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Für meinen treuen Freund Nagender

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Der ganz normale Wahnsinn

Auf dem Gehsteig habe ich einen herrlichen Blick auf die größte Attraktion der Stadt – den Verkehr. Was ich sehe, kriegt mein Verstand nicht zu fassen: ein Paradox, an dem jeder Chaosforscher seine Freude hätte. Es rauscht ein Meer bunt behelmter Geisterfahrer auf Mopeds in allen Richtungen an mir vorüber. Überall sehe ich Kollisionen voraus, höre schon das Krachen von Blech und Plastik, doch nichts passiert. Es muss ein Wunder sein. Oder besitzen diese Menschen ein mir unbekanntes Sinnesorgan, das sie befähigt, sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch ein schier undurchdringliches Gewirr anderer Mopeds zu lavieren?

Ich bin fasziniert. Größte Bewunderung habe ich für die Linksabbieger. Sie müssen sehenden Auges in den gegenläufigen Verkehr fahren. Eigentlich Selbstmord. Todesmutige Individualisten, Rebellen mit eigenem Kopf, kürzen den Kreisverkehr ab und fahren links herum, um sich den scheinbar unsinnigen Umweg zu sparen. Geht gar nichts mehr, muss der Bürgersteig herhalten.

Spiegelt sich hier etwa die vietnamesische Mentalität? Wenn es so ist, muss es ein Volk von Querdenkern, Anarchisten und Partisanen sein. Auf Anhieb sympathisch.

Nach einer Weile glaube ich, hinter den Überlebenstrick der Dschungelkämpfer auf zwei Rädern gekommen zu sein: Es ist der Blickkontakt, er muss es sein. Kommunikation mit den Augen ist das Geheimnis, denn die Hupe wird kaum bemüht, und eine spezielle Geste gibt es nicht.

Mir ist klar, Ho-Chi-Minh-Stadt hält für mich ihren Initiationsritus bereit. Überlebe ich sie – und das bedeutet, alles zu vergessen, was ich in der Fahrschule gelernt habe –, bin ich optimal auf meine Reise entlang des Mekong vorbereitet.

Ich docke das Handbike vor meinen Rollstuhl, setze die Kurbel in die richtige Position und lege den ersten Gang ein. Sogleich fühle ich mich wie der Kajakfahrer beim Einsetzen ins Wildwasser. Eine große Herausforderung wartet auf mich, ohne dass ich die leiseste Ahnung hätte, wie das Spiel ausgeht. Ich fahre den Bürgersteig entlang bis zu einer Absenkung und fädele mich in den Strom ein. Das klappt schon ganz gut. Doch beim Überqueren der Kreuzung kommt es fast zu einer Kollision mit einem Stadtbus. Sosehr ich auch den Blickkontakt mit einem Lächeln suche – und alle lächeln freundlich zurück –, ich bewege mich doch wie ein Fremdkörper in der Masse. Fluchtartig ziehe ich mich zum rettenden Ufer, zum Gehsteig, zurück. Offensichtlich fehlt mir irgendein Trick, um sicher über die Straße zu kommen. Es ist wohl das rechte Augenmaß für die passende Lücke. Immerzu stürze ich mich in den Verkehr. Und jedes Mal lerne ich dazu, vor allem, was ich eigentlich längst weiß: Mein Rolli ist genau sechsundfünfzig Zentimeter breit, und jede Lücke von sechzig Zentimetern reicht.

Dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, gehöre ich plötzlich dazu. Linksabbiegen gegen den Verkehr?, kein Problem, wie von selbst tut sich eine Lücke auf. Den Kreisverkehr austricksen?, niemand nimmt mir das übel. Jetzt der Härtetest: bei Rot über die Ampel fahren und in den Querverkehr eintauchen. Es funktioniert.

Augenblicklich fühle ich mich wie der Teil eines gigantischen Fischschwarmes, in dem eine wundersame Harmonie alle Verkehrsregeln ersetzt, gerade so, als hätte Buddha seine Hand im Spiel – gerade so, als wäre ich unverwundbar. Welch ein Start für eine Reise, die fünftausendsiebenhundert Kilometer weiter in der chinesischen Provinz Qinghai an der Quelle des Mekong zu ihrem Höhepunkt kommen soll.

