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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Vorwort
Die deutsche Geschichte nach 1945 wurde von Frauen entscheidend mitgeprägt. Sie organisierten in der ersten Nachkriegszeit zwischen Trümmern den Alltag. Mit der Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 normalisierte sich das Leben allmählich, im Grundgesetz wurde der wichtige Satz verankert: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt.« In der Praxis war allerdings von Gleichberechtigung noch nicht viel zu spüren. Frauen mussten sich ihre Stellung im Beruf, in der Politik und im gesellschaftlichen Leben erkämpfen. Doch sie schafften es, auch ohne Lobby und Seilschaften. Sie rückten mehr und mehr in verantwortliche Positionen auf und setzten eigene Akzente. Einige dieser Frauen sind hier porträtiert, stellvertretend für all die anderen, die ihr Leben selbstbestimmt, mit Fantasie und Verantwortungsbewusstsein gestaltet haben oder noch gestalten.
Am Anfang des Bandes stehen, nicht zufällig, zwei Emigrantinnen, die nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland fliehen mussten, aber trotz der erlittenen Schikanen sich als Deutsche fühlten. Die eine, die Philosophin Hannah Arendt, hat die Entwicklung der Bundesrepublik von New York aus mit kritischem Blick verfolgt und mit ihren Berichten über den Eichmann-Prozess in Jerusalem großes Aufsehen erregt. Die andere, die Lyrikerin Hilde Domin, ist nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt, weil sie ohne die deutsche Sprache nicht leben konnte. Mit beißender Ironie hat Lore Lorentz, die Meisterin des politischen Kabaretts, im Düsseldorfer »Kom(m)ödchen« aufgespießt, was an nationalsozialistischem Gedankengut noch in den Köpfen deutscher Bürger steckte.
Die evangelische Theologin Dorothee Sölle, zu deren »Politischen Nachtgebeten« in Köln und anderswo Tausende in die Kirchen strömten, hat es fertiggebracht, Befreiungstheologie und Friedensinitiativen mit kontemplativer Mystik zu verbinden. Christlich geprägt und mit Interesse an theologischen Fragen hat auch die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof ihre Laufbahn begonnen. In Berlin gehörte sie zu den Mitbegründern der Rote-Armee-Fraktion, deren Morde die Republik in Atem hielten. Meinhofs Selbstmord im Gefängnis Stuttgart-Stammheim wird von Freunden und Sympathisanten bis heute angezweifelt.
In die Aufbruch- und Umbruchzeit der späten 60erund frühen 70er-Jahre fallen auch die Aktionen der Radikalfeministin Alice Schwarzer gegen den § 218, gegen Prostitution und männliche Gewalt. Als Leitfigur der Frauenbewegung und Herausgeberin der feministischen Zeitschrift Emma ist sie für viele Frauen Vorbild, für manche auch Ärgernis geblieben. Weniger lautes, dafür nachhaltiges Echo fand die Verleihung des Nobelpreises für Medizin an die Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard – der erste Nobelpreis für eine deutsche Naturwissenschaftlerin.
In der Politik haben sich in den letzten Jahrzehnten erfreulich viele Frauen durchgesetzt und profiliert, das gilt quer durch die Parteien. Über ein halbes Jahrhundert, bis zum Jahr 2002, hat Hildegard Hamm-Brücher die FDP mitgeprägt, standfest und konsequent liberale Grundsätze verteidigend. In der CDU hat sich Rita Süssmuth als Frauenministerin beharrlich, oft gegen Widerstand aus den eigenen Reihen, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eingesetzt. Auch Gesine Schwan fand in ihrer Partei, der SPD, nicht immer einhellige Zustimmung, ob bei ihren Bemühungen um die deutsch-polnische Verständigung oder für ihre Präsidentschaftskandidatur. Durch den tragischen Tod Petra Kellys verloren die Grünen eine engagierte Kämpferin gegen atomare Aufrüstung und Umweltzerstörung. Und die jüngste der Politikerinnen, Angela Merkel, hat es am weitesten gebracht. Aus »Kohls Mädchen« ist eine selbstbewusste, weltgewandte Bundeskanzlerin geworden. Wer hätte das noch vor einem Jahrzehnt gedacht?

