Das fünfte Kreuz

Kriminalroman

Max Oban


ISBN: 978-3-903092-01-3
1. Auflage 2015, Marchtrenk, Österreich
© 2015 Verlag federfrei

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Umschlagabbildung: © Vladimir Sazonov - Fotolia.com
Lektorat: S. Bähr

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

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Inhalt

 

Für meine Eltern

Personen

Bär Alfons: Pensionierter Polizist in Johanngeorgenstadt.

Bruckmann Herwig: Geliebter Hilde Prechtls.

Bruckmann Johanna: Ehefrau Herwig Bruckmanns.

Connors Tim: Chauffeur bei Ray Patterson.

Dolezal Georgius: Ermittler im LKA Salzburg.

Drawa Ilona: Lebt seit fünfzehn Jahren in einer geschlossenen Anstalt.

Funke Leopold: In Ehren ergrauter Kripo-Beamter in Salzburg.

Hanna: Peter Pecks Freundin.

Landauer Engelbert: Professor für Physik an der TU München.

Klein Richard, Dr.: Professor am Department of Physics der Uni Princeton, USA.

Landauer Sabine: Ehefrau des Uni-Professors Engelbert Landauer.

Marcks Oswald: Ehemann Corinnas und Vater Edgar Marcks‘.

Marcks Corinna: Ehefrau Oswalds und Mutter Edgar Marcks‘.

Marcks Edgar: Sohn von Corinna und Oswald Marcks.

Passé Hugo, Univ. Prof. Dr.: Vizerektor an der Uni Salzburg.

Patterson Raymond: Ehemann der Clare Reinhardi.

Peck Peter: Paul Pecks Sohn.

Peck Paul: Chef des Salzburger Detektivbüros Seriosität & Durchblick.

Porlock Grace: Stadtbekannte Lustige Witwe in Brecon, Wales.

Prechtl Karl-Maria: Firmeninhaber, Vater Martin Prechtls.

Prechtl Martin, Prof. Dr.: Professor für Chemie an der Uni Salzburg.

Prechtl Hilde: Ehefrau des Uni-Professors Martin Prechtl.

Reinhardi Clare (Klara): Ehefrau Raymond Pattersons.

Reinhardi Michaela: Mutter Klara Reinhardis.

Rothe Alfred: Angestellter bei Oswald Marcks.

Rothe Helga: Angestellte bei Oswald Marcks.

Sophia: Buchhändlerin in Salzburg, verständnisvolle Gefährtin Paul Pecks.

Untermayr Gerlinde: Ex-Ehefrau Paul Pecks.

 

»Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.«

1. Buch Moses, 2,18

 

 

»Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus.«

Friedrich Torberg, aus Tante Jolesch

 

 

»Ein Mann sollte jedes Wort verstehen, das seine Frau nicht gesagt hat.«

Paul Peck

Mittwoch, 16. November

Als der Regionalexpress um elf Uhr zweiundvierzig den Hauptbahnhof München verließ, hatte Professor Dr. Engelbert Landauer noch genau fünfundzwanzig Minuten zu leben.

Zu seiner Vorlesung waren heute nur sechs Studenten erschienen. Ein einsamer negativer Rekord. Bei Anhalten dieses Trends würde er demnächst mit ein oder zwei Hörern alleine sein, wenn er über optische Linsen und die Brechungsgesetze sprach und versuchte, den Unterschied zwischen Reflexion und Refraktion zu erklären. Zum Harald Lesch rennen sie alle hin, nur, weil der im Fernsehen auftritt und über den Urknall, Schwarze Löcher und andere kosmologische Mythen vorträgt. Seine eigene Vorlesung hieß ›Technische Optik‹. Offensichtlich irgendwo an der Grenze zwischen Langeweile und Desinteresse.

Der Großraumwagen des Bummelzuges war fast leer. Wie jeden Mittwoch musste er um halb sieben im Zug von Aßling nach München sitzen, mitten zwischen lärmenden Schülern, parfümierten jungen Frauen in kurzen Röcken und müde dreinblickenden Beamten, die entweder auf die Beine der Frauen starrten oder sich auf ihre Zeitung konzentrierten.

