Carolina Dorn

AFRIKA,
LAND MEINER
LIEBE

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

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Hass ist besser als Kummer.

Aber Liebe ist, verglichen mit Hass, ein farbloses Gefühl.

Nein! Liebe ist ein kraftvolles, farbenreiches, wunderbares

und sich selbst vervielfältigendes Gefühl,

und damit dem Hass in jeder Hinsicht überlegen!

(Prof. Dr. Achim Schmidtmann)

Ein heißer Wind wehte über die südafrikanische Savanne. Sachte bewegten sich die trockenen Gräser und berührten die nackten Beine eines zehnjährigen Mädchens. Ihr dichtes, hellbraunes Haar band sie fast täglich zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie trug eine kurze, blaue Hose und ein gelbes T-Shirt. Die Hitze war groß, denn sie hatten Sommer. Die ferneren Konturen verschwammen vibrierend. Dem Kind liefen Tränen über die Wangen. Wenige Meter von ihr entfernt lag ein Rudel Löwen träge in der großen Mittagshitze im Gras. Eines der Weibchen erhob sich jetzt und trottete gemächlich auf das Kind zu. Anna, so wurde sie genannt, blieb ganz still stehen und wartete, bis die große Löwin sie erreichte. Dann streckte sie eine Hand aus und streichelte sie. Das Tier rieb seinen Kopf liebevoll an ihr. Man bemerkte, wie vertraut die beiden miteinander umgingen. Anna ließ sich ins Gras sinken, kreuzte die Beine zum Schneidersitz und die Löwin legte sich darüber. Das Tier gab ein paar Laute von sich. Es sollte eine Aufforderung an das Mädchen sein, zu beginnen. Anna holte tief Luft und begann von ihrem Kummer zu erzählen: „Ich muss fort. Meine Eltern wollen zurück nach Deutschland, damit ich in eine gute Schule komme. Ich werde euch alle vermissen. Die Tiere und die Kinder im Dorf. Vielleicht komme ich später zurück, aber ob du dann noch lebst, das weiß ich nicht. Ich bin so unglücklich. Da, wo ich hingehe, kann ich dich nicht mitnehmen. Außerdem würde es dir in Deutschland nicht gefallen. Du müsstest in einen Zoo, hinter Gitter und die vielen Menschen würden dich dann Tag für Tag angaffen. Du kannst dort nicht jagen und im Winter ist es sehr kalt mit Schnee. Diesen Schnee kenne ich selbst noch nicht. Mein Vater hat mir viele neue Abenteuer versprochen. Doch mehr davon, als hier in der Savanne mit den Tieren, kann es in der neuen Welt doch gar nicht geben.“

In diesem Land fühlte sie sich glücklich, zufrieden und vor allem zu Hause. Sie atmete den Duft von Afrika ein und lauschte dem Wiegenlied der Savanne, das nur sehr wenige Menschen hören konnten. Eine wunderschöne Melodie, bei der man im Geist alle Tiere der Savanne und die Ureinwohner bei ihren Tänzen sah. Hier gehöre ich hin, dachte sie, und sonst nirgendwo anders, auch wenn meine Eltern aus Deutschland stammen. Ich bin hier geboren, ein Kind Afrikas, genauso wie meine Löwin Sharuba. Sie kam am gleichen Tag zur Welt wie Anna in einer Eingeborenenhütte. Sie spielten miteinander und später beschützte Sharuba das Kind. Diese beiden waren ganz dicke Freundinnen. Im Alter von fünf Jahren entdeckte Anna, dass sie mit vielen Tieren sprechen konnte. Eine sehr seltsame Sprache aus verschiedenen Lauten, die sonst keiner verstehen konnte, außer ihr und den Tieren. Ab diesem Zeitpunkt nahm der Vater, der als Tierarzt im Nationalpark Chobe arbeitete, seine Tochter immer mit, wenn er auf Kontrollfahrt in den Park fuhr. Anna half ihm die Tiere zu beruhigen, wenn er sie untersuchen oder bei schwierigen Geburten helfen musste. Sonst konnte er das nur auf der Tierstation tun mit Narkose. Ihre Mutter hatte große Einwände dagegen. Sie ängstigte sich um ihre Tochter. Als Lehrerin unterrichtete sie vor allem die Kinder, jedoch auch die Erwachsenen, vom Dorf und natürlich Anna in den ersten drei Schuljahren. Das Mädchen saß mitten zwischen den Eingeborenen unter einem großen langgestreckten mit Baumstämmen gestützten Schilfdach ohne Seitenwände und fand das völlig in Ordnung. Sie schätzte es vor allem, wenn der Wind von allen Seiten unter das Dach blies und für Abkühlung sorgte. So konnten die Menschen in diesem Dorf zumindest gut lesen, schreiben und beherrschten die Grundregeln des Rechnens.

Anna verabschiedete sich von allen Tieren die sie kannte und das waren nicht wenige. Es fiel ihr sehr schwer. Die Sonne ging als ein großer, roter Ball unter. In der Savanne erhoben sich viele Stimmen, als ob alle Tiere weinen würden, weil die einzige, die ihre Sprache verstand, sie verließ. Dann ging sie nach Hause, zu einem kleinen Bungalow, der neben einer Krankenstation und der Tierstation stand. Zehn wunderschöne Jahre hatte sie hier verlebt. Vor allem glückliche Jahre, die sie niemals vergessen würde. Das Kind ängstigte sich ein wenig vor dem Neuen, vor dem Ungewissen. Nichts Bekanntes erwartete es in Deutschland.

„Ach Anna, mach dir keine großen Gedanken. Sieh es als neue Herausforderung an. Das Leben, mein Sternchen, bleibt nie stehen. Es wird immer wieder Neues dazukommen“, ermutigte der Vater sie am Abend zuvor.

Das Kind packte seinen Koffer. Viel brauchte es nicht mitzunehmen. Ein paar kurze Hosen, T-Shirts und ein wenig Unterwäsche, sonst nichts. Halt, da lag das Fotoalbum noch. Das musste auf jeden Fall mit, denn darin sammelte sie viele Bilder von Sharuba der Löwin, Mayary der Elefantendame und Kara der Gepardin. Ihre besten Freundinnen. Sie waren ihr lieber als die Menschen, obwohl es mit dem Inder Dr. Hari, dem Stationsarzt und den Eingeborenen im Dorf keine Probleme gab. Energisch schloss sie ihren Koffer. Es half alles nichts. Sie musste mit.

Am nächsten Tag fuhren sie mit einem Jeep zur Flugstation. Von dort flogen sie mit einer Cessna nach Johannesburg. Dort stiegen sie in ein großes Flugzeug um. Die Maschine startete und als sie abhob, blickte Anna noch einmal aus dem Fenster, hinunter auf ihr Land. Eine große Traurigkeit überkam sie. Wiedersehen Afrika, für immer? Sie barg ihren Kopf im Arm ihrer Mutter und weinte.

Sie landeten nach über zehn Stunden Flug in Frankfurt. Raus aus der heißen, strahlenden Sonne und rein in das graue, kalte Einerlei von Deutschlands Winter. Es fühlte sich gerade so wie ein Schock für sie an. Als sie ausstiegen, wehte ein eiskalter Wind und der Himmel war mit dunkelgrauen Wolken verhangen, aus denen es heftig regnete. Anna schüttelte es ab. Oh, wie ungemütlich, dachte sie. Sie drückte ihren Teddybären fest an ihre Brust. Der Oktober näherte sich dem Ende.

