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Jochen Thies

Die Reise,
die 300 Jahre
dauerte

Schicksalswege
einer deutschen
Hugenotten-Familie

 

 

 

 

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Für Hans Werner Dannowski und Alfred Thies

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung durch den Landkreis Uckermark

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

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ebook im be.bra verlag, 2021

 

© der Originalausgabe:

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2021

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

post@bebraverlag.de

Lektorat: Gabriele Dietz, Berlin

Umschlag: typegerecht berlin

ISBN 978-3-8393-0152-4 (epub)

ISBN 978-3-89809-185-5 (print)

 

www.bebraverlag.de

1 Einmal Calais und zurück

Marck-en-Calaisis

Es ist heiß in der Rheinebene, die Klimaanlage des Autos läuft auf Hochtouren. Eine sonnendurchglühte Landschaft begleitet mich auf dem Weg zu meinem französischen Ahnherren Matthieu Tisse. Er hat von 1625 bis 1680 am Pas de Calais gelebt, ist nicht alt geworden. Das 17. Jahrhundert liegt für Europäer – nicht für Chinesen – lange zurück, fast in grauer Vorzeit. Und doch sind Matthieus Lebensgeschichte und das Schicksal seiner Familie für mich um 1989/90 plötzlich wichtig geworden, nach 300 Jahren. Damals begann ich mit der Spurensuche. Viele Schicksalsorte der Hugenotten in Deutschland und in Frankreich sind mir bereits bekannt, neue werden nun hinzukommen. Die Fahrt nach Pranles in der Ardèche im September 2020 wird den bewegenden Abschluss meiner Reise bilden.

Früh am Morgen bin ich aus einem kleinen badischen Ort nahe Straßburg aufgebrochen. Die Fahrt quer durch Ostfrankreich, in geringem Abstand zu den Grenzen von Luxemburg und Belgien, verläuft langweilig, ohne optische Glanzpunkte. Kriege und Drohungen mit Präventivkrieg haben für einen »cordon sanitaire« gesorgt. Ich sehe, Reims ausgenommen, wenige prosperierende Städte, stattdessen viel Graues, verschlafene ehemalige Garnisonsorte. Diese breite siedlungsgeografische Schneise lässt die Landschaft noch eintöniger, härter und öder erscheinen, als sie es hinter der Pforte zum Elsass tatsächlich ist. Die Champagne lädt ebenfalls nicht zum Verweilen ein, kein »douce Françe«, wie es die Schulkinder am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, besingen. An den Autobahnraststätten halten Briten auf dem Weg zu den Fähren. Es folgen alte Industriereviere, Lens, Béthune und Douai, die vor hundert Jahren als strategisch bedeutend angesehen wurden, Annexionspläne auslösten, Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland waren. Fördertürme ragen über Wiesen und Wälder, bis ich gegen Abend die Küste am Ärmelkanal erreiche. Zehn Kilometer östlich von Calais liegt mein Ziel, ein kleiner Ort, der meine Phantasie seit der Kindheit immer wieder beschäftigt hat, ohne dass ich seinen Namen kannte: Marck-en-Calaisis.

Der Ort, an dem mein Vorfahr Matthieu lebte, wird für mich zu einer Enttäuschung. Frankreich ist am Meer in der Regel schön, hat zumindest pittoreske Ecken, aber meine Erwartungen an Marck-en-Calaisis erfüllen sich nicht. Das Städtchen, an dem sich Nordsee und Ärmelkanal treffen, kann mich auf meiner »voyage sentimental« nicht halten. Ich kann oder will es kaum glauben und fahre die Hauptstraße mehrfach auf und ab, aber nirgendwo bleibt der Blick haften. Eine akzeptable Übernachtungsmöglichkeit bietet sich nicht. Armselige Fischerkaten säumen auf beiden Seiten die Richtung Belgien führende Landstraße. Obwohl der Sommerabend außergewöhnlich warm und schön ist, zeigt sich kein Mensch auf den Bürgersteigen. Es herrscht eine gespenstische Ruhe. Ich entdecke ein einziges größeres, repräsentatives Gebäude. Es ist das Rathaus.

So hat es in der DDR vor der Wende ausgesehen. Und tatsächlich gibt es eine verblüffende Ähnlichkeit zu dem Dorf in der Uckermark, in dem meine Vorfahren nach der Vertreibung aus Marck landeten. Ein Ort der Erinnerung an den Exodus vor 300 Jahren lässt sich in dem Städtchen nicht entdecken, dafür gibt es das übliche Kriegerdenkmal. Im Zweiten Weltkrieg zog sich die deutsche Wehrmacht am 28. September 1944 aus Marck zurück, nachdem sie in der vorangegangenen Nacht die Kirche zerstört hatte. Ich war damals zehn Tage alt.