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»Denk ich an Deutschland …«
HANNAH ARENDT
(1906-1975)
 
 
»Für mich ist Deutschland die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtung.«
HANNAH ARENDT
 
 
 
 
»Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen. / Und meine heißen Tränen fließen.« …
Heinrich Heines »Nachtgedanken«, 1843 im Pariser Exil zu Papier gebracht, können viele deutsche Emigranten nachempfinden, auch Hannah Arendt hundert Jahre später im fernen New York. Allerdings wird die unsentimentale Denkerin keine heißen Tränen vergossen haben beim Gedanken an Deutschland, eher wird sie ins Grübeln gekommen sein über deutsche Mentalität und die Ursprünge deutscher Katastrophen im Laufe der Zeit. Heines trotzige Zuversicht kann sie nicht geteilt haben beim Lesen der Gedichtstrophe:
»Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land; / Mit seinen Eichen, seinen Linden, / Werd ich es immer wiederfinden.«
Sie reist nach dem Zweiten Weltkrieg häufig nach Deutschland, nicht um eine Idylle wiederzufinden, sondern als nüchterne Beobachterin der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung und natürlich, um alte Freunde zu treffen. Als Direktorin einer Organisation zur Rettung jüdischen Kulturgutes ist sie auch dienstlich unterwegs, verhandelt mit amtlichen Stellen und Institutionen und bringt ihre Eindrücke 1950 in einem Essay zu Papier: Besuch in Deutschland. Nachwirkungen des NaziRegimes. In diesen Aufzeichnungen schwingt Enttäuschung mit, Enttäuschung über mangelnde Bereitschaft der Deutschen, sich das Ausmaß der hinter ihnen liegenden Katastrophe bewusst zu machen, in sich zu gehen und die Vergangenheit nicht unter den Teppich zu kehren.
Sie stellt einen auffallenden Beschäftigungsdrang der Menschen fest, der ihnen keine Zeit zum Nachdenken lässt, eine seltsame Teilnahmslosigkeit, ja, »Gleichgültigkeit, mit der sich die Deutschen durch die Trümmer bewegen«. Sie rechneten ihre Leiden gegen die anderer Völker auf und fänden die Bilanz ausgeglichen. Sie machten sich nicht klar, dass durch die Verbrechen der Nationalsozialisten das moralische Gefüge der westlichen Welt zerstört worden sei, schöben die Schuld auf die Besatzungsmächte und entzögen sich der Verantwortung: »Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.« – Ein hartes, alttestamentarisches Urteil. Besser nachvollziehbar, wenn man sich den Lebensweg der Emigrantin vergegenwärtigt, die Kränkungen, denen sie als Jüdin ausgesetzt war, ihre Angst vor der Wiederkehr eines totalitären Regimes.

DEUTSCH-JÜDISCHE WURZELN

Seit 1951 ist Hannah Arendt amerikanische Staatsbürgerin, sie könnte den Albtraum Deutschland hinter sich lassen, aber sie kommt von der Vergangenheit nicht los, und es sind nicht nur politikwissenschaftliche Fragen, die sie umtreiben, sondern auch emotionale Beweggründe. 15 Jahre nach ihrem ersten Wiedersehen mit Deutschland gibt sie für eine Sendung im Südwesfunk ihrem damaligen Gesprächspartner Joachim Fest einen erstaunlich offenen Einblick in ihren »kleinen Eckladen des Denkens«. Das Gespräch wird später in ihrer New Yorker Wohnung fortgesetzt. Sie sei sich durchaus bewusst, wie tief und unverbesserlich deutsch sie sei, sagt sie: »In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich noch immer aus Königsberg.« Amerikanerin sei sie nur »von ganzem politischem Herzen«. Diese Verwurzelung im Königsberg Kants prägt sie fürs Leben.
Am 14. Oktober 1906 wird sie in Hannover-Linden geboren und wächst als einziges Kind in einer wohlhabenden, gebildeten Familie in Königsberg auf. Der Vater ist Ingenieur und als Reformjude sozialistisch eingestellt. Er stirbt nach langem, quälendem Leiden an Syphilis, als Hannah sieben Jahre alt ist. Die Mutter legt großen Wert auf die Erziehung und umfassende Bildung der wissbegierigen, frühreifen Tochter, die Privatunterricht in Griechisch erhält und mit 15 Kants Kritik der reinen Vernunft liest. Das Mädchengymnasium muss sie verlassen, weil sie Mitschülerinnen zum Boykott eines unbeliebten Lehrers verleitet hat. Sie geht nach Berlin, bringt sich im Selbststudium und mit Privatunterricht das nötige Wissen bei und macht als Externe ein Jahr vor ihren früheren Klassenkameradinnen in Königsberg Abitur. Die Mutter hat wieder geheiratet, einen Witwer mit zwei Töchtern, sodass Hannah kein schlechtes Gewissen hat, von Königsberg wegzugehen und mit dem Studium in Marburg zu beginnen.