Etwas außerhalb von Frankfurt bezogen sie ein kleines Häuschen mit Garten. Auf der Fahrt dorthin staunte Anna über die riesigen Häuser, die in den Himmel hineinzuragen schienen. Sie sah nur Häuser und Straßen. Hier und da ein paar Bäume oder ein kleiner Park. Das war aber auch schon alles. Es gab keine endlos, weite Graslandschaft, keine Savanne. Für sie wirkte das alles sehr ernüchternd.

Der Vater eröffnete kurze Zeit später eine Tierarztpraxis. Dort fand man Anna beinahe jeden Nachmittag, um ihm mit den Tieren zu helfen. Hier fühlte sie sich ein klein wenig glücklicher.

Das Mädchen wurde komplett neu eingekleidet. Es dauerte eine Zeitlang, bis sie sich an die langärmligen Pullover gewöhnte, denn sie kratzten ihr überall auf der Haut. Sie bekam lange Hosen, einen warmen Anorak und Winterstiefel. So angezogen glaubte sie, sich kaum mehr bewegen zu können.

Am ersten November wurde Anna eingeschult. Sie kam in die vierte Klasse. Gleich am Anfang, lachten sie die Kinder dort wegen ihres seltsamen Vornamens aus. Ihr richtiger Name lautete „Savannah“. Dem Kind blieb nichts anderes übrig, als sich weiterhin Anna zu nennen. So gut es ging, versuchte sie dem Unterricht zu folgen, doch ständig sah sie das Bild von Afrika vor sich. Beinahe wäre sie in eine Depression abgerutscht. Aus diesem Grund schrieb sie beinahe nur noch schlechte Noten in den Proben. Sie fand schwer den Anschluss. Nach ein paar Wochen freundete sie sich mit einem Mädchen ihrer Klasse an, mit Namen Veronika Herbst. Sie wurde ihre beste Freundin, für viele Jahre. Veronika störte sich nicht daran, dass Anna eine braungebrannte Haut besaß und Lieder der Eingeborenen sang. Allerdings verblasste die Bräune immer mehr mit den Jahren. In Deutschland schien die Sonne nicht so intensiv und außerdem hielt sich die Schülerin nun auch mehr drin als draußen auf. Die beiden Mädchen blieben bis zum Ende der Schulzeit und auch später noch einige Jahre zusammen, bis diese lange Freundschaft ein jähes Ende fand.

Die Eltern meinten, dass ihre Tochter wohl hauptsächlich die Tiere vermisste. So ging die Mutter mit ihr in ein Zoogeschäft in der Stadt. Anna staunte. So etwas kannte sie noch nicht. Doch alle Tiere saßen in Käfigen. Sie fühlte ihre Traurigkeit. Während ihre Mutter mit der Verkäuferin redete, öffnete das Kind verschiedene Käfige, machte die Ladentür auf und gab einem Nymphensittich, mehreren Ratten, Mäusen und Kaninchen die Freiheit.

Als die Verkäuferin bemerkte, was Anna tat, schrie sie erschrocken auf: „Um Gottes willen! Was machst du da? Du darfst die Tiere nicht freilassen!“

„Aber sie sind unglücklich“, entgegnete das Mädchen.

„Da draußen wird es jetzt sehr kalt. Es beginnt bald zu schneien. Die Tiere sind Kälte und Schnee nicht gewöhnt. Die meisten kommen aus einem warmen Land. Außerdem finden sie dort nichts zu fressen. Hier bei mir, bekommen sie ihre Spezialnahrung und sie haben es warm“, erklärte die Frau.

Anna senkte traurig den Kopf. Sie ging vor die Ladentür und ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen. Wenige Sekunden später saß der Nymphensittich auf ihrer Schulter und sie erklärte dem Vogel, warum er wieder zurück in den Käfig musste. Sie setzte ihn hinein und schloss die Gittertür. Auch die Ratten, Mäuse und Kaninchen kehrten in ihre Behausungen zurück.

Die Verkäuferin staunte und erkundigte sich bei der Mutter: „Wie macht sie das?“

„Meine Tochter ist in Afrika geboren. Zur selben Zeit mit einem Löwenbaby. Das Tier verlor kurz darauf die Mutter und es kuschelte sich mit zu meinem Kind in die Wiege“, erzählte sie.

„Bekamen Sie denn keine Angst?“, wunderte sich die Verkäuferin. Sie beugte sich über den Ladentisch und stützte sich mit den Unterarmen darauf ab.

„Am Anfang schon“, gab sie zu. „Doch das Tier setzte niemals seine Krallen ein. Sie spielten miteinander und als die Löwin ausgewachsen war, beschützte sie meine Anna. In diesem Land leben alle Tiere frei. Sie kennt keine Käfige, außer wenn die Tiere krank sind und gepflegt werden müssen.“

„Aber wie schafft sie es, alle Tiere wieder einzufangen?“ Die Frau blickte noch nicht ganz durch.

„Meine Tochter hat eine ganz eigene Art mit Tieren zu kommunizieren“, ließ sie die Frau hinter dem Verkaufstisch wissen. „Sie kann sozusagen mit den Tieren sprechen.“

„Interessant. Das ist bestimmt eine ganz besondere Begabung“, bestätigte die Verkäuferin.

Sie ging nach hinten, holte einen Käfig mit drei verschiedenfarbigen Hamstern und stellte ihn auf den Ladentisch.

„Magst du davon vielleicht einen mitnehmen?“, ermunterte sie das Kind. „Ein Löwenbaby kann ich dir leider nicht bieten.“

Ein rot-weiß-gefärbtes Tier rannte auf die Käfigtüre zu, machte daran Männchen und bat Anna: „Bitte, bitte, nimm mich mit. Die anderen ärgern mich immerzu.“

Das Mädchen öffnete den Käfig und nahm das kleine, flauschige Tier heraus in ihre Hand.

„Pass auf, dass er dich nicht beißt. Er kennt dich noch nicht“, warnte die Verkäuferin besorgt.

Sie sah hinauf zu der Frau, die überragte das Kind um einiges an Körpergröße und Anna versicherte ihr: „Keine Angst, mich beißt keiner. Er mag mich. Er wird Freddy heißen“, verkündete sie.

Die Mutter kaufte noch einen Transportbehälter, einen Käfig, Einstreu, Futter und Spielzeug. Zufrieden und glücklich fuhren sie mit dem Hamster nach Hause. Dort ließ ihn Anna sofort frei.

Der Vater warnte: „Nagt er die Möbel an, muss er zurück in den Käfig.“

Wenn das Mädchen Hausaufgaben machte, lag das Tier mit auf dem Schreibtisch und schlief. Nach den Aufgaben wurde gespielt. Freddy nagte niemals die Möbel an. Er beschränkte sich auf seine Sachen im Käfig.