Jetzt saßen alle in ihren Schulklassen oder Büros, während er wieder mit der Eisenbahn zurück nach Aßling fuhr, wo seine langweilige Frau ihn mit einem langweiligen Mittagessen erwartete.Der Zug hielt nach jeder Kurve. Regionalexpress, dachte er und musste lächeln. ›München Haar‹ las er an der nächsten Haltestelle. Draußen zog eine grau verhangene Landschaft vorbei, so als ob sich eine riesige Wolke auf die Wälder und abgeernteten Felder gelegt und alles Licht erstickt hätte. Nebelschwaden hingen über den Wiesen, alles Bilder, die seine trübsinnigen Gedanken nicht aufhellten.

Er griff nach seiner Zeitung, ertappte sich aber dabei, wie er eine gut gebaute Blondine beobachtete, die schräg gegenübersaß und die ihn nun ebenfalls unverhohlen anstarrte, bis es ihm unangenehm wurde und er die Zeitung vor dem Gesicht aufspannte. Zwei Reihen weiter lümmelte ein junges Pärchen mit ausgestreckten Beinen, die Füße mit den schmutzigen Schuhen entspannt auf der gegenüberliegenden Sitzbank gelagert. Ärgerlich sah er weg. Zieh doch die Schuhe aus, bevor du deine Füße dort hinlegst, wo andere Leute sitzen, hätte seine Mutter früher gesagt. Irgendwo hinter ihm lärmte eine Gruppe junger Leute, die, so hatte er stirnrunzelnd beobachtet, immer wieder eine bauchige Flasche mit einer wasserklaren Flüssigkeit kreisen ließen. Das immer lauter werdende Gelächter nahm er als Hinweis, dass die Flasche Hochprozentiges beinhalten musste. Die restlichen Plätze im Wagen waren leer, bis auf einen Mann, der, von ihm aus gesehen, in der letzten Reihe saß und von dem er nur abgewetzte blaue Jeans, manchmal einen dunkelgrauen Kapuzenpulli und schwarze Halbschuhe zu Gesicht bekam.

Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster. An der nächsten Station musste er raus. Höchste Zeit also, um noch auf die Toilette zu gehen, so, wie er es gewohnt war, kurz bevor er den Zug verließ. Sicher ist sicher.

Fünf Minuten später schloss er den Metalldeckel und betätigte die Spülung, die daraufhin mit einem lauten Sauggeräusch ihre Arbeit versah. Als er die Tür entriegelte, stand knapp vor ihm der Mann in dem Kapuzenpulli. »Gestatten Sie bitte …«, wollte er gerade sagen, da bekam er einen starken Schlag gegen die Brust, der ihn zurück in die Toilette taumeln ließ. »Was soll das?!« Er stolperte in einer Drehung zur Seite, da der Zug durch eine Kurve ratterte, und krachte gegen die Milchglasscheibe des Fensters. Panik stieg in ihm auf, und genau in diesem Moment sah er das blitzende Messer, das der Mann mit einer kraftvollen Bewegung in seine Brust stieß.

Er sah auf den Griff, der aus seinem Brustkorb ragte und wunderte sich einen kurzen Moment lang, dass er keinen Schmerz spürte. Nur eine große Schwäche bemächtigte sich seiner, und dann wusste er, dass dies das Ende war. Er sank langsam nach unten und umklammerte in einer unsinnigen Umarmung die Toilettenschüssel, in der unter dem metallenen Deckel immer noch das Wasser der Spülung gurgelte. Mit demutsvoll geneigtem Kopf kniete er auf dem dreckigen Boden wie ein Mann, der die Kommunion empfängt, dann entspannte sich sein Körper, und alle Kraft wich aus den Muskeln. Als sein Oberkörper im Zeitlupentempo zur Seite sank, richtete er einen letzten Blick auf seinen Oberkörper. Das Letzte, was er in seinem Leben sah, war der fein ziselierte Griff des Messers in seiner Brust und über ihm die Gestalt im Kapuzenpulli, die sich wie ein gesichtsloser Mönch im Büßergewand langsam über ihn beugte.