Sieben verschiedene Namen wird der Fluss bis dahin haben, sieben buddhistische Länder durchqueren oder streifen. Für Millionen Menschen ist der Mekong die Lebensgrundlage, die »Mutter aller Wasser«.

Im tibetischen Hochland, dort oben, wo er entspringt, nennen sie ihn Zaqu, das Wasser der Felsen. Doch bereits für die Chinesen in Yunnan ist er Lancangjiang, der Turbulente, Burma bezeichnet ihn als Mekaung Myit, majestätischer Fluss. In Laos und Thailand wird er zur Mae Nam Kong, der Mutter aller Wasser. Das Volk der Khmer sagt Tonle Thom, großer Strom, und schließlich mündet er in Vietnam mit dem Namen Song Cuu Long, Fluss der neun Drachen, ins Südchinesische Meer. Der Rest der Welt sagt einfach Mekong.

Gleichzeitig verbindet er drei vom Krieg geschundene Länder: Vietnam, Kambodscha und Laos, die langsam das Trauma von Völkermord, Flächenbombardements und Hungersnot überwinden. Dieser Fluss, die uralten Kulturen an seinen Ufern, die Menschen, die von ihm leben, und ihre Schicksale, all das wird der rote Faden für die kommenden Monate sein.

Mit dabei ist mein Freund Nagender aus Indien, der, was Verkehrsregeln und den Umgang damit angeht, aus seiner Heimat einiges gewohnt ist. Er schaut eher gelangweilt dem Treiben auf der Straße zu. Wundert sich, was mich daran so fesselt.

Für ihn müssen wir ein Moped besorgen.

Vor ein paar Jahren wurde er in Delhi von dem angetrunkenen Fahrer einer Motorrikscha übel am Knie verletzt. Radfahren ist für ihn seitdem eine Qual. Davon ganz abgesehen, war Fahrradfahren sowieso nie sein Ding. Deshalb machen wir uns also auf den Weg, um ihn zu motorisieren. Das geht in Saigon, wie Ho-Chi-Minh-Stadt früher hieß, schnell. In einem der vielen Reisebüros um unser Hotel herum bekommen wir sogar die Adresse einer Mopedvermietung, die in Chau Doc an der kambodschanischen Grenze eine Filiale hat. Dort können wir das Moped abgeben.

Während wir mit dem Mitarbeiter des Büros über unser Vorhaben sprechen und uns Infos zu den Formalitäten der Grenzüberschreitung nach Kambodscha holen, fällt mir auf, dass wir die Aufmerksamkeit des Wachmanns geweckt haben. Der Mittdreißiger, der mit offensichtlichem Stolz seine blaue Uniform mit Kordel und Schulterklappen zur Schau trägt, hatte zunächst mit verschränkten Armen im Eingang gestanden und mir dann beim Betreten des Büros die Tür geöffnet. Nun beugt er sich über unsere Unterlagen und gibt Kommentare ab, sehr zum Unmut unseres Gesprächspartners.

Beim Verlassen des Büros redet er in gebrochenem Englisch auf uns ein. Zunächst begreife ich nicht, um was es ihm geht. Die Art und Weise, wie er spricht, die Intensität und sein missionarischer Eifer ist, wie ich richtig vermutet hatte, religiös motiviert. Er hätte gehört, welch lange Reise wir uns vorgenommen haben, und rät uns eindringlich, vor dem Start den Segen eines Ho Phap zu erbitten. Wir würden sonst die Reise nicht überstehen, nicht einmal heil aus der Stadt kommen.