Annas Glück währte zwei Jahre, bis ihr Freund eines Abends nicht aus seiner Hütte kam. Sie rief ihn, lockte ihn mit seinem Lieblingsfutter, doch er kam nicht. Sie hob die Hütte hoch und sah, dass es dem Hamster nicht gut ging. Sogleich holte sie ihren Vater. Der untersuchte das Tier eingehend.

„Sein Hinterteil ist gelähmt. Er kann nicht mehr richtig laufen“, stellte er danach fest.

„Hast du denn keine Medizin für ihn?“, bettelte Anna.

„Weißt du, mein Schatz, Hamster haben nur eine begrenzte Lebenszeit von ungefähr zwei Jahren“, erklärte der Vater.

Anna schossen die Tränen in die Augen. „Aber du kannst ihn doch wieder gesund machen“, blickte sie ihn voller Hoffnung an.

Er holte tief Luft und sagte: „Liebes, ich kann ihn leider nicht heilen. Seine Zeit ist abgelaufen.“

Anna lief hinaus auf den Flur. Sie schrie und tobte: „Nein! Nicht mein Freddy!“

Schluchzend und schniefend warf sie ihre Zimmertüre zu und verkroch sich im Bett. Den Hamsterkäfig stellte sie mit geöffneter Gittertür auf ihren Nachttisch.

Am nächsten Morgen sah sie nach dem Tier. Doch Freddy rührte sich nicht mehr, fühlte sich eiskalt und starr an. Er lebte nicht mehr. Anna konnte an diesem Tag nicht zur Schule gehen. Mit dieser Trauer im Herzen, unmöglich. Der Vater zimmerte ein kleines Holzkistchen, das er mit Hamsterwatte auslegte. Da hinein betteten sie den kleinen Freddy. Draußen im Garten, unter einer Tanne wurde er begraben. Im Frühling pflanzte Anna ein paar Veilchen auf sein Grab.

Im Winter darauf, bei eisigen Temperaturen stand plötzlich ein schwarz-weißer Kater auf der Terrasse. Er hob ein ums andere Mal die Pfötchen und schrie so erbärmlich, dass Anna ihn hereinließ. Heißhungrig stürzte er sich über das Futter und legte sich anschließend nahe an den Kamin. Der Vater untersuchte den unerwarteten Zuwachs. Er stellte fest, der Kater mochte ungefähr acht Jahre alt sein, war bereits kastriert, sah nur etwas unterernährt aus. Er entwurmte ihn und behandelte ihn gegen Flöhe, falls er welche mitgebracht haben sollte. Er kannte seine Tochter, denn die nahm alle Tiere mit in ihr Bett.

Anna taufte ihn Merlin. Das Tier folgte dem Mädchen auf Schritt und Tritt. Es schmuste mit ihr unaufhörlich, so als wolle er sich tausendfach für seine Rettung bedanken.

„Wir müssen Bilder von ihm anfertigen und sie überall in der Stadt aufhängen. Er ist bestimmt irgendwo entlaufen“, schlug die Mutter vor.

„Nein!“, protestierte Anna. „Er ist jetzt mein Kater!“

„Und irgendwo sitzt ein Kind und weint sich die Augen aus, weil er nicht wiederkommt“, entgegnete der Vater.

„Nein“, beharrte sie. „Merlin wurde ausgesetzt. Er hat es mir erzählt.“

Damit erledigte sich die Angelegenheit.

„Nur gut, dass unsere Tochter so gut mit Tieren sprechen kann“, schmunzelte der Vater.

Merlin blieb sieben Jahre bei seiner Familie, dann lag er eines Morgens zusammengerollt und tot in seinem Körbchen. Obwohl Anna da inzwischen bereits zwanzig Jahre alt wurde, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.

Mit siebzehn Jahren verließ sie die Realschule. Sie entwickelte sich zu einem bildhübschen Mädchen. Üppige, wellige, hellbraune Haare mit natürlichen, hellen Strähnen dazwischen. Sie bildeten sich von ganz allein. Die Haarpracht reichte bis zur Hüfte. Ein tiefer Haaransatz, der ein mehr rundes als ovales Gesicht einrahmte, aus dem zwei große, strahlend, blaue Augen blickten. Dunkle Augenbrauen sowie dunkle, lange Augenwimpern sorgten für einen fantastischen Kontrast. Ihre Körpergröße maß nicht mehr als einsfünfundfünfzig und ihre Figur wirkte äußerst zierlich. Veronika war das komplette Gegenteil. Blonde Locken bis zur Schulter, groß gewachsen bis einsfünfundsiebzig, besaß sie ausgeprägte, körperliche Rundungen und tiefgrüne Augen. Durch ihren feingliedrigen Körperbau wirkte Anna wesentlich jünger als ihre Freundin.

Nach einem Jahr Vorschule begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Das wenige Geld, das sie während dieser Jahre verdiente, gab sie nicht etwa für Kleidung aus, sondern sparte eisern, um im dritten Ausbildungsjahr den Flugschein auf einem Kleinflugzeug zu machen. Dort oben zwischen den Wolken fühlte sie sich immer freier als unten auf dem Boden. Ihr größter Wunsch bestand schon immer darin, einmal fliegen zu können, obwohl es in Deutschland eher als Luxus galt. In Afrika dagegen oft Notwendigkeit und manchmal sogar lebensrettend sein konnte.

Ihre Eltern finanzierten ihr dafür den Führerschein für ein Auto, doch Anna schaffte es finanziell nicht, sich ein eigenes Fahrzeug zu kaufen. Allerdings brauchte sie es auch nicht unbedingt, denn ein Bus fuhr täglich mehrere Male in die Universitätsklinik und zurück.

Veronika verschlug es in die Forschung. Insbesondere die Klimaforschung tat es ihr an. Anna befand sich im letzten halben Jahr vor der Staatsprüfung zur Krankenschwester. In all den Jahren konnte sie sich nicht an die Großstadt Frankfurt gewöhnen. Ihr fehlten die Freiheit, die Weite der Savanne, die Sonne und der Duft Afrikas. In ihren nächtlichen Träumen, kehrte sie oft dorthin zurück. Sie fragte ihre Eltern, ob sie nach Afrika zurückkehren würden, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen hätte. Doch dem Vater ging es gesundheitlich nicht mehr so gut und die Mutter ertrug die Hitze kaum mehr. Sie kämpfte schon während der Sommer in Deutschland damit. Deshalb lehnten sie ein Angebot, erneut für einige Jahre nach Afrika zu gehen, ab. Annas ganze Hoffnung sank in den Keller.

Während eines Urlaubs fuhren die Eltern nach Kaprun, wo sie ihr Schicksal ereilte. Im Tunnel brach ein Feuer aus und sie schafften es beide nicht mehr nach draußen. Als die Nachricht vom Tod ihrer geliebten Eltern kam, erlitt Anna einen schweren Schock. Die Oma, Mutter von Annas Mutter, Elfi Granger, betreute sie während dieser schweren Zeit. Oma Elfi lebte als einzige Verwandte in der Nähe, außer einer Tante, die in Rio de Janeiro in einem Heim betreut wurde und an den Rollstuhl gefesselt war. Anna galt der Oma als ihr ein und alles, sie war ihr einziges Enkelkind. Sie zählte bereits neunundsiebzig Jahre und lebte in einer kleinen Wohnung von der mageren Rente ihres Mannes, einem gebürtigen Amerikaner. Er starb vor fünf Jahren und wurde auf seinen Wunsch hin in seiner Heimat Washington, in Amerika begraben. Die Oma half Anna beim Begräbnis ihrer Eltern, das Haus zu verkaufen und nahm das junge Mädchen bei sich auf. Oma Elfi fühlte sich in ihrem Alter noch recht rüstig, obwohl ihr Haar schneeweiß schimmerte.

