Die Nachricht

Österreich Krimi

Silvia Hlavin


ISBN: 978-3-903092-12-9
1. Auflage 2015, Marchtrenk, Österreich
© 2015 Verlag federfrei

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Titelbild: Umschlagabbildung: © nonverbal - Fotolia.com
Lektorat: S. Bähr

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

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Inhalt

Silvia Hlavin

wurde 1968 in Wien geboren, wo sie seither lebt, liest und schreibt. Verheiratet und Mutter zweier Söhne. Veröffentlichungen in div. österr. Literaturzeitschriften (u.a. Driesch, Cognac & Biskotten), sowie Anthologien (u. a. Weg-Kreuzungen, Identitäten-Spuren schreiben-Spuren lesen, Brüchige Welten, Veza Canetti lebt), Hörstück Radio FRO, Debütroman 2012 „Sein Rosenturm“, Arovell Verlag.

Meinen Männern

Prolog

»Normal?«

Die junge Frau nickte, während sie weiter ihren Zeigefinger mit der Haarsträhne umwickelte.

Die Ältere zuckte, als wolle sie jeden Moment von der Parkbank aufspringen. Elf. Drei Buben hinter der Rutsche. Das blonde Mädchen mit den anderen vier Mädels im Haus. Der Große bei seiner Mutter, der Kleine mit Jeansjacke hinter dem Baum. Elf mussten es sein. Ja, da. Elf.

»Was verstehst du bitte unter normal

»Eben eine normale Mutter. Eine, die in der Früh aufsteht, Lunchbox füllt, Äpfel aufschneidet. Eine, die weiß, wann Schularbeiten sind. Die jeden Zentimeter Wachstum notiert hat, deren Fotoalben beschriftet sind. Eine Frau, die lange gar nicht, später halbtags arbeitet, weil sie zu Mittag kocht, wenn die Kinder von der Schule kommen. Eine, die Zeit hat, sich hinzusetzen und zuzuhören, was sie erzählen. Ganz normal eben.«

Zehn. Der Große ging mit seiner Mutter. Wo ist die Kleine mit der pinkfarbenen Jacke? Sie rutschte – gut. Eins, zwei, drei …

»Das ist normal?« Die Ältere wiegte den Kopf hin und her. »Dann höre ich also Vorwürfe, weil ich erst abends für dich gekocht habe?«

»Nein, aber jetzt sag: Glaubst du, dass eine Mutter – ich lasse normal weg. Nein – besser – ist eine Frau, die ein gewöhnliches, sorgenloses und unbeschwertes Leben führt, von einem Tag auf den anderen zu einem Mord fähig, nur, weil ihre Tochter bedroht wird?«

»Ja.«

»Einfach so?«

»Ja, jede Mutter.« Die Ältere beugte sich zur Seite. Zehn. Blond gelockt hinter dem Spielhaus. »Und das fragst gerade du mich?«

Kapitel 1

Elisabeth stemmt sich gegen den Einkaufswagen. Vermutlich ist das rechte vordere Rad defekt. Klar. Wenn sie einmal alleine einkaufen muss, weil Kurt länger arbeitet, klemmt der Wagen. Im Vorbeigehen greift sie nach dem Toilettenpapier, nein, Kurt will eine bestimmte Marke. Sie lässt den Wagen stehen und eilt in den Gang. Sie schwitzt. Zurück bei dem Einkaufswagen, kontrolliert sie nochmals ihre Liste, die systematisch aufgebaut ist.

Sophie hat Käse aufgeschrieben. Es gibt wahrscheinlich hundert Sorten Käse. Und sie weiß nicht, welchen ihre Tochter diesmal möchte. Kurt hätte es vielleicht gewusst. Fruchtjoghurt. Heute in Aktion – sie seufzt. Der Wagen ist ohnehin beinahe bis oben voll. Was soll sie noch alles besorgen?

Ihr Mobiltelefon vibriert – eine eingehende SMS. Die Joghurtbecher kollern auf den Salat und die Bananen. Kurt? Hoffentlich kein zusätzlicher Nachtdienst.

SMS von einer unbekannten Nummer. Auch gut.

