Allahs Internet

Ein Kokoschansky-Krimi

Günther Zäuner


ISBN: 978-3-902784-69-8
1. Auflage 2015, Marchtrenk, Österreich
© 2015 Verlag federfrei

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Umschlagabbildung: © AGA - Fotolia.com
Autorenportrait: © Manfred Burger
Lektorat: S. Bähr
Satz und Layout: Verlag Federfrei

Dieser Thriller ist reine Fiktion. Namen und Personen, verschiedene Ereignisse, Orte und Zeiten sind teilweise real, teilweise erfunden. Manche Menschen sind real, andere fiktiv.
Ähnlichkeiten der erfundenen Figuren mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

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Inhalt

Günther Zäuner

Geboren 1957 in Wien; Studium der Klassischen Philologie, Geschichte und Zeitgeschichte, musikalische Ausbildung. Freier Schriftsteller, Sach-, Drehbuch- und Theaterautor, Dokumentarfilmer, Journalist, Autor der erfolgreichen »Kokoschansky«-Thriller; Kurzkrimis in verschiedenen Anthologien; Verfasser zahlreicher Artikel, Gestalter von TV-Beiträgen und Dokumentationen; spezialisiert auf Organisierte Kriminalität, Drogen, Sektenunwesen, Rechtsextremismus, Terrorismus und Politik. Gründer und Impresario der »Wien Drei Krimibühne«.

www.guenther-zaeuner.at

www.kokoschansky.at

In memoriam der Opfer von

 

Boston (15. April 2013)

Brüssel (24. Mai 2014)

Paris (7. und 8. Jänner 2015)

Kopenhagen (14. und 15. Februar 2015)

Tunis (18. März 2015)

Graz (20. Juni 2015)

Sousse (26. Juni 2015)

Saint-Quentin-Fallavier (26. Juni 2015)

Kuwait (26. Juni 2015)

Suruç (20. Juli 2015)

 

Für die einundsiebzig Opfer der burgenländischen Flüchtlingstragödie

 

Keine Gnade für Schlepper!

 

Für »Charles Hebdo«

 

Für die Opfer des IS, Boko Haram, der al-Qaida sowie weiteren islamistischen und salafistischen Terrororganisationen.

 

»Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.«

Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Staatspräsident, während einer Wahlkampfveranstaltung 1997

 

»Die Hunde, die wir fütterten, beißen jetzt.«

Ein Abgeordneter der Cumhuriyet Halk Partisi (CHP, Republikanische Volkspartei), der größten Oppositionspartei der Türkei, nach Erdoğans Kurswechsel gegen den Islamischen Staat (IS), 22. Juli 2015

 

»Wir müssen akzeptieren, dass die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Migranten besonders hoch ist.«

Angela Merkel, deutsche Kanzlerin, 2011

 

»Diese Terrororganisation [IS] bekämpft nicht nur uns, sondern den gesamten wahren Islam und seine Werte.«

Abdullah II., König von Jordanien, nach der Verbrennung des jordanischen Piloten Muath al-Kasabeth durch IS-Killer, 2015

 

»Ich denke, wir stehen vor einem neuen Dreißigjährigen Krieg … Dieser Krieg wird über den Islamischen Staat hinausgehen und sich neuen Gefahrengebieten in Nigeria, Somalia, Jemen, Libyen und sonst wo zuwenden.«

Leon Panetta, ehemaliger CIA-Chef und Verteidigungsminister (2011-2013) unter US-Präsident Barack Obama1

 

»Es ist mittlerweile nicht mehr vorstellbar, dass sich die USA nicht im Krieg befinden. Das wäre eine Sensation, wenn das noch zu unseren Lebzeiten geschehen sollte. Regierungsbeamte sagen es ganz offen: Der Begriff ›endloser Krieg‹ ist keine rhetorische Floskel, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung amerikanischer Außenpolitik. Warum, ist nicht schwer zu verstehen. Ein endloser Krieg rechtfertigt Geheimniskrämerei, den Machtzuwachs der Regierung und die Aushöhlung von Bürgerrechten. Gleichzeitig werden Steuermittel in gewaltiger Höhe in die ›Homeland Security‹ und die Waffenindustrie gesteckt.«