Trotz allem schloss Anna die Ausbildung zur Krankenschwester mit einer guten zwei im Staatsexamen ab. Sie fühlte sich danach zwar erleichtert aber auch sehr unbefriedigt. Dieser Beruf füllte sie nicht vollständig aus. So bewarb sie sich im Frankfurter Zoo um eine Ausbildung zur Tierpflegerin. Hier bemerkte sie sofort, dass sie sich am richtigen Platz befand. Sie konnte wieder mit den Tieren sprechen. Sie taute auf, lachte öfter und legte zum Teil ihre große Schüchternheit ab. Diese Arbeit machte ihr unwahrscheinlich Freude.

Eines Tages fiel ihr ein Besucher auf, der schon zum dritten Mal in Folge kam und zwar grundsätzlich, wenn sie die Erdmännchen fütterte. Sie saß mitten im Gehege, während die Tiere schwatzend auf ihren Schultern und dem Schoß saßen. Sie zeigten keine Scheu vor ihr. Das Haar flocht sie bei der Arbeit zu drei dicken Zöpfen, die sie hinten nochmals miteinander verflocht, damit sie nicht hinderten. Anna sah auf und erblickte den jungen Mann. Er lachte sie an und Anna erwiderte mit einem kleinen Lächeln. Sie registrierte kurz: strohblonde Haare, ziemlich kurz geschnitten, ungefähr einsfünfundsiebzig groß. Er trug eine dreiviertellange Hose mit einem T-Shirt dazu. Anna kümmerte sich nicht weiter um ihn. Es kamen täglich hunderte von Besuchern. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, zog sie sich um und verließ den Zoo. Kurz zuvor ging ein Gewitter nieder und leichter Nebel kam auf. Sie löste ihre Zöpfe, wie immer, wenn sie nach Hause ging. Normalerweise besaß sie gewelltes Haar, allein schon durch die geflochtenen Zöpfe. Wenn es jedoch draußen feucht wurde, bildeten sich unzählige kleine und große Locken.

Da stand der blonde, junge Mann am Ausgang und wartete auf sie. Er kam auf sie zu und erkundigte sich etwas unsicher: „Bist du Anna? Du siehst so anders aus.“ Ihren Namen erfuhr er von dem Schild, das sie während ihrer Arbeit an ihrem Oberteil trug. Die Buchstaben darauf waren so groß geschrieben, dass er sie durch die Glasfenster erkennen konnte.

Sie sah verwundert zu ihm auf und antwortete: „Ja? Ach, das ist nur die Feuchtigkeit.“ Verlegen zupfte sie kurz an ihrem krausen Haar.

„Ich bin Malte, Malte Ruppert aus Bremen.“

In diesem Moment fiel ihr ein Spruch von ihrer Mutter ein: „Hüte dich vor denen, die kommen aus Bremen.“ So ein Quatsch, dachte sie. Die Menschen dort sind auch nicht besser oder schlechter als in Frankfurt und sie schob die Erinnerung bedenkenlos beiseite. Einige Monate später jedoch sollte sie bereuen diesen Spruch ignoriert zu haben.

Malte sprach weiter. „Ich bin vor einer Woche hier angekommen. Ich arbeite in der Klimaforschung. In meiner Freizeit gehe ich gern in den Zoo und da entdeckte ich dich. Wie machst du das? Ich habe dich beobachtet. Du gehst in die Käfige und alle Tiere kommen zu dir.“ Er sah auf sie hinunter, denn sie war ein ganzes Stück kleiner als er.

Anna lächelte. „Ich spreche mit den Tieren, das ist alles“, erklärte sie ihm mit vollem Ernst.

„Wie? Das glaube ich dir nicht“, antwortete Malte und lachte lauthals.

„Na ja, dann glaubst du es eben nicht“, erwiderte Anna und zuckte mit den Schultern.

Sie gab es schon lange auf, anderen zu erklären, wie das funktionierte, denn die meisten glaubten ihr ja doch nicht und dachten, sie wolle sie nur veralbern.

Anschließend lud er sie noch zu einem Eis ein. Dort unterhielten sie sich eine Weile. So erfuhr Anna, dass Malte achtundzwanzig Jahre zählte, während er in Erfahrung brachte, dass Anna bereits ihre zweite Ausbildung machte und mit einundzwanzig Jahren noch bei der Oma lebte. Als sie sich voneinander verabschiedeten, bat Malte um ein weiteres Treffen mit ihr. Da bereits die Dämmerung einsetzte und kein Bus mehr fuhr, brachte er sie mit seinem Auto bis vor die Haustür der Oma.

Oma Elfi machte sich bereits große Sorgen um ihre Enkelin, weil sie nicht nach Hause kam. Sie blieb nie so lange nach Arbeitsschluss aus. Als sie ein Auto unten vor dem Mietshaus vorfahren sah, sagte sie zu sich: Na klar, ein Mann kommt hier ins Spiel. Wie auch anders. Sie tadelte Anna nicht, weil sie so spät kam, denn die Oma erinnerte sich noch genau, wie es ihr erging, als sie Harry kennenlernte. Es wurde oft spät, weil sie sich nicht von ihrem Freund trennen konnte. Sie war gerade siebzehn Jahre alt und der Vater schimpfte, wenn sie erst nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause erschien. In ihrer Erinnerung lächelte die Oma vor sich hin. Damals und heute konnte man allerdings nicht mehr miteinander vergleichen. Heutzutage durfte die Jugend mit achtzehn Jahren bis Mitternacht ausgehen. Die Mädchen und Frauen hatten bis zum einundzwanzigsten Jahrhundert gelernt selbstständiger und selbstbewusster zu werden. Das Heimchen am Herd wurde zur Ausnahme. Alle möglichen Berufe standen ihnen jetzt offen. Außerdem erreichte Anna inzwischen ein Alter, wo sie allein entscheiden musste, was sie für richtig hielt. Die Oma hütete sich, ihr Vorschriften zu machen.

Seit diesem Abend trafen sich Anna und Malte sehr oft. Sie saßen beieinander und schmiedeten Pläne für die Zukunft. Anna träumte von einer wunderschönen Hochzeit in Weiß, denn sie war ein romantischer Typ. Doch Malte redete ihr das sehr schnell aus.

„Wozu heiraten? Wenn man sich später auseinandergelebt hat, kommt die Scheidung und die kostet viel Geld. Nein danke, nicht mit mir. Ohne Trauschein kann man problemlos auseinander gehen und braucht keine schmutzige Wäsche waschen. Ich hasse es, wenn dann einer den anderen vor Gericht in den Dreck zieht“, argumentierte er. „Hochzeit ist heute doch total out. Wer glaubt denn noch an die Show, die der Pfarrer da in der Kirche abzieht?“

Anna fühlte sich schon etwas enttäuscht, doch im Endeffekt musste sie Malte größtenteils Recht geben. Nur das mit der Kirche, damit wurden sie nicht einig, denn sie glaubte fest an Gott und deshalb konnte sie sich eine Ehe ohne kirchlichen Segen nicht vorstellen.