Schlagzeilen hat Marck aber nicht nur in Kriegszeiten gemacht. Dem französischen Flugpionier Louis Blériot gelang im Juli 1909 vom Flughafen Calais/Dünkirchen, der in der Gemarkung von Marck-en-Calaisis liegt, der erste Flug über den Ärmelkanal. Zu seinen Ehren wird alljährlich von einer Pilotenvereinigung gleichen Namens das Blériot-Frühstück in Calais veranstaltet.

Ein Sohn der Stadt ist der lange Zeit bei Bayern München spielende Fußballstar Franck Ribéry.

Meine telefonisch und zweimal brieflich vorgetragene Bitte um ein Interview mit der Bürgermeisterin, die den schönen Namen Corinne Noël trägt, blieb unbeantwortet.

Calais: die Geschichte eines umkämpften Ortes

Calais, das neben ihm liegende Marck und damit der gesamte Raum ist in seiner Geschichte immer ein umkämpfter Ort gewesen. Das hat vor allem mit der geografischen Nähe zu England zu tun. Die ehemalige Festungsstadt liegt an der engsten Stelle des Ärmelkanals, nur 34 Kilometer vom englischen Dover entfernt, dem größten Fährhafen Europas. Calais selbst, das relativ spät zu Frankreich kam, ist der zweitgrößte. Ein anderer Grund war die unsichere Grenze nach Osten. Flandern ist flach, die Grenzen scheinen fluid, unklar definiert, die Landgrenze zu Belgien liegt nur wenige Kilometer entfernt. Der Rhein, besser das Rheindelta, aus französischer Sicht die »natürliche« Grenze, wurde trotz zahlreicher Versuche und Vorstöße der Krone in Zeiten maximaler Machtausdehnung – anders als in dem Abschnitt zwischen Basel und Karlsruhe – nicht erreicht. Dauerkonflikte zwischen Franzosen, Engländern und Spaniern lasteten zwischen dem ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit auf der Stadt. Ziel englischer Politik hingegen war immer – und ist es bis zum heutigen Tag geblieben –, eine militärisch schwache Gegenküste zu haben. Die Erfahrung von 1066, als Wilhelm der Eroberer mit seinen Normannen auf die Insel kam, wirkt im Denken und Handeln der Briten bis heute nach. Hitlers Absicht verhindert zu haben, bleibt »the finest hour« des Landes.

200 Jahre lang, von 1347 bis 1558, war Calais Brückenkopf Britanniens auf dem europäischen Festland, der Schlüssel zum Kontinent. Der Hafen bescherte Westminster prächtige Einnahmen. Zinn, Eisen, Textilien und Wolle wurden hier verschifft, die Hälfte der Bevölkerung von Calais profitierte vom Handel mit Wolle. Dann übernahm Frankreich mit Verhandlungsgeschick die Herrschaft, nachdem es den Hafenort eingenommen hatte. Den Schlüssel zur Stadt händigte ein englischer Feldherr den Franzosen bei der Übergabe von Calais im Jahre 1558 aus, die englischen Bewohner wurden auf die Insel zurückbeordert. Der Hundertjährige Krieg lag da schon über ein Centennium zurück. Königin Mary I. reagierte auf die Nachricht vom Verlust der Stadt mit der Bemerkung: »When I am dead and opened, you shall find Philipp (ihr spanischer Ehemann, d. Verf.) and Calais lying in my heart.« (»Wenn ich tot bin und mein Leib geöffnet wird, werden Sie Philipp und Calais in meinem Herzen finden.«) Die für acht Jahre getroffene Vereinbarung, die eigentlich vorsah, Calais nach Ablauf dieser Frist den Briten erneut zu überlassen, wurde nicht eingehalten. Durch eine List verblieb das letzte Faustpfand Englands auf dem Kontinent am Ende bei Frankreich. Aber noch war die »Kriegsbeute« nicht gesichert. Denn kurz darauf eroberten die Spanier Calais, ihre Armada ankerte 1588 vor der Schlacht von Gravelines im Hafen. Doch die Besatzer mussten schon bald wieder abziehen. Aber sie blieben in den Niederlanden – und blockierten später die Fluchtwege der Hugenotten.