Gleichzeitig greift er zielsicher, ohne hinzuschauen, in seine Umhängetasche und zieht eine Postkarte heraus, die er mir in die Hand drückt, als wüsste er um die knappe Zeit, die ihm bleibt, uns zu überzeugen. Darauf abgebildet ist formatfüllend eine Art Ritterfigur, gestützt auf ein übergroßes, bluttriefendes Schwert. Ganz unpassend dazu das Lächeln auf dem Gesicht des Heiligen. Der arme Wachmann ist an die Falschen geraten. Er ahnt nicht, wie ungläubig und wenig empfänglich wir für Okkultes sind. Da bin ich mir mit Nagender einig. Gotteshäuser sind für Nagender, den Hindu, und für mich als Christ eher touristische Attraktionen.

Das ist der Grund, warum wir mit Neugierde und Interesse seinem Rat folgen, die Pagode des Jadekaisers zu besuchen. Dort würden wir also von höchster Stelle grünes Licht für unsere Reise bekommen.

Zwei Mal fahren wir am Eingangstor der Pagode vorbei, ohne es zu bemerken. Nein, dies ist eine Wohnstraße, hier konnte es nicht sein. Bei dem Begriff »Pagode des Jadekaisers« stelle ich mir ein opulentes frei stehendes Gebäude vor, doch so etwas gibt es hier nicht. Man schickt uns aber erneut in diese Gasse.

Käme uns nicht eine auffällig lärmende chinesische Reisegruppe entgegen, wir wären ein drittes Mal an dem unscheinbaren Tor vorbeigefahren. Einer Oase im Verkehrslärm gleich, finden wir uns in einen großen, grob ge„pflasterten Innenhof ein, dessen Mitte ein Wasserbassin dominiert. Der Platzbedarf der Schildkröten in diesem Becken – sie sollen dem Besucher ein langes Leben prophezeien – entspricht ungefähr dem eines durchschnittlichen Mopedfahrers im Straßenverkehr.

Jenseits davon erhebt sich das schwarze Eingangstor zum Tempel. Blaue Schwaden von Räucherstäbchen ziehen heraus, das Innere des Tempels ist geschwärzt davon. Vor dem Tor wird gerade eine Zeremonie vorbereitet, die die guten Geister auf den rechten Weg führen soll. Das jedenfalls wird mir von der Auftraggeberin dieses Rituals, einer jungen Frau in einem knappen T-Shirt, erklärt. Meine übrigen Fragen bleiben unbeantwortet. Schon reiht sie sich, mit Räucherstäbchen bewaffnet, in eine Art Polonaise ein, die von einem Priester angeführt wird. Die feierliche Handlung dreht sich um rituelle Gegenstände auf dem Boden: eine symbolische Brücke, ein zerbrochener Krug, Räucherstäbchen auf der anderen Seite der Brücke und zubereitete Speisen. Der Priester ist mit einem Funkmikro ausgestattet, das sein Gebet für alle Teilnehmer hörbar macht. Dazu trägt er eine Art Krone, Zepter und die orangefarbene Kutte der buddhistischen Mönche. Das Befremdliche an dieser Szenerie bekommt eine zusätzliche Note, als es in der Tasche einer der Gläubigen klingelt. Ungerührt unterhält sich eine Dame während des Rituals am Handy. Ich schaue zu meinem Freund Nagender hinauf, und tausend Worte sind gewechselt.

Vielen Religionen sind wir auf unseren Reisen begegnet. Oft ließen sie uns ratlos und verwirrt zurück.

Der Jadekaiser herrscht über diesen taoistischen Tempel, umgibt sich mit Kriegern, Geistern, mit Generälen, Fabelwesen und Göttern, die über das Karma der bedauernswerten Gläubigen richten. Hier entscheidet sich, wer in welchem Zustand wiedergeboren wird. Die Strafe für schlechte Taten und das, was einem Übeltäter im nächsten Leben blüht, wird schonungslos auf großen geschnitzten Holztafeln dargestellt: Folter und Leid in der Unterwelt. Um die abschreckende Wirkung zu verstärken, drohen links und rechts davon die Höllenvorsteher sowie zehn Richter, die über das Schicksal des Unglücklichen urteilen. Die Himmelsgötter dagegen verheißen Glück und eine bessere Zukunft im nächsten Leben.