Glenn Greenwald, US-Enthüllungsjournalist2

 

Frage an Madeleine Albright, erste US-Außenministerin 1997-2001 unter Bill Clinton, in der amerikanischen Nachrichtensendung »60 Minutes« am 12. Mai 1996:

»Eine halbe Million Kinder sollen im Irak mittlerweile gestorben sein. Das sind mehr Kinder, als in Hiroshima gestorben sind. Ist das den Preis wert?«

Albrights Antwort:

»Ich denke, das ist eine sehr harte Wahl, aber der Preis – wir glauben, dass es den Preis wert ist.«3

 

»Wir werden Rom erobern … und dann wird der Petersplatz oder wie das heißt … das wird der Platz der Konvertierung sein … und der Platz, um Allahs Gesetze umzusetzen … um Allahs Strafen umzusetzen. Damit genug Leute gucken können …«

Mohamed Mahmoud alias Usama al-Gharib, Wiener Dschihadist und mutmaßlicher Mörder, in einer SPIEGEL TV-Dokumentation am 15. Dezember 2012, veröffentlicht auf YouTube

 

BI-JIHADINA

(»Mit unserem Dschihad«, Kampfhymne der IS-Milizen und Dschihadisten) von Abu`Ali (saudischer Sänger)

 

»Durch unseren Dschihad lassen wir Felsen zerbröckeln und reißen den Tyrannen und den Unglauben in Stücke.

Durch eine mächtige und große Entschlossenheit und einen Willen, der die Beugung nicht kennt.

Wir mobilisieren die Seelenkräfte und den Intellekt. Mit unserem Blut werden wir die Morgendämmerung färben.

O meine Umma4, wir suchen sie [die Morgendämmerung] zum Siege auf.

Durch unseren Kampf ändern wir den Verlauf [der Geschichte bzw. der Dinge].

Durch unseren Dschihad, mit der lodernden Fackel wird die Nacht des shirk5 und der Gottlosigkeit verschwinden.

Wir lassen uns mutig mit Entschlossenheit und Kampf darauf ein und brechen die Unterdrückung der Ketten und Fesseln.«6

 

»ZUFFA SH-SHAHID«

(»Der Märtyrer wird vermählt«)

von Marwan Hadid (syrischer Dichter)

 

Die Paradiesjungfrauen rufen freudig aus: »Der Märtyrer wird vermählt!«

Die Paradiesjungfrauen weigern sich, mit einem Einfältigen vermählt zu werden.

Die Weite der Gärten Edens erhält nur der Märtyrer, dem seinen lobenswerten Taten zugutekommen.

Wir opfern uns mit unserer Seele für unsere Religion und ihren Propheten. Die Religion wird durch Blut und Eisen siegen.

Wir unterwerfen und beugen uns nicht einem Herrscher, der unser Volk mit Unglauben wie Sklaven regiert.

Nimm deine Waffe, o Bruder, und zermalme mit ihr die Scheitel ihrer Köpfe, denn ihr Geruch ist der von übelreichendem Eiter.

Unser Koran wird zurückkehren, ob sie wollen oder nicht. Seine Fahnen flattern an höchster Stellen oben [wörtlich: über die Hochebene].

Wir werden das Land, das von seinen Herrschern verkauft wurde, von allen starrsinnigen Gewalthabern reinigen.

Und wir werden Unglauben, der sich auf der Erde befindet, mit den Löwen des Rechts bekämpfen, deren Entschluss felsenfest ist.

Wir errichten Gottes Herrschaft überall, damit wir uns mit unserem Blut für den Tag des Jüngsten Gerichts [wörtlich: für den versprochenen Tag] absichern.

Unsere Verfassung ist unser Koran, so ehre ihn, denn ohne ihn ist der Tag der Schlacht gleich der Halsschlagader7.

Wir werden nicht mit unserem Leben zufrieden sein, solange es nicht mit Würde versehen ist und der Freie das erhält, was er möchte.