Ab und zu kam Malte auch mit zum Essen zur Oma. Er besaß kein Talent zu kochen und wohnte allein. Da gab es dann meist nur Dosenfutter oder kalte Küche. So ein tolles Menü mit Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise kam bei ihm immer richtig an.

Während eines Essens informierte sich die Oma bei ihm so nebenbei: „Wirst du auch immer gut zu meiner Enkelin sein?“ Ihre Augen durchbohrten ihn förmlich.

„Ja, natürlich. Ich liebe sie doch“, antwortete er, aber er konnte der alten Frau dabei nicht direkt in die Augen sehen.

Sie begann sich große Sorgen zu machen. Die Jugend von heute bewegte sich zu unbeschwert. Sie lebte hier, heute und jetzt. Keiner der jungen Leute machte sich Gedanken um die Zukunft. Die Oma wurde das Gefühl nicht los, Anna befolge alles, was Malte von ihr verlangte. So ließ sie sich zum Beispiel ihre Haare auf sein Geheiß hin schwarz färben. Er redete ihr ein, dass ihre blauen Augen dadurch besser zur Geltung kämen. Anna besaß zuvor sehr dichtes, weiches und welliges Haar. Wegen der Länge und Dichte brauchte die Friseuse vier Farbpackungen. Als Anna danach in den Spiegel sah, erschrak sie zutiefst. Ihr Haar wirkte wie Stroh. Es stand ab und zeigte weder Wellen noch Locken. Sie erkannte sich kaum wieder. Beinahe wäre sie in Tränen ausgebrochen. So gefiel sie sich gar nicht. Von nun an zwängte sie ihre Mähne in einen sehr streng geflochtenen Zopf, den sie die meiste Zeit unter einem Käppi versteckte.

Noch ein halbes Jahr benötigte sie bis zur Prüfung und konnte danach damit rechnen, vom Zoo übernommen zu werden.

Bei Malte wurden aus Kostengründen die zwei Klima-Forschungs-Stationen zusammengelegt. Veronika kam in Maltes Team. Als sie sich das erste Mal begegneten, knisterte es förmlich vor lauter Elektrizität und sie verliebten sich Hals über Kopf ineinander und das sehr heftig. Sie schienen wie füreinander geschaffen zu sein. Mit Veronika konnte Malte jede unmögliche Sache unternehmen. Mit ihrer lebenslustigen Art, war sie für alles offen und für jeden Unfug bereit. Da sie beide den gleichen Beruf wählten, konnten sie über vieles diskutieren und jeder wusste, um was es ging. Anna dagegen gab sich sehr zurückhaltend, vorsichtig, manchmal sogar beinahe etwas wortkarg und sie konnte sich mit ihm nicht über die neueste Technik von Forschungsaufgaben unterhalten. Davon verstand sie absolut nichts. Genau wie Malte sich mit ihr nicht über Krankenpflege oder Tiererkrankungen austauschen konnte.

Drei Monate, bevor Anna ihre Prüfung ablegte, im vierundzwanzigsten Lebensjahr, kam sie abends nach Hause und fand ihre Oma schwer atmend auf dem Balkon im Liegestuhl liegend vor.

„Oma, was hast du? Geht es dir nicht gut? Soll ich den Arzt rufen?“, fragte sie besorgt.

„Nein, nein, das geht schon wieder vorbei“, beruhigte die alte Frau das Mädchen und berührte sie leicht am Arm. „Kind, sei bitte vorsichtig. Mein Gefühl sagt mir, dass dein Malte nicht ehrlich zu dir ist.“ Es hörte sich sehr dringlich an. Wieder rang sie nach Luft.

„Ach Unsinn, das hätte ich doch schon längst bemerkt“, beschwichtigte Anna die Oma. Sie drehte sich um und orientierte sich: „Wo hast du deine Herztropfen stehen?“

„Ich glaube in der Küche“, ächzte Oma Elfi.

Anna fand sie neben dem Toaster. Sie hielt die Flasche gegen das Licht und stellte fest, dass sich nichts mehr darin befand.

„Oma, das Fläschchen mit den Tropfen ist leer! Ich fahre rasch mit dem Fahrrad in die Apotheke und besorge dir neue!“, rief sie.

Eilends rannte sie die Treppe hinunter, schwang sich auf ihr Rad und fuhr in die nächste Apotheke. Vollkommen außer Atem kam sie zurück.

„Ich habe mich beeilt. Hat es lange gedauert?“, rief sie, während sie die Wohnungstür hinter sich schloss.

Die Oma antwortete nicht. Plötzlich bekam Anna regelrecht Panik.

„Oma!“, rief sie laut.

In ihrer Hektik stolperte sie über ein Stuhlbein und der Stuhl fiel polternd um. Sie hastete auf den Balkon. Die Oma lag ganz still. Schlief sie etwa so fest? Anna beugte sich über sie. Sie atmete nicht mehr. Anna fühlte an der Halsschlagader keinen Puls mehr. Vorsichtig berührte sie ihre welken Hände. Noch fühlten sie sich leicht warm an. Doch Oma Elfi war still und leise von ihr gegangen. Anna legte ihre Stirn auf die Armlehne des Liegestuhls und weinte. Außer Malte blieb ihr jetzt niemand mehr. Nach einer Weile stand sie auf und rief den Hausarzt ihrer Oma an.

Der kam auch sofort. Ein kleiner, korpulenter Mann, mittleren Alters und tiefschwarzem Haar.

Als Anna ihm öffnete, bestätigte er auch gleich: „Ich habe es kommen sehen. Schon bei ihrem letzten Besuch in meiner Praxis, gefiel sie mir nicht recht. Ihr Herz wurde immer schwächer. Wäre sie noch etwas jünger gewesen, hätte man ihr vielleicht ein neues implantieren können. Aber in so einem Fall hilft auch die beste Medizin nicht mehr.“

Anna führte ihn auf den Balkon. Dr. Moller untersuchte die alte Frau kurz und hörte sie ab.

„Nein, da ist wirklich nichts mehr zu machen.“ Er händigte der Enkelin den Totenschein aus, drückte ihr sein Beileid aus und verabschiedete sich. Draußen auf dem Flur schüttelte es ihn erst einmal ordentlich ab. Solche Besuche hasste er an seinem Beruf.

Eine halbe Stunde später kamen die Herren vom Bestattungsinstitut. Sie richteten die Oma her und betteten sie in den mitgebrachten Sarg. Anna stand daneben und verfolgte stumm das Geschehen. Gewaltsam unterdrückte sie ihre Tränen, denn sie genierte sich vor ihnen zu weinen, vor allem da zwei junge Männer in ihrem Alter zugegen waren. Zusammen beteten sie abschließend ein Vater unser. Als die Herren mit dem Sarg und ihrer Oma gegangen waren, rief sie Malte an. Zu Hause bei ihm nahm keiner ab, also versuchte sie es in der Forschungsstation. Dort meldete er sich.

„Malte, meine Oma ist eben gestorben“, schluchzte sie.