Der Studienort ist mit Bedacht gewählt, hier lehren profilierte Geisteswissenschaftler. Die knapp 18-jährige Studentin belegt evangelische Theologie bei Rudolf Bultmann, Philosophie bei Nicolai Hartmann und vor allem bei dem jungen Martin Heidegger, der mit seiner Existenzialphilosophie neue Wege aufzeigt und »der, gerade weil ihm der Faden der Tradition gerissen ist, die Vergangenheit neu entdeckt«. Bei ihm, hofft sie, könne sie »vielleicht das Denken lernen«. Sie sucht seinen Kontakt und ist von seiner ungewohnten Ausdrucksweise und Sprachmächtigkeit so fasziniert, dass sie auf sein Werben ohne Zögern eingeht, als er sich vor ihr auf die Knie wirft. Noch nicht volljährig, wird sie seine Geliebte. Eine Zeit der Heimlichkeiten beginnt, mit ausgeklügelten Treffen in seiner Arbeitswohnung oder ihrer Dachkammer, mit verschlüsselten Botschaften, Lichtsignalen und toten Briefkästen wie in einem Spionageroman. Sie weiß, dass er verheiratet ist und zwei kleine Söhne hat, doch sie hofft, er werde sich ihretwegen von seiner Frau trennen. Er denkt nicht daran. Sie erwägt, Marburg zu verlassen und ihn so vielleicht umzustimmen. Aber er hat dies wohl längst bedacht und schlägt ihr von sich aus einen Wechsel nach Freiburg vor. Anschließend sollte sie, auch das hat er schon im Blick, bei seinem Freund Jaspers in Heidelberg promovieren. Sie ist enttäuscht, dass er so leicht auf sie verzichten kann, doch er ist sich ihrer sicher: Sie wird wiederkommen, wenn er sie bei sich haben möchte.
Sie geht nach Freiburg, später nach Heidelberg zu Jaspers und promoviert bei ihm, wie vorgesehen. Und wenn Heidegger Verlangen nach ihr hat, bricht sie nach Marburg auf, verliebt noch immer, da spielen Worte wie »fremdbestimmt« oder gar »hörig« keine Rolle. Mit ihrem Doktorvater Jaspers, auch mit seiner jüdischen Frau, versteht sie sich gut, ihr imponiert seine Bodennähe, sein Gespür für das Naheliegende. Das Thema ihrer Dissertation ist weniger naheliegend: Der Liebesbegriff bei Augustin – erstaunlich für eine Jüdin, die evangelische Theologie studiert und Marx und Trotzki liest. Aber die Eigenwillige lässt sich in kein Schubfach stecken, auch später möchte sie sich nicht einfach unter die Philosophen einreihen lassen und damit ihren Horizont einschränken. In ihrem Denken und selbst in ihrem sprachlichen Duktus hat sie sich von Heidegger zweifellos beeinflussen lassen, das stellt auch Jaspers fest. Ihrem Gesprächspartner Joachim Fest macht sie klar, warum Heidegger noch immer im Zentrum ihres Denkens steht: Er habe sie »die Welt sehen und begreifen gelehrt« und ihr das Empfinden verschafft, er führe sie zu sich selbst. »Heidegger hat mich in jedem Sinne zum Leben erweckt!«, sagt sie und schildert ihre anfängliche »Schulmädchenbefangenheit« dem großen Meister gegenüber, der doppelt so alt ist wie sie. Sie bewundert seine Erkenntnisschärfe und seine sie verzaubernde Poesie – ein Mensch, der Verstand und Gefühl auf einen Nenner zu bringen vermag. »Wie und was ich bin, geht auf Heidegger zurück, ihm verdanke ich alles!«, sagt sie und fügt nach einer Pause hinzu: »Zugleich hat er alles verdorben.« Sie äußert sich nicht weiter, ob damit Heideggers Nazi-Verstrickungen gemeint sind, sein Beitritt zur NSDAP 1933 und seine parteitreue Haltung als Rektor der Universität Freiburg.

PARIA WIE RAHEL VARNHAGEN

Über Kurt Blumenfeld, den Präsidenten der deutschen Zionistischen Vereinigung, erhält die bislang weder religiös noch politisch Engagierte Zugang zum Zionismus, und ihr sozialistischer Freund Günther Stern weckt ihr politisches Interesse. Sie lebt mit ihm unverheiratet zusammen – gesetzlich verboten und moralisch verpönt – in Frankfurt, schreibt für die Frankfurter Zeitung und hört Vorlesungen beim Theologen Paul Tillich und beim Soziologen Karl Mannheim. 1929 zieht sie mit Stern, der sich als Publizist Günther Anders nennt, nach Berlin und heiratet ihn gut bürgerlich. Bis zu ihrer Verhaftung 1933 gilt die Wohnung der beiden als Zufluchtsstätte für verfolgte Kommunisten. Ein Stipendium der »Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft« ermöglicht es Hannah Arendt, sich ganz ihren Studien zur deutschen Romantik zu widmen. Als Studienobjekt hat sie eine Frau gewählt, in deren Lebensumständen sie sich wiederfindet, sodass ihre Arbeit Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik teilweise wie eine Autobiografie gelesen werden kann.