Unser Ziel [wörtlich: Weg] ist die Selbsthingabe für den Schöpfer, und unsere Belohnung werden die ewig bestehenden Gärten sein.

Die Paradiesjungfrauen darin [in den Gärten] verrenken sich den Hals in Richtung eines Ankömmlings, und ihr Ruf ist: »Welche Freude! Der Märtyrer wird vermählt!«8

 

»Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad«

(deutschsprachige Dschihad-Hymne; Urheber unbekannt; wird jedoch den deutschen Dschihad-Kämpfern Yassin und Monir Chouka9 aus Bonn zugeschrieben)

 

»Mutter, bleibe standhaft, ich bin im Dschihad.

Trauer nicht um mich und wisse, er hat mich erweckt.

Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.

 

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Die Schreie wurden lauter, die Wunden nahmen zu.

Die unerfüllte Pflicht, sie ließ mir keine Ruhe.

Noch heute muss ich gehen, morgen wär es schon zu spät.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

 

Mich auf meinen Herrn verlassend, machte ich mich auf den Weg.

Fi sabili llah [auf dem Weg Gottes], egal, wohin es geht.

Egal, wie weit die Wüste, und egal, wie hoch der Berg.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Egal, wie weit die Wüste, und egal, wie hoch der Berg.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

 

Mutter, siehst du nicht, was geschieht in Filastin10?

Mutter, hörst du nicht die Bomben im Irak?

Unsere Geschwister sind gefangen, darüber werden wir befragt.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

 

Mutter, während deine Tränen tropfen, fließt das Blut im Shishan11.

Die Juden und die Christen sind hier in Khorassan12.

Man beleidigt den Propheten, und man tritt auf den Koran.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Man beleidigt den Propheten, und man tritt auf den Koran.

Mutter, bliebe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

 

Mutter, wenn ich auf dem Schlachtfeld falle, dann glaub nicht, ich sei tot.

Vielmehr lebendig an einem bessren Ort.

In einem grünen Vogel fliegend, werd ich von meinem Herrn versorgt.

 

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Mutter, bleibe standhaft, ich bin im Dschihad.

Trauer nicht um mich und wisse, er hat mich erweckt.

Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.

Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt.

Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad.«13

Prolog - Donnerstag, 14. Mai 2015

Regen, Regen und nichts als Regen. Dieses Sauwetter drückt auf die Stimmung. Das soll der Frühling sein? Reicht es nicht, dass die Menschen allgemein spinnen und die Politik durchdreht, muss das Wetter auch noch sonderbare Kapriolen schlagen?

Zwar ist er beruflich in Wien, doch ein wenig private Zeit möchte er sich zwischendurch gönnen. Allerdings zu diesen Bedingungen und bei diesen Wassermassen vergeht ihm jegliche Lust.

Es ist nicht sein erster Besuch in der österreichischen Bundeshauptstadt, daher kennt er sich gut aus. Doch einiges an Sehenswürdigkeiten steht noch auf seiner Liste. Der bald fünfzigjährige Mann mit Halbglatze, untersetzter Statur und einem nicht zu übersehenden Bauchansatz rückt seine Brille zurecht, zieht den Vorhang beiseite. Von seinem Fenster aus im Parkhotel Schönbrunn sieht er auf den Hietzinger Platz hinunter, einen der Knotenpunkte im 13. Wiener Gemeindebezirk, wo ständig der Verkehr fließt und geschäftiges Treiben herrscht. Reisebusse halten vor dem Hotel, ein neuer Schwung an vorwiegend asiatischen Touristen steigt aus. Das weltberühmte Schloss Schönbrunn, nur einen Steinwurf entfernt, genießt absolute Priorität und steht an oberster Stelle ihres Besichtigungsprogramms.

Der allein reisende Hotelgast in seinem Zimmer blickt hinüber zum Kaiserstöckl, das genau gegenüber dem Hotel liegt und einst Gerard van Swieten, dem niederländischen Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, als Wohnsitz diente. Längst ist es mit dem Prunk vorbei, und das prächtige Gebäude beherbergt heute die Hietzinger Hauptpost.