Die Vorgeschichte der Hugenotten-Vertreibung am Pas de Calais

Religionspolitisch kam Frankreich seit den Kreuzzügen nie völlig zur Ruhe. Die Macht der auf die Île de France konzentrierten Könige über das ganze Land war noch nicht gefestigt, der Süden und Westen in fremder Hand. Die Katharer oder Albigenser, wie sie genannt wurden, erkannten die Sakramente der katholischen Kirche nicht an. Vor allem der Süden des Landes wurde von der neuen Lehre erfasst. Petrus Waldes, ein Lyoner Kaufmann, gab 1176 Familie und Eigentum auf und wurde Anführer der nach ihm benannten Waldenser-Bewegung, die Gewaltfreiheit, Armut und Verankerung im Glauben predigte. Seit Beginn des 13. Jahrhunderts wurden die Häretiker, die Abtrünnigen, zielstrebig verfolgt. Von 1209–1229 tobten in Frankreich die Albigenserkriege, die auf staatlicher Seite durch starke Gewaltausübung gekennzeichnet waren. Die Alpen, Pyrenäen und Cevennen wurden zu natürlichen Rückzugsgebieten für Abweichler vom katholischen Glauben. Somit existierte ein Resonanzboden für die Ideen des reformierten Protestantismus, die Jean Calvin propagierte. Vom Genfer Exil aus erfasste seine Lehre, in deren Mittelpunkt die Bibel stand, ab den 1530er Jahren die sich formierenden französischen Protestanten. Das Massaker von Wassy im Jahre 1562 stand für den Beginn eines staatlich geförderten Vernichtungskrieges gegen die Protestanten, »Huguenots« genannt, gefolgt von der Bartholomäusnacht, in der zehn Jahre später die gesamte protestantische Führungselite des Landes ausgelöscht wurde.

 

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Ausgerechnet Henri IV., dem zum Katholizism

 

Ausgerechnet Henri IV., dem zum Katholizismus übergetretenen einzigen protestantischen König Frankreichs, blieb es dann vorbehalten, mit dem Edikt von Nantes im Jahre 1598 für einen prekären Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten zu sorgen. Die freie Religionsausübung war nun wieder möglich, sie wurde jedoch durch zahlreiche Ausnahmen erheblich eingeschränkt. Der Berliner Historiker Alexander Schunka spricht zu Recht von einer »temporäre(n) Festschreibung religiöser Koexistenz auf dem Weg zur Monokonfessionalität im französischen Königreich«. Knapp hundert Jahre später war die Konsolidierung der königlichen Macht so weit vorangeschritten, dass König Ludwig XIV. darangehen konnte, das Land konfessionell zu planieren. Er widerrief 1685 das Edikt seines Vorgängers, der einem Mordanschlag zum Opfer gefallen war.

Überall in Europa kennzeichneten neben den großen politischen Konflikten Religionskriege das 17. Jahrhundert. Natürlich hatten auch sie mit Machtfragen zu tun. Die durch die Religionskriege ausgelösten Bevölkerungsverschiebungen hatten einen unbeabsichtigten Nebeneffekt: Frankreich wurde weniger katholisch. Schätzungen zufolge wandte sich ein Drittel der Bevölkerung vom angestammten Glauben ab. Vor allem am Pas de Calais hatte sich im 16. Jahrhundert der Protestantismus besonders rasch ausgebreitet. Die Vertreibung der Engländer aus Calais hatte diese Entwicklung durch protestantischen Zuzug aus dem In- und Ausland noch verstärkt. Die Gegend war entvölkert, die Pest hatte ein Übriges getan. Die französische Krone lud Adlige aus dem benachbarten Flandern und Artois ein, verwaiste Großgrundbesitze zu übernehmen. Mit ihnen kamen im Jahre 1565 etwa 3 000 protestantische Siedler aus diesen Gebieten in das Land. Sie stellten damit sechs Prozent der Bevölkerung am Pas de Calais, in absoluten Zahlen nicht sehr viele Menschen. Aber die Bevölkerungszahlen in Europa waren damals viel geringer als heute, die Städte klein.

Unter den Neuankömmlingen in Marck-en-Calaisis befanden sich auch meine Vorfahren, die Familie Tisse. Die Flüchtlinge hatten in ihrer flämischen Heimat unter spanischem Vertreibungsdruck gestanden. Dominique de Vic, ein Weggefährte von König Henri IV., sorgte als Gouverneur von Calais ab 1598 für eine freundliche Aufnahme der Neubürger. Das Nebeneinander von Protestanten und Katholiken verlief in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Norden Frankreichs bemerkenswert friedlich. Es gab keinen Zwang zur Assimilation, Gottesdienste konnten in flämischer Sprache abgehalten werden. Als Mitglieder der zahlenmäßig stärksten Hugenotten-Gemeinschaft nördlich der Loire lebten meine Vorfahren fortan als Obstbauern einige Kilometer von Calais entfernt in dem heute 10 000 Einwohner zählenden Ort Marck-en-Calaisis. Aber das neue Glück währte nur zwei, drei Generationen. Dann war der Traum von einem Neubeginn, einem Leben in Frieden, ausgeträumt.

 

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Das Edikt von Nantes sollte 1598 für den Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten sorgen

 

Mit der Rücknahme des Ediktes von Nantes änderten sich die Verhältnisse. Es hatte den Protestanten oder »Huguenots«, den Hugenotten, wie sie damals hießen, knapp hundert Jahre lang in Frankreich die Freiheit der Religionsausübung garantiert. Schon um 1660 setzte am Pas de Calais eine massive Benachteiligung und Verfolgung der Häretiker ein. Sie durften Funktionen im Staatsdienst und als Anwälte oder Ärzte nicht länger bekleiden, Priester wurden ermordet, das Singen von Psalmen in der Kirche untersagt. Die einstigen Führer des Exodus aus Flandern, protestantische Adeligen-Familien, traten zum Katholizismus über und ließen damit die einfachen Menschen im Stich. Ein Drittel der im Raum Calais lebenden Hugenotten hielt jedoch am protestantischen Glauben fest und schwor nicht ab. Die Folge war der Verlust der bürgerlichen Rechte und des persönlichen Besitzes. Der Rinnsal der abermals eine neue Heimat Suchenden entwickelte sich allmählich zum Strom. Viele der in ihrer Existenz Gefährdeten gingen nach England, in die Niederlande oder nach Deutschland, einige sogar nach Südafrika und nach Nordamerika.

