zurück mit tausend Grad Celsius

 

 

Für Schwabi

 

Inhalt

Prolog

Schüchterne Bürogedanken

Filmkritiker mit Krümelresten

Papas Mädchen

Balancefreier Tanzbeinschwung

Anonymer Hilfeschrei nach außen

Vom Kater und von der Katze

Mutterfreuden mit Aprikosenkuchen.

Therapiestunde. Verstehen Sie Borderline?

Die Leere

Vorsicht, Türe schließt! Es geht abwärts!

Vom Tiefseetaucher zum Gipfelstürmer

Komorbiditäten! Zwänge, Essstörung und Depressionen

Treffen… auf ein Bier oder mitten ins Herz

Einbettzimmer, ohne Ausblick aber mit Klo

Lass uns spielen

Spiel, Satz, Sieg

Epilog

Danksagung

Nachwort der Therapeutin

Notfallstellen (Auswahl)

 

 

Prolog

 

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine fiese und unverständliche Diagnose, die kaum ein gesunder Mitmensch verstehen kann. Selbst Fachpersonen tun sich schwer mit einer psychischen Krankheit, die aufgrund ihrer vielen Gesichter und Nebenschauplätze oft wie ein Auffangbecken für alles Undefinierbare scheint … und teilweise sicher auch so genutzt wird.

Von Borderliner sagt man, sie seien jähzornig, manipulativ, extrem emotional, launisch und auch noch schlecht therapierbar, weil sie sich angeblich unkooperativ geben sollen. In Internetforen gibt es Selbsthilfegruppen für all die armen Teufel, die sich in einen Grenzwandler verliebt und mit diesem eine anhaltende Beziehung von stetig wechselnder Zuneigung und Entwertung erlebt haben und nun schwer geschädigt aus den Fängen dieser ach so bösen, kranken Person entkommen sind. Aber auch von kreativen Freigeistern ist die Rede; von Menschen, die ihrem Gegenüber durch reines Erspüren Bedürfnisse entlocken können und diese mit viel Hingabe erfüllen.

Es ist für Psychiater häufig schwer, zu erkennen, ob eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt. Ärzte stellen die Diagnose oft anhand eines definierten Kriterienkataloges, der hilft, die Krankheit zu erkennen. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein: (lt. Wikipedia)

1. Hektisches Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.

2. Ein Muster instabiler und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.

3. Ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.

4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen, z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“.

5. Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.

6. Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern.

7. Chronische Gefühle von Leere.

8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.

9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.