Er ist erst heute Mittag aus Maastricht in den Niederlanden angereist, aß nach seiner Ankunft einen Happen, hielt ein entspannendes Mittagsschläfchen, um sich danach auf das gleich stattfindende wichtige Treffen vorzubereiten.

Der Mann zieht sich von seinem Beobachtungsposten zurück, blickt auf die Uhr. Gleich achtzehn Uhr. Noch ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Die Krawatte und der Anzug sitzen perfekt, die Schuhe sind blank poliert. Repräsentation und das gewisse seriöse Auftreten sind wichtig in seinem Geschäft und oft bereits die halbe Miete zum Erfolg. Daher ist auch ein entsprechendes Hotel mit weltmännischem Flair und Ambiente notwendig, was wiederum der Verrechnungsstelle Magenschmerzen bereiten wird, wenn er seine Spesenabrechnung vorlegt.

Er verlässt sein Zimmer, fährt mit dem Lift in die Lobby, und auf halbem Weg zur Gloriette-Bar fängt der Rezeptionist ihn ab.

»Ein Nachricht für Sie, Herr Dr. Rüthers.«

»Danke schön.«

Rüthers nimmt das Kuvert entgegen, zieht den Zettel heraus und liest, dass der Termin auf neunzehn Uhr verschoben wurde. Damit hat er gerechnet. Das übliche Spielchen bei heiklen konspirativen Zusammenkünften. Es gibt immer tausend Gründe für den jeweiligen Informanten oder Geschäftspartner, dass der ursprünglich vorgesehene Ort plötzlich nicht mehr geeignet ist. Zu viele Leute, zu viel Betrieb. Meist nur ein Test, um auszuloten, ob der eventuelle Partner tatsächlich an dem sich anbahnenden Deal interessiert ist. Besonders wenn es sich um eine schwer kriminelle Aktion handelt.

»Sagen Sie«, fragt Rüthers, »wo ist die Marxingstraße?«

»Das ist nicht weit«, erklärt der Portier. »Wenn Sie aus dem Hotel gehen und sich rechts halten, kommen Sie nach ein paar Schritten zu der großen Kreuzung, die Sie überqueren. Dann stehen Sie schon gewissermaßen in der besagten Straße. Ein Fußweg von ein paar Minuten.«

»Bei dem Wetter?«, bleibt Rüthers skeptisch.

»Es hat soeben zu regnen aufgehört.«

»Sie sind ein Optimist«, meint der Gast lächelnd.

»Welche Nummer brauchen Sie in der Marxingstraße?«

»Ach, das war nur eine Frage«, weicht Rüthers aus, das baldige Treffen ist zu heikel, um auch nur irgendetwas darüber auszuplaudern.

»Wenn ich mir noch den Hinweis erlauben darf«, gibt der freundliche Hotelangestellte bereitwillig Auskunft, »diese Straße ist historisch sehr interessant. Rechter Hand, ein Stück hinauf, finden Sie das Wohnhaus von Johann Strauß, wo er die Operette Die Fledermaus komponierte. Ein paar Meter weiter, in der Gloriettegasse, sind einige wunderbare Villen aus der Gründerzeit zu sehen. Auch der Hietzinger Friedhof ist sehr interessant. Hier liegen Gustav Klimt, Otto Wagner, Katharina Schratt, die Vertraute von Kaiser Franz Joseph I., und noch einige andere große Persönlichkeiten. Leider ist um diese Zeit der Friedhof bereits geschlossen, aber vielleicht morgen?«

»Vielen Dank für den Hinweis.«

»Keine Ursache und noch weiterhin einen schönen Aufenthalt.«

Rüthers kehrt in sein Zimmer zurück, überzeugt sich selbst, dass der Himmel tatsächlich ein Einsehen hat, nimmt aber zur Vorsicht einen Schirm mit, zieht auch einen leichten Mantel über und macht sich wieder auf den Weg. Die kleine, nicht geplante Verschnaufpause kommt ihm sehr gelegen, da er diesen Teil Wiens nicht kennt. Er kann dem Portier nur zustimmen. Es ist wirklich eine besonders schöne Ecke von Wien. Die Villen in dieser Gloriettegasse sind tatsächlich beeindruckend. Meist allerdings von unterschiedlichen Botschaften genutzt. Jedenfalls, die Privatleute, die hier wohnen, müssen sich am Ende des Monats bestimmt keine Sorgen um ihre Kontostände machen.