Unter diesem immensen Druck stand vermutlich auch mein Vorfahr Matthieu Tisse, der 1680 im Alter von 55 Jahren in Marck-en-Calaisis starb. Ob es ein natürlicher oder gewaltsamer Tod war, ist nicht bekannt. Im Register der Kirche von Guisnes findet sich ein entsprechender Eintrag, den die zweite Frau von Matthieu, Sara Stecleron, veranlasste, begleitet von einer Sara de Bacq. Zweieinhalb Jahre vor seinem Tod hatte Matthieu seine 22-jährige Tochter Marie mit dem 26-jährigen Jean Patoir verheiratet, Maries Brüder Abraham und Cornille waren bei der Zeremonie in der Kirche anwesend. 1685 wurde die Familie Tisse aus Marck vertrieben, noch im Jahr der Rücknahme des Ediktes von Nantes.

Meine Familie und Frankreich

Als Kind erlebte ich im Kreise von Eltern und Großeltern große Familienfeste. Vor allem das Heidedorf Ramelsloh vor den Toren von Hamburg wurde zum Ersatzort der untergegangenen ostpreußischen Heimat. So wie in den Häusern meiner Verwandtschaft in Ramelsloh hatte es vermutlich in den Häusern der Großeltern unweit der Grenzen zu Russland ausgesehen. In Ramelsloh lernte ich quasi in letzter Minute die letzten Überlieferungen unserer hugenottischen Familiensaga kennen – durch meine Urgroßmutter Marie, eine geborene Toussaint. Sie war eine schwarz gekleidete, zarte Person. Ihre aufgetürmte Frisur erinnerte an Frauendarstellungen auf Bildern französischer Impressionisten. »Wir stammen von Franzosen ab«, hörte ich von den Erwachsenen auf Nachfrage, oder: »Da kommt wieder die französische Ader durch!« In der Tat wimmelte die Sprache meiner Familie damals noch von Wörtern, in der das Französisch unserer Vorfahren durchschimmerte. »Gries dich nicht ein«, sagte die Großmutter, bevor sie mich zum Spielen nach draußen entließ. »Griser« ist das französische Wort für schmutzig machen. Etwas kritischer war die Situation, wenn es hieß: »Hör auf zu plieren!«, von »pleurer«, heulen.

Während ein Teil der Verwandten eher polnischen oder masurischen Bauern ähnelte, den Menschen aus Siegfried Lenz’ Geschichten So zärtlich war Suleyken, sah der andere Teil der Familie, vor allem mein Vater und zwei meiner drei Geschwister, geradezu »südländisch« für westfälische Nachkriegsverhältnisse aus. Entsprechend wurden wir beäugt, wenn in meiner Kindheit der ungeliebte Sonntagsspaziergang in unserem Wohnort angetreten werden musste. Der Vater im Sommer nahezu schwarz gebräunt, am exotischsten die kleine Schwester mit blauschwarzem Haar. Sie ging mühelos als Südamerikanerin durch, als Mädchen aus Brasilien. Mittelpunkt bei Familienfesten war der von Erwachsenen wie Kindern bewunderte jüngste Bruder meines Vaters. Er hatte das Aussehen und die Ausstrahlung des Fiat-Königs Giovanni Agnelli, nach meiner festen Überzeugung besaß er auch italienische Eleganz. Die Resonanz der Damen war entsprechend, wie im Familienkreis getuschelt wurde.

