Albena Azmanova · Kapitalismus

Reihe KURVEN

Albena Azmanova

Kapitalismus
an der Kippe

Radikaler Wandel ohne Krise

Edition Konturen

Wien · Hamburg

Originaltitel: Capitalism on Edge

Copyright © 2020 Columbia University Press

Übersetzt von Georg Hauptfeld

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

Copyright © 2021 Edition Konturen

Mediendesign Dr. Georg Hauptfeld GmbH – www.konturen.cc

Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten

Umschlaggestaltung: Georg Hauptfeld

Umschlagbild: Interesni Kazki, The Sysyphus (2010). Mural painting. Ekaterinburg, Russia.

Layout: Georg Hauptfeld

Lektorat: Sarah Fitsch

ISBN 978-3-902968-62-3

Druck: Druckerei Berger, 3580 Horn

Printed in Austria

Inhalt

Zur deutschen Ausgabe

Vorwort

Einleitung: „Wie konnte das passieren?“, fragt eine verwirrte Linke

1. Die Beinahe-Krise des Kapitalismus

2. Kapitalismus auf dem Prüfstand

3. Ideologien für das neue Jahrhundert

4. Aus dem Leben des demokratischen Kapitalismus

5. Prekaritätskapitalismus

6. Woran leiden die 99 Prozent?

7. Die Lösung: Überwindung des Kapitalismus ohne Krise, Revolution oder Utopie

Zusammenfassung: Der radikale Pragmatismus des Abschieds vom Kapitalismus

Anhang:
Zusammenfassung des theoretischen Rahmens

Anmerkungen

Bibliografie

Zur deutschen Ausgabe

Übersetzte Ausgaben sind ein Test dafür, wie gut ein Buch durch Zeit und Raum reist. Nicht immer erreicht diese Reise ihr Ziel. Zu dem Zeitpunkt, an dem das Buch in einer anderen Sprache für einen anderen Ort veröffentlicht wird, haben die Ereignisse die Analyse überholt. Zwischen der englischen Veröffentlichung von „Capitalism on Edge“ im Januar 2020 und seiner deutschen Ausgabe im Februar 2021 schlug die Pandemie zu und stellte uns alle vor drei Rätsel. Das erste war der Zusammenstoß zwischen wissenschaftlichem Wissen und politischem Handeln: Experten hatten beharrlich vor der Wahrscheinlichkeit einer bevorstehenden Pandemie gewarnt, doch die westlichen Regierungen waren völlig unvorbereitet. Das zweite war die Kluft zwischen Wohlstand und Kapazität: Als sich die Pandemie ausbreitete, wurde deutlich, dass die wohlhabendsten Gesellschaften der Welt Schwierigkeiten hatten, den einfachen Bedarf an Schutzkleidung, medizinischer Ausrüstung und Massenimpfungen zu decken. Das dritte betrifft eine verblüffende Umkehrung der politischen Orthodoxie westlicher Regierungen vom Kapitalismus der freien Marktwirtschaft zur Stilllegung der Wirtschaft.

Durch Voraussicht, Intuition oder einfach nur Glück enthält dieses Buch Antworten auf diese Rätsel. Die Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus, die ich in diesem Buch anbiete, ist eine Geschichte der allgegenwärtigen Fragilisierung unserer Gesellschaften – ein Zustand politischer, wirtschaftlicher und psychologischer Prekarität, der diese Gesellschaften trotz ihrer wissenschaftlichen Macht, ihres Wohlstands und ihrer politischen Raffinesse brüchig gemacht hat.

Die Leser werden auch Antworten auf ältere Rätsel finden – jene, die mich zu meiner Forschung veranlasst haben: Warum kam der Populismus in den wohlhabenden 1990er-Jahren auf, deutlich vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2008? Warum hat diese tiefgreifende Wirtschaftskrise nicht zu einem radikalen linken Aufstand geführt, wie „progressive“ Kräfte gehofft hatten? Und wie steht es um die terminale Krise des Kapitalismus, die durch die Turbulenzen des jungen Jahrhunderts immer wieder ins Gespräch kommt?

Diese Ausgabe des Buches unterscheidet sich von der englischen Erstausgabe nur durch das überarbeitete Kapitel 2. Darin habe ich die Diskussion der Gesellschaftstheorie auf die Elemente reduziert, die für das Verständnis meiner Diagnose des Zustands des zeitgenössischen Kapitalismus und meiner Prognose seines Schicksals unerlässlich sind.

Albena Azmanova

Brüssel, 19. Februar 2021

Vorwort

In den 1980er-Jahren – als den sozialistischen Diktaturen der Zusammenbruch drohte – kursierte im Sowjetblock ein Witz: „Der Kapitalismus steht am Rande des Abgrunds. Er wird schon bald vom Kommunismus überholt werden.“ Sehr zur Überraschung aller trat dies tatsächlich ein. Die „schöne neue Welt“ des autokratischen Sozialismus ist längst von der Klippe gestürzt. Der Kapitalismus steht heute noch am Abgrund, die Anhäufung ökologischer, sozialer und ökonomischer Probleme brachten ihn an die Kippe, wenn nicht sogar an den Rand seiner Existenz.

Diese Witze der Dissidenten dienten nicht der Belustigung, sie gaben uns vielmehr das schöne Gefühl, das tägliche politische Denken der Zeit zu karikieren. In diesem Buch geht es um die Möglichkeiten des radikalen Wandels, darum, den Kapitalismus zu verunsichern und aus dem Gleichgewicht zu bringen, obwohl er in den scheinbar endlosen Krisen gedeiht. Es soll dem Leser das Vergnügen bereiten, den gesunden Menschenverstand hinter dem scheinbar Undenkbaren zu erkennen – unseren Weg aus dem Kapitalismus zu finden, ohne notwendigerweise den Sozialismus anzustreben.

Kapitalismus und Sozialismus waren jene beiden konkurrierenden Systeme, die Wohlstand für alle bringen wollten. Bei der Verfolgung dieses Ziels haben sie eine unverzichtbare Bedingung des Wohlstands, die natürliche Umwelt, schwer beschädigt. Heute versagen selbst die weit entwickelten demokratischen Gesellschaften bei der Erfüllung ihrer Verpflichtung, den Klimawandel zu bekämpfen. Das wirft einige unbequeme Fragen auf: Können die politischen und wirtschaftlichen Systeme, die an der Umweltzerstörung beteiligt waren, sie wieder beheben? Wenn die Antwort nein lautet, haben wir eine Alternative?