 

*

 

Gleich ist es so weit! Rache! Die flüsternden Stimmen im Kopf werden leiser, aber immer noch ungeduldig fordernd wie ein Rausch, der alles andere übertüncht. Wann geht er endlich zur Toilette? Jetzt! Jetzt war der Augenblick da! Lauter Herzschlag im gleichen Rhythmus, in dem der Zug durch die Kurve rattert. Noch ist die Tür verschlossen, das Zeichen auf ROT. Tiefes Durchatmen. Das Opfer sitzt fest. Gedanken an die verdiente Rache. Das Kreischen der Räder übertönt die Stimmen, die jetzt kaum noch zu hören sind, so als wollten sie vermeiden, störend zu wirken und von der großen Aktion abzulenken. Warten auf den Vollzug. Dann wechselt das Zeichen auf WEISS. Jetzt! Der Dolch ist elegant und liegt gut in der Hand. Beruhigend, wie einfach das Töten geht. Ein kräftiger Stoß. Na los!, sagt die Stimme. Fast höhnisch. Dann blitzt das Messer auf. Rache! Ein verächtlicher Blick zurück. Wo hat er den Autoschlüssel? In der Hosentasche. Ist da jemand vor der Tür? Tiefes Durchatmen. Der Zug bremst bereits. Aber noch ist die Arbeit nicht getan. Es gibt weitere Aufgaben zu bewältigen.

 

*

 

»Na, wenn das nicht unser rot-weiß-roter Pensionist aus Salzburg ist«, rief einer der Beamten, der aufgesprungen war und mit einem breiten Grinsen auf Funke zusteuerte. »Ist da der Grüne Veltliner drin?« Er zeigte auf die Kühltasche, die Funke vorsichtig auf den wackeligen Tisch stellte. Die übrigen Beamten saßen an ihren papierüberladenen Schreibtischen, die nach einem streng geometrischen Muster im Raum aufgestellt waren.

»Meine Frau hat dir zu Ehren einen Kuchen gebacken«, sagte ein dicker Polizist im Hintergrund. »Nach einem königlich-altbayerischen Rezept, das noch von meiner Schwiegermutter stammt, Gott hab sie selig.«

Eine halbe Stunde später standen sie um den runden Besprechungstisch in der Mitte des Raumes, jeder ein Glas Wein in der Hand.

»Lieber Leopold«, sagte der älteste der Männer, »wir schätzen es sehr, dass du anlässlich deiner Verabschiedung in den sogenannten Ruhestand noch einmal zu uns nach Rosenheim kommst.« Er hob andächtig sein Weinglas in die Höhe. »Und noch dazu mit diesem edlen Getränk.«

Leopold Funke hatte versprochen, sich vor seiner Pensionierung am 1. Dezember persönlich von seinen Kollegen in Bayern zu verabschieden, mit denen er in zahlreichen grenzüberschreitenden Ermittlungen kollegial und meist erfolgreich zusammengearbeitet hatte.

»Wir bei der Kripo Rosenheim haben deine unaufgeregte Art geschätzt, mit der du uns so oft unterstützt hast, weniger bedacht auf Formulare und Vorschriften als auf Kollegialität und Kompetenz.« Sie stießen reihum mit ihren Gläsern an und tranken einen Schluck von dem Weißwein.