 

Hallo frau und herr bruckner, sorry, meine nachricht kommt vielleicht etwas ungelegen, aber ich wollte ihnen etwas über ihre tochter erzählen …

Sie lässt das Handy in ihre Jackentasche gleiten und hält sich am Wagen fest. Sophie? Elisabeths gesamter Bauchraum füllt sich mit einem unangenehmen Druck, sie spürt, wie ihr schwindelig wird. Nach dem Sommer, diese Wochen, in denen Sophie so oft weggegangen ist, ohne etwas zu sagen. Keine SMS, auch nachher keine Erklärung. Sie hat mit ihrer Tochter sprechen wollen, aber Sophie hat nur abgeblockt. Wer wagt es, sich da einzumischen? Wer weiß etwas? Ein Scherz, klar, ihr Cousin Martin. Sicher hat er Sophie irgendwo getroffen, und nun will er Elisabeth beunruhigen. Milch. Elisabeth sieht hinunter. Was hat sie eingeräumt? Keine Milch. Sie braucht Milch. Vier Liter. Es vibriert abermals.

 

oder vielleicht will sie selbst mit ihnen reden, ich weiß auch nicht, wie ich ihnen das erklären soll. Sprechen sie mit ihrer tochter doch in entspannter umgebung, dann …

 

Die Nachricht geht weiter, was ist da los? Ach ja, SMS haben eine Maximalzeichenlänge. Mit ihr reden … Wer schreibt ihr, und woher hat jemand ihre Nummer? Elisabeth hat es geahnt: Sophie ist in letzter Zeit anders.

Am Sonntag kommen Freunde. Elisabeth nimmt fünf Liter Milch. Der Schweiß rinnt ihren Rücken entlang, sie blickt an den Kassen vorbei zum Fenster: Es regnet.

fällt es ihr ja dann leichter, als wenn sie zu ihnen kommen muss. Mehr möchte ich jetzt nicht schreiben. Kann es ihnen per mail ausführlich erklären bzw. –

 

Es nimmt kein Ende. Diese Wortwahl. Das klingt nicht nach Martin. Nie im Leben so umständlich und lange. Frau Bruckner. Direkt an sie. Kein Irrtum. Eine Freundin – die Sophie helfen will, weil sie in Schwierigkeiten geraten ist? Womöglich hat man sie in eine Drogengeschichte hineingezogen! Elisabeths lautes Lachen hallt zwischen den Regalen. Sophie raucht nicht einmal, weil Zigaretten findet sie so was von blöde. Vielleicht, weil sie weiß, dass ihre Eltern das von ihr erwarten? Wohlerzogen und besorgt, den Erwartungen gerecht zu werden. Diebstahl –? Hat sie mit Freundinnen eine dieser Einkaufstouren gemacht, bei denen einzelne Teile unbezahlt in den Taschen verschwinden? Wut steigt in Elisabeth hoch. Sie kennt sich selbst nicht. Wie kann sie aufgrund einer blödsinnigen SMS ihr Vertrauen zur eigenen Tochter verlieren? Elisabeth stockt – was ist, wenn Sophie schwanger ist? Warum ist ihr das nicht sofort eingefallen?

 

schreiben. Lg und ein schönes we – petra ps. Ich glaube, florian weiß bescheid. Petra@gmx.at.

 

Petra. Welche Petra? Eine Nachbarin im Haus heißt Petra und Kurts Vorgesetzte auch und die Kellnerin im Kaffeehaus. Möglicherweise ein Mädchen aus Sophies ehemaliger Klasse? Nein, und seit sie an der Uni ist, hat Sophie auch nie von einer Petra gesprochen. Aber Florian – Sophies Bruder. Das ist kein Scherz. Petra weiß über Elisabeths Familie Bescheid. Der Weg zur Kassa verschwimmt vor Elisabeths Augen. Sie stellt sich an, ihr Blick fällt auf die Liste. Brot hätte sie kaufen sollen. Und Semmeln.

Im Auto nimmt Elisabeth nochmals ihr Mobiltelefon aus der Tasche. Wischt über das Display, weil Wasser von ihrem regennassen Haar aufs Handy herabtropft. Die E-Mail-Adresse. Petra will also nicht anonym bleiben, sie hat ihre Nummer nicht verborgen. Elisabeth könnte einfach zurückrufen und horchen. Wieder auflegen, wenn sie die Stimme erkennt oder wenn ihr die Stimme unangenehm ist. Sie wählt Kurts Nummer – besetzt. Elisabeth startet den Wagen, in der Folge den Scheibenwischer und fährt langsam los.

Elisabeth zittert, als sie den Schlüssel in der Wohnungstür umdreht. Es brennt Licht im Wohnzimmer. Die Tür zu Sophies Zimmer ist offen – also ist sie unterwegs. Gut so. Mit den Schuhen geht Elisabeth ins Wohnzimmer, Kurt sitzt auf der Couch und sieht von der Zeitung auf, lächelt seiner Frau entgegen: »Bin gerade gekommen.«

»Du – ich habe eine SMS erhalten.« Elisabeth hört, wie unnatürlich ihre Stimme klingt.