Sie beschreibt die Jüdin Rahel Levin nach ihrer gescheiterten Beziehung zum Grafen von Finckenstein als eine Frau, die sich nun in ihr Leben fügt, die aber »keine Heimat in der Welt hat, in die sie sich vor dem Schicksal zurückziehen könnte« und die erst spät in ihrer Ehe mit Karl August Varnhagen von Ense Geborgenheit und Liebe findet. Die Biografin Elisabeth Young-Bruehl ist überzeugt, dass sich Hannah Arendt erst durch dieses Buch, durch diese nachvollzogene Geschichte einer nach Liebe und Anerkennung suchenden Außenseiterin, von Heidegger losschreiben konnte. Das Thema Assimilation oder Außenseitertum zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Arendt selbst sieht sich, wie Rahel Varnhagen, als Paria, als Außenseiterin in der Gesellschaft. Sie versucht erstmals, das »Judesein« in seiner Tragik existenzphilosophisch zu erfassen.
1933, mit Hitlers Machtergreifung, erfährt sie am eigenen Leibe, dass Paria nicht nur Außenseitertum, sondern Ausgestoßensein bedeutet. Sie gehört nicht zur deutschen Volksgemeinschaft, die Bücher ihrer jüdischen Freunde werden auf Scheiterhaufen geworfen und öffentlich verbrannt. Sie selbst wird, da sie eine Untersuchung über den alltäglichen Antisemitismus in deutschen Zeitschriften durchführt, von der Gestapo verhaftet und eingesperrt. Doch sie hat Glück, beim Verhör kann sie die Beamten mit charmant gespielter Naivität von ihrer Unschuld überzeugen. Nach acht Tagen wird sie vorläufig entlassen und flüchtet sofort nach Frankreich. In Paris trifft sie sich mit ihrem Mann, die Ehe besteht nur noch als Überlebensgemeinschaft und wird einige Jahre später geschieden. Dass Heidegger und auch ihr Kommilitone und Freund Benno von Wiese freiwillig Mitglieder der NSDAP geworden sind, enttäuscht sie maßlos. Dafür bahnt sich in Paris eine Freundschaft mit Walter Benjamin an, sie lernt Brecht und Arnold Zweig kennen, das kulturelle Leben der Emigranten ist ungemein anregend und aufregend – doch ohne Papiere nach Arbeit zu suchen, ist noch aufregender.
Hannah Arendt hat, sprachgewandt und flexibel, eine Anstellung als Betreuerin jugendlicher Palästina-Auswanderer gefunden. Eine dieser Gruppen begleitet sie selbst nach Palästina. In ihrer freien Zeit arbeitet sie an den Schlusskapiteln ihres Varnhagen-Buches und bezieht nun ihre Erfahrungen als Flüchtling in ihre Schilderungen ein. 1937 wird ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, sie ist nun gleich zweifach Paria: als Flüchtling und als Staatenlose. Gemildert wird dieses Gefühl der Entwurzelung durch die Begegnung mit dem Philosophiedozenten Heinrich Blücher, einem ehemaligen Spartakuskämpfer, der sich vom Kommunismus losgesagt hat und nun, wie sie, auf der Suche nach einer neuen Verortung ist. Die beiden heiraten 1940, in dem Jahr, in dem deutsche Truppen in Frankreich einmarschieren und den nördlichen Teil des Landes besetzen. Die ausländischen Flüchtlinge werden mit Massentransporten in den nicht besetzten Süden verfrachtet, Hannah Arendt ins berüchtigte Auffanglager Gurs, ihr Mann in ein Lager bei Orléans. Beiden gelingt auf abenteuerlichen Wegen die Flucht über die Pyrenäen nach Spanien und Portugal. In Lissabon erhalten sie schließlich das begehrte amerikanische Visum für die Einschiffung nach New York.

BLICK VON MANHATTAN AUF DEUTSCHLAND

Nach ihrer Ankunft in New York stürzt sich Hannah Arendt gleich in die Arbeit: Sie schreibt Kolumnen für die deutsch-jüdische Zeitschrift Aufbau, ist später als Cheflektorin für den Schocken Verlag tätig, leitet eine Organisation zur Rettung jüdischen Kulturgutes in Europa und – das Allerwichtigste – arbeitet an dem Werk, das sie später berühmt machen wird: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Darin erforscht sie die Entstehungsbedingungen von Antisemitismus, den es immer schon gegeben hat, der in neuerer Zeit aber durch die systematische Ausrottung ganzer Volksgruppen gekennzeichnet ist. Ihre Untersuchungen sind höchst aktuell. 1942 erreichen die ersten Berichte über die Massenmorde an Juden im besetzten Polen und in Deutschland die USA und werden von den Emigranten zuerst ungläubig, dann mit Entsetzen wahrgenommen. Alle haben Verwandte oder Freunde in Europa zurückgelassen, über deren Schicksal sie nichts erfahren. Arendt verbindet die Vernichtung der Juden mit der Herrschaft totalitärer Systeme, die allein in der Lage seien, solche systematischen Mordaktionen konsequent durchzuführen. Sie beschränkt ihre Untersuchungen nicht auf den Nationalsozialismus, sondern bezieht auch den Faschismus und vor allem den Stalinismus ein. Das führt zu öffentlichen Diskussionen und bei den Kommunisten zu heftigen Anfeindungen.