»Gestört hat uns nur«, sagte Ludwig Kinni, ein glatzköpfiger Dicker, der mit baumelnden Beinen auf seinem Schreibtisch saß, »dass du viel zu oft schneller warst als wir.«

»Und stören tut uns auch, dass Georgius Dolezal dein Nachfolger wird bei der Kripo Salzburg. Den haben wir bereits kennengelernt. Und mögen tut den keiner hier bei uns in Rosenheim.«

Funke grinste. Kriminalinspektion Rosenheim, dachte er, Kaiserstraße 32 … vor genau fünfunddreißig Jahren war er das erste Mal hier in diesem Raum gewesen. Zwei bayerische Gauner hatten bei einem Überfall auf die Sparkasse Wals vierhunderttausend Schilling erbeutet und waren auf der Autobahn in Richtung München geflüchtet. Ein Zufall hatte Funke auf die Spur der Bankräuber geführt, und gemeinsam mit einem Kollegen der Kripo Rosenheim konnte er die Gauner dingfest machen.

In diesem Moment läutete das Telefon. Der dicke Ludwig hob ab, und plötzlich wurde es still im Raum.

»Ein Toter im Regionalexpress von München nach Salzburg«, sagte er. »Wahrscheinlich Mord. Der Zug steht bei uns im Bahnhof Rosenheim.«

Wie in einer gut eingespielten Routine kam plötzlich Leben in den Raum. Ohne ein Wort zu wechseln, griffen drei der Polizisten nach ihren Waffen, packten bereitstehende Handkoffer und rannten in Richtung Tür. Der Dicke mit der Glatze saß immer noch auf seinem Tisch und führte lautstark ein Telefonat, von dem Funke nur das Wort Spurensicherung verstehen konnte. Dann glitt er von seinem Schreibtisch und winkte Funke mit einer energischen Handbewegung zu. »Komm mit!«

 

*

 

Der Polizeiwagen raste mit Blaulicht und Sirene bei ROT über die Prinzregentenstraße und brauchte nur fünf Minuten bis zum McDonalds, wo sie direkt vor dem Bahnhofsgelände parkten.

»Der Zug mit der Leiche steht auf dem Nebengleis da drüben.« Ludwig Kinni wechselte einige Worte mit einem blau uniformierten Bahnbediensteten. Funke hatte Mühe, den beiden zu folgen, die mit Riesenschritten zuerst durch einen schmalen Tunnel liefen, der nur von einer verdreckten Glühlampe beleuchtet war, bis eine Steinstiege sie wieder ans Tageslicht führte und auf einen Bahnsteig, der sich etwas abseits vom normalen Bahnhofsbetrieb befand.

»Da sind auch unsere Kollegen schon«, sagte Ludwig und gesellte sich zu der kleinen Gruppe, die vor der geöffneten Türe des Wagens standen, in dem sich offensichtlich der Tote befand.

»Wo sind die ganzen Fahrgäste?«, hörte er einen der Beamten rufen.

»Die meisten sind wahrscheinlich weggerannt, als der Zug in Rosenheim einfuhr. Einige konnten wir gerade noch am Weggehen hindern. Die sind drin im Wagen.«

»Und die Spurensicherung?«

»Ist unterwegs.«

Ludwig Kinni zog ein weiß-blaues Taschentuch aus der Hose und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann kletterten er und ein weiterer Ermittler in den Wagen. Funke sah sich um, und da ihn keiner daran hinderte, stieg er den beiden hinterher.

»Die Leiche liegt in der Toilette«, sagte ein hagerer Mann in Polizeiuniform, den Funke nicht kannte. Es war ein neues Gefühl für ihn, seine Kollegen aus Bayern bei den Ermittlungen zu beobachten, ohne selbst in das Geschehen einzugreifen. Beobachterrolle, dachte er, ohne Rechte, aber auch ohne Verantwortung …

Ludwig beugte sich nach vorne, und Funke konnte über seine Schulter die Leiche sehen, die zusammengerollt auf dem Boden der Zugtoilette lag.

»Wissen wir, wer es ist?«

»Er hat einen Ausweis und den Führerschein in der Tasche. Ein Dr. Engelbert Landauer. Nach den Papieren österreichischer Staatsbürger und Professor an der Uni München.«

»Wer ermordet einen Hochschulprofessor?«

»Die eigene Gattin, ein karrieregeiler Kollege oder vielleicht ein Student, der von ihm schlechte Noten bekommen hat«, sagte Kinni, ohne seinen Kollegen anzusehen.