Einer der Räume ist allein den vielen weiblichen Gottheiten gewidmet, denen Frauen Opfer bringen, wenn Nachwuchs erwartet oder erhofft wird. Buddha muss ich lange suchen. Dabei stoße ich auf ihn: Ho Phap. Bei den vielen Göttern und Heiligen hatte ich ihn ganz aus den Augen verloren. Unscheinbar in einer Nische steht er da, als hätte er auf uns gewartet. Da betrachten wir nun unseren Beschützer und müssen feststellen, dass unser Glaube an seine Macht nicht ausreicht.

Die Spuren des Vietnamkriegs

Nagender tuckert mit seiner Honda Superdream im ersten Gang auf der Ausfallstraße hinter mir her. Erst nach zwanzig Kilometern lassen wir die letzten Reifenflicker, Kfz-Klitschen und Betongebäude Saigons hinter uns. Jetzt säumen Reisfelder unsere Straße. Zweiräder sind auf den großen Straßen in Vietnam durch eine dicke Betonbarriere vom Schwerlastverkehr und halsbrecherisch dazwischen umherkurvenden Autofahrern geschützt.

Das geht circa drei Kilometer gut, bis die ersten Gebäude von Cu Chi der ländlichen Idylle ein Ende setzen. Hier haben wir unser Ziel für heute erreicht. In Cu Chi wollen wir uns ein Bild davon machen, wie die Vietcong es schaffen konnten, die Übermacht USA vor vierzig Jahren zu besiegen. Sie waren schlechter bewaffnet und befanden sich in der Minderzahl. Dieses Manko kompensierten sie jedoch durch ihre Nadelstichoperationen, die hohe Kampfmoral und die Tatsache, dass sie auf heimischem Terrain kämpften. Für die USA wurde der Krieg zu einer ungeheuren Materialschlacht.

Am Ende errechnete man, dass die GIs pro getöteten Feind fünfzigtausend Schuss Munition abfeuerten. All das erfahren wir im Informationszentrum der Tunnelanlage in Cu Chi. Ein lichtes Waldgebiet, in dem die Lebenssituation der Vietcong nachgestellt ist. Wir bekommen einen Führer zugeteilt, der, frei von Hass auf die USA, nüchtern erzählt: »Viele GIs kamen ohne Kriegserfahrung nach Vietnam, konnten häufig Freund von Feind nicht unterscheiden. Auf lange Sicht hat sie die Guerillataktik der Vietcong zermürbt.«

Er zeigt uns die Methoden: Fallen und tiefe Schächte, die mit einer dünnen Laubschicht bedeckt waren und in denen das Opfer beim Sturz aufgespießt wurde. Einer der entscheidenden Gründe, warum der Nachschub der Vietcong nie abriss, war ihr ausgeklügeltes Tunnelsystem. Hier in Cu Chi hatten die USA eines ihrer Hauptquartiere eingerichtet, ohne zu ahnen, dass der Feind ganz in der Nähe unter der Erde lauerte. Die Tunnel dienten nicht nur als Nachschubwege, sie sollten die Zivilbevölkerung vor Angriffen schützen, beherbergten Schulen, Krankenstationen und Schlafräume, waren jedoch in erster Linie Ausgangspunkt für gezielte Operationen.

Die Kämpfer verschwanden darin und schienen für die GIs plötzlich wie vom Erdboden verschluckt – einer der Gründe, warum Agent Orange eingesetzt wurde, um die Wälder zu entlauben. Da das dioxinhaltige Entlaubungsmittel heute noch Fehlgeburten verursacht, aus den USA aber dennoch keine Entschädigungszahlungen kommen, will ich von unserem vietnamesischen Guide wissen, wo die Wut ist. Wie er mir die relative Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden ehemals verfeindeten Länder erklären kann.