In Deutschland erscheint das Buch erst 1955 mit einem neuen Schlusskapitel: Ideologie und Terror: eine neue Staatsform. Karl Jaspers hat das Geleitwort geschrieben. Hier wird dem fundamentalen Werk, außer in Fachkreisen, nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie in Amerika, das Thema Konzentrationslager und Massenmord ist noch weitgehend tabuisiert. Zu viele Menschen haben miterlebt, wie jüdische Nachbarn aus ihren Häusern geholt und abtransportiert wurden und niemand nachzufragen wagte, wohin.
Ein anderes, einige Jahre später erschienenes Buch erregt die Gemüter mehr: Eichmann in Jerusalem. Bericht von der Banalität des Bösen. Adolf Eichmann, der Organisator des Massenmords an den europäischen Juden, ist für die Deutschen ein Unmensch, auf den sie all ihren Abscheu laden und der – so sehen es amerikanische Psychologen – als verantwortlicher Täter ihre Gewissen entlastet. Eine wohl allzu generalisierende These. Fest steht, dass Eichmanns Verhaftung Tagesgespräch in Deutschland ist. Der israelische Geheimdienst hat den in Argentinien Untergetauchten gekidnappt und in einer Geheimaktion nach Israel gebracht – und damit gegen geltendes Völkerrecht verstoßen. Die in Europa und den USA darob entbrannten Diskussionen, ob in einem solchen Fall der Zweck die Mittel heiligt, sorgen für internationale Aufmerksamkeit beim Prozessbeginn gegen den des Massenmords Beschuldigten. Hannah Arendt fliegt im April 1961 als Berichterstatterin für die renommierte Zeitschrift New Yorker nach Jerusalem und verfolgt den sich über Monate hinziehenden Prozess mit größter Aufmerksamkeit. Sie schreibt ihrem Mann, Eichmann wirke in seinem Glaskasten wie ein Gespenst, nur darauf bedacht, die Haltung nicht zu verlieren.
Enttäuschend für die angereisten Journalisten: Nichts von einer brutalen Bestie, nichts von einem hasserfüllten Antisemiten, auf dem Stuhl sitzt in korrekter Haltung ein ganz gewöhnlicher kleiner Buchhalter, blässlich und unscheinbar, dem niemand auch nur einen Mord zugetraut hätte. Arendt spricht denn auch von der »Banalität des Bösen«. Eichmann habe für seine Taten gar keine Motive, »außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein könnte« – ein Typ, wie ihn Heinrich Mann im Untertan beschrieben hat. Ihre Erkenntnis aus dem Prozess: »Dass eine solche Realitätsferne und Gedankenlosigkeit in einem mehr Unheil anrichten können als alle die dem Menschen innewohnenden bösen Triebe zusammengenommen, das war in der Tat die Lektion, die man in Jerusalem lernen konnte.« Der SS-Obersturmbannführer Eichmann wird im Juni 1962 nach langwierigem Prozess in einem Gefängnis bei Tel Aviv hingerichtet. In Deutschland kommen nach diesem Todesurteil, dem ersten seit den Nürnberger Prozessen, verschleppte Verfahren gegen NS-Verbrechen unter dem Druck der Öffentlichkeit nun schneller zur Verhandlung.