Dieser mediterrane Zug, dieses physiognomische Anderssein als die damalige deutsche Mehrheitsgesellschaft, hat mich bis heute begleitet. Ich sprach über diese Form des »Fremdelns« einmal mit dem ehemaligen Präsidenten der Hessischen Landesbank, Wilhelm Hankel, der in Bonn den Spitznamen »der Armenier« trug. Ihm war es ähnlich wie mir als Exot im eigenen Land ergangen. Bis heute werde ich in Deutschland oft als Ausländer angesehen, bei der Zollkontrolle ebenso wie in Wartesälen von Flughäfen, wo links und rechts von mir die Plätze frei bleiben. Sie werden erst dann eingenommen, wenn es keine andere Sitzmöglichkeit mehr gibt. Im Ausland kann das zu amüsanten Situationen führen. Auf unserer Hochzeitreise legte der Kellner in einem Stockholmer Restaurant meiner Frau die Speisekarte in der Landessprache vor, mir die italienische Version. Bei einer abendlichen Zwischenlandung in Istanbul sprachen mich zahlreiche Menschen an, offenbar Auskunft auf Türkisch erheischend, obwohl ich mit einer deutschen Wochenzeitung dasaß. In Kairo streiften wir in Begleitung eines kenntnisreichen ägyptischen Reiseführers zwei Tage lang durch die Millionenstadt. Beim Abschied fragte er mich: »Stammen Sie aus Marokko?« Als ich im Bundeskanzleramt arbeitete und Helmut Schmidt nach einer kurzen Vorstellung beim Dienstantritt Wochen später erstmals wieder begegnete, zeigte er beim Betreten des Flugzeugs auf mich und fragte in die Runde: »Wer ist denn dieser Terrorist?« Seine Frau Loki beschwichtigte: »Aber Helmut!« Der Kanzler grinste.

Die Verbindung mit Frankreich, zum Land der Vorfahren, blieb auf wenige Momente im Familienkreis beschränkt, bis es Ende der 1950er Jahre im Bielefelder Ratsgymnasium um die Wahl des altsprachlichen oder neusprachlichen Zweiges ging. Zum Glück setzte ich mich gegen den Vater durch. Während der gesamten Schulzeit brachte ich das große Wandgemälde in der Aula, dass die Ankunft der hugenottischen Flüchtlinge in Preußen zeigt, nicht in Zusammenhang mit dem eigenen Familienschicksal. Mein erster Französischlehrer, zu dem ich noch heute einen freundschaftlichen Kontakt habe, wurde zu einer der prägenden Persönlichkeiten in meinem Leben. Dabei hatte ich nur ein Jahr Unterricht bei ihm, ehe er zur Deutschen Schule nach Athen wechselte und später in Paris und in Washington als Direktor von Auslandsschulen eine bemerkenswerte Schulkarriere machte. In Erinnerung geblieben ist mir ein Satz, der wie eine Fanfare klang: »Jeder Mensch hat zwei Vaterländer, das eigene und Frankreich.« Schon die erste Unterrichtswoche am Gymnasium wurde für mich zu einem Schlüsselerlebnis. Von einem mitgebrachten Plattenspieler ertönten die »Compagnons de la Chanson«, die ich bis heute liebe. Der Bericht von Ferienaufenthalten an der Côte d’Azur weckte bleibende Sehnsüchte. Fünf Jahre später besuchte ich als Primaner den Ferienkurs des Collège International in Cannes. Nach dem Unterricht am Vormittag versuchten meine Kameraden und ich am Strand und am Eingang des Hotel Carlton einen Blick auf die großen Filmstars zu werfen, die sich zu dieser Zeit noch unbedrängt vom Massenpublikum in der Öffentlichkeit bewegten. Wir wagten uns bis zu den Liegestühlen vor. Mitunter reichte es zu einem Autogramm einer Berühmtheit. Ich sah Kim Novak und Brigitte Bardot bei einem Ausflug nach St. Tropez.

Zum großen Erlebnis wurde eine Schulfahrt, die ich im Mai 1964 unternahm, ganz im Zeichen des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags. Wir waren mehr als 14 Tage lang unterwegs, fuhren von Straßburg, Colmar und dem Hartmannsweilerkopf im Elsass über Mittelfrankreich und die Loire-Schlösser nach Paris. Bei einer sonntäglichen Stippvisite in Notre Dame wurden wir Augenzeugen der Abfahrt des Präsidentenpaares. De Gaulle im Zweireiher winkte einmal huldvoll in die Runde, ehe er in die schwarze Limousine stieg. Noch heute bewege ich mich, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, auf den Spuren dieser Reise, fahre sie etappenweise erneut ab. Bei der Weiterfahrt nach Belgien kamen wir durch das Gebiet, aus dem meine Vorfahren nach dem Hundertjährigen Krieg zunächst nach Frankreich einwanderten, ehe sie von dort aus Glaubensgründen vertrieben wurden – der Name Tisse hat einen flämischen Klang.