Kurz und knapp, ohne lange zu überlegen, antwortet er, als sei er auf diese Frage vorbereitet: »Wir Vietnamesen schauen nach vorne, an der Vergangenheit können wir nichts ändern.« Was bei uns in Deutschland jahrzehntelange Debatten verursacht hätte, wird hier mit einer pragmatischen Mentalität abgehakt. Diese Eigenart der Vietnamesen macht es wohl möglich, dass man hier für ein paar extra Dong noch einmal an die Waffen gehen und eine Salve aus den bereitstehenden M60-Maschinengewehren abfeuern kann. Wer’s braucht…

Die Aktionen aus dem Tunnelsystem des Ho-Chi-Minh-Pfades haben die Kampfmoral der amerikanischen Soldaten damals arg zermürbt. Gleichzeitig schwand der Rückhalt in der US-amerikanischen Bevölkerung, je mehr Särge aus Vietnam eintrafen. Die bestürzenden Fotos der Kriegsberichterstatter taten ihr Übriges.

Keine zwanzig Kilometer nordwestlich von Cu Chi, auf unserem Weg zum Caodai-Tempel von Trang Bang, passieren wir kurz vor dem Ort eine Stelle, an der vor ziemlich genau vierzig Jahren das vielleicht kriegsentscheidende Foto gemacht wurde. Am Morgen des 8. Juni 1972 hatten zwei Familien in einem der Nebengebäude des Caodai-Tempels von Trang Bang Schutz gesucht, da es bereits am Vortag Kämpfe gegeben hatte und Heiligtümer – das war ein ungeschriebenes Gesetz – nicht angegriffen wurden. An diesem Tag kam es zu einem folgenschweren Irrtum zweier südvietnamesischer Bomberpiloten.

Obwohl zuvor gesetzte Nebelkerzen eindeutig feindliche Stellungen an einem Waldrand hinter dem Tempel markierten, schlugen zwei mit Zündern ausgestattete Napalmkanister nahe der Straße vor dem Tempel auf. Ein Szenario, das Soldaten beschönigend als friendly fire bezeichnen. Einige Reporter der großen Nachrichtenagenturen, unter ihnen Nick Ut von Associated Press, warteten in sicherer Entfernung auf der Straße seit dem Morgen auf ihr »Foto des Tages«. Andere waren bereits auf dem Weg nach Saigon, weil sie die Hoffnung aufgegeben hatten, dass an diesem Tag noch viel passieren würde. Weil die Napalmbomben nicht explodierten – es waren Blindgänger – sah sich der zweite Bomberpilot veranlasst, erneut anzugreifen, erneut das eigene Lager. Dieses Mal entzündeten sich die Napalmbomben in einer rot glühenden Feuerwand quer über die Straße und die Reisfelder.

Die Fotografen hörten die Schreie der Menschen, bevor sie sie sehen konnten. Die Verletzten rannten den Reportern förmlich in die Arme. Eine alte Frau mit ihrem verkohlten Enkel auf dem Arm, ein südvietnamesischer Soldat, der vollkommen in Flammen aufging, Kinder mit zerfetzter Kleidung und Tam, ein Junge in kurzen Hosen, der schreiend ins Bild lief. Ihm folgte seine kleine Schwester Kim Phuc, ein elfjähriges Mädchen, das sich sämtliche Kleider vom Leib gerissen hatte.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht, beide Arme von sich gestreckt, lief sie nackt und hilfesuchend dem Fotografen Nick Ut entgegen. Ihr Rücken war vollkommen verbrannt. Im Hintergrund einige südvietnamesische Soldaten und hinter ihnen der schwarze Rauch, aus der die Gruppe geflüchtet war. Dieses Bild ging um die Welt, bekam den Pulitzer-Preis und wurde zum Stolperstein für das amerikanische »Engagement« in Indochina (bis 1954 der Name der französischen Kolonialgebiete im heutigen Laos, Kambodscha und Vietnam). Ohne die Hilfe des Fotografen Ut, der dafür sorgte, dass sie in ein Krankenhaus kam, hätte Kim Phuc die großflächigen Verbrennungen nicht überlebt. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Kanada.

Ich kann mich gut daran erinnern, ich war knapp fünfzehn Jahre alt, als ich dieses Bild damals in der Zeitung sah und mich zunächst wunderte, warum die Kinder schrien, sie schienen unverletzt.