Die Prozessberichte erscheinen in den USA 1963 in Buchform – und lösen in jüdischen Kreisen eine Welle der Empörung aus, nicht so sehr wegen ihrer Charakterisierung Eichmanns als gewöhnlichen, kleinen Streber, sondern wegen ihrer Nachforschungen über die Rolle der Judenräte in den Konzentrationslagern und Gettos. Diese von der Lagerleitung ausgewählten, möglichst kooperativen Juden hatten ziemliche Machtbefugnisse, sie stellten im KZ Theresienstadt sogar die Listen für den Abtransport ihrer Mithäftlinge in den sicheren Tod zusammen. Hannah Arendt schreibt – und betreibt damit »Nestbeschmutzung« -: »Die Rolle der jüdischen Führer bei der Zerstörung ihres eigenen Volkes ist für Juden zweifellos das dunkelste Kapitel in der ganzen dunklen Geschichte.« Solche Äußerungen passen nicht in das Bild von der Opferrolle des jüdischen Volkes, selbst gute Freunde werfen ihr fehlenden Herzenstakt und mangelnde Liebe zum jüdischen Volk vor. Diese Vorwürfe verletzen sie tief, wie aus ihren Briefen an Jaspers und die Freundin Mary McCarthy hervorgeht. Jaspers’ Antwort: »Dein Eichmann-Buch lese ich ständig weiter. Es ist großartig für mich.«

UNTER DEUTSCHEN IN DEUTSCHLAND

Das Eichmann-Buch erscheint 1964 in Deutschland, dem »Land der Täter«, und löst auch hier Diskussionen aus. Besonders scharfe Kritik an dem Werk übt der Historiker Golo Mann, Er findet den konservativen Widerstand im Dritten Reich überhaupt nicht berücksichtigt. Die Kontroverse führt zum Bruch Manns mit seinem Lehrer Jaspers, der Hannah Arendts Sicht verteidigt. Die Autorin, inzwischen begehrte Referentin, reist zu Lesungen und Vorträgen durch die Bundesrepublik. Eines ihrer Vortragsthemen heißt: »Persönliche Verantwortung in der Diktatur«. Noch ist Mitscherlichs Buch Die Unfähigkeit zu trauern nicht erschienen, aber das Thema klingt in den Gesprächen immer wieder an. Arendt lehnt eine Kollektivschuld ab mit der Begründung: »Wo alle schuldig sind, da ist es niemand.« Mit Jaspers teilt sie die Angst vor einem Wiederaufleben des Nationalismus in Deutschland und neigt dabei zu Pessimismus. Vor allem alte NSDAP-Mitglieder in der Regierung Adenauer machen sie skeptisch. Dass sie nach dem Mauerbau 1961 Westberlin für verloren hält, hat sich, wie einige ihrer Prognosen, zum Glück nicht bewahrheitet. Ihr kritischer Blick von außen auf die Bundesrepublik erweist sich aber im Allgemeinen als konstruktiv. Ehrungen und Preisverleihungen würdigen diese intensive Beschäftigung mit Deutschland.
Schon 1958 ist sie als korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen worden. Im selben Jahr hat sie in der Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels die Laudatio auf den Preisträger Karl Jaspers gehalten. Ein Freundschaftsdienst, dem sie nur zögernd nachgekommen ist. Jaspers ist zu der Zeit durch seine Befürwortung von Adenauers hartem Antikommunismuskurs einerseits und die Ablehnung einer Wiederbewaffnung der Bundeswehr andererseits zwischen die Fronten geraten, und sie möchte sich nicht in politische Grabenkämpfe verwickeln lassen. Aber es gibt noch einen anderen Grund ihres Zögerns: Heidegger. Sie kommt von ihm nicht los, auch wenn sie ihn Jaspers gegenüber der Charakterlosigkeit geziehen hat. Auch wenn sie vom Verstand her weiß, dass »die Liebe ihrem Wesen nach … weltzerstörend« ist. Heidegger hat ihr und – erstaunlicherweise – auch seiner stets eifersüchtigen Frau beim ersten Wiedersehen nach über zwanzig Jahren gestanden, sie sei die Passion seines Lebens und die Inspiration für sein Werk gewesen. Sie weiß, dass sie ihn mit der Laudatio kränken wird, wenn sie Jaspers als integre Persönlichkeit, als moralisches Vorbild, als weltoffen und Menschen zugewandt lobt, Eigenschaften, die dem Mann aus dem Schwarzwald völlig fehlen.
Die Jaspers-Schülerin geht in ihrer Rede weniger auf das Werk als auf die Person des Geehrten ein, im Zentrum stehen die für ihn wichtigen Worte: Freiheit, Wahrheit, Frieden. Sie fragt zum Schluss, wie wir Deutsche an unserem Ort für den Frieden der Welt wirken können. Ihre Antwort: »Die Voraussetzung des Friedens ist die Mitverantwortung eines jeden durch die Weise seines Lebens in Wahrheit und Freiheit; die Frage des Friedens ist nicht zuerst eine Frage an die Welt, sondern für jeden an sich selbst.« – Da ahnt sie nicht, dass genau 40 Jahre später in dieser Paulskirche um die Dankesrede des Preisträgers Martin Walser ein heftiger Streit entbrennen wird. Er hat in Anlehnung an ihr Buch über Adolf Eichmann Von der Banalität des Bösen seiner Rede den Titel Die Banalität des Guten gegeben und sich darin gegen die Routine des Schuldbekennens, gegen »die Dauerpräsentation unserer Schande« ausgesprochen, worauf ihm der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, geistige Brandstiftung vorgeworfen hat.
Hannah Arendt selbst hat den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nie bekommen, dafür 1959 den ebenfalls renommierten Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Lessing liegt ihr, besonders Nathan der Weise. Um diese Gestalt baut sie ihre Dankesrede auf, die zurück in die Antike führt und gleichzeitig Nathans Modernität aufzeigt. Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten hat sie ihre Rede in Anlehnung an Brecht genannt, und viele Passagen könnte man auch auf unsere Zeit beziehen, etwa die Aussage, dass viele Menschen von der Politik nur noch verlangten, »dass sie auf ihre Lebensinteressen und Privatfreiheit die gehörige Rücksicht nehme«.