Unsere Zeit ist arm an entscheidenden Krisen (zumindest bis Corona), revolutionären Umwälzungen und Utopien. Trotzdem waren die Bedingungen noch nie so gut für die Überwindung des Kapitalismus – ohne Mitwirkung von tödlichen Krisen, Revolutionen oder Utopien. Radikaler progressiver Wandel ohne revolutionären Bruch ist möglich, und die Zeit ist reif dafür, wie dieses Buch zu zeigen versucht.

Ich habe das kurze Bestehen des autokratischen Sozialismus (oder des „kommunistischen Regimes“, wie es oft genannt wird) persönlich erlebt und durch meine Beteiligung an den Dissidentenbewegungen und Studentenstreiks, die sich in meiner Heimat Bulgarien dagegen bildeten, geholfen, es zu verkürzen. Aber wir rebellierten nicht gegen den Kommunismus; wir sehnten uns auch nicht nach dem Kapitalismus. Unsere Unzufriedenheit war durchdrungen von dem Gefühl, unser Alltag sei irgendwie pathologisch. Er hatte sich viel zu weit von den Idealen des Humanismus, der Brüderlichkeit und des Anstands entfernt, die das System zu verkörpern vorgab.

Damals wurde viel darüber geredet, dass die Dinge „nicht normal“ seien: Die herrschende Klasse sei korrupt und ignorant, die Privilegien der Eliten erschreckend, die Einschränkungen der Meinungsfreiheit absurd. Und das Leben in Sparsamkeit sei beunruhigend – einer Sparsamkeit für die Masse, um den Wohlstand einiger weniger zu ermöglichen.

Unsere Forderungen waren nicht radikal; sie entsprachen der Blaupause des Kommunismus als einer gerechten und freien Gesellschaft. Deshalb fiel ich aus allen Wolken, als mir unser Fachbereichsleiter an einem Frühlingstag im Jahr 1988 mitteilte, dass ich von der Universität verwiesen werden sollte, weil ich einer Organisation beigetreten war, die „nicht den Segen der Partei hatte“. Tags zuvor war ich unwissentlich zur Feindin des Regimes geworden, indem ich eine Petition unterschrieben hatte, die dazu aufrief, die lebensbedrohliche Verschmutzung in einer Stadt an der Donau zu stoppen – wohl kaum eine Gefahr für das Establishment. Das Regime selbst hatte unsere vernünftigen Forderungen zum Schutz des menschlichen Lebens und der Umwelt zu einer Anti-Establishment-Aktion gemacht, ähnlich wie es jetzt mit Fridays for Future und dem Green New Deal geschieht.

Als die Diktaturen Osteuropas 1989 kollabierten, gab es keine Strategie, keinen großen Plan für die Zeit danach, keine organisierte revolutionäre Kraft und nicht einmal eine große Krise des Systems selbst – abgesehen von einigen Schwierigkeiten in der Wirtschaft, ähnlich der Rezession nach 2008 in den westlichen Demokratien. Die kürzlich veröffentlichten Geheimdienstakten haben gezeigt, dass das Regime Rebellinnen wie mich nicht als ernsthafte Bedrohung ansah. („Sie sind gute Kommunisten“, lautete die Einschätzung.) Doch die Vielzahl unserer scheinbar unschuldigen und unkoordinierten Aktionen hatte den Sozialismus an die Kippe gebracht und löste einen radikalen, unumkehrbaren Wandel aus, der eine völlig neue politische und wirtschaftliche Ordnung hervorbrachte.

Jahre später, zunächst als Politikstudentin in New York und dann als Professorin in Paris und Brüssel, verbrachte ich viel Zeit damit, mich über die gescheiterten Versprechen und halben Misserfolge der kapitalistischen Demokratien zu wundern: von den beinahe erfolgreichen Kämpfen der Frauen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und der immer wieder auftauchenden „religiösen Frage“ in säkularen Demokratien bis hin zur berüchtigten Krise des Kapitalismus, die nie ganz eingetreten ist. Die Häufung von Beinahe-Erfolgen (Wohlstand, aber nicht für alle) und Teil-Misserfolgen (Beinahe-Umweltkatastrophe), die Verbindung aus beispielloser technologischer Fähigkeit zur Lebensverbesserung mit einer Angst, die ganze Gesellschaften verschlingt. All diese widersprüchlichen Trends haben den demokratischen Kapitalismus zu einem Augenblick der Wahrheit geführt. Dieses Buch entstand aus dem Gefühl eines politischen Déjà-vus: Eine Revolution im Westen ist nicht in Sicht, doch das Potenzial für radikale Veränderungen ist akut vorhanden.

Ein Jahrzehnt nach dem finanziellen Zusammenbruch von 2007 und 2008 – und obwohl die Vereinigten Staaten und Europa zu ihrem Wachstum vor der Krise zurückgekehrt sind – werden diese Gesellschaften von einer breiten, nebulösen Unzufriedenheit heimgesucht, die sogar von einigen Verfechtern des Kapitalismus geteilt wird. Irgendetwas stimmt nicht, sagen der zum Präsidenten gewordene Wirtschaftsmagnat Donald Trump und Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank. In der Tat stimmt vieles nicht, darin sind Millionen von Menschen einig, die durch die Art und Weise, wie Leute wie Trump und Lagarde unsere Welt gestalten, ihre Existenzgrundlage verlieren.

Auf den Straßen und in den Wahlkabinen, von Demonstrationen gegen die Sparpolitik bis zur Wahl von Anti-Establishment-Parteien hat der Aufschwung des sozialen Protests zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwas deutlich gemacht: Wir können es nicht länger hinnehmen, wenn man uns sagt, es gebe „keine Alternative“. Wir, die Bewohner der liberalen Demokratien, haben nun doch etwas von unserer politischen Leichtgläubigkeit verloren.

Dieses Buch stellt eine einfache These auf: Der gegenwärtige Zustand der kapitalistischen Demokratie birgt ein konkretes Potenzial für die Überwindung des Kapitalismus, indem man ihn untergräbt. Das ist ein anderer Weg der Veränderung, als ihn zu stabilisieren (das Streben der politischen Rechten), ihn zu stürzen (die Forderung der radikalen Linken) oder ihn zu reformieren, um ihn menschlicher zu machen (das Ziel der linken Mitte).