Für mich folgten ein Studium der Romanistik und drei Anläufe, zumindest einen Teil des Berufslebens als Korrespondent in Frankreich zu verbringen. Vor allem der erste Versuch schien aussichtsreich, eine bekannte Hamburger Wochenzeitung stand im Begriff, mich zu engagieren. Aber es kam anders, und genauso geschah es, als ich mich für eine Reihe von deutschen Regionalzeitungen als Verwalter eines sogenannten »Bauchladens« – also mehrere Zeitungen bedienend – für Paris bewarb. Völlig unerwartet erreichte mich dann 1989/90 das letzte Angebot: Ein Vertrauter von Präsident Mitterrand beabsichtigte, mich mit einer wichtigen Aufgabe im deutsch-französischen Wissenschafts- und Kulturbetrieb zu betrauen. Edgard Pisani wollte damit auch »einen verlorenen Sohn Frankreichs«, wie er mir bei einem unserer Treffen sagte, nach Hause zurückholen. Der vor Energie sprühende Siebzigjährige konnte auf eine eindrucksvolle politische Karriere zurückblicken. In Tunis geboren, war er Mitglied der Résistance und als junger Mann Polizeichef in den Monaten der Befreiung Frankreichs gewesen. In Zeiten de Gaulles wurde er Landwirtschaftsminister und in den 1980er Jahren Krisenmanager in Neu-Kaledonien in der Südsee. Als ich ihn das erste Mal traf, residierte er als Conseiller d’État, als Berater des Präsidenten, in einem prächtigen Stadtpalais in einer Stichstraße neben dem Élysée. Bei einem anderen Treffen empfing Pisani mich an seinem zweiten Arbeitsplatz, dem Institut du Monde Arabe, das er eine Reihe von Jahren leitete. Unser weit gediehenes Projekt kam am Ende nicht zustande, weil ein tragischer Todesfall in der Familie Edgard Pisani von der Umsetzung abhielt.

Der mittlere Bruder meines Vaters, ein gelernter Ingenieur, interessierte mich Jahre später wieder für unser französisches Erbe. Er hatte gegen Ende seines Berufslebens damit begonnen, den Stammbaum der Familie zusammenzutragen. Dafür reiste er durch Europa, suchte Kirchenarchive auf und fügte Namen an Namen. Eines Tages erhielt ich von ihm den Stammbaum der Familie väterlicherseits. Erinnerungsstücke aus der Heimat der Vorfahren und aus den drei Jahrhunderten in Deutschland sind nicht erhalten. Die Flucht der Familie aus Ostpreußen setzte 1944/45 andere Prioritäten. Aber die Sehnsucht nach der Heimat der Vorfahren blieb, mehr als hundert Reisen ins Nachbarland, in den letzten Jahren mehrmonatige Aufenthalte, habe ich unternommen. Ich kenne Frankreich nahezu so gut wie Deutschland.

Endgültig in den Stand, dieses Buch zu schreiben, versetzte mich vor wenigen Jahren ein Großcousin, dessen Mutter die Schwester meines Großvaters war. Er war lange Zeit Pfarrer an der Marktkirche in Hannover, ein weithin bekannter Prediger, ein äußerst vielseitig begabter und interessierter Mann, Autor, unter anderem als Filmbeauftragter der EKD. Hansi, wie er gerufen wurde, interessierte sich stark für die Geschichte unserer Familie. Elf Jahre älter als ich, hatte er als Junge noch die ostpreußische Heimat erlebt und die Geschichten der Alten gehört. Kurz vor seinem Tod überließ er mir eine kleine, zwei Dutzend Seiten umfassende Familiengeschichte, sozusagen die »oral history« der Familie Thies. Dort heißt es über unsere Vorfahren: »Sie waren im Grunde in hohem Maße assimilierte Franzosen! Und man wird, wenn man Charakteren wie Oskar Thies (mein Urgroßvater, d. Verf.) auf den Grund kommen will, gut daran tun, die Metamorphosen der Hugenotten, die Umbrüche der französischen Réfugiés über mehr als drei Jahrhunderte zu verfolgen. Eine herausfordernde, aber auch interessante Aufgabe wird das sein.« Die Ahnentafel des Onkels und die Geschichte des Großcousins bilden somit wichtige Bausteine für das Buch. Sie sind sein Fundament.

Die Liebe zu Frankreich, unser Familienerbe, seit 1945 vergessen oder vielleicht sogar verdrängt, teilen auch andere Familienmitglieder. Meine Tochter bekam ein kleines Hugenottenkreuz geschenkt, das ich im Hugenotten-Museum von Bad Karlshafen erworben hatte, und war begeistert. Sie sei plötzlich ihren Vorfahren sehr nahe, sagte sie wenig später. Meine Schwester hielt sich zweimal für längere Zeit in Paris auf, sie wählte ihren Alterssitz im Elsass als einen Ort der Sehnsucht und Ankunft – mit Blick auf die Burgundische Pforte und die Gipfel der Vogesen, »la ligne bleue des Vosges«, den blauen Vogesenkamm. Mein Vater schließlich war während des Zweiten Weltkrieges am Cap Gris Nez stationiert, in der Nähe seiner Vorfahren am Pas de Calais. Ob er diese Verbindung vor Augen hatte, als er dort lebte, bleibt sein Geheimnis. Französisch sprach er, abgesehen von ein paar Brocken, nicht.