Den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, den ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung 1967 verleiht, kann sie wegen Krankheit nicht persönlich entgegennehmen. Doch ein gutes Jahr danach reist sie wieder nach Deutschland und in die Schweiz, allerdings aus einem traurigen Anlass, zur Gedenkfeier für Karl Jaspers. Vor einem Jahrzehnt hat sie in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf ihn gehalten, nun ist es die Abschiedsrede für den mit 86 Jahren verstorbenen Freund. Bei der öffentlichen Veranstaltung am 4. März 1969 in der Universität Basel, seiner letzten Wirkungsstätte, hebt sie das Besondere dieses Philosophen hervor, den sie als würdigen Nachfolger Kants sieht: »Hie und da taucht unter uns einer auf, der das Menschsein exemplarisch verwirklicht hat und etwas, was wir sonst nur als Begriff oder Ideal kennen würden, leibhaftig verkörpert.«
Im Oktober 1970 muss sie wieder Abschied nehmen von einem treuen Gefährten, ihrem Ehemann Heinrich Blücher, der ihr Leben dreißig Jahre lang, seit dem Exil in Paris, verständnisvoll und tolerant begleitet hat. Mit ihm gemeinsam hat sie einige Deutschlandreisen unternommen, auch Erholungsfahrten nach Tegna im Tessin. Er war vor seinem plötzlichen Herzinfarkt-Tod Philosophieprofessor am Bard College im Staat New York, und hier, auf dem Emigranten-Friedhof über dem Hudson, findet er auch seine letzte Ruhestätte. An ihre Freundin Mary McCarthy schreibt Hannah Arendt: »Ich habe Dir, glaube ich, nicht erzählt, dass ich zehn Jahre lang ständig in der Angst gelebt habe, dass genau ein solcher plötzlicher Tod eintreten würde. Oft grenzte diese Furcht an wirkliche Panik. Wo die Furcht und die Panik waren, ist jetzt völlige Leere.« Die Arbeit an ihren Buchprojekten und die Beschäftigung mit den alten Philosophen helfen ihr über diese Leere, diese schwere Sinnkrise hinweg.

VITA ACTIVA

Vita activa oder vom tätigen Leben heißt ein schon 1960 abgeschlossenes Buch, dessen Titel auch als Motto über ihr Leben gesetzt werden könnte. Rastlos aktiv war sie zeitlebens, von Neugier und Tatendrang angetrieben, immerzu Fragen stellend an sich und ihre Umwelt: »Die Aufgabe, die mich in Anspruch nimmt, lautet ganz einfach: die Welt und die Menschen zu verstehen.« In Vita activa untersucht sie die Bedingungen menschlicher Existenz und geht dabei auf die Tätigkeiten ein, die zur Meisterung des praktischen Lebens notwendig sind: Herstellen, Planen und Handeln. Geglücktes Zusammenleben von Menschen könne nur in Freiheit und in der Respektierung der Freiheit anderer, sowie in der Bereitschaft zum Dialog gelingen. Ihre politischen Analysen sind zum Teil gerade heute wieder aktuell, etwa wenn sie in der Einleitung schreibt:«Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?«
In ihren Texten schwingt ein Kulturpessimismus mit, den sie bei Adorno und Horkheimer, den Vertretern der »Kritischen Theorie«, mit ironischer Schärfe anprangert. Ihre Scharfzüngigkeit ist berühmt, darin wird sie mit Rosa Luxemburg verglichen, was ihr nicht unlieb ist. Der Schreibfuror der Revolutionärin wird sie beflügelt haben, wenn sie bei ihrem Vorbild Luxemburg liest: »Ich habe das Bedürfnis, so zu schreiben, dass ich auf Menschen wie der Blitz wirke, sie am Schädel packe, selbstredend nicht durch Pathos, sondern durch die Weite der Sicht, die Macht der Überzeugung und die Kraft des Ausdrucks.« Rosa Luxemburg hat für ihr subversives Handeln und Schreiben mit dem Leben bezahlt, während Hannah Arendt ihr »Paria-Dasein« kaum noch zu spüren bekommt in der amerikanischen Gesellschaft. Was sie einst an Jaspers schrieb, trifft auf sie nicht mehr zu: »Bin mehr denn je der Meinung, dass man eine menschenwürdige Existenz nur am Rande der Gesellschaft sich heute ermöglichen kann, wobei man dann eben mit mehr oder weniger Humor riskiert, von ihr entweder gesteinigt oder zum Hungertode verurteilt zu werden.«
Nichts dergleichen hat sie erlebt. Seit 1963 lehrt sie als Professorin an amerikanischen Universitäten, erst an der University of Chicago, dann an der New School for Social Research in New York. Zahlreiche amerikanische Universitäten haben sie zur Ehrendoktorin ernannt. Sie ist Vizepräsidentin des Institute for Arts and Letters und im Vorstand des PEN, ihre Bücher werden – anders als die vieler deutscher Emigranten – verlegt. Finanziell ist sie abgesichert, auch durch eine erhebliche Summe aus dem deutschen Wiedergutmachungsfonds für geschädigte Emigranten. Nur die Gesundheit macht ihr zu schaffen. 1974 wird sie mitten in einer Vorlesung an der schottischen Universität von Aberdeen von einem ersten Herzinfarkt überrascht, von dem sie sich wieder erholt und danach umso intensiver weiterarbeitet.