»Erstochen.« Funke sagte es mehr zu sich selbst, als er das Messer sah, das in der Brust steckte, umgeben von einem unregelmäßig geformten Blutfleck, der wie das Muster eines Rorschach-Tests aussah. Der Stich musste direkt ins Herz erfolgt sein. Wahrscheinlich war er sofort tot gewesen.

»Die Fahrdienstleitung stellt uns drüben im Bahnhof einen Raum für die Vernehmungen zur Verfügung«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund.

Ludwig Kinni wischte über seine Glatze und schüttelte den Kopf. »Wir bleiben hier im Waggon. Wie viel Leute warten da hinten auf uns?«

»Acht.«

»Mehr nicht?«

»Jeder, der aussteigen wollte, ist längst weg. Der Mörder hätte sowieso schon in einer der vorigen Stationen den Zug verlassen können.«

»Welches ist die letzte Station vor Rosenheim?«

»Aßling an zwölf Uhr zehn, Aßling ab zwölf Uhr elf, Rosenheim an zwölf Uhr achtundzwanzig.«

Kinni hob den Kopf. »Hast du das Kursbuch auswendig gelernt?«

Im hinteren Teil des Zugwaggons, der mit einem rot-weißen Kunststoffband vom übrigen Teil des Wagens abgetrennt war, wartete ein halbes Dutzend aufgeregter Fahrgäste auf das Erscheinen der Beamten. Als die drei Polizisten sich bückten und unter dem Absperrband durchkrochen, sprangen alle auf wie früher in der Schulklasse, wenn der Lehrer den Raum betrat. Kinni hob kurz die Hand und setzte sich auf einen der Tische zwischen zwei Doppelsitzen, worauf alle wie auf ein geheimes Zeichen wieder Platz nahmen. Dann schrien alle mit unterschiedlichen Dialekten durcheinander, beteuerten lautstark, dass sie nichts beobachtet hätten und wie verdammt wichtig es für sie wäre, ihre Reise auf der Stelle fortsetzen zu können.

Funke schlenderte zurück auf die kleine Plattform vor die immer noch geöffnete Tür der Toilette. Er beugte sich kurz aus dem Zug. Im Hintergrund des Bahnsteigs erschienen drei Männer in weißen Kunststoffoveralls, die große Alu-Koffer schleppten und mit einem Bahnbediensteten sprachen, der in Richtung ihres Waggons zeigte. Funke drehte sich um und beugte sich zu dem Toten hinunter, der mit aufgerissenen Augen ins Leere starrte. Ein großes Erstaunen stand in seinem Gesicht, so als ob er noch während des Sterbens darüber nachgedacht hätte, was gerade mit ihm passierte. Aber er war zu keinem Ergebnis mehr gekommen. Dann bemerkte Funke den kleinen Zettel, der halb aus der Hosentasche des Toten ragte, und er hätte später nicht erklären können, warum er das Stück Papier vorsichtig aus der Tasche zog und dann einsteckte, nur Sekunden, bevor die drei Beamten von der Spurensicherung schwitzend und schnaufend in den Zug kletterten.

Das Gespräch zwischen den Kripo-Leuten und den Fahrgästen war in der Zwischenzeit hitziger geworden. »Ich muss um drei Uhr in Wien sein«, rief einer der Männer, sprang auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Kinni wedelte beschwichtigend mit den Armen. »Nur ein paar Fragen und nach Aufnahme Ihrer Personalien können Sie weiterfahren.«

»Ich bin österreichischer Staatsbürger«, tönte ein hagerer Mann mit Brille und grauen Haaren. »Und ich verlange, auf der Stelle freigelassen zu werden.«

Kinni zog sein Sakko aus, warf es über einen der Sitze und wandte sich dem Mann zu. »Das trifft sich gut. Die Leiche ist auch österreichischer Staatsbürger.«

Funke griff in seine Hosentasche und zog langsam den kleinen Zettel heraus, den er dem Toten abgenommen hatte.