Ich zeige Nagender das Foto: »Schau, hier irgendwo muss der Fotograf gestanden haben, man erkennt sogar die Türme des Tempels.« Heute sieht der Ort stark verändert aus. Die Straße wurde verbreitert, und wo auf den Fotos Felder zu sehen sind, erheben sich heute viele Gebäude. Ich erzähle Nagender die Geschichte von Kim Phuc, dass ihre Eltern ganz in der Nähe eine Suppenküche betrieben hatten und sie zur Glaubensgemeinschaft der Caodai gehörten. Regelmäßig sind sie in den nahe gelegenen Tempel zum Gottesdienst gegangen. Obwohl Nagender einer gebildeten Schicht in Indien zuzurechnen ist, sind ihm viele Fakten aus dem Vietnamkrieg fremd. Kein Wunder, als er geboren wurde, war der Krieg fast vorbei.

Wir fahren weitere zweihundert Meter und biegen an einer Gabelung nach rechts ab. Der Caodai-Tempel, vor dem wir stehen, gleicht eher einer Kathedrale, bei der dem Architekten die Phantasie durchgegangen ist. Vor einem gedrungenen Hauptschiff erheben sich zwei mächtige Türme, die den Eingang in das Gotteshaus bilden. Damit erschöpft sich die Ähnlichkeit mit christlichen Sakralbauten. Farbe, Baustil, selbst die Religionen werden im Caodaismus fidel miteinander gemischt. Über dem Eingangsportal, das mich an Hundertwasser erinnert, entdecke ich – schön bunt gehalten – Konfuzius, Buddha, Jesus und eine Menge anderer Gestalten, die ich nicht einordnen kann. Über allem prangt ein Auge, das auf den Betrachter hinabschaut, etwa das dritte Auge Shivas?

Schlangen winden sich um die Eingangssäulen. Mein Blick wandert hinauf, vorbei an barocken Gesimsen, Balkonen und farbenfrohen Fresken. Fabelwesen kleben an der Fassade, scheinbar kopiert aus südindischen Gopurams und vietnamisiert wieder eingefügt. Das Dach wird von dem indischen Glückssymbol Swastika gekrönt, das, auf die Spitze gestellt, elf Jahre lang für das terroristische Nazideutschland stand.

Ein bisschen Kolonialstil, chinesische Dachreiter, klosterähnliche Säulengänge am Hauptschiff und bleiverglaste Kirchenfenster bringen meine Geschmackswahrnehmung in einen konfusen Zustand. Fehlt nur der Islam. Ich bin gespannt, was mich innen erwartet. Da freilich ist der Spaß schnell vorbei. Betreten nur ohne Schuhe – Rollis bleiben draußen. Also doch ein bisschen Islam. Ein in weißes Tuch gehüllter Aufpasser bietet mir einen Tempelrolli an, der sei rein, in den könne ich umsteigen. Eine Rampe hätten sie leider nicht. Jetzt müsste ich eigentlich beleidigt dem Caodaismus den Rücken kehren. Aber meine Neugier macht mich kompromissbereit. Nagenders Blick signalisiert Zustimmung, schließlich muss er mich die Stufen hinaufzerren, und deshalb lasse ich mir den Tempelstuhl bringen. Oh, welch eine vorsintflutliche Kiste. Die Fußstütze zu hoch, der Sitz zu tief, die Armlehnen renken mir die Gelenke aus und eigenständig rollen kann ich erst recht nicht, weil das Ding auf vier kleinen Rädern steht. Ich sitze wie auf einem Kinderklo und gebe ein armseliges Bild ab.

Nagender steht grinsend vor mir, neigt den Kopf abschätzend und meint: »Andy, jetzt siehst du richtig behindert aus.«

»Halt die Klappe und zieh mich da hoch, sonst setzt es was«, befehle ich.

Auch das Innere stimmt fröhlich, als hätten Gaudi, Hundertwasser und Niki de Saint Phalle gemeinsam versucht, ein symmetrisches Gebäude zu entwerfen. Ein Paradoxon. Und es scheint, als sei der benachbarte Kindergarten für die Farbgebung zuständig gewesen.