Den Kapitalismus zu untergraben bedeutet, Veränderungen von innen heraus vorzunehmen. Mit Praktiken, die die treibende Kraft des Kapitalismus angreifen – die kompetitive Produktion von Profit –, also genau jene Dynamik, die menschliche Existenzen, soziale Gemeinschaften und die natürliche Umwelt zerstört. Ein solcher Prozess der Subversion, so behaupte ich, hängt nicht von einer bewussten und politisch artikulierten Unterstützung des Sozialismus oder einer anderen Vision einer guten Gesellschaft als Alternative zum Kapitalismus ab. So wie der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus nicht unter der Ägide eines großen Entwurfs namens „Kapitalismus“ stattfand, verlangt die gegenwärtige Möglichkeit eines Ausstiegs aus dem Kapitalismus keine leitende theoretische Ausarbeitung des Postkapitalismus.

Mir ist bewusst, dass mein Sinn für Geschichte durch meine persönliche Erfahrung mit der Ablösung des autokratischen Sozialismus beeinflusst wurde und, wie ich hoffe, wacher geworden ist. Die Intuitionen über den gegenwärtigen historischen Wendepunkt der kapitalistischen Demokratien sind in etwa fünfzehn Jahren Forschung zu einer Analyse herangereift. Mein Denken wurde stark beeinflusst durch die Arbeit von (und oft durch Debatten mit und schriftliche Kommentare von) Claus Offe, Robert Reich, Nancy Fraser, Wolfgang Streeck, Kalypso Nicolaïdis, Étienne Balibar, Jodi Dean, Peter Fleming, Andreas Kalyvas, Wendy Brown, Costas Douzinas, Seyla Benhabib, Steven Lukes, Maeve Cooke, Michael Leigh, Amy Allen, Rainer Forst, Peter Hall, David Rasmussen, Alessandro Ferrara, Andrew Feenberg, Victor Elgersma, Mirella Elgersma und meinen Mitstreitern im Radical Critical Theory Circle sowie meinen Studenten an der University of Kent, um nur einige jener Menschen zu nennen, die mein Denken gefördert und angeregt haben. Besonders zu Dank verpflichtet bin ich Anastas Gueordjev und Jacqueline Cessou für ihre treffenden redaktionellen Eingriffe und Victor Elgersma für seine aufschlussreiche Forschungsunterstützung während des Schreibens. Eines der gelungensten Ergebnisse dieser vorbereitenden Untersuchungen war die Entstehung der „Brüsseler Gruppe“ der Frankfurter Schule, in der Azar Dakwar, Raphael Wolf, Daniel Lopez Perez und ich gemeinsam an unseren getrennten Projekten arbeiteten – über Arbeit, Protest, Religion, Sicherheit und Bürgerkrieg –, verbunden durch eine Kritik des aktuellen Kapitalismus. Nicht zuletzt zu nennen ist das Team von Columbia University Press – dessen kluger Rat und geduldiger Enthusiasmus für dieses Projekt Freude brachten, wo normalerweise Frustration herrscht.

Einer meiner Lehrer, der große Historiker Eric Hobsbawm, pflegte zu sagen, dass Geschichtsbücher nicht für Historiker geschrieben werden sollten, so wie Philosophiebücher nicht nur für andere Philosophen geschrieben werden sollten. Indem ich meinen Stil der Reflexion auf dem Mittelweg zwischen Eingeweihten und Neulingen ansiedle, möchte ich seinem Rat folgen. Natürlich kann ein gewisses Maß an Kenntnissen der Geschichte und Philosophie die Lektüre angenehmer machen, doch ich hoffe, auch ohne diese steht dem Verständnis nichts im Wege.

Meine Analysen stützen sich auf Geschichte, politische Theorie und politische Ökonomie. Anfangs war ich skeptisch gegenüber dieser disziplinären Vermischung, doch entschloss ich mich dazu, weil sie dem Thema dieses Buches angemessen ist. Zudem erkannte ich, dass meine eigene idiosynkratische Ausbildung diese Vermischung ermöglicht hat und ich in der Tat davon profitieren würde. Ich habe das Glück, bei einigen der besten Köpfe auf diesem Gebiet studiert zu haben: Claus Offe, Nancy Fraser, Andrew Arato, Seyla Benhabib, Ira Katznelson, Aristide Zolberg, Charles Tilly, Eric Hobsbawm, Charles Larmore, Ronald Dworkin und Joseph Raz. All die Weisheit dieser Gelehrten wäre mir jedoch wahrscheinlich verloren gegangen ohne die subversiv erhellende Arbeit von drei meiner Lehrer aus der Zeit des „alten Regimes“ in Bulgarien: Georgi Dimitroff, Evgenij Dajnov und Stefan Popov. Ich stehe tief in ihrer Schuld. Hätte ich nicht die Sorge, anmaßend zu klingen, würde ich ihnen dieses Buch widmen.

Einleitung: „Wie konnte das passieren?“, fragt eine verwirrte Linke

„Die beste Art, deine Träume zu verwirklichen, ist aufzuwachen.“

Paul Valéry, Tel Quel (1941)

Erinnern Sie sich an die „Roaring Nineties“ – das wohlhabendste Jahrzehnt der Welt?[1] Schon als das 20. Jahrhundert glorreich das 21. einleitete und lange bevor die unrühmliche Finanz-, Wirtschafts- und Sozialkrise von 2008 Europa und die Vereinigten Staaten heimsuchte, zeichnete sich eine Welle rätselhafter Entwicklungen ab. Eines dieser Rätsel wurde mir 2002 von einer Gruppierung linker Parteien im Europäischen Parlament vorgelegt, die folgende Frage stellte: „Wie kommt es, dass trotz guter Wirtschaftsleistung und niedriger Arbeitslosigkeit die regierenden Linksparteien in ganz Europa Wahlen verlieren?“

Ich erklärte mich bereit, der Sache nachzugehen, und fand schließlich eine Antwort, die meinen Gesprächspartnern allerdings nicht gefiel: Unter dem Einfluss global integrierter Märkte und der Automatisierung durchlief der Kapitalismus eine rasante Transformation. Sie erzeugte neue soziale Probleme, die vom europäischen politischen Establishment der Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien wie auch von der radikalen Linken ignoriert wurden, sodass neue oder reformierte Anti-Establishment-Parteien der wachsenden öffentlichen Unzufriedenheit Ausdruck verleihen konnten.[2] Ich empfahl der Linken, sich dieser Realität umgehend zu stellen, wenn sie politisch relevant bleiben wollte.