Der neue Treffpunkt ist der »Bergwirt« am Ende der Marxingstraße, gegenüber vom Haupteingang des Hietzinger Friedhofs. Ein altes, bekanntes Gasthaus mit Hotelbetrieb, etwas abseits gelegen. Gut gewählt von seinem noch unbekannten Partner, der anscheinend sehr gut informiert ist. Immerhin geht es um ein illegales Geschäft in Millionen Dollarhöhe, bei dem neugierige Ohren unerwünscht sind. Daher ist es ein weitaus besserer Ort als eine gut besuchte Hotelbar. Rüthers merkt, dass er es mit einem Profi zu tun hat, der seinen Vorschlag nicht sofort akzeptierte. Der elegante Mann sieht sich öfters um, achtet auf Fahrzeuge und Personen. Auch er ist Profi und spürt instinktiv, dass er observiert wird. Allerdings bemerkt er nichts Verdächtiges. Auf der linken Straßenseite gibt es keine Möglichkeit, sich auf die Lauer zu legen, da hier eine Mauer, die zum Tiergarten Schönbrunn gehört, steht. Doch sie sind da, und es stört Rüthers nicht im Geringsten. Bisher ist alles bestens verlaufen. In wenigen Minuten tritt die Operation in eine entscheidende Phase, und darauf muss Rüthers sich konzentrieren.

Zwei Minuten vor neunzehn Uhr. Er betritt den rustikalen, alten Schankraum des Bergwirts. Es ist nicht viel los. Schließlich ist ein Feiertag. Wahrscheinlich nützen viele das verlängerte Wochenende für einen Kurzurlaub. Daher ist es einfach, eine Ecke zu finden, wo es sich ungestört reden lässt.

Rüthers legt seinen Mantel ab, stellt den Schirm in den Ständer. Wider Erwarten hat das Wetter doch durchgehalten. Der Kellner bringt die Speisekarte, doch Rüthers lehnt ab, will nur etwas trinken. Zwar hat er unbändige Lust auf ein kühles Bier, doch wahrscheinlich wäre das jetzt ein gravierender Fehler, und deshalb entscheidet er sich für Kaffee.

»Einen großen Mokka, bitte«, bestellt er. Durch seine Aufenthalte in der Stadt hat er inzwischen gelernt, dass in Wien Kaffee nicht gleich Kaffee ist.

Auf die Sekunde genau betritt ein jüngerer Mann, topmodisch und sehr gepflegt, das Lokal. Rüthers wartet ab, zeigt sich desinteressiert, obwohl er den Fremden nicht aus den Augen lässt, und blättert scheinbar gelangweilt in einer Zeitung. Der Gast blickt sich um, steuert dann gezielt Rüthers Tisch an.

»Dr. Rüthers«, fragt er leise.

»Ja. Und Sie?«

»Saif«, kommt es noch eine Nuance leiser aus dem Munde des dunkelhaarigen Mannes mit dem sorgfältig gestutzten Vollbart.

»Dann sind wir verabredet«, Rüthers bietet dem Mann Platz an. »Setzen Sie sich.«

Rüthers reicht Saif die Hand, die der nur zögerlich annimmt. Ihm wurde ein Araber als Mittelsmann angekündigt ohne jedoch dessen Nationalität und weitere Angaben zur Person.