Ein Leben als Grenzgänger ist ein Hindernislauf mit tiefen Wassergräben, hohen Hürden und schweißtreibenden Langstrecken, und immer mal wieder äußern sich die Strapazen des Laufes durch Verletzungen, Ermüdungsrisse und ungewollte Auszeiten. Der Sprint auf dieser inneren Rundbahn ist anstrengend, die körperlichen Limits werden ausgelotet, nicht selten ignoriert und dabei vollkommen überschritten. Stellen Sie sich vor, Ihr Konkurrent an diesem Wettkampf, der sich das Leben nennt, bestreitet dieselbe Distanz wie Sie, nur ohne Hindernisse. Kein Wunder, sprinten Ihnen die anderen Läufer nur so um die Ohren und lassen Sie – währenddessen mit den letzten Reserven kämpfend – weit hinten zurück. Zudem können Sie nicht anders, als hin und wieder verträumt die Blumen am Rand der roten Tartanbahn zu bewundern, sich schier unendlich an der duftenden Pracht zu erfreuen. Manchmal rennen Sie energiegeladen ein Stück mit dem Tempomacher mit, aber wenn dieser dann aus dem Wettkampf aussteigt, weil er seine Pflicht als Jagdhase erledigt hat, hinterlässt dieser Abschied bei Ihnen unvorstellbare Qualen. Man lässt Sie allein und damit motivationslos weiterkämpfen. Einen kurzen Moment klammern Sie sich an andere Läufer, um den Verlust des Tempomachers auszugleichen. Wenn aber auch diese überschnell weiterziehen, spotten Sie über Ihre schnelleren Mitstreiter, Sie lästern vor sich hin und entwerten die Trainingsfreundschaften, die Sie mit einigen Überholenden gepflegt hatten. Wenn Ihnen schlecht wird, weil Sie kräftemäßig übertreiben, machen Sie weiter. Wenn Sie endlich über die Ziellinie zum verdienten Auslaufen und Rasten spurten, stellt sich keine Freude über das Erreichte ein: Sie hätten schneller sein können, viel schneller, und dabei hätten Sie auch noch besser aussehen können. Ihre Lauftechnik war Mist, und Ihr Trikot ist zu eng, weil Sie zu fett sind. Statt sich ein wohltuendes isotonisches Getränk zu gönnen, zünden Sie eine Kippe an und überhäufen die eh bereits schmerzende Lunge mit Rauch und Teer ... Und danach drücken Sie die Kippe auf Ihrem Arm aus. Glücklich sind Sie nicht, eher enttäuscht und leer. Die Zuschauer, die Ihnen zujubeln und Ihnen für Ihre Leistung Respekt zollen, nehmen Sie nicht wahr. Sie nehmen sich selbst nicht wahr; wer sind Sie eigentlich, wie zum Teufel kommen Sie in dieses Leichtathletikstadion? Ihre Startnummer fühlt sich falsch an – als gehöre sie nicht zu Ihnen. Das Stadion ist fremd; Sie sind unsichtbar gefangen in einer Disziplin, die Ihnen noch nie zugesagt hat. Viel lieber würden Sie doch wandern gehen, im schönen Panorama der Alpen, ab und zu an einem Sandwich knabbern, sich ganz gemütlich und gemächlich durch das mitgebrachte Täschchen mit Proviant mampfen und im Schatten der Berge lustwandeln. Aber Sie müssen hungern und rennen. Wütend über ihre miserable Vorstellung auf der Laufbahn kicken Sie jähzornig und mit voller Wucht in die Werbetafeln, welche die Rennbahn säumen. Dabei brechen Sie sich den großen Zeh, was Sie aber nicht richtig wahrnehmen.

Sie nehmen sich vor, mehr zu üben, weniger zu essen, den Tempomacher zu daten und ihn nie wieder gehen zu lassen, mit ihm zu verschmelzen; Sie kündigen den Mitstreitern impulsiv und heftig zeternd die Freundschaft, weil diese Sie auf der Strecke überholt haben.

Und kaum wollen Sie vom Rampenlicht weg zur warmen Dusche, werden Sie erneut für ein Rennen aufgestellt. Und schon sprinten Sie wieder, als wäre der Leibhaftige hinter Ihnen her, und wissen nicht, wie Sie die Hindernisse, die so hoch oder tief sind, überwinden können. Nun laufen Sie dehydriert, mit beginnenden Muskelzerrungen. Bald nach dem Start schon wieder Zieleinlauf, Endorphine, ambivalente Glücksgefühle und Geißelung zugleich. Und Schwupps, schon fällt wieder ein Startschuss, wobei Sie sehnlichst hoffen, dass die Pistole zum Auftakt des Rennens statt einer Kugel in die Luft eine in Ihren Kopf entlässt. Und Sie rennen …

Lena rennt auch, durch die Nacht, durch unausstehliche Phasen des Selbsthasses, durch Affären, in denen sie sich manchmal als gesehen und manchmal unsichtbar missbraucht fühlt. Sie läuft durch ihre eigene Vergangenheit, die zu jederzeit ihre Gegenwart beeinflusst. Sie spurtet durch Erinnerungen, erklimmt neue Freuden und schwimmt in verschlammten Sinnlosigkeiten. Vereinzelt kann sie sich erlauben, einen Teil des Weges mit geliebten Freunden und Familie zu erkunden, dann wiederum hechelt sie sich einsam Meter um Meter einem verschwommen sichtbaren Ziel entgegen, welches sich unerreichbar wie eine Fata Morgana entfernt, je näher sie der vermeintlichen Oase kommt. Dann wird sie von einem Wadenkrampf zu Boden gestreckt, bleibt kraftlos liegen, bis sich eine fremde Hand hoffentlich zur Hilfe anbietet. Lena sprintet unkoordiniert und oft ungewollt, schon gar nicht tempomäßig kontrolliert. Ich freue mich sehr, dass Sie sich entschieden haben, Ihre Laufschuhe überzustülpen, sich in Ihr bequemes Sport-Tenue zu werfen und den beschwerlichen, schweißigen, fiktiven Run gänzlich untrainiert mit Lena zusammen zu bewältigen.