Das schien mir jedoch eine voreilige, wenn auch plausible Antwort auf eine wichtige Frage zu sein, die eine weitere Untersuchung verdiente. Daher setzte ich meine Forschungen in den folgenden Jahren fort und untersuchte das gesamte Spektrum des Wandels, von der politischen Ökonomie der westlichen Demokratien bis hin zur ideologischen Landschaft und zu den vorherrschenden Stilen des sozialen Protests und der intellektuellen Kritik. Dieses Buch führt die verschiedenen Stränge meiner Untersuchung zusammen und erzählt eine Geschichte der Transformation des demokratischen Kapitalismus im frühen 21. Jahrhundert.

Es ist eine Geschichte über die Mutation dessen, was als „neoliberaler Kapitalismus“ bekannt geworden ist, zu der neuen, bösartigeren Form der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir heute leben. Ich nenne sie Prekaritätskapitalismus, um eines ihrer charakteristischen Merkmale hervorzuheben – die Universalisierung der Unsicherheit, von der jetzt die Mehrheit der Bevölkerung betroffen ist, nahezu unabhängig von Beschäftigungsart und Einkommensniveau.

Während in den letzten Jahren viel über die Krise des Kapitalismus und seinen drohenden Zusammenbruch gesagt wurde, biete ich hier eine alternative Geschichte an: dass es dem Kapitalismus als Motor des Wohlstands gut geht. Doch brauchen wir keine große Krise, keine Revolution und keine Utopie, um ihn zu überwinden. Dieses Buch zeichnet sowohl die – trotz des vielen emphatischen Krisengeredes – nicht existierende Krise des Kapitalismus nach als auch die bestehenden Möglichkeiten seiner radikalen Überwindung.

Auf den folgenden Seiten stelle ich die These auf, dass bei allen Befürchtungen und Vorwegnahmen der Krise des Kapitalismus keine solche stattgefunden hat. Was man gemeinhin als ihre Manifestationen ansieht – vom Aufstieg des Populismus bis zum Anstieg der prekären Beschäftigung und der Verlangsamung des Wachstums –, sind vielmehr die „Wachstumsschmerzen“ in einem Prozess der Transformation des Kapitalismus vom neoliberalen zum prekären Modell. Das zeigt schon der Diskurs über die Krise des Kapitalismus. Wie Jacques Derrida warnte, müssen wir gerade dann misstrauisch werden, wenn „die Idee, dass die gegenwärtige Welt in der Krise ist, ihre größte Inflation erlebt“, und fragen: „Wer spricht über die Krise? Wer spricht gerade jetzt am meisten über sie? Mit wem? In welcher Form? Im Hinblick auf welche Auswirkungen und welche Interessen?“ (1983, 71).

Merkwürdigerweise haben sich sowohl die neoliberale Rechte als auch die radikale Linke dem Diskurs über die Krise des Kapitalismus verschrieben, wenn auch in gegensätzlichen Zusammenhängen – Ängste vor dem drohenden Zusammenbruch des Kapitalismus oder Hoffnungen auf seinen baldigen Untergang. Auf der politischen Rechten geht es um eine vorübergehende, aber gefährliche Störung eines Mechanismus, der für das Wohlergehen der Gesellschaften angeblich essenziell ist und den es zu retten gilt, indem man den wirtschaftlichen und politischen Eliten noch mehr Macht gibt. Diese Vorstellung führte zu einer Fülle von politischen Maßnahmen, die darauf abzielen, den Kapitalismus zu heilen (zum Beispiel Kürzung öffentlicher Ausgaben, um die Finanzmärkte zu besänftigen). Diese konservative Nutzung des Krisendiskurses hat ihr Gegenstück auf der radikalen Linken, die auf den Zusammenbruch des Kapitalismus durch einen selbst verschuldeten Herzstillstand hofft, ausgelöst durch grassierende Ungleichheit, gierige Banker und rücksichtslose Regierende. In dieser Version soll der Kapitalismus „sein eigenes Grab schaufeln“, wenn die Handlungen seiner politischen und wirtschaftlichen Führung massive Aufstände auslösen.

In ihren voreiligen Diagnosen blenden diese Zwillingsversionen die Transformation der soziopolitischen Ordnung und die Entstehung von Formen des Leidens und der Ungerechtigkeit aus, für die das alte Lexikon progressiver Politik – das Ungerechtigkeit vor allem als eine Angelegenheit von Ungleichheit und Ausgrenzung sah – keine Begriffe bereithält. Schlimmer noch: Sie ignorieren die Möglichkeit einer radikalen Transformation ohne Krise, Revolution oder Utopie.

Wir sollten die Faszination für die Krise des Kapitalismus ablegen und stattdessen alle Aufmerksamkeit auf die Einzigartigkeit unserer Zeit richten, um Tendenzen zu erkennen, die Chancen zur Überwindung des Kapitalismus enthalten, anstatt ihn zu stabilisieren oder zu stürzen. Dieses Buch bietet jedoch weder Vorhersagen über noch Rezepte für ein Leben nach dem Kapitalismus. Stattdessen zeichnet es ein erkennbares Muster nach, zunächst der Transformation des neoliberalen Kapitalismus in eine neue Form, danach von Tendenzen und greifbaren Entwicklungen eines radikalen Wandels – der Überwindung des Kapitalismus durch seine Subversion.

Das Motiv für dieses Buch ist das Bewusstsein für die Chancen eines radikalen Wandels, zugleich auch die Befürchtung, dass die fortschrittlichen Kräfte den falschen Weg einschlagen – indem sie die bekannte Formel des „Klassenkampfes“ in ihren Forderungen nach der Rettung der Demokratie durch die Besteuerung der Reichen wiederaufleben lassen. Die politischen und wirtschaftlichen Oligarchien, die in den letzten dreißig Jahren entstanden sind, sowie verstärkte Angriffe auf liberale Werte durch protofaschistische Bewegungen haben unseren Gesellschaften schrecklichen Schaden zugefügt. Es ist notwendig, die Demokratie zu stärken.

Meiner Meinung nach können wir mehr tun. Um einen Weg zu zeichnen, der über die Demokratisierung des Kapitalismus hinausführt, formuliere ich die Kritik des Kapitalismus neu und konzentriere mich stärker auf die Dynamik der kompetitiven Produktion von Profit. Im Mittelpunkt meiner Analyse steht die Vorstellung der „radikalen Praxis“, die jenen Dynamiken entgegenwirkt, die für den Kapitalismus konstitutiv sind. Ich beschreibe dieses Modell in Kapitel 2. Auch der Anhang bietet eine schnelle Referenz für Begriffe wie „Emanzipationsparadoxon“.