„So, hat die alte Wachtel den Löffel endlich abgegeben?“, äußerte er sich regelrecht taktlos.

„Sag mal, wie redest du eigentlich über meine Oma?“ Anna fühlte sich völlig geschockt.

„Entschuldige bitte, aber so richtig leiden konnte sie mich nie“, antwortete er.

„Kommst du heute nach der Arbeit noch zu mir?“, hoffte sie.

„Glaube ich kaum. Heute wird es sehr spät. Kann sein, dass es nach Mitternacht wird. Wenn du willst, dann komm doch zu mir. Der Schlüssel liegt unter der Strohmatte, wie immer. Ich muss jetzt Schluss machen. Bis später.“ Er legte auf.

Anna überlegte kurz. Allein in der Wohnung, wo gerade ein Mensch starb, wollte sie nicht bleiben. Also packte sie ein paar Sachen und ihr Zahnputzzeug in eine Tasche, schwang sich auf ihr Fahrrad und radelte zu Malte. Der wohnte am anderen Ende von Frankfurt. Die Wohnung, ein zweistöckiges Gebäude, sah von außen wie ein kleines Haus aus, nur, dass rechts und links mehrere solcher Wohnungen angebaut standen. Anna kam spät in der Nacht an. Sie fand den Haustürschlüssel unter der Matte und sperrte auf. Eine bleierne Müdigkeit überkam sie, die nur noch nach einem Wunsch verlangte: Duschen und ins Bett. Hunger verspürte sie keinen, obwohl sie das letzte Mal zu Mittag einen Döner im Zoo gegessen hatte. Anna kuschelte sich tief in die Kissen und schlief sofort ein.

Um ein Uhr nachts kam Malte nach Hause. Er nahm keine Rücksicht auf sie und veranstaltete einen solchen Lärm, dass man denken konnte, alle Affen seien aus dem Affenhaus ausgebrochen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er sich endlich neben sie legte. Und dann gab er immer noch keine Ruhe. Er begann Annas Nachthemd aufzuknöpfen.

„Malte! Nicht jetzt! Erstens ist gerade meine Oma gestorben und zweitens bin ich todmüde! Ich habe jetzt wirklich keine Lust, mit dir Liebe zu machen!“, lehnte sie entschieden ab.

„Meine Güte, bist du aber empfindlich. Menschen kommen, Menschen gehen. Was ist daran so Besonderes?“, gab er ziemlich gefühllos von sich.

„Malte!“ Anna schob seine Hände energisch weg. „Lass mich jetzt bitte in Ruhe! Meine Oma bedeutete mir sehr viel und du machst mir das nicht kaputt!“ Damit rollte sie sich fest in ihre Bettdecke ein und drehte ihm den Rücken zu.

Malte murmelte noch etwas wie: „Na, dann eben nicht“, und rutschte ebenfalls unter seine Decke.

Anna stand am nächsten Tag schon früh auf, denn sie musste um sieben Uhr bereits im Zoo zur Fütterung erscheinen. Ihr Freund drehte sich nochmal um. Sein Tag begann erst um neun Uhr.

Außer einem Joghurt, dessen Verfalldatum bereits abgelaufen war, fand Anna nichts bei ihm im Kühlschrank. Sie hatte Glück, denn er schien noch genießbar zu sein. Der musste einstweilen genügen. Im Zoo gab es eine Bratwurstbude. Dort konnte sie sich zu Mittag, in der Pause, sicher etwas kaufen. Nebenbei plante sie mit dem Pfarrer per Telefon die Beerdigung der Oma. Dann kündigte sie die Wohnung und setzte eine Annonce für den Verkauf der Möbel in die Zeitung. Bis spät in der Nacht leerte sie Schränke und Schubladen. Zwischen all diesen Sachen fand sie unter anderem eine sehr alte Bibel in alter Schrift geschrieben, innen und außen mit reichen Verzierungen. Jeder Anfangsbuchstabe ein Kunstwerk für sich. Dieses Buch behielt sie, denn sie meinte, es wäre sehr wertvoll. Sie blätterte kurz die Seiten durch und fand auf der letzten Seite ein paar handgeschriebene Zeilen.

„Wer immer diese Bibel finden mag, der solle sie behalten, behüten und in Ehren halten. Sie keinesfalls verkaufen, auch wenn es ihm noch so schlecht ergehe. Gottes Wort aus dieser Bibel wird ihm immer ein Schutz sein, Trost bringen und Glück bereiten.“

Die Bibel und ein Fotoalbum, mehr nahm sie nicht mit aus dieser Wohnung.

Anna füllte den Kühlschrank bei Malte auf und kochte jeden Tag ein Essen. Unter anderem kaufte sie auch drei Tafeln Schokolade. Da es so heiß in diesem Sommer wurde, legte sie diese in den Kühlschrank. Einen Tag später wollte sie davon etwas naschen, doch sie fand keinen Krümel mehr davon.

„Malte! Ich kaufte vorgestern drei Tafeln Schokolade ein. Wo sind die hin?“, erkundigte sie sich.

„Hm, waren sehr gut. Eine besser als die andere“, antwortete er.

„Malte, es ist nicht mehr alles für dich allein. Falls du es bemerkt haben solltest, lebe ich jetzt auch hier. Hast du vielleicht mal ans Teilen gedacht?“, rügte sie ihn.

„Das nächste Mal, Schatz“, rief er ihr zu, packte seine Sporttasche und verschwand in Richtung Tennisplatz.

Die Beerdigung fiel sehr mager von Seiten der Trauergäste aus. Es kamen nur Anna, Malte und drei ältere Frauen aus dem Mietshaus, in dem die Oma einst wohnte. Die einzige, die weinte war Anna und der genervte Malte musste ihr ständig neue Taschentücher geben.

Schon auf dem Friedhof bemerkte sie, dass sie Probleme beim Schlucken bekam. Sie kannte das. Immer im Juli und das schon den fünften Sommer in Folge, bekam sie um diese Jahreszeit eine heftige Angina. Zu Hause angekommen, hatte sie bereits 40 Fieber mit starken Kopfschmerzen. Malte ließ den Arzt kommen. Der stellte eine schwere Angina mit einer Stirnhöhlenentzündung fest. Er verordnete ihr Bettruhe und Antibiotika.

Malte bekam gerade zu dieser Zeit eine Woche Urlaub. Er nützte das voll aus. Obwohl es Anna wirklich schlecht ging, drängte er sie zur Liebe mit ihm.

„Mann, mit dir ist ja absolut nichts los“, beschwerte er sich und ließ sich enttäuscht rückwärts in die Kissen fallen. „Du liegst da, wie ein Holzklotz ohne eine Initiative, keine Begeisterung. Das macht absolut keinen Spaß mit dir.“

„Wenn du krank bist, willst du auch deine Ruhe haben. Dann liegst du eine Woche im Bett und willst nicht mal angesprochen werden“, hielt ihm Anna entgegen.