Danke.

Achtung, fertig, los.

 

Schüchterne Bürogedanken

 

Während Lena die Zahnräder konstruierte, welche die Maschinen später zur gewünschten Leistung zwingen würden, fanden ihre Gedanken erneut den Weg hinaus aus dem stickigen Büro und schwebten zu IHR. Pasquale war der Name von Cedrics Ex-Freundin, die Frau, mit der er acht Jahre seines Lebens in harmonischer, symbiotischer Liebe verbracht hatte. Pasquale! Der Name klang so feminin, leichtflüssig und chic, dass Lenas Magen sich schmerzhaft zusammenzog. Die unerwünschten Bauschmerzen konnten aber natürlich auch an den künstlich gesüßten Cassis-Bonbons liegen, die sie sich in ihrem Frust am Schreibtisch sitzend, tonnenweise reingepfiffen hatte. Der Bauch drückte schon voll gebläht gegen den Ledergurt, den sie bereits um ein Loch gelockert hatte. Hin und wieder konnte sie sich einer nervlich bedingten zuckenden Bewegung nicht verwehren, und ein unkontrollierter Furz entwich ihrem schwangeren Bonbon-Bauch. Immerhin waren die Lärmemissionen ihrer Gasentweichungen verhältnismäßig gering, was man von der geruchstechnischen Belastung nicht behaupten konnte. Verschämt schielte Lena durch ihre zwei Bildschirme hindurch und hinüber zu ihrem Lehrling, der mit ihr das Büro im 1. OG des Maschinenbaubüros teilte. Hatte er ihre Ausdünstungen bemerkt, die so gar nicht zum ladyliken Image passten, das sich Lena neuerdings auferlegen wollte? Aber Hakan war wie immer zu sehr mit sich und seinem Smartphone beschäftigt, als dass er Lena und ihre Körpervorgänge hätte wahrnehmen können. Zumal sie mit ihrer Erscheinung und dem fortgeschrittenen Alter von vierunddreißig Jahren so gar nicht seinem Beuteschema entsprach. Mit ihrer Art und ihrem Äußeren fiel Lena einfach durch das Aufmerksamkeitsfeld des Jünglings hindurch, unbemerkt und leise wie eine Currywurst vorbei am hungrigen Vegetarier.