Ich kann mir kaum vorstellen, in einer solch unruhigen Umgebung, die einen visuell um den Verstand bringt, andächtig beten zu können. Überall wird das Auge gekränkt. Nun, was Beten angeht, da bin ich kein Experte. Den Gläubigen, die hier im Hauptschiff auf dem Boden hocken, scheint das zu gelingen, sie schließen vorsichtshalber die Augen – ich ahne, warum. Sie sind auf einen Altar ausgerichtet, der den abstrusen Stil des Gotteshauses sogar übertrifft: eine riesige Kugel, auf der ein Auge abgebildet ist, davor ein Kanapee, Lampions und Vorhänge, alles in verwirrenden Farben.

In diesem Synkretismus sollen sich also Elemente des Buddhismus, Taoismus und Christentums vereinen. Auf meinen Reisen durch Indien habe ich manche Hindutempel kopfschüttelnd verlassen, weil die Beweggründe der Menschen, so viel Geld, Zeit und Herzblut zu investieren, für mich nicht nachvollziehbar waren. Hier im Caodai-Tempel ist es ebenso.

Nagender will kaum glauben, dass mehrere Millionen Menschen im Mekong-Delta diesem Glauben anhängen. Dieses Gebiet wollen wir durchqueren. Es ist ungefähr so groß wie Schleswig-Holstein.

Auf den kommenden hundertfünfzig Kilometern müssen wir Unmengen von Brücken überqueren. Dazwischen sind wir oft auf Schotterwegen unterwegs, die für uns den Vorteil haben, dass sie von Lkw-Fahrern gemieden werden. So kommen wir durch kleine Dörfer, sehen das Landleben auf den Reisfeldern an der Straße und suchen uns abseits des Weges einen ruhigen Schlafplatz. Der allerdings ist mit Vorsicht auszuwählen. In einem der Reiseführer für Backpacker, in dem gleich ganz Südostasien behandelt wird, heißt es: »Toiletten gibt’s auf dem Lande nicht, da sollte man es machen wie die Einheimischen und sich in die Büsche schlagen. Aber niemals die Wege verlassen – Minengefahr.« Solche Tipps sind nicht wirklich hilfreich. Wir halten uns da an den gesunden Menschenverstand und warten, bis die Dunkelheit hereinbricht, um einen Lagerplatz zu finden, über den sichtbar vor uns jemand hinweggestiefelt ist. In diesem Fall machen wir es uns unter dem Blätterdach einer Kautschukplantage gemütlich. Unsere erste Übernachtung unter freiem Himmel wird nicht die letzte sein. Aus Gewichtsgründen haben wir auf ein Zelt verzichtet. Stattdessen kriechen wir in hochwertige Schlafsäcke; Nagender auf einer Isomatte, ich benutze, um Druckstellen zu vermeiden, eine Luftmatratze.

Da mir jegliche Sensibilität im gelähmten Bereich fehlt, und das trifft auf mehr als zwei Drittel meines Körpers zu, muss ich stets auf der Hut sein vor spitzen oder harten Gegenständen. Eine Gefahr, die allzu schnell unterschätzt wird. Damals, 1985, ich saß gerade vier Jahre im Rollstuhl und tingelte durch Südostasien, hatte ich die Sorgfaltspflicht mir selbst gegenüber sträflich verletzt.

Nach einer zwölfstündigen Busfahrt, die mich quer durch Sumatra nach Jakarta geführt hatte, entdeckte ich bei meiner Ankunft eine Druckblase am Hacken meines linken Fußes, groß wie ein Zweieurostück. Bei der Suche nach der Ursache purzelte ein kleines Steinchen aus meinem Schuh. Mit normalem Schmerzempfinden hätte ich das keine fünf Minuten ertragen. Der punktuelle Druck über so lange Zeit hatte die Durchblutung in dem Bereich verhindert. In den Wochen darauf löste sich die Haut, das rohe Fleisch darunter verfärbte sich schwarz, das Gewebe starb ab, und es bildete sich eine sogenannte Nekrose. Ich aber, völlig ahnungslos, hielt das für Schorfbildung.