Ich schulde dem Leser eine frühe Offenlegung meiner Auffassung von Kapitalismus. In der Frage von Sozialismus und Kapitalismus habe ich immer die Ansicht des tschechischen Schriftstellers, Staatsmannes und ehemaligen Dissidenten Václav Havel geteilt, dass „diese durch und durch ideologischen und oft semantisch verworrenen Kategorien schon seit Langem neben der Sache liegen“ ([1984] 1991, 263). Um jedoch Art und Reichweite der Impulse zu erörtern, die heute in den westlichen Gesellschaften für radikale Veränderungen zu beobachten sind, betrachte ich diese Gesellschaften als institutionelle Ordnungen, die Demokratie als politisches System mit Kapitalismus als sozialem System verbinden. Ich spreche daher vom demokratischen Kapitalismus als einer besonderen institutionalisierten sozialen Ordnung, die diese beiden miteinander verflochtenen Systeme umfasst, jedes mit seiner besonderen operativen Logik, seinen ermöglichenden Strukturen und seinen Verteilungsergebnissen.

Unter „System“ verstehe ich strukturierte soziale Beziehungen – Beziehungen, die durch die alltäglichen Interaktionen von Beteiligten im Zuge alltäglicher sozialer Praktiken (wie Arbeit oder Bezahlen von Rechnungen) erzeugt und durch die Regeln, die diese Praktiken regulieren, stabilisiert werden. Ich behaupte nicht, dass es ein „objektives System“ gibt, das völlig unabhängig vom Willen der Akteure ist. Eine solche Sichtweise würde uns alle zu Gefangenen eines Schicksals machen, dem wir nicht entkommen können. Schlimmer noch: Sie würde die Täter von Ungerechtigkeit als unschuldige Opfer eines anonymen Systems entlasten. Für unsere Zwecke ist es an dieser Stelle jedoch nützlich, das gegenwärtige historische Vexierbild als Auswirkung eines Systems zu denken, und zwar aus einem einfachen Grund: Kapitalistische Demokratien weisen die Symptome von Systemen auf, mit ihren ausgeprägten Kernlogiken der kompetitiven Erzeugung von Profit und dem kompetitiven Erwerb von politischen Ämtern. Diese Systeme und die soziale Ordnung, die sie begründen, werden durch Regeln und Institutionen zum Leben erweckt – sie können jedoch kritisiert, bekämpft und aufgelöst werden.

Dieses marxsche (aber nicht marxistische)[3] Verständnis des Kapitalismus als ein historisch spezifisches und sich entwickelndes System sozialer Beziehungen lässt sich nicht einfach auf eine „Marktwirtschaft“ reduzieren, auf die Produktion und den Konsum von Gütern, die über den Markt ausgetauscht werden. Das ganzheitliche Konzept, das ich vertrete – das Konzept des demokratischen Kapitalismus als institutionalisierte soziale Ordnung und des Kapitalismus als soziales System innerhalb dieser Ordnung – legt den Schwerpunkt auf Praktiken, durch die sich die Gesellschaft reproduziert. Dies verschiebt die Aufmerksamkeit weg von einer ausschließlichen Konzentration auf soziale Klassenverhältnisse, einer Perspektive, die unter marxistischen Gelehrten vorherrscht und den Ton in der aktuellen linken Kritik am Neoliberalismus angibt. Solche Denker nehmen die Ungerechtigkeit des Kapitalismus ausschließlich als eine Frage der Klassen- oder Gruppenherrschaft wahr. Ihr Augenmerk liegt auf der Verteilung der Lebenschancen in der Gesellschaft.

Besonders aufmerksam sollten wir auf die Bildung von Lebenschancen achten. Was macht ein gelungenes Leben im Kapitalismus aus? Wie werden dadurch bestimmte Handlungsszenarien politisch realisierbar? Antworten lassen sich finden, indem die Kernlogiken, die institutionelle Logistik der kompetitiven Produktion von Profit und die verschiedenen Formen des Schadens untersucht werden, den sie den Menschen, den Gesellschaften und der Natur zufügt. Auf diese Weise lassen sich Erfahrungen von Ungerechtigkeit nicht nur als Klagen von Opfern behandeln, die Wiedergutmachung verlangen (weil sie zum Beispiel unterbezahlt sind oder nicht respektiert werden), sondern die Vielfalt solcher Erfahrungen weist auf eine Notlage hin, die auf die übergreifende Logik des sozialen Systems zurückgeführt werden kann. Das Achten auf systemische Dynamiken statt auf materielle Ungleichheiten und Eigentumsstrukturen wird dazu führen, die beispiellose Kumulation von Ungerechtigkeiten unter den „99 Prozent“ (gemäß dem Motto der Occupy-Wall-Street-Bewegung) zu erkennen und die Prekarität als gemeinsamen Nenner der verschiedenen Missstände herauszustellen. Hier liegen greifbare Möglichkeiten, Widerstand (eine Gegenhegemonie) gegen die treibende Kraft des Kapitalismus zu mobilisieren und ihn schließlich mithilfe der Institutionen der liberalen Demokratie zu unterlaufen.

Wegweiser durch die sieben Kapitel dieses Buches

Ausgangspunkt in Kapitel 1 ist der Diskurs über die „Krise des Kapitalismus“, der im Zuge des wirtschaftlichen Zusammenbruchs von 2008 aufkam. Ich verfolge die Deflation des Narrativs einer großen, endgültigen Krise des Kapitalismus und den Aufstieg eines Narrativs über die Ungerechtigkeit der Ungleichheiten, das den Ruf nach Umverteilung über die politische Kluft zwischen Links und Rechts hinweg beflügelt hat.

Diese Verschiebung weist auf etwas Bedeutsames in der Natur des „Legitimitätsabkommens“ zwischen Bürgern und öffentlicher Autorität hin – nämlich darauf, was die Bürger als wertvolle Dienste ansehen, die der Staat für die Gesellschaft leisten kann und muss. Bei der Vorauswahl der Missstände, die als politisch relevant gelten, wird ein ebenso wichtiger Teil des Legitimitätsabkommens ausgeblendet. Warum hat der Druck auf den Staat zugenommen, für wirtschaftliche Gerechtigkeit zu sorgen, indem er Ungleichheit reduziert, statt Armut zu lindern oder stabile Arbeitsplätze zu schaffen? Dies führt dazu, den selektiven Prozess der Politisierung genauer zu betrachten – also die Art und Weise, wie die Leiden der Gesellschaft, von Arbeitslosigkeit über mangelnde physische Sicherheit bis hin zu wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit, als Themen dargestellt werden, die politische Aufmerksamkeit und politisches Handeln erfordern. Das Thema der Politisierung wird im Mittelpunkt meiner Untersuchung stehen: Welche sozialen Probleme werden als der öffentlichen Aufmerksamkeit würdig angesehen und wie werden soziale Ängste zu politischen Problemen, die politisches Handeln verdienen?