Ja, der Frust kämpfte sich mit dem Geschmack von Johannisbeeren durch Lenas Bauchgegend. Pasquale, die schöne, die intelligente, die junge, die gut gekleidete, die selbstbewusste Frau. Ein blonder Engel mit blauen Funkelaugen, mit der Figur eines zierlichen High-Fashion-Models, ein schützenswertes Geschöpf. Sie, Pasquale, hatte sich als Ärztin in Neonatologie ausbilden lassen und in Afrika bei Ärzten ohne Grenzen gedient. Also ehrlich, dagegen kommt doch niemand an; klarer Fall von Konkurrenzarschkarte! Lena war sich ihrer Unzulänglichkeiten niemals mehr bewusst als jetzt, da sie sich in Selbstablehnung verlor und sich in diesem trüben Moment im gut besuchten Instagramprofil dieser Frau wiederfand. Kein Wunder, war Cedric nur an einem gelegentlichen platonischen Bierchen mit Lena interessiert und schien nicht gewillt, ihr mehr von seiner Zeit, geschweige denn seiner Liebe, schenken zu wollen. Für Cedric war sie der klassische Kumpel, eine Frau zum Lachen, sich freundschaftlich in die Schulter zu boxen oder Gettofaust-Gesten auszutauschen. Was für ein blöder Scheiß, diese Friendzone. Ungefähr alle zwei Monate, und immer auf Drängen Lenas hin, machten Cedric und sie ein Treffen aus, wobei Cedric meist in seiner Planung völlig zu war und nur Randzeiten unter der Woche für Lenas schmachtende Begehren freimachen konnte … oder wollte. Für diese, oft sehr kurzfristigen Bierchen zu zweit, cancelte hingegen Lena alle ihre fix geplanten Termine, sagte guten Freunden ab, verschob wenn nötig die Erdkugel, um den Mann ihrer Träume zu sehen. Natürlich ließ sie dabei auch die eigenen wichtigen Rhythmen außer Acht: Zum Beispiel, dass sie unter der Woche meist früh zu Bett ging, weil sie sonst, aufgrund des Schlafmangels, eine unterirdisch tiefe Frustrationsgrenze erlangte und die Menschen um sich herum kaum mehr ertrug. Oder ihre Kalorienkontrolle, die ihr ein Gefühl der Stabilität verlieh – ein Schutz, der mit diesem unerlaubten Bier zwischen Montag und Freitag außer Gefecht gesetzt wurde. Sie fühlte sich danach immer mehrere Tage furchtbar fett und hasste sich dafür, die Beherrschung durch den Konsum eines oder mehrerer Malzgetränke für einen desinteressierten Buben aufgegeben und verloren zu haben. Lustig: Cedric prahlte immer damit, dass er sich möglichst viel Zeit freihalten würde, um spontane Dinge tun zu können. Er versicherte Lena mit fester Stimme, dass er auf keinen Fall Wochen im Voraus irgendwelche Dates aushandeln wollte. Wenn Lena sich dann nach unerträglichem Warten dazu durchrang, ihm eine Zusammenkunft vorzuschlagen, so war er immer mit Terminen, Freunden und Unternehmungen zugetackert bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Was die Vermutung nahe legte, dass Cedric sehr wohl Pläne schmiedete und sich frühzeitig Platz reservieren konnte; nur wollte er dies eben nicht für Lena tun. Diese Erkenntnis schmerzte, machte wütend und hinterließ sichtbare Spuren von großzügiger Selbstentwertung. Vor jedem dieser Scheiß-Möchtegern-Rendezvous tanzten die Gedanken in Lenas Kopf Polka, hüpften lustig umher und hoben keck das Röckchen hoch. Was sollte sie bloß anziehen, damit er sie begehrenswert fand; was hatte sie letztens Lustiges erlebt, was sie ihm als amüsante Geschichte erzählen konnte? Denn er sollte sich ja amüsieren und auch merken, wie spannend und reich an Erlebnissen Lenas Leben war. Würde er sie berühren, würde er Sätze sagen und Dinge tun, die Grund zur Hoffnung gaben? Bestimmt würde sie es wieder total verkacken, es war ganz allein ihre Schuld, dass er nicht mehr als einen weiblichen Kumpel in ihr sah. Wie würde sie die wässerigen Wochen nach dem Treffen überstehen, ohne sich ständig jedes Detail, jedes Wort, jede Geste des Treffens wieder in Erinnerung rufen zu müssen? Es war eine Qual, eine Tortur, dieses Festhalten an einem Mann, der nicht bereit war, ihre unendlich hohen Erwartungen zu erfüllen: Lena zu vervollständigen, ihr einen Inhalt zu geben, wo sie sich doch vorkam wie ein Buch mit leeren Seiten. Alles, was Cedric ihr erzählte, seine Pläne und Abenteuer, googelte Lena hinterher ekstatisch, sie beschäftigte sich mit seinen dahingeplauderten Sätzen wie mit den Grundlagen einer Doktorarbeit. Sie schlug in Karten seine Reiseziele nach, informierte sich über die Lehrgänge, die er sich zu machen überlegte, eignete sich Wissen an über alle seine Aktivitäten bis ins kleinste Detail. Und dabei gab sich Lena gänzlich ungesehen selbst auf, verschwand in den Gedanken an und um Cedric, wurde verschluckt von seinem Universum, in welchem sie sich nicht zurechtfand und sich wie ein Eindringling vorkam. Es war alles so falsch.