Kurt grinst.

»Ja, ich auch.«

Er grinst – Elisabeth muss tief durchatmen, ehe sie weitersprechen kann, ohne zu schreien.

»Weißt du, von wem die ist? Oder was das soll?«

Kurt erhebt sich, nimmt ihr die Jacke ab, hängt sie auf. Dann schüttelt er den Kopf.

»Ich kenne keine Petra. Irgendein blöder Spaß – wahrscheinlich.« Er grinst tatsächlich wieder während des Sprechens. Elisabeth wendet sich ab, wirft ihre Schuhe in die Ecke und geht in die Küche, um den Einkauf auszuräumen. Sophies Lieblingspudding in das oberste Fach. Bald neunzehn, und trotzdem würde sie auf die Frage, welche Speise sie am liebsten habe, jedes Mal wieder »Pudding« antworten.

»Weißt du, wo Sophie ist? Wir müssen sofort mit ihr reden. Sonst werde ich wahnsinnig.«

Kurt versucht, seine Hand auf ihre Schulter zu legen.

»Dann spielen wir doch mit und machen genau das, was der Absender möchte. Ich vertraue meiner Tochter mehr als irgendjemandem, der sich bei mir mit sorry meldet.«

Elisabeth seufzt erleichtert. Sich nach außen cool zu zeigen, um sie zu schützen, das war schon immer Kurts Stärke. Aber er ist keinesfalls oberflächlich. Offensichtlich hat er die Nachricht mehr als einmal gelesen.

»Wenn Sophie wirklich in Problemen steckt – und bloß auf unsere Hilfe wartet? Sie vielleicht … schwanger ist?« Kurt nimmt seiner Frau die Milchpackungen aus der Hand, stellt sie in den Kühlschrank. Elisabeth lehnt sich an ihn, schließt die Augen und riecht sein Aftershave.

»Auch nicht schlecht, wollten wir nicht immer junge Großeltern sein?«, raunt Kurt in ihr Haar.

»Angeblich weiß Florian davon …«, murmelt sie.

 

*

 

6 Uhr. Punktgenau.

Elisabeth sieht die roten Leuchtziffern an der Decke, horcht. Kurz darauf ein Klingelton, wenig später wird die Tür zum Bad geöffnet. Wasserrauschen – ist sie wieder eingeschlafen? Wieder Geräusche: Kühlschranktür, Schraubverschluss an der Milchpackung, Rascheln der Müsliverpackung. Sie kämpft gegen den Reflex, aufzustehen, Sophie zu sehen, bevor sie arbeiten geht – wie jeden Samstag an der Kassa eines Lebensmittelgeschäfts. Einige Worte mit ihr wechseln, ihre Mimik beobachten.

Ob sie von den SMS weiß? Sich nur ärgern, wenn sie tut, als sei alles wie immer. Elisabeth würde sie nicht direkt ansprechen, Sophie wird freiwillig nichts erzählen, sonst hätte sie längst. Elisabeth schleicht im Vorzimmer bis an die Küchentür. Sophie ist über die Tageszeitung gebeugt. Sicher die Seite mit dem Wetter. Als Fünfjährige hatte sie begonnen, täglich das jeweilige Wetter in einem Kalender zu notieren – zuerst noch mit Zeichnungen, später schon in Worten. Kurz nach Weihnachten präsentierte sie den Jahresüberblick. Sophie addierte Niederschlagsmengen, Sonnentage, und zusätzlich gab sie eine eigene Wertung für Spielplatztage, Lesetage und Supertage ab. Die konnten je nach Laune bedeuten, heiß und Sonnenschein, wenn sie ins Bad wollte, oder Schnee, wenn sie es kaum erwarten konnte, ihre neue Rodel auszuprobieren.

Elisabeth wendet sich ab, tapst auf Zehenspitzen zurück ins Bett. Sie müsse ihre Tochter in Ruhe lassen, sie habe nächste Woche doch diese Prüfung, man dürfe sie vorher nicht belasten. Sophie habe das Recht, sich nur darauf zu konzentrieren. Das waren Kurts Worte, als sie mit ihm vor dem Einschlafen nochmals über ihre Bedenken gesprochen hat. Ihr Argument, sie hätten neunzehn Jahre ihre Erziehung mit Reden, Erklären und Diskutieren untermauert und es habe stets zur Lösung von Problemen und beiderseitigem Verständnis beigetragen, prallte an Kurt ab.