Salzburg, Gasthaus Zum Silbernen Hirschen. Freitag, 18. November, 20 Uhr.

Was bedeutete das?

Einer der Ermittler sah mit fragendem Blick zu ihm herüber, und Funke ließ den Zettel unauffällig wieder in seine Hosentasche gleiten.

»Hat jemand von Ihnen irgendetwas Verdächtiges bemerkt während der Fahrt, also in den rund dreißig Minuten, seit der Zug München verlassen hat?« Kinni machte mit den Armen eine schwungvolle Geste, wie um damit die Redefreudigkeit seiner Zuhörer anzukurbeln.

Funke verfolgte das Gespräch, das von Anfang an keinen ergiebigen Verlauf nahm. Keiner hatte etwas gesehen, und niemandem war eine verdächtige Person aufgefallen. Kinni schwitzte, und unter seinen Armen zeichneten sich dunkle Schweißflecke ab. Die Falten auf seiner Stirn zeigten, wie unzufrieden er mit dem Start der Ermittlungen war.

»Da liegt plötzlich einer der Fahrgäste, der hier mitten unter Ihnen im Wagen saß, tot auf dem Klo … und keiner hat den Mann gesehen …?«

Einige junge Fahrgäste waren offensichtlich angetrunken und versuchten, mit halb geschlossenen Augenlidern dem Gespräch zu folgen.

»Bitte nehmen Sie alle Ihre Plätze dort ein, wo Sie während der Zugfahrt saßen.« Die Leute erhoben sich und verteilten sich im Wagen.

»Wollen Sie damit sagen, dass Sie uns verdächtigen?« Eine ältere Frau mit streng zurückgekämmtem grauen Haar schwenkte drohend ihren Regenschirm. Dann griff sie in ihre Handtasche und brachte eine Packung Zigaretten ans Tageslicht.

»Wir sind hier in einem Nichtraucherabteil«, knurrte Kinni.

»Aber der Wagen fährt doch gar nicht.«

»Das Rauchverbot in diesem Wagen besteht unabhängig davon, ob er sich bewegt oder nicht. Im Übrigen verdächtigen wir niemanden. Wir stellen Fragen. Zum Beispiel: Wo ist der Mann gesessen, der jetzt da vorne tot in der Toilette liegt? Und hat jemand bemerkt, wie er seinen Platz verlassen hat?«

Nach längeren Diskussionen und Raterunden identifizierte man schließlich den Sitzplatz und die schwarze Aktentasche, die der Mann im Gepäckfach über ihm zurückgelassen hatte, als er sich zur Toilette begab. Kinni warf einen kurzen Blick in die Tasche und reichte sie dann an einen seiner Leute weiter.

»Da war noch eine Person, die hinter mir in der letzten Reihe saß«, fiel der grauhaarigen älteren Dame plötzlich ein, und sie hob dabei ihren Schirm. Plötzlich wurde es still im Wagen.

»Und? Wie sah der Mann aus? Wo ist er? War er alleine? Reden Sie schon …«

»Immer ganz ruhig, junger Mann!« Die Frau drohte ihm wieder mit dem Schirm. »Er war alleine. Und ich konnte nicht viel sehen, außer dass er einmal durch den Wagen lief und beim letzten Halt ausstieg.«

»In Aßling?«

Sie nickte. »Ich glaube, so hieß die Station.«

»Wie sah er aus?«

»Junger Mann, ich sagte schon, dass ich nicht viel von ihm sehen konnte. Mittelgroß und schlank, würde ich sagen.«

»Und was würden Sie sonst noch sagen?«

»Er trug einen dieser grauenhaften Kapuzenpullis, die das Gesicht fast verdecken, sodass ich nicht sehen konnte, wie er aussah. Aber ich konnte erkennen, dass er leicht hinkte.«