Die gelegentlichen Wiedersehen mit diesem Mann waren von geringer Substanz, und Lena wusste es. Dennoch wollte sie mehr von ihm, so viel mehr, seit sie ihn vor einem Jahr während der Firmenfeier nach etlichen Gläsern Weißwein angepöbelt hatte. Betrunken wie Bauarbeiter im Pub am Freitagabend hatten sie sich im Dunkeln des leer stehenden Sitzungszimmers der Berner Filiale gefunden und geküsst, danach waren sie kurzerhand zusammen weitergezogen und bei Cedric zu Hause in seiner WG, resp. in seinem Bett gelandet. Eigentlich hatten sie sich vor dieser verhängnisvollen Büroparty nie gegenseitig bemerkt, zumal er erst seit wenigen Wochen und darüber hinaus nur als Aushilfe am Standort Bern seinen Dienst begonnen hatte. Lena hingegen arbeitete seit Jahren stabil, gewissenhaft und etwas angestaubt im familiären Bieler Tochterbüro des Berner Technikkonzerns. Cedrics Gesicht war mit den etwas schiefen Zähnen und den leicht abstehenden Ohren von einer seltsam einnehmenden Schönheit, Lena hatte sich sofort hingezogen gefühlt; hingezogen und in die Hölle verdammt.

Seine wunderschönen Prinzenzüge gaben leider schon kurz nach dem ersten gemeinsamen Sexerlebnis bereits Anlass für eifersüchtige Horrorfantasien seitens Lena. Cedric mit einer Jüngeren, Cedric mit einer fröhlichen, lebenslustigen Studentin, Cedric mit seinen Abertausenden Kolleginnen. In jener Nacht hatte er magische Sätze an Lena gerichtet, als sie sich bei seinen Berührungen etwas versteift hatte. «Du musst lernen zu vertrauen, Lena. Komm jetzt her meine Kleine, ich halte dich fest.»

Er fragte sie nach ihrer Nummer und versicherte ihr: «Natürlich sehen wir uns wieder, ich kanns kaum erwarten.»

Und für eine winzig kurze Zeitspanne hatte Lena Hoffnung gehabt, und sie verliebte sich Hals über Kopf. Sie hatte ihn zu ihrem Erlöser erkoren. Es folgten in der Abwärtsspirale dieser vergifteten Liebe noch haufenweise solcher Floskeln, die Lena immer für bare Münze nahm, mit denen sie ihre Träume fütterte. Es waren fiese Versprechungen, wie: Ich melde mich sicher bei dir, ich bin kein Typ für One-Night-Stands, oder auch ich bin nicht bindungsunfähig, aber ich möchte noch etwas reisen und so, deswegen kann ich dir jetzt grade nicht zu viel versprechen, aber wir sehen uns ganz bestimmt bald wieder, Kleines … Aber es hatte nie an seinen Reisegelüsten gelegen, dass sich diese romantische Affäre in Rauch und Schwefel aufgelöst hatte und Rückstände einer Freundschaft zurückließen, die niemanden wirklich zufriedenstellten. Sie hatte sich damals, nach der ersten körperlichen Zusammenkunft, im Morgengrauen davongeschlichen, bevor er ihre Falten im Dämmerlicht und ihren mittlerweile üblen Mundgeruch nach all den Zigaretten bemerken konnte. Dagelassen hatte sie nur ihr Herz. Wie pathetisch, stupid und naiv. Aber wer konnte schon ahnen, welche endlose krankhafte Beschäftigung mit diesem Kerl dieser initialen Begegnung folgen würde. Es hätte auch anders, schöner enden können. Mit einem gegenseitigen Zugeständnis an Liebe und Treue.

Fuck!

Jaah, dachte Lena. Es klingt zuerst wie ein einmaliges Sexerlebnis. Aber nach dieser durchzechten lockeren Nacht entwickelte sich für einige Wochen ein, mit Koitus gespicktes Kumpelding mit Cedric. Sie waren noch einige Male in der Horizontalen gelandet, der Sex war erfüllend gewesen, in jeder Hinsicht, und Lena hatte sichtlich genießen und sich gehen lassen können. Sie hatten sich täglich Nachrichten geschrieben und auch einiges an Aktivitäten unternommen, eigentlich beinahe wie ein Pärchen, na ja, so quasi eine Prä-Pärchen-Beziehung halt. Aber dann begann Cedric plötzlich den Kontakt einzuschränken, fand, Lena wäre eine super Kollegin, aber er sähe nicht mehr in dieser Verbindung als eine freundschaftliche Fortsetzung des mittlerweile nur noch wöchentlich statt täglich stattfindenden Infoaustauschs per WhatsApp.