Mitte August legte Anna ihre Prüfung mit Note eins ab und wurde vom Frankfurter Zoo übernommen. Sie bekam alle Raubtiergehege zugeteilt. Im Löwengehege warf eine Löwin zwei Junge und im Tigergehege kam ebenfalls ein Baby zur Welt. Die Milch der Löwin reichte jedoch nur für eines der Kinder und so musste Anna das andere Jungtier mit der Flasche großziehen. Sie dachte sich gar nichts dabei, als sie beim Füttern des Kleinen auch die Tigermutter mit ihrem Jungen in die Futterküche nahm. Sie verspürte keine Angst und sie redete in einer seltsamen Sprache mit der Löwin. Die schien sie voll zu verstehen. Anna begab sich auch in das Gehege zu den ausgewachsenen vier Tigern, ohne sie zuvor in ein extra Gehege zu sperren. Sie spielte mit den Kleinen, während die großen Tiger friedlich im Gras lagen und zusahen. Doch es sah noch jemand zu: nämlich der Zoodirektor. Der bekam beinahe einen Herzanfall, als er Anna dort zwischen den Raubtieren erblickte.

„Ja sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Wollen Sie sich umbringen? Kommen Sie sofort dort heraus!“, schrie er.

Der Direktor kam um das Gehege herum in die Futterküche. Aber hier lag die Löwin mit ihren zwei Jungen.

„Frau Engel! Bitte bringen Sie die Tiere auf der Stelle ins Gehege!“, verlangte er und drückte sich ängstlich an der Wand lang.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Direktor. Wenn ich dabei bin, tun sie Ihnen nichts. Ich bin in Afrika geboren und praktisch mit Löwen aufgewachsen. Sie haben mir niemals etwas getan. Im Gegenteil, sie haben mich beschützt“, erklärte Anna.

„Das mag schon sein. Aber ich möchte nicht, dass unsere Besucher Sie da drin sehen. Sie denken sonst, die Löwen sind gezähmt oder ausgestopft. Und außerdem kann ich es nicht verantworten, wenn Sie doch mal zerfleischt werden, vor ihren Augen. Verstehen Sie das bitte. Wenn nicht, muss ich Sie leider entlassen. So ein enger Kontakt zu wilden Tieren ist mir noch nicht untergekommen in all den Jahren, in denen ich hier Direktor bin.“ Er regte sich furchtbar auf. Da er so heftig schwitzte, tupfte er sich ununterbrochen mit einem Taschentuch seine Stirn trocken.

„Vielleicht sollte ich Sie in eine andere Abteilung versetzen, die weniger gefährlich ist?“, überlegte er.

„Oh, bitte nicht. Ich bin hier sehr glücklich“, bat Anna.

„Es ist mir einfach zu riskant, Frau Engel. Sie müssen das verstehen. Wie wäre es denn mit dem Streichelzoo?“, schlug er vor.

„Wozu habe ich so viel gelernt? Den Streichelzoo kann doch ein jeder Depp versorgen!“, schrie Anna außer sich.

„Dann teile ich Sie zu den Elefanten ein. Ist Ihnen das genehm?“, knurrte der Direktor.

„Na gut.“ Anna gab sich zufrieden.

Eine Woche später sah der Direktor, wie Anna beim Waschen der Elefanten auf ihnen herum kletterte. Man sah deutlich, dass die Tiere sich dabei sehr wohl fühlten und auch ihren Spaß dabei hatten.

„Also, das ist doch wirklich nicht zu fassen. Sie geht mit den Tieren um als wären es alle Kuscheltiere“, murmelte er vor sich hin.

Die Zeit verging und es wurde Herbst.

Veronika, Annas einzige und beste Freundin, wachte wie schon so oft in der letzten Zeit, neben Malte auf. Er streckte sich und blinzelte in das helle Licht des Oktobervormittags. Veronika stützte sich auf einen Arm und blickte ihm direkt ins Gesicht.

„Hör mal, Malte“, begann sie. „Du solltest Anna langsam von unserer Beziehung erzählen. Ich finde es nicht fair, sie so lange zu hintergehen.“

Malte grinste sie an. „Warum sagst du es ihr denn nicht?“

„Weil ich ihre beste Freundin bin und ich deshalb schon ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber habe. Es ist bestimmt nicht schön ihr den Freund auszuspannen“, erklärte sie.

„Jetzt pass mal auf. Du und ich, wir sind freie Menschen. Ich bin mit deiner Freundin weder verlobt noch verheiratet. Also habe ich auch das Recht jederzeit gehen zu können und zwar, wann es mir beliebt. Meine Beziehung zu Anna ist sowieso nicht mehr das, was sie mal war. In dich habe ich mich auf den ersten Blick verliebt und ich könnte mir sogar vorstellen, dich zu heiraten. Bei uns stimmt eben die Chemie auf jedem Gebiet. Ich werde es ihr schon noch zu gegebener Zeit sagen. Vielleicht, kurz bevor wir am zweiten Dezember nach Grönland, zu unserer Forschungsreise aufbrechen. Bis wir zurückkommen, in ein paar Monaten, kann sie sich eine eigene Wohnung suchen“, versprach ihr Malte.

„Ich weiß nicht. Du redest so kalt über Anna. Ihr wart doch mal ein Paar“, hielt ihm Veronika vor.

„Schon, aber die Zeit mit ihr ist vorbei, abgehakt. Ich empfinde nichts mehr für sie“, gab ihr Malte zur Antwort.

„Jetzt lass uns aufstehen. Ich habe einen Mordshunger“, ließ er sie wissen und sprang mit einem Satz aus dem Bett.

Heute war Sonntag. Anna schwindelte er vor, er müsse über das Wochenende ein Projekt für die Expedition ausarbeiten und das gesamte Wochenende im Forschungslabor bleiben.

Anna, arglos wie immer, glaubte ihm das.

Mitte November schwebte Maltes Verhältnis zu Veronika immer noch in der Luft. Er wagte es einfach nicht, seiner Anna die neue Liebe zu gestehen. Veronika passte das ganz und gar nicht und es wurde immer wahrscheinlicher, dass sie es ihrer Freundin selbst sagen wollte. Doch kurz davor machte sie immer einen Rückzieher, weil sie wusste, dass sie ihr damit sehr wehtat und sie eventuell für immer verlor. Aber das würde wohl sowieso geschehen. Sie wusste einfach nicht, wie sie es verkraftete. Es half alles nichts, Malte musste es tun. Und weil ein Tag nach dem anderen verging, ohne dass reiner Tisch gemacht wurde, kroch langsam die Wut in ihr hoch und sie nannte ihn grob einen feigen Hund.

Es kam die dunkle, graue Zeit. Im Finstern kleidete Anna sich an, nur um Malte nicht zu wecken. Als sie ihre Jeans schließen wollte, bekam sie plötzlich große Probleme damit. Sie zog ihren Bauch ein und hielt die Luft an, doch sie brachte den Knopf absolut nicht ins Knopfloch. Ungeduldig zog und zerrte sie, denn sie war spät dran, bis schließlich der gequälte Hosenknopf in hohen Bogen davon sprang. Eilig fuhr sie in die Reservehose, doch das Gleiche geschah wieder. Verzweifelt stieß sie die Luft aus. Sie stand da und überlegte. Zu heiß gewaschen habe ich sie nicht. Auch nicht mehr gegessen als sonst. Sogar die Schokolade habe ich weggelassen, weil mir immer schlecht danach wurde. Oder liegt es an den Hormonen? Anna besaß schon von Kind an leichtes Untergewicht. Sie wog nur dreiundvierzig Kilo, bei einer Größe von einsfünfundfünfzig. Da kam es unter anderem auch häufig zu einem unregelmäßigen Zyklus. Sie kam zu dem Schluss, dass sie wieder einmal ihren Gynäkologen aufsuchen sollte. Der Besuch war sowieso überfällig. Vielleicht gab er ihr ein Medikament, das alles zum normalen Rhythmus führte. Notgedrungen zog sie eine Jogginhose mit Rundum-Gummi an.