 

*

 

Samstagvormittage, die sie nicht im Blumengeschäft arbeiten muss, genießt Elisabeth besonders, am liebsten lümmelnd auf der Couch – und lesend.

»Morgen.«

Elisabeth sieht von ihrem Buch hoch, Florian steht an der Tür. In Jogginghose und mit verquollenen Augen.

»He – was ist mit dir los?«

»Meine Allergie, gestern bei Jenny – ihre doofen Katzen. Wollten andauernd von mir gestreichelt werden.«

Elisabeth lächelt. Angenehm, wenn der Sohn gut aufgelegt ist und bereits vor dem Mittagessen mit ihr plaudert. Schließlich setzt sich der Sechzehnjährige auch noch neben sie. Florians Schultern streifen an ihren, dann beugt er sich weit nach unten, um den Buchrücken erkennen zu können.

»Der Unschuld Verlust – das klingt unheimlich lustig.«

»Ein Krimi. Und was liest du gerade für Deutsch?«

Florian verdreht die Augen und greift nach der Fernsehzeitschrift. Elisabeth beobachtet ihn. Soll sie fragen? Diese kleine Idylle zerstören? Sie weiß nicht einmal, wie gut das Verhältnis zwischen den Geschwistern ist, kann nicht einschätzen, ob Florian über Sophies Geheimnisse, wenn sie welche hat, reden würde. Nein, es ist unfair, ihn mit hineinzuziehen.

»Was gibt es zu Mittag?«

Elisabeth deutet zur Küche. »Papa macht Lasagne.«

»Hoffentlich nicht mit so viel Knoblauch wie letztens«, mault Florian.

»Wieso – was hast du vor?«

Florian grinst, während Elisabeth rasch ihr Buch zur Seite legt und ihren Sohn kitzelt. Der legt seinen Kopf einen Moment auf ihre Schulter, so wie früher zum Kuscheln, ehe er die Zeitschrift aufblättert.

 

*

 

Händchenhaltend verlassen Kurt und Elisabeth ihr Lieblingskaffeehaus, das sie fast jeden Samstag für Einspänner und Torte aufsuchen, weil es sich dort besser plaudern lässt als zu Hause. Sie biegen in die Rotenturmstraße ein und spazieren in Richtung Stephansplatz.

»Wir haben bereits im Sommer geahnt, dass etwas nicht stimmt.«

Kurt seufzt, während er beim Juwelier die Uhren betrachtet. Dann dreht er sich zu seiner Frau und sieht ihr in die Augen.

»Was bedeutet – etwas stimmt nicht? Sie ist oft fortgegangen, warum nicht? Sophie ist neunzehn. Wenn sie jemanden kennengelernt hat, wird sie damit doch nicht sofort zu uns laufen und es erzählen. Außerdem glaube ich, es ist schon vorbei, in letzter Zeit kommt sie nach der Uni immer nach Hause.«

»Du hast recht, in den letzten Wochen ist alles normal.« Elisabeth erschrickt über ihre eigenen Worte. Normal verwendet sie nicht gerne. Oder ist an der Beziehung doch mehr … Ein Kind wäre auch normal, vielleicht zu früh, oder eben früh. Sophie ist mitten im Studium, aber sie könnten ihr helfen. Doch je länger sie darüber nachdenkt, umso unmöglicher erscheint es Elisabeth. Sie bildet sich ein, letzte Woche noch gemerkt zu haben, dass Sophie ihre Menstruation hatte.

Im Sommer hat sie öfters versucht, Sophie auf ihr häufiges Fernbleiben anzusprechen. Sie hat entweder gar nicht geantwortet oder fadenscheinige Ausreden gebraucht. Natürlich ist Elisabeth enttäuscht gewesen. Sehr sogar. Sie hat ja immer geglaubt, ihr gutes Verhältnis von früher sei unverändert. Während der Volksschulzeit ist sie stets von den anderen Müttern beneidet worden, weil Sophie bereits an der Eingangstür alles von ihrem Schulalltag erzählt hat: Welchen Pulli die Lehrerin getragen hat, dass sie heute Rechenkönig gespielt haben und am nächsten Tag unbedingt alte Zeitungen zum Basteln mitbringen sollten.

»Wir könnten einfach anrufen, mit unterdrückter Nummer, und horchen, wer abhebt.«

»Mit unterdrückter Nummer – die weiß dann auch gleich, dass wir das sind. Wir machen uns lächerlich. Außerdem werde ich nichts hinter Sophies Rücken tun.«

»Interessiert es dich nicht, wer das ist und was sie eigentlich will?« Elisabeth blickt zum unvollendeten Nordturm hoch. Kurt schüttelt den Kopf.