Ich hatte vor, mit ihm zu den Menschen zu fahren, bei denen er einquartiert gewesen war. Anscheinend war der Kontakt so respektvoll und freundlich gewesen, dass er sie wiedersehen wollte und sie vielleicht auch ihn. Doch er starb ein halbes Jahr vor der Pensionierung. So verzögerte sich meine geplante Reise zum Pas de Calais um mehr als vierzig Jahre, sieht man von einer Ankunft per Fähre, von England kommend, einmal ab.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an die deutsche Besatzungszeit, spielte in den 1960er Jahren in Frankreich noch eine große Rolle. Aber es gab manche Überraschung. 1964 unternahm meine Abiturklasse eine Frankreichfahrt. Erstmalig zogen die Neusprachler meines Gymnasiums mit den Altsprachlern gleich, die schon seit langer Zeit nach Griechenland fuhren. An einem milden Abend im Mai standen einige von uns unschlüssig vor der Jugendherberge in einem östlichen Vorort von Paris. Plötzlich entdeckte jemand in der von uns liegenden Häuserzeile ein offenes Fenster, aus dem vier, fünf Mädchen neugierig herausschauten. Wir liefen über die Straße und schnell entspann sich ein lockerer Wortwechsel. Wir versuchten, unsere Französischkenntnisse anzuwenden, immer wieder von Gelächter, Übersetzungshilfen und Zwischenrufen unterbrochen. Schließlich kamen wir auf die Idee, die Mädchen herunterzubitten, um mit uns in ein Café zu gehen. Zu unserer großen Enttäuschung entgegnete die Wortführerin, es ginge leider nicht, sie sei schon verlobt.

In diesem Moment erschien ein Mann im Unterhemd am Fenster. Wir befürchteten Schlimmstes, doch zu unserer großen Überraschung rief er: »Seid Ihr Deutsche? Wo kommt ihr her?« Rasch besetzte er die zentrale Position am Fenster, die Mädchen hinter seinen breiten Schultern aufgereiht. Es stellte sich heraus, dass er während des Krieges, der noch keine zwanzig Jahre zurücklag, als »Fremdarbeiter« nach Bayern verschleppt worden war. Das spielte nun keine Rolle mehr, im Gegenteil, er wies die Mädchen, darunter seine Tochter, an, mit uns auszugehen. Es wurde ein sehr vergnüglicher, leider aber sehr kurzer Abend. Wir verabschiedeten uns mit dem französischen Wangenkuss. Wir waren neugierig aufeinander, fühlten uns unbelastet bei dieser Begegnung zwischen Deutschen und Franzosen der ersten Generation in Friedenszeiten. Ganz anders in Compiègne, wo wir einige Tage später auf ein Denkmal stießen, zu dessen Füßen ein deutscher Adler mit gebrochenen Flügeln lag. Während meine Klassenkameraden Schmiere standen, ritzte ich mit einem Steinchen »Vive l’amitié franco-allemande« in den Sockel. Vergeben, vergessen.

Heute gibt es gemeinsame Veranstaltungen, die an die Kriege erinnern, an denen – wie auf dem Hartmannsweilerkopf im Jahre 2017 – die Staatspräsidenten Emmanuel Macron und Frank-Walter Steinmeier teilnehmen. Mit Interrail und rasant wachsendem Tourismus begann einige Jahre nach unseren ersten Frankreich-»Expeditionen« der Alltag und leider auch die Banalität in den deutsch-französischen Beziehungen. Festzuhalten bleibt, dass Franzosen und Deutsche von ganz unterschiedlicher Mentalität sind. Das Miteinander ist daher keine Selbstverständlichkeit, es muss gestaltet werden. Die größte Barriere ist dabei die Sprache. Einander verstehen bedarf einer Anstrengung.

Meine Tochter hat in Berlin das Französische Gymnasium absolviert, an dem man das Abitur und das Baccalauréat ablegen kann. Die Schule wurde 1689 von Kurfürst Friedrich III. für die hugenottischen Glaubensflüchtlinge gegründet. Es befindet sich nicht länger an der Spree inmitten der heutigen Parlamentsgebäude, sondern in einem Wohnviertel von Berlin-Tiergarten. Der wichtigste Hugenotten-Ort der Gegenwart in Berlin ist der Französische Dom auf dem Gendarmenmarkt, dessen Schlichtheit und Klarheit der Formen an die Zeiten Calvins erinnern. In dem Gebäudekomplex befindet sich auch das Hugenottenmuseum, in dem Zeugnisse aus der Zeit meiner Vorfahren lagern.