Am Boden der Tatsachen angelangt, oder hingeschmettert und ausgekotzt, begrub Lena all die schönen Hoffnungsträume vom großen Helfer, der sie befreien konnte aus der Einsamkeit und dem Selbsthass. Mit der narrativen Retrospektive der Erzählerstimme aus dem Off in Lenas Kopf klang das alles sehr melodramatisch, und sie empfand die Situation auch ganz genauso. Als furchtbar schlimm, demütigend und schmerzhaft. Der Liebeskummer hielt bis heute an. Und verdammt, masochistischerweise verabredete sich Lena immer wieder auf einen kleinen Umtrunk oder einen Spaziergang mit Cedric, wobei sie sich den Himmel auf Erden ersehnte, statt der jeweils zwei Stunden lockeren Plauderns. Wofür sie sich für alle Fälle, vollbepackt mit seufzenden Kleinmädchenträumen die Beine und die Intimzone rasierte, Parfum in unkontrollierten Mengen wie herbstlichen Sprühnebel auf ihrer Haut verteilte, die Augen dezent schminkte und sowieso alles versuchte, um Anziehungskraft, einen Kuss, eine Gefühlsregung bei Cedric zu provozieren. Irgendwie schaffte es Lena immer wieder, trotz der forschesten und deutlichen Zurückweisung ihrer Avancen, irgendwo einen Fetzen Hoffnung zu bewahren. Hoffnung ist das Schlimmste überhaupt; Hoffnung ist der Kick in den Arsch, wenn man schon geprügelt auf dem Boden abnippelt. Meist schaute Cedric an den Treffen demonstrativ auf sein Mobiltelefon, und nach Ende der obligaten zwei Stunden verabschiedete er sich, gesättigt vom brüderlich unterhaltsamen Gespräch mit Lena. Denn er hatte natürlich jedes Mal danach noch etwas anderes vor … und ließ Lena, wie ein eifersüchtiges Huhn ausgereifte Geschichten von anderen Frauen ausbrüten.

Wieso konnte sie sich nicht lösen von einem Kerl, der ihr immer wehtat, der ihr ganz klipp und klar sagte, dass sie niemals eine Beziehung auf Paarebene führen würden, der zudem einen Humor aufwies, den Lena nur beschränkt lustig fand, der keine Ziele im Leben hatte, prokrastinierte und sich auslebte, als sei er gerade eben aus dem Knast entlassen worden und seit Langem zum ersten Mal seine Freiheit genießen würde. Er war so schön, groß, stark und sexy. Sie hasste ihn, liebte ihn.

Nun ja, besser ein Spatz in der Wohnung als eine Taube auf dem Dach, oder wie hieß dieser beschissene Kalenderspruch, der eine Freundschaft gegenüber einer Liebesbeziehung anpries wie ein schlecht verkaufbares Restpostenprodukt im Supermarkt. Dämliche Lebensweisheiten – was nützten einem diese vermeintlich gescheiten Sätze, wenn der Bauch und der Kopf zwei unterschiedliche Sprachen zu sprechen schienen. Der Kummer um die immer wiederkehrende Zurückweisung schlich sich widerlich in Lenas Körper und Geist, wie die letzte bittere Galle, nachdem man sich schon zwei Stunden lang übergeben hatte. Sie checkte ihr Handy, gerade eben war Cedric online gewesen, ganze zehn Minuten lang hatte er sich im WhatsApp gewälzt und wohl fröhlich herumgezwinkert, ohne aber ihre Nachricht zu beantworten. Ihre Nachricht, an der sie mindestens zwei Tage lang gefeilt hatte, bis der richtige Humorgrad erreicht war, die beste Textlänge, das korrekte Maß an neckender Mädchenhaftigkeit, die schönsten Worte gewählt waren.

Hei Meister Cedi, wo drückst du dich denn so rum. Wie sieht’s aus, mal wieder Lust und Zeit, um etwas trinken zu gehen. Immer der Nase nach, sag ich! Bis dann, Gruß Lena (die wie ein Vampir vor Sonnenlicht geschützt im Büro hockt.)