Schmerzunempfindlich, wie ich war, reiste ich unbekümmert weiter, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Inzwischen war ich auf den Philippinen. Als ich mir in Manila in einer Apotheke neues Verbandsmaterial besorgen wollte, fragte der Apotheker nach dem Grund. Ich zeigte ihm mein Problem, woraufhin er mir dringend riet, eine Klinik aufzusuchen. Eine solche Verletzung könne zu einer Sepsis führen und tödlich enden. Unter Verzicht auf jegliche Betäubung, schließlich lebe ich gewissermaßen dauerhaft unter Spinalanästhesie, wurde mir das abgestorbene Fleisch herausgeschnitten. Ich solle den Fuß in den kommenden Wochen hochlegen und regelmäßig desinfizieren, riet mir der behandelnde Arzt.

Der hatte gut reden. Da stand ich vor der Klinik in Manila, um einen Großteil meiner Reisekasse erleichtert, und wusste nicht, wie ich die Anweisung des Arztes umsetzen sollte. Mich über Wochen in ein Hotelzimmer einzuschließen, um den Fuß hochzulegen, obwohl ich mich topfit fühlte und voller Tatendrang war, kam überhaupt nicht infrage. Ich versuchte, einen Mittelweg zu finden, was die Heilung natürlich weit hinauszögerte. Noch Monate danach, ich war inzwischen in China, nässte die offene Wunde. Und wieder entstanden schwarze Stellen, starb Gewebe ab. Dieses Mal verwechselte ich den Vorgang nicht mit heilender Schorfbildung.

Aus Geldmangel und weil mir das Vertrauen in die chinesischen Krankenhäuser fehlte – schon im Vorbeifahren waren sie an ihrem abstoßenden Geruch zu identifizieren –, legte ich selbst Hand an. Ich desinfizierte mein Schweizer Messer und tat das, was der Arzt Monate zuvor in Manila getan hatte. Auf meinem Rückweg in der Transsibirischen Eisenbahn musste ich den Vorgang wiederholen. Erst als ich von der fast einjährigen Reise längst zurück war, schloss sich die Wunde. Die Lektion daraus hat sich tief in meinem Bewusstsein verankert. Es war bloß eine Verletzung am Fuß, die meine Bewegungsfreiheit kaum eingeschränkt hat. Das gleiche Steinchen unter meinem Sitzbein hätte mich für Monate ins Bett gezwungen.

Seitdem kontrolliere ich meinen Körper täglich und achte peinlich genau darauf, wo ich mich bette.

Auf ins Delta

Bevor am Morgen die Sonne durch das Blattwerk der Kautschukbäume dringt, packen wir unsere Sachen. Das Frühstück beschränkt sich auf einen Schluck aus der Wasserflasche. Eine Stunde später erreichen wir My Tho, und zum ersten Mal stehen wir am Mekong, genauer gesagt, am nördlichsten Arm des Deltas, am Song Cuu Long, dem Fluss der neun Drachen. Dass der Mekong nicht neun, sondern acht Mündungsarme besitzt, stört niemanden. Mit knurrenden Mägen stürzen wir uns auf die Markthalle im Zentrum der Stadt.

Märkte sind in diesem Teil der Welt zugleich Restaurants und Schlachthöfe, denn man traut nur dem Fleisch, das vor den eigenen Augen abgestochen wurde. Dabei geht es beileibe nicht immer im Sinne Buddhas zu. Fische quälen sich auf dem Trockenen, Hühner warten ohne jegliche Bewegungsfreiheit in viel zu engen Käfigen darauf, bei lebendigem Leib geköpft zu werden, und Insekten landen so, wie sie sind, in der heißen Friteuse. Während wir an einem Klapptisch vor der Markthalle unsere Nudelsuppe schlürfen, werde ich von einem älteren Vietnamesen am Nachbartisch auf Deutsch angesprochen. Er bekam vor dreißig