»Sie sind mein Gast. Möchten Sie etwas essen? Was trinken Sie?«

»Danke, nur Tee.«

Rüthers winkt den Kellner herbei, und Saif verlangt einen Earl Grey. Obwohl er sein Gegenüber auffällig mustert, verrät keinerlei Regung in seinem eher dunklen Gesicht mit den stechenden Augen, was er denken könnte. Saif ist ein gut gewählter Codename, arabisch für Schwert. Auch Rüthers lässt sich nichts anmerken, ahnt nur, dass er möglicherweise einem direkten Repräsentanten des IS, des Islamischen Staates, in diesem Hietzinger Wirtshaus gegenübersitzt.

»Sie sind also …«, Saif unterbricht kurz, wartet, bis der Kellner ihm seine Teetasse auf den Tisch stellt und sich wieder entfernt, »… an dem Geschäft interessiert.«

»Mein Mandant, den ich vertrete, hat größtes Interesse«, verbessert ihn Rüthers. »Ich bin autorisiert, ihn in dieser heiklen Angelegenheit zu vertreten. Aber gestatten Sie mir eine Bemerkung. Dass Sie kein Europäer sind, sehe ich. Aber haben Sie in Europa, vorzugsweise in Deutschland, der Schweiz oder Österreich gelebt, weil Sie ein ausgezeichnetes Deutsch sprechen?«

Natürlich mit deutlichem Akzent, doch das übergeht Rüthers.

»Es geht ausschließlich um dieses Geschäft«, weist Saif ihn augenblicklich in die Schranken. »Alles andere ist unwesentlich.«

Dieser Schuss, Saif etwas mehr herauszulocken, ging gründlich nach hinten los. Trotz seiner offensichtlichen Jugend ist der Mann bestens geschult und gestattet nicht den geringsten Blick in seine Karten.

»Ist Ihr Klient überhaupt in der Lage, die geforderte Summe zu bezahlen?«

»Das ist er.«

»Immerhin reden wir von einer Größenordnung in Höhe von fünfundvierzig Millionen Dollar.«

»Das ist kein Problem. Um Ihre Zweifel sofort zu zerstreuen«, Rüthers zieht ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Sakkotasche, »das ist eine Beglaubigung der RBC Royal Bank auf den Cayman Islands, die bescheinigt, dass mein Mandant über diese Summe jederzeit verfügen kann.«

»Darf ich sehen?« Saif studiert das Dokument in englischer Sprache sehr genau und scheint auch damit keine Schwierigkeiten zu haben. »Ich möchte das behalten und meinem Auftraggeber übergeben.«

»Das ist bereits für Sie vorbereitet, Saif.«

»Gut.«

»Wer garantiert meinem Mandanten, dass es sich bei der Ware nicht um erstklassige Fälschungen handelt?«

Zuerst folgt ein bohrender Blick wie ein Dolchstoß, danach ist Saif am Zug und präsentiert Rüthers ein Papier in arabischer Sprache, legt aber zugleich auch eine deutsche und englische Übersetzung des Schreibens vor. Diesen arabischen Wisch hat niemand Geringerer als Abu Bakr al-Baghdadi14, der Kalif, Oberhaupt des IS, geschrieben und unterzeichnet. Darin bürgt er im Namen Allahs und seines Propheten Mohammed persönlich für die Echtheit der Kunstwerke.

»Mein Mandant wird diese exklusive Bestätigung prüfen lassen«, zeigt Rüthers sich unbeeindruckt.

»Selbstverständlich, das steht Ihnen frei. Ebenso, wie wir die Bonität«, dabei deutet Saif auf das Bankpapier, »einer gründlichen Überprüfung unterziehen werden.«

»Ist die Ware bereits in Europa?«

»Ja, an einem sicheren Ort.«

»Doch das Land werden Sie mir nicht verraten.«

»Wenn die nötigen Formalitäten erledigt sind.« Erstmals löst etwas Ähnliches wie ein Lächeln Saifs stoischen Gesichtsausdruck ab. »Erst wenn die Überprüfungen positiv ausgefallen sind.«

»In Ordnung. Wie verfahren wir weiter?«

»Ich werde mich bei Ihnen melden. Sind Sie jederzeit verfügbar?«

»Selbstverständlich. Ich bin rund um die Uhr erreichbar. Meine Nummer ist Ihnen bekannt. Natürlich ist es ein Wertkartenhandy. Ich komme auch unverzüglich an jeden Ort.«