Sie wusste, irgendwann würde Cedric in der Öde seines Daseins seine Nachrichten durchsehen und dabei feststellen, dass er ihr der Höflichkeit halber noch eine Antwort schuldig war. In einer Minute wäre die einzeilige Antwort durch seine Finger eingetippt, verschickt und würde Lena in stundenlanges Grübeln, Zerpflücken und Hinterfragen versetzen. Manchmal schaffte sie es, den Kopf nach Erhalt einer Antwort seiner Majestät nüchtern zu halten, doch der Bauch machte sofort auf akute Magen-Darm-Grippe.

Sie hasste den toxischen Sinnestaumel, sie wollte sich nicht so fühlen wie gerade jetzt. So machtlos, hässlich, minderwertig und abgelehnt. Sie zupfte sich die zarte Kruste von der Wunde, die sie sich am Donnerstag hatte zufügen müssen. Es würde sicher eine Woche vergehen, bis sie dem fast frischen Schnitt Heilung erlauben konnte. Die Schmerzen und das konzentrierte Knibbeln erleichterten Lena etwas und entspannten ihren Kopf. Das amouröse Leiden schob sich hinter das brennende Ziepen, sanft, aber bestimmt zog sie an einem keck aufstehenden Hautfetzen und riss ihn unter heißen kurzen Qualen ab. Lena war sich voll und ganz bewusst, dass ihr keine Liebe zuteilwerden konnte. Von niemandem, denn sie war nicht liebenswert. Kein bisschen, sie fand sich einfach nur widerlich. Sie war ein unbemerkter brauner Fliegenschiss im pinkfarbenen Glanz des Universums.

Heute Abend aber würde sie im Klub Alkohol in rauen Mengen trinken, sich eine Zigarette nach der anderen anstecken, lasziv rauchend tanzen, sich die Welt zurecht saufen und ihrem Spiegelbild in der säuerlich nach Fäkalien riechenden WC-Anlage den Mittelfinger zeigen. Wer war schon Cedric. Irgendein bärtiger, anspruchsloser Typ würde ihr heute Nacht die Zuneigung spenden, nach der sie sich so quälend verzehrte.

Um die bekannte Leere, die Scham und den Selbstekel am Morgen danach würde Lena sich kümmern, wenn’s so weit war.

Filmkritiker mit Krümelresten

 

«Hei Lena Süße, was denkst du, wer als Nächstes den Löffel abgibt?», rief Meli Lena mit ihrer rostigen Kettensägestimme aus der Küche der WG zu.

Melis etwas morbide Frage drang forsch und kompromisslos in Lenas Gehörgänge ein. Gerade ebenso, wie der Geruch angebratener Zwiebeln in ihre Nase schlüpfte und einen Dialog mit ihrem Magen auslöste. Lena schleuderte ihre ausgelatschten Sneakers in die Ecke der Garderobe und folgte in Socken mit regenbogenfarbenem Ringel-Muster den Kochdämpfen wie ferngesteuert zu ihrem Ursprung. Meli stand in Schlabberhose und XXL-Pullover am Herd und quetschte euphorisch den Inhalt der überladenen Knoblauchpresse in die Bratpfanne. Der Knoblauch ging sofort eine innige Bindung mit der zerlaufenen Butter sowie den Zwiebeln ein und umgarnte die Cherrytomaten mit dem vorhersehbaren Charme eines kubanischen Salsa-Tänzers.

«Na ja, Robert Redford oder Sean Connery würde ich mal so tippen», entgegnete Lena, nachdem sie Meli zur Begrüßung umarmt und den Weißwein in den überfüllten Kühlschrank gestellt hatte.

«Nein, wenn Robert Redford stirbt, muss ich weinen wie ein Baby», quakte Meli, die Augen gespielt schockiert aufgerissen wie Alex in A Clockwork Orange bei seiner ungewöhnlichen Anti-Gewalt-Behandlung. «Andererseits, wenn Redford ins Gras beißt, werden alle seine geilen Klassiker im Fernseher gesendet und wir können uns den sexy Cowboy geben, bis uns das Höschen platzt», kicherte Meli. Lena stimmte ins Gegacker ein.