Die Ungerechtigkeit der Ungleichheit ist zum dominierenden Thema des sozialen Protests geworden, seit die Occupy-Bewegung stolz verkündete: „Wir sind die 99 Prozent.“ Ich halte diese Empörung nicht für ein Symptom der Krise des Kapitalismus, sondern vielmehr für dessen ungebrochene Gesundheit. Proteste gegen die Ungleichheit stellen die zahlreichen und schwerwiegenden Fehler des Kapitalismus dar, als seien sie mit einer Dosis Umverteilungspolitik und verstärkter Aufsicht leicht in den Griff zu bekommen. Diese scheinbar radikale Herausforderung des neoliberalen Kapitalismus verstärkt diesen in Wirklichkeit, da sie unweigerlich das Lebensmodell unterstützt, in das wir gleichberechtigt einbezogen werden wollen – was ich als „das Paradox der Emanzipation“ beschreibe.

Öffentliche Proteste legitimieren somit unabsichtlich das soziale System, das sie vorgeben, infrage zu stellen, indem sie versuchen, die Ungleichheiten, die der Neoliberalismus hervorgebracht hat, zu verringern, ohne sich mit den Ursachen der wirtschaftlichen und sozialen Krise auseinanderzusetzen. (Immerhin war das Wachstum der Ungleichheit ein Ergebnis dieser Krise, nicht ihre Ursache). Auf diese Weise konnte der Kapitalismus trotz wachsender öffentlicher Unzufriedenheit weiter gedeihen.

Obwohl der wirtschaftliche Motor des Kapitalismus erhebliche Schwierigkeiten hat, Wachstum und Wohlstand für alle bereitzustellen, hat sich das Modell der Legitimität in den westlichen Gesellschaften so verändert, dass er mit neuer Autorität ausgestattet wurde. Es gibt keine Krise des Kapitalismus – wir leben in einer Krise der Krise des Kapitalismus.

Die Deflation des sozialen Protests (also die Verlagerung vom Diskurs über die Krise des Kapitalismus zu Forderungen nach Umverteilung) und der konservative, defensive Charakter der Proteste sind symptomatisch für eine tiefgreifende Umwandlung des sozioökonomischen Modells der westlichen kapitalistischen Demokratien. Während über die Krise des Kapitalismus debattiert wurde, hat der neoliberale Kapitalismus nicht nur die wirtschaftliche Rezession des zweiten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts überlebt, sondern auch eine Transformation vollendet, die bereits vor der Finanzkrise ihren Anfang nahm. Aus Gründen, die im Verlauf der Darstellung deutlich werden, werde ich diese Mutation des Neoliberalismus in die noch schädlichere Form des „Prekaritätskapitalismus“ nachzeichnen.

In Kapitel 3 geht es um die Bildung politischer Ideologien und die Umgestaltung der Landkarte der Wahlmobilisierung im Zuge der Entstehung dieser neuen Form des Kapitalismus. Dazu gehört, dass seit Beginn dieses Jahrhunderts die klassische Links-Rechts-Spaltung durch eine Chancen-Risiko-Spaltung ersetzt wurde, die alte Loyalitäten kappt und merkwürdige neue Allianzen schmiedet. Diese Verschiebungen wurden durch die Wahrnehmung der Folgen der neuen Ökonomie offener Grenzen und technologischer Innovationen entweder als Chancen oder als Risiken begünstigt, die als öffentliche Sorgen zum Ausdruck kamen (etwa Einwanderung, Verlust der Lebensgrundlage oder CO2-Fußabdruck).

Die alten politischen Formationen von Mitte-Links und Mitte-Rechts nähern sich nun einerseits einem „Chancen“-Pol an, der die Vorteile von Marktoffenheit und technokratischer Politikgestaltung erkennt, während sich die früheren Extreme des politischen Spektrums um einen „Risiko“-Pol zusammenziehen, der Menschen versammelt, die das ablehnen, was der Senator von Vermont, Bernie Sanders, als „Establishment-Politik und Establishment-Wirtschaft“ bezeichnete. Ich stütze mich auf Erkenntnisse aus der politischen Mobilisierung und der Wahlpolitik in den Vereinigten Staaten und Europa, um die Entstehung einer neuen Reihe öffentlicher Forderungen zu analysieren, auf die das politische Angebot der Parteien derzeit reagiert. Dieses Verständnis bietet eine Alternative zu Narrativen über Aufstieg (und den implizierten Fall) des Populismus. Die Vorstellung von einem populistischen Aufstand weist auf ein Zwischenspiel, eine vorübergehende Abweichung von der „normalen Politik“. Dies ist nicht meine Interpretation des Phänomens, und ich habe vorgeschlagen, auf den Begriff „Populismus“ zu verzichten. Wenn man die vermeintlich populistischen Umwälzungen innerhalb dieser neuen, aber stabilen Neukonfiguration der ideologischen Landschaft der kapitalistischen Demokratien ansiedelt, wird deutlich, wie es weitergeht.

Wenn in Wahlkämpfen und öffentlichen Debatten neue Bruchlinien auftauchen, bedeutet das nicht unbedingt, dass sich eine Opposition gegen den neoliberalen Kapitalismus „von unten“ zusammenbraut. Es bedeutet auch nicht, dass die gesellschaftlichen Kräfte, die derzeit den politischen Status quo unterstützen, ein dauerhaftes Interesse daran haben, diese Unterstützung fortzusetzen. Um das Potenzial für eine radikale Transformation zu untersuchen, gebe ich in Kapitel 5 einen Überblick über die politische Ökonomie und die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in der neuen Form des Kapitalismus. Um seine Besonderheiten hervorzuheben, bietet das Kapitel davor einen kurzen Rückblick auf seine Vorgänger, nämlich den liberalen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, den Wohlfahrtskapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts und die neoliberale Formel des späten 20. Jahrhunderts.