In ihrem Buch Vita activa hat sie das geistige Leben weitgehend ausgespart, es soll nun durch einen weiteren Band, Vom Leben des Geistes, einer Vita contemplativa, ergänzt werden. An Heidegger, der für sie trotz aller Verstimmungen und Enttäuschungen, immer noch oberste Denkinstanz ist, schreibt sie: »Es ist immerhin möglich, dass mir ein Buch, das ich unter den Händen habe – eine Art zweiter Band Vita activa -, doch noch gelingt. Über die nicht-tätigen menschlichen Tätigkeiten: Denken, Wollen, Urteilen. Ich habe keine Ahnung, ob es wird und vor allem, wann ich damit fertig sein werde. Vielleicht niemals. Sollte es aber gehen – darf ich es Dir widmen?« Heidegger antwortet umgehend: »Dein zweiter Band Vita activa wird so wichtig wie schwierig sein … Wir müssen uns abmühen, wenigstens dem Unzureichenden zu genügen. Du weißt, dass ich mich über Deine Widmung freuen werde.«
1975, in ihrem Todesjahr, verbringt die gesundheitlich Angeschlagene zum letzten Mal mehrere Monate in Deutschland und in der Schweiz, zur Erholung im Tessiner Tegna und zu Recherchen im Marbacher Literaturarchiv. Und – vielleicht der wichtigste Grund – zu einem Gespräch mit Heidegger. Auf gleicher Augenhöhe, nicht von unten aufschauend, wie sie es Jaspers einmal geschildert hat: »Ich habe ihm gegenüber ein Leben lang geschwindelt, immer so getan, … als ob ich sozusagen nicht bis drei zählen kann, es sei denn in der Interpretation seiner eigenen Sachen; da war es ihm immer sehr willkommen, wenn sich herausstellte, dass ich bis drei und manchmal sogar bis vier zählen konnte.«
Neben ihrer Arbeit am Band Vom Leben des Geistes, der, unvollendet, ihr philosophisches Vermächtnis sein wird, vertieft sie sich wieder, wie in ihrer frühen Zeit, in das Werk Kants: »Ich lese mit außergewöhnlichem Vergnügen den guten alten Kant und beschäftige mich sonst mit niemandem. Das macht mich glücklich.« Am Abend des 4. Dezember 1975 hat sie Freunde zum Essen in ihre Wohnung eingeladen. Beim Kaffee, während die Freunde den Ausblick auf Manhattan genießen, sinkt sie plötzlich im Stuhl zusammen: zweiter Herzinfarkt. Diesmal tödlich. Mit 69 Jahren. Sie hat sich nie geschont, so vieles wollte sie noch vollenden, so vieles ist Fragment geblieben. Sie wird neben ihrem Mann auf dem Gelände des Bard College, inmitten von Grabstätten anderer deutscher Emigranten, bestattet.
Einen geordneten Nachlass hat sie nicht hinterlassen, so wenig wie eine Lehre oder ein festes Denksystem. »Denken ohne Geländer« wollte sie, ohne zu bedenken, dass für viele Menschen ein Geländer hilfreich sein kann, es muss ja nicht gleich eine Weltanschauung sein. Die Verwalterin ihres Nachlasses, die Freundin Mary McCarthy, sah sich Bergen von Manuskripten, Recherchematerial und persönlichen Erinnerungsstücken gegenüber. In der Washingtoner Library of Congress fand vieles erst einmal Aufnahme. 1999 wurde an der Universität Oldenburg ein Hannah Arendt-Zentrum gegründet. Dort liegen nun im Archiv umfangreiche Teile ihres Nachlasses, die es ermöglichen, eine kritische Edition ihres Werkes herauszugeben. Zu den nachgelassenen Schriften gehört auch das in deutscher Sprache geschriebene Denktagebuch. Hannah Arendts politischen Mut soll ein Preis würdigen, der für »mutige Interventionen in der Öffentlichkeit« jährlich vergeben wird. Die Leiterin des Zentrums, Antonia Grunenberg, sieht die Bedeutung Hannah Arendts unter anderem in ihrer Fähigkeit des Denkens ohne Geländer: »ein politisches Denken, das sich gegenüber der Erwartung, man könne die moderne Welt in ein geschlossenes wissenschaftliches System fassen, verschließt.«