Aus den Tiefen des dritten Zimmers blökte Rahel nun auch ihre Meinung zum Thema in Richtung Küche. «Also ich glaube ja, dass Maggie Smith demnächst ins Gras beißt. Und ich sage euch, das wird die Frauen der Schauspielerei zu hochtrabenden Twitter-Trauerkundgebungen ermutigen. Alle werden großartig ihr Beileid aussprechen und mit Zitaten um sich schmeißen, um sich durch gekünstelte Anteilnahme eine Scheibe des Ruhms abzuschneiden. Und nach drei, vier Tagen ist der Spuk vorbei, Maggie vergessen und der nächste Promi wird verenden und all den Narzissten eine Plattform geben, sich auf Kosten eines berühmten Ablebens mit dem Interesse der Welt zu bereichern.»

«Hört, hört», rief Meli und imitierte dabei die Stimme eines englischen Earls gekonnter als jeder Oxfordabsolvent.

Die Aussicht auf den Abend mit ihrer Intello-Filmgruppe gluckerte wie Kohlensäure aus Lenas Bauch herauf in ihren Kopf und sorgte dort für kribbelnde Vorfreude. Jeden ersten Samstag im Monat traf man sich in Melis WG in der Innenstadt, um Filme mit dem alten Beamer an die fleckige Wand des Altbauwohnzimmers zu projizieren. Mit viel, – oftmals zu viel – nahrungstechnischer Unterstützung verpflegt, schauten sie sich zu dritt Leinwandstreifen an und diskutierten lautstark über die oft etwas schrägen Handlungen der gewählten Klassiker und selbstverständlich auch über das Aussehen der Protagonisten. Die Gruppe durfte sich ungeniert der Bezeichnung Cineasten bedienen, mehr als hundert Filme aus aller Welt, Thematik und Filmepochen hatten sie sich schon zusammen angesehen. Zusammengekuschelt und wohl genährt wie ein frischer Wurf junger Karnickel.

An diesem Samstag flimmerte Arizona Dreams mit dem damals noch ganz jungen Johnny Depp in der Hauptrolle über die Tapete. Dazu wurden Spaghetti mit einer Soße aus so ziemlich allem, was der Kühlschrank beherbergt hatte, rumgereicht. Es wurde großzügig Käse über die vollen Teller mit Pasta gerieben und die Bäuche bis zum Bersten mit der heißen Köstlichkeit gefüllt.

Rahel grübelte laut vor sich hin, streckte sich dabei auf dem Ledersessel aus und zog den Elastikbund ihrer Pyjamahose in die Länge, um dem Teigwarenwanst den nötigen Freiraum zu gewähren. «Ich begreife nicht, wieso dieser Fisch immer durchs Bild schwebt, der Film ist echt ein wenig verstörend.»

Meli runzelte die Stirn, welche sich aber gleich wieder glättete. Melis Haut schien immun gegen Falten, und ihr Haar erstrahlte trotz der sechsunddreißig Lenze in sattem kastanienbraun. Während Meli nun ihre Ansichten formulierte, starrte Lena neiderfüllt auf Melis Teint und dachte an ihren eigenen rissigen Zitronenmund. Launisches Organ, ihre Haut, verknitterte Fältchen wie bei den Omas im Altersheim und dennoch jugendliche Pickel, die ihren Schokoladenkonsum und Dauerstress widerspiegelten. Müsste man Lenas Gesicht beschreiben, so würde man die Worte: Verwelkte, streuseldekorierte Furchenlandschaft wählen.

«Ja, find ich auch», klinkte sich Meli ins Gespräch ein, «aber die Filmmusik macht den Streifen irgendwie eingängig. Und ich mag, dass Johnny mit dieser älteren Frau anbandelt, die so gar nicht dem RomCom-Babydoll-Klischee entspricht.»

«Ich fand den Schluss gut, ein düsterer, rauschender Sturm mit Bindfadenregen, und die junge jungfräuliche Geliebte begeht den zu hundertsten Mal angekündigten Suizid und ballert sich rabiat die Rübe weg. Kein dramatisches Schnibbeln der Pulsadern, schaumgeküsst in der Wanne, kein inszenierter Sprung vom meterhohen Wolkenkratzer mit ewig langer Fallszene und Erinnerungsrückblenden, einfach Mund auf, Stahl rein peng und fertig, tschüss.»