Bei meiner Untersuchung über den Kapitalismus und eine seiner Ausprägungen fälle ich nicht leichtfertig ein negatives Urteil. Obwohl ich mich auf viele intellektuelle Kritiken stütze, die „Neoliberalismus“ in einen pejorativen Begriff verwandelt haben, betrachtet meine Analyse alle Formen des Kapitalismus als miteinander verflochtene Dynamiken der Emanzipation (das heißt der Linderung von Unterdrückung) und der Herrschaft, so wie es der ursprünglichen Analyse von Marx entspricht. Es geht darum, fortschrittliche Tendenzen aufzuspüren und dabei zugleich die aktuell wirkenden unterdrückenden und ausbeutenden Prozesse ins Auge zu fassen.

In Kapitel 6 befasse ich mich mit der Möglichkeit oder sogar der Wahrscheinlichkeit einer anderen Art radikalen Wandels, indem ich das übergreifende Interesse formuliere, das die „99 Prozent“ entwickelt haben, um das sozioökonomische System grundlegend zu verändern. Politische Antworten auf die vielfältigen Missstände könnten zu einem allmählichen Ausstieg aus dem Kapitalismus führen, weil sie dessen eigentliche konstitutive Logik hemmen würden – nämlich das kompetitive Streben nach und die Produktion von Profit.

Kapitel 7 artikuliert die Politik und die Strategien dieser Transformation als Aufbau einer „politischen Ökonomie des Vertrauens“.

Obwohl ich mich auf die zentralen strukturellen Dynamiken und die systemische Logik des zeitgenössischen Kapitalismus konzentriere, bleibt meine Analyse in der historischen Besonderheit verwurzelt – die soziale Welt ist einfach akkumulierte Geschichte. Mehr über meine Auffassung von den Transmutationen des Kapitalismus möchte ich hier nicht sagen. Trotz meines früheren Rückgriffs auf Jacques Derridas Weisheit über den Gebrauch und Missbrauch von Krisendiskursen wird es nicht nötig sein, ein Schild aufzustellen, auf dem steht: „Vorsicht! Dekonstruktion im Anmarsch!“ [4]

1. Die Beinahe-Krise des Kapitalismus

„Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann; in diesem Interregnum treten die verschiedensten morbiden Symptome auf.“

Antonio Gramsci, Gefängnishefte (1929–1935)

Das „Ende des Kapitalismus“ gibt es nicht mehr

„Ein geschickt getimter Aufruf zum Umsturz des Kapitalismus“, schrieb ein Rezensent der Financial Times im Frühjahr 2010 über David Harveys Buch „Das Rätsel des Kapitals entschlüsseln“. „Wenn das kein revolutionärer Moment ist, was dann?“ Vergessen Sie die wütende Straße – die globalen Occupy-Bewegungen, die Indignados in Spanien, den griechischen Aufstand gegen die Austeritätspolitik, der die kommunistische Partei Syriza an die Macht brachte. Es war ausgerechnet die intellektuelle Bastion des Kapitalismus, die seinen Untergang nach der globalen Finanzkrise verkündete.

Der Kapitalismus ist natürlich immer in irgendwelchen Schwierigkeiten – Krisen sind essenziell für sein Funktionieren, wie sowohl sein Kritiker Karl Marx als auch sein Befürworter Joseph Schumpeter erklären würden.[1] Erst mit dem endgültigen Triumph der neoklassischen Ökonomie im späten 20. Jahrhundert wurde die wohlwollende unsichtbare Hand des Marktes zur Orthodoxie. Die Autorität des neoliberalen Kapitalismus gründete sich auf die herrschende Vorstellung, dass der Markt optimale Ergebnisse „ohne Fehler, Instabilität oder Krisen“ sicherstellt (Shaikh 2016). Der finanzielle Zusammenbruch im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts provozierte allerdings Äußerungen über eine terminale Krise des Kapitalismus – der Kapitalismus auf dem Sterbebett.

Die Bankenkrise von 2008 löste eine Reihe weiterer Krisen aus: eine Krise der Staatsfinanzen, eine Krise der Realwirtschaft und schließlich, durch steigende Arbeitslosigkeit, eine soziale Krise. Der Kapitalismus scheint immer härter daran zu arbeiten, sein eigenes Grab zu schaufeln.

Einige seiner weniger „kreativen Widersprüche“ – sein Drang, Kapital zu akkumulieren, ohne es investieren zu können (da die Unternehmen auf Bargeld sitzen), seine Vorliebe für Lohnkürzungen und den Entzug von Mitteln für den Konsum, sein Zwang zur Ausbeutung der Natur bis hin zur Ausrottung – scheinen, jetzt bedrohlicher denn je, auf den bevorstehenden Untergang des Kapitalismus hinzuweisen (Harvey 2014). Sozialwissenschaftler und Fachleute haben viel zu diesem Thema gesagt. Im Umfeld der Finanzkrise widersprach Paul Mattick (2011) der verbreiteten Ansicht, menschliche Gier, strategische Fehler und Missmanagement seien schuld an der Krise – eine Position, die impliziert, dass das System repariert ist, wenn die Fehler in Moral und Verhalten beseitigt werden. Das System, so argumentierte er energisch, sei nicht zu reparieren.[2]

Ähnlich hat Wolfgang Streeck behauptet, dass sich das kapitalistische System unter dem Druck von rückläufigem Wachstum, Oligarchie, Aushungerung der öffentlichen Sphäre, Korruption und internationaler Anarchie im Niedergang befinde und nichts weiter tun könne, als seinen endgültigen Untergang hinauszuzögern. Die Regierungen kauften lediglich Zeit durch Umverteilung, Finanzregulierung und andere politische Maßnahmen, die helfen sollen, eine Illusion von Wohlstand zu schaffen (Streeck 2014, 2016).

Eine langjährige Position des Ökosozialismus aktualisierend, behauptet Saral Sarkar (2014), der Kapitalismus sei endgültig an seine Grenzen gestoßen, denn auch im Zeitalter der „nicht-materiellen“ Informationstechnologie stütze er sich nach wie vor auf Ressourcen, die bald aufgebraucht seien. Paul Mason hat (2015) die These formuliert, der Kapitalismus, so widerstandsfähig er auch sein mag, könne die gleichzeitige existenzielle Bedrohung durch eine alternde Bevölkerung im globalen Norden, eine weltweite Schuldenkrise und den Klimawandel nicht überleben. Er glaubt, wir stünden kurz vor dem Ausstieg aus dem Kapitalismus, da die Informationstechnologien nicht nur ein transformatives Potenzial enthielten (das in jede Richtung gehen kann), sondern eine wirklich emanzipatorische Kraft, die die Entwicklung einer sozial gerechteren und nachhaltigeren Wirtschaft fördere. Auch Slavoj Žižek (2018) besteht darauf, der globale Kapitalismus stehe kurz davor, unter der unerträglichen Leichtigkeit der Automatisierung, dem Aufstieg immaterieller/intellektueller Arbeit, der Virtualisierung des Geldes und der Auflösung von Klassengemeinschaften völlig zu verschwinden.