Sie tat das am nächsten freien Tag. Anna schob keine Probleme vor sich her. Sie erzählte dem Arzt von ihren Schwierigkeiten. Er machte sofort eine Ultraschalluntersuchung.

„Gratuliere, Frau Engel. Sie sind bereits Ende des vierten Monats“, beglückwünschte er sie lachend.

Anna brachte kein Wort heraus. Sie sah ihn nur mit ihren großen, blauen Augen völlig ungläubig an.

Der Arzt machte noch ein Ultraschallbild und sagte dann: „Frau Engel, ich möchte Sie in zwei Wochen gerne nochmal sehen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Es ist alles in Ordnung. Nur zur Routine möchte ich noch eine Ultraschalluntersuchung machen.“ Er händigte ihr das Bild und einen Mutterpass aus.

Anna verließ wie betäubt die Praxis. An eine Schwangerschaft dachte sie überhaupt nicht. Kein Wunder, dass die Hose nicht mehr passte. Sie schlenderte durch die Innenstadt von Frankfurt. Und plötzlich entdeckte sie überall Babyshops. In einem erstand sie ein Paar klitzekleine Babyschuhe und mit einem Mal kam ihr der Himmel nicht mehr grau, sondern strahlend blau vor. Sie freute sich auf ihr Baby. Endlich eine eigene Familie gründen. Das spornte sie an. Sie fuhr mit dem Bus nach Hause und begann ein Festmenü zu kochen. Den Tisch deckte sie festlich mit einer weißen Tischdecke, den langstieligen Rotweingläsern und dem Sonntagsgeschirr. Die Krönung: zwei silberne Kerzenleuchter.

Malte kam, wie immer spät nach Hause. Überrascht blieb er in der Tür zum Esszimmer stehen.

„Was soll das? Mitten in der Woche so ein Aufwand?“, knurrte er unsicher.

„Heute ist ein Feiertag. Aber nur für uns“, kündigte Anna an.

Malte lachte leicht gequält. Langsam ließ er sich auf seinem Platz nieder. Er ahnte nichts Gutes. Anna schnitt den Braten in Scheiben und bediente ihn. Sie goss ihm Rotwein und sich Wasser ins Glas.

„Seit wann trinkst du keinen Wein mehr?“, erkundigte er sich, bereits mit leichten Bauchschmerzen.

„Seit heute“, antwortete sie und legte ihm das Ultraschallbild neben den Teller.

„Was ist das?“, fragte er großes Unheil fühlend. Er glaubte, das Damoklesschwert schwebe bereits über ihn.

„Das ist das Bild von deinem vier Monate alten Kind“, eröffnete ihm Anna.

Malte fiel vor Schreck die Gabel aus der Hand.

„Ein Kind! Du bist also schwanger?“, folgerte er.

Es kam ihm vor, als wenn bei ihm alles sehr langsam ins Gehirn drang. Er wollte es nicht glauben und versuchte es zu verdrängen, aber es gelang ihm nicht. „Warum hast du mir das nicht schon früher gesagt?“

„Weil ich es selbst erst heute erfahren habe“, lächelte sie glücklich.

„Na toll. Gerade jetzt, wo ich in zwei Wochen nach Grönland reise für mehrere Monate. Kannst du das Kind nicht verschieben? Es kommt äußerst ungelegen.“ Malte wand sich förmlich, denn jetzt konnte er seine Beichte erst recht nicht ablegen.

Anna musste sich setzen, so erschrak sie.

„Du meinst, ich soll das Baby abtreiben?“, antwortete sie ihm tonlos.

„Ja, das Beste wäre es für uns beide. Ich dachte erst sehr viel später an Kinder. Wenn du mal über dreißig Jahre bist“, meinte er ausweichend.

„Bei dir ist wohl ein Rad ab! Ich finde mit vierundzwanzig Jahren ist gerade die richtige Zeit. Ich werde mein Baby bekommen. Die paar Monate komme ich auch ohne dich zurecht. Außerdem ist es bereits zu spät, um abzutreiben“, beharrte Anna. „Ich freue mich auf unser Baby. Auf unsere kleine Familie.“ Sie hob das Wasserglas. „Prost, Malte!“

Dem Zoodirektor musste sie natürlich auch ihre Schwangerschaft melden. Der war alles andere als davon begeistert, denn sie befand sich noch im Probehalbjahr. Da sie jedoch gute Arbeit leistete, sah er darüber hinweg. Nur eines missfiel ihr: Sie wurde aus Sicherheitsgründen in den Operationssaal versetzt. In ihrer Ausbildung kam gerade dieser Bereich etwas zu kurz und so bekam sie die Gelegenheit noch eine ganze Menge dazuzulernen. Nach einer Woche fand sie es gar nicht so schlecht.

Zwei Wochen später, am zweiten Dezember, ging Anna erneut zu ihrem Gynäkologen. Er wiederholte die Ultraschalluntersuchung.

„Ja, jetzt ist es klar“, gab er von sich. „Sehen Sie hier? Die beiden Köpfe? Das letzte Mal lagen sie hintereinander und ich konnte nur einen Arm erkennen. Ich zweifelte daran, ob ich wirklich zwei sah. Ja, Frau Engel, Sie bekommen Zwillinge und wenn ich mich nicht täusche, ein Mädchen und einen Jungen. Allerdings kann ich Ihnen nicht versprechen, ob die Kinder auf normalem Wege zur Welt kommen werden. Sie sind sehr schlank und Ihre Beckenmaße raten zu einem Kaiserschnitt“, mahnte der Arzt.

„Das ist doch nicht so schlimm. Hauptsache, die Babys sind gesund“, antwortete Anna.

Sie fühlte sich so voller Freude, dass sie nicht warten wollte, bis Malte nach Hause kam. So fuhr sie mit dem nächsten Bus ins Industriegebiet zur Klimaforschung. Mit dem Aufzug ließ sie sich in den fünften Stock bringen. Hier gab es mehrere Räume, alle vollständig aus Glas, in denen verschiedene Teams arbeiteten. Maltes Arbeitsbereich befand sich am Ende des Flurs. Sie sah schon von weitem, dass er jemanden bei sich hatte. Anna verlangsamte ihren Schritt. Das Paar in diesem Raum küsste sich innig und sie liebkosten einander mit den Händen ihre Körper. In der blonden Frau erkannte sie mit Schrecken ihre beste Freundin Veronika. Beinahe hätten ihre Beine den Dienst versagt, als sie das sah. Sie blieb in der geöffneten Glastür stehen, unfähig ein Wort zu sagen. Plötzlich riss Malte seine Augen auf, als er sie erblickte. Mit einem Ruck schob er Veronika von sich.

„Was machst du denn hier?“, wunderte er sich total verdattert.