»Versuchen Sie niemals«, Saifs Stimme senkt sich abermals und klingt nun extrem bedrohlich, »uns in irgendeiner Form zu betrügen. Vergessen Sie niemals, wir sind bereits überall, auch in Europa. Wir trauen keinem Kāfir15. Noch brauchen wir euch für bestimmte Transaktionen. Derzeit betrachten wir Sie als Musta’min16 mit einem Amān17, einem zeitlich begrenzten Kontrakt. Doch beim geringsten Fehler Ihrerseits, und das gilt auch für Ihren Mandanten, werden Sie unverzüglich zu Harbīs18. Und wir finden euch alle. Ich denke, wir haben uns verstanden.« Abrupt steht Saif auf, wendet sich grußlos ab und stößt beinahe mit diesem Hünen zusammen, der mit seiner Frau und einem kleinen Jungen den Gastraum betreten will.

»Pardon«, knurrt der Araber und eilt aus dem Lokal.

»Vollkoffer«, flucht der Riese, »sind nur mehr Idioten unterwegs?«

Doch da ist Saif bereits längst auf der Straße.

»Wollen wir hier?«, fragt der Zwei-Meter-Mann und deutet auf einen Tisch an einem Fenster.

Da kein Einspruch erhoben wird, setzt er sich, während die weitaus jüngere Frau dem Buben aus seiner Jacke hilft.

»Ein wenig sitzen schadet auch nicht«, stellt er sichtlich zufrieden fest und streckt seine langen Beine von sich. »Außerdem habe ich einen Bärenhunger. Wann war ich das letzte Mal im Tiergarten? Das war noch im vorigen Jahrhundert.«

»Mir knurrt auch gewaltig der Magen.«

»Das ist ja ganz etwas Neues bei dir, Günther«, scherzt der Mann, der offensichtlich sein Vater ist. »Ich habe keine Ahnung, wie du das machst und alles in dich hineinstopfen kannst. Im Gegensatz zu mir, wo ich bereits nur beim Anblick von Essen zunehme. Beneidenswert! Wahrscheinlich hast du diese gute Anlage von Mama geerbt.«

»Weil ich so viel esse«, mault der Sohn.

»Jetzt brauchst du doch nicht gleich eingeschnappt sein«, versucht die Frau, ihn zu besänftigen. »Papa hat es nicht böse gemeint. Aber einiges hast du heute schon im Tiergarten verzwickt. Den Schokoriegel, das Eis und zu Mittag hast du auch kräftig zugelangt.«

»Was soll ich machen, wenn ich hungrig bin?«

»Egal, jetzt wird ordentlich gespachtelt«, bestimmt der Vater.

»Du sollst doch nicht immer solche Ausdrücke verwenden, Koko«, mahnt ihn seine Frau, die um einiges jünger ist und seine Tochter sein könnte, »du weißt doch …« Damit will sie sagen, dass der Junge solche Wörter wie ein Schwamm aufsaugt und diese auch verwendet, ob sie nun passend sind oder nicht.

»Kannst du mir dein Handy borgen, Papa?«

»Wofür?«

»Weil ich von uns ein Suglie machen möchte.«

»Ein was?«

»Na, ein Selfie«, erklärt Günther oberlehrerhaft, »aber wir müssen dabei Grimassen schneiden. Dann ist es ein Suglie, versteht ihr?«

»Aha«, Heinz Kokoschansky sieht Lena ziemlich perplex an, »und wenn ich spachteln sage, handle ich mir einen Rüffel ein. Dagegen ist das doch Hochsprache!«

»Was ist jetzt?«, drängt Günther.