Die Diagnosen über den bevorstehenden Untergang des Kapitalismus stützen sich typischerweise auf drei Behauptungen. Erstens, das System steht aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Leistung, einschließlich der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, auf die es sich stützt, kurz vor dem Zusammenbruch. Zweitens, die Institutionen, von denen es abhängt, nämlich die der liberalen Demokratie, resignieren. Drittens, der Kapitalismus verliert seine Legitimität, da die breite öffentliche Unterstützung für ihn schwindet. Nichts von alledem ist eingetreten oder steht kurz bevor. Noch wichtiger ist, dass eine solche tödliche Krise des Kapitalismus keine Vorbedingung für seine Überwindung ist. Diese Skizze der gegenwärtigen Zwangslage kann vorerst als Einstieg in die Analyse dienen.

Die Mahnungen vor dem Kapitalismus und die Warnungen vor seinem Untergang nach der Finanzkrise kamen nicht nur von der Linken. Man denke auch an Papst Franziskus’ öffentliche Befürwortung von Marx’ Kritik von Entfremdung und Ausbeutung, ebenso an das Bild des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy aus dem Jahr 2009, der ostentativ eine Ausgabe von „Das Kapital“ in der Hand hält. Manche Äußerungen stammen aus der Geschäftswelt selbst. „Der Kapitalismus ist tot“, schrieb Alec Reed, Gründer eines der größten Privatunternehmen Großbritanniens (Reed 2011). In ihrer Rede auf der „Conference on Inclusive Capitalism“ sprach die damalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, 2014 über die jüngsten Exzesse des Finanzkapitalismus und behauptete: „Eines der Hauptopfer ist das Vertrauen – in Führungskräfte, in Institutionen, in das System des freien Marktes selbst“ (Lagarde 2015). Dies deutete eher auf eine Krise des sozialen Systems als auf einen finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenbruch hin.

Ein gutes Jahrzehnt nach dem Höhepunkt der Krise hat der wirtschaftliche Motor des Kapitalismus immer noch Schwierigkeiten, und es herrscht das allgemeine Gefühl, dass vieles im Argen liegt. Auch wenn sich die Wirtschaft erholt hat, die Gesellschaft hat es nicht: Für die meisten Menschen fühlt sich die Erholung wie eine Depression an. Die Weltwirtschaft liegt immer noch in Trümmern. Die Gesellschaften sind durch finanzielle Volatilität und mageres Wachstum gelähmt. Die Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer, für Wohlhabende wie für Arme. Der zunehmende Arbeitsdruck fordert selbst von „Insidern“ des Arbeitsmarktes, die wir so beneiden, wachsenden psychischen Tribut. Junge Menschen sind zu Recht besorgt, dass sie vielleicht nie einen Job finden werden. Angesichts der Vielzahl guter Gründe für massive Unzufriedenheit sollte die Suche nach einem alternativen sozioökonomischen System, das Wohlstand und Gerechtigkeit bringen kann, jetzt greifbare Formen annehmen. Stattdessen sind die Rufe nach dem Umsturz des Kapitalismus verstummt. Wir sind in eine Zone eingetreten, die Jacques Derrida (1983, 71) die „Krise der Krise“ genannt hat – eine Situation, in der auch ohne das Wort „Krise“ die Idee fortbesteht, dass die gegenwärtige Welt in einer solchen steckt.

Die Formulierung „Krise der Krise“ passt zur gegenwärtigen Zwangslage. Eine Krise ist ein kurzer Moment extremer Herausforderung, der einen Wendepunkt in der Existenz einer Einheit markiert. Es gibt prinzipiell drei Lösungen: den Tod, die Rückkehr zum Zustand vor der Krise oder den Übergang zu einem neuen Zustand. Die Welt befindet sich in einer sehr eigenartigen historischen Konjunktion, in der keine dieser drei Optionen offensteht. Strategien zur Bewältigung der großen Rezession (die in Kapitel 5 behandelt werden) konnten die Krise nicht überwinden. Es hat sich ein Zustand chronischer Entzündung eingestellt, und kurzfristiges Krisenmanagement ist zur neuen Normalität geworden. Der Kapitalismus steht nicht am Rande seines Zusammenbruchs, doch zweifellos an der Kippe.

Rufe nach dem Sturz des Kapitalismus sind durch Rufe nach Gleichheit ersetzt worden. Kurz nachdem der Ökonom Robert J. Shiller 2013 den Nobelpreis erhielt, erklärte er, dass „die zunehmende Ungleichheit in den Vereinigten Staaten und anderswo auf der Welt“ das wichtigste Problem der Gesellschaft sei (Shiller 2013). Der Schlachtruf der „Besteuerung der Reichen“ ging von einer Reihe breit diskutierter Autoren aus, die sich in ihren Arbeiten der Thematik widmeten, darunter Thomas Piketty (2013 und 2015), Anthony Atkinson (2015), Harry G. Frankfurt (2015) und Joseph E. Stiglitz (2013 und 2015). Hinzu kommt die Stimme von Christine Lagarde, die dazu aufrief (2017), der steigenden Ungleichheit dringend entgegenzuwirken, da sie einem nachhaltigen Wachstum abträglich sei. Im Vorfeld der Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2019 hat die Sozialdemokratische Partei Europas acht Resolutionen für eine gleichberechtigte Gesellschaft als Grundlage ihres Wahlprogramms verabschiedet.[3]

Was ist aus der prophezeiten, gefürchteten, erwarteten Krise des Kapitalismus geworden? Warum sind die begeisterten Forderungen, ihn abzuschaffen, zu den vertrauten, etwas nörglerischen Rufen nach Besteuerung der Reichen verpufft? Eine solche Maßnahme würde unsere Frustration zwar lindern, könnte soziale Privilegien beenden und helfen, die Defizite der öffentlichen Haushalte zu reduzieren, aber sie würde keine politische Ökonomie herbeizaubern, die Lebensgrundlagen schafft, ohne der Natur und den Menschen zu schaden. Um zu verstehen, warum diese diskursive Verschiebung so abwegig ist, gerade in einer Zeit, in der die Aussichten des Kapitalismus nie düsterer waren, sind zwei Paradoxien der gegenwärtigen Situation zu betrachten.

Kapitalismus auf dem Totenbett: zwei Paradoxien

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