Die umstellte Stadt

Flucht und Emigration sind bis heute ein wichtiges Thema im nordöstlichsten Zipfel Frankreich geblieben. Die Festung Europa, von der so oft die Rede ist, hier ist sie bereits zu besichtigen. Calais, nur wenige Kilometer von Marck-en-Calaisis entfernt, ist eine umstellte Stadt. Vor allem der Hafenbereich ähnelt mehr einer spanischen Enklave in Marokko als einem für jedermann offen zugänglichen Fährhafen inmitten eines Europas ohne Grenzen. Fünf Meter hohe Zäune, mit Stacheldraht bewehrt, schirmen das Gebiet ab. Der Hafen und das weiträumig abgesperrte Gelände, das den am anderen Ende der Stadt liegenden Fernbahnhof umgibt, haben Festungscharakter. Eine Stadt mit hohen Mauern ist Calais über viele Jahrhunderte hinweg gewesen. Es war immer ein strategischer Ort und Anlaufpunkt wie Ausgangspunkt für Flüchtlingsbewegungen aller Art und unterschiedlichster Anlässe. Heute ist es eine Stadt, die sich gegen ihren Abstieg stemmt, mit streikbereiten Hafenarbeitern, hoher Polizeipräsenz und helfenden Händen, die sich um das Los der Gestrandeten kümmern. Denn direkt hinter dem Hafen liegen die Vororte Afrikas, des Nahen Ostens und Afghanistans. Dort leben Tausende von Menschen wie am Rande von Nairobi, Asmara und Kabul in »Bidonvilles«, den aus Wellblech errichteten Elendsvierteln, zum Teil seit mehreren Jahren. Der Überfluss Europas liefert genügend Baumaterial. Der mit britischem schwarzem Humor getränkte Satz, wonach Afrika in Calais beginne, ist also Wahrheit geworden.

Das Klima in diesem nordöstlichen Zipfel von Frankreich ist im doppelten Wortsinn rau. Es umtost den »Dschungel«, als den die Flüchtlinge ihren vorübergehenden Aufenthaltsort bezeichnen. Aus der ganzen Welt kommend, eint sie die Hoffnung, irgendwann den Sprung nach Großbritannien zu schaffen. Die französischen Behörden versuchen von Zeit zu Zeit, die Flüchtlinge in feste Unterkünfte im Landesinnern zu verlegen. Das in Sichtweite der Küste, teilweise in den Dünen liegende Elendsgebiet wird anschließend geräumt. Aber viele kommen wieder. Bei solchen Aktionen geht es auch darum, der nordfranzösischen touristischen Côte d’Opale, der Opalküste, einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen und sich von Schicksalsgefährten wie der griechischen Insel Kos oder dem italienischen Pantelleria abzusetzen. Aber die aus dem Hinterland, von den Häfen am Mittelmeer, von den kontinentalen Trampelpfaden, denen die europäischen Eisenbahnlinien und Autobahnverbindungen immer mehr gleichen, nachrückenden Menschen sind nicht aufzuhalten.

Im Straßburger Hauptbahnhof werde ich kurz nach der Fahrt zum Pas de Calais Augenzeuge einer paradoxen Situation. Auf dem Bahnsteig, an dem der abfahrbereite TGV Richtung Frankfurt steht, findet eine lebhafte Diskussion zwischen französischen und deutschen Polizeibeamten statt. Sie bemerken nicht, dass ein Afrikaner, bei winterlichen Temperaturen nur mit Hemd und Hose bekleidet, das zweistöckige Erste-Klasse-Abteil betritt. Da er minütlich den Platz wechselt und schließlich direkt hinter mir landet, drehe ich mich vorsichtig um. »Est-ce que vous-avez un problème?«, haben Sie ein Problem, fragt der Mann aggressiv. Ich ziehe es vor, nicht zu reagieren. Der mutmaßliche blinde Passagier verschwindet.

Die Globalisierung ist zum großen Beschleuniger der Armutsmigration geworden. Noch vor wenigen Generationen vollzog sie sich im Tempo des von Pferden gezogenen Planwagens und des Segelschiffes, das wochenlang unterwegs war. Mit einer Tagesquote von rund hundert neu ankommenden Flüchtlingen werden in Calais, an der Grenze des Schengen-Raumes, alle staatlichen Versuche unterspült, die Flüchtlingsfrage administrativ in den Griff zu bekommen. Die Zugänge sind undicht, einschließlich des Ärmelkanaltunnels, der östlich der Stadt seinen Schlund öffnet.

Calais ist am Tage eine andere Stadt als in der Nacht. In dem Hafenort mit den zwei Gesichtern suchen Sicherheitsfirmen nach Personal, Alarmanlagen erfreuen sich lebhafter Nachfrage. Erst bei Dunkelheit greift das Bild vom »Dschungel«, der nun erwacht. Feuer flackern, Rauch steigt empor, Hundegebell ertönt, Scheinwerfer flammen auf. Menschen, die den Tag über vor sich hingedöst haben, werden nun aktiv. Sie machen sich auf den Weg zu den Straßen und Autobahnen, um wie Pilotfische an den Wal anzudocken, in diesem Fall auf die Ladefläche eines Lkw auf dem Weg zur Fähre oder zum Tunnel aufzuspringen. Osteuropäische Lastwagenfahrer machen an der Peripherie von Calais ihre Geschäfte mit den Flüchtlingen. Das Schlepperunwesen ist erstaunlich perfektioniert, das Mobiltelefon weist die Wege und nennt die Abfahrtszeiten.

 

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Hauptstraße in Marck-en-Calaisis, von wo Abraham Tisse 1685 aufbrach