»Nach dem Essen«, stoppt Lena den Fotoeifer des Siebenjährigen, »dann machen wir dein Sulfie oder wie das heißt?«

»Suglie«, verbessert der Junge sie und zeigt sich einsichtig, »na schön. Ich will ein Kinderschnitzel mit viel Pommes und Ketchup.«

Nachdem die Bestellungen aufgegeben sind, sieht Kokoschansky sich in dem Raum um. Außer dem eleganten Herrn ist niemand anderer hier, und der steht soeben auf, verabschiedet sich mit einem leichten Kopfnicken.

»Früher war ich oft hier«, erinnert Kokoschansky sich, »da hat sich tatsächlich nichts geändert.«

Nur ein paar hundert Meter weiter ist das ORF-Zentrum am Küniglberg, wo er lange Jahre als TV-Journalist gearbeitet hatte. Sein Ruf, unbestechlich zu sein und nicht, trotz Widerstände von allen Seiten, von Recherchen Abstand zu nehmen oder sich gar zurückpfeifen zu lassen, wenn er sich einmal in eine Story verbissen hatte, hält sich noch immer.

Sein Spitzname »Koko« hat in der Branche weiterhin einen ausgezeichneten Klang. Doch heute will Kokoschansky mit dem Fernsehgeschäft nichts mehr zu tun haben. Mit seiner Meinung, investigativer Journalismus ist in Österreich längst tot, weil unerwünscht, ist er nicht allein. Darum ist er schon vor vielen Jahren ausgestiegen, hat sich auf das erfolgreiche Schreiben von Büchern verlegt. Wenn das Honorar stimmt, dreht er zwischendurch Fernsehdokumentationen, meist für ausländische Sender, und betreibt mit einer handverlesenen Freundesrunde ein Internetportal, das immer wieder für Aufsehen sorgt.

»Da sind wir oft gewesen«, erzählt Kokoschansky weiter, »wenn es etwas mit Informanten oder Kollegen zu besprechen gab und wir nicht wollten, dass man in der Kantine zusammen gesehen wird. Außerdem ist das Essen hier äußerst lecker. Kein Vergleich zu dem damaligen Fraß in der Kantine. So manche steile, vorzugsweise weibliche Karriere im ORF begann hier an diesem Ort. Tja, wenn die Wände sprechen könnten …«

Dabei grinst Kokoschansky sehr frivol.

»Die haben also da gebumst«, stellt Günther mit seinen sieben Jahren lakonisch fest.

»Wie meinst du denn das?«

Irgendwie fehlen dem Vater die passenden Worte, und das ist extrem selten. Auch Lena verschlägt es für einen Moment die Sprache.

»Na, du und Mama macht es doch auch.«

»Und du«, tippt Kokoschansky Lena an, »sag noch mal etwas, wenn ich statt essen spachteln sage.«

»Ist ja nichts dabei«, dabei lacht Günther bis über beide Ohren, »ist doch ganz natürlich. Der Löwe vorhin im Zoo hat es doch auch mit seinem Weibchen getan.«

Lena zerknüllt ihre Serviette und hält sie sich vor den Mund, und an ihren zuckenden Schultern ist deutlich zu sehen, wie sie krampfhaft bemüht ist, nicht loszuplatzen. Eine etwaige spätere Aufklärung in einem gewissen Alter hat sich somit erübrigt.

»Was musst du da genau schreiben?«, versucht Kokoschansky, von dem heiklen Thema abzulenken.

»Ach, so einen dämlichen Erlebnisaufsatz über wilde Tiere«, winkt Günther ab, und es ist ihm deutlich anzusehen, dass ihn ab sofort nur mehr sein Kinderschnitzel mit viel Pommes interessiert, was hoffentlich bald auf diesen Tisch stehen wird. »Aber erst am Montag.«

»Nun, da ist noch etwas Zeit. Nach dem Essen fahren wir nach Hause und dann ab ins Bett.«

»Ich bin doch nicht müde!«, protestiert Günther. »Darf ich am Samstag zu Zeki?«

»Ah, das ist doch dein neuer Freund, oder?«

»Ja.«

»Von mir aus. Wenn Mama auch nichts dagegen hat.«

Lena stimmt zu, und somit ist für Günther alles in bester Ordnung, denn obendrein wird das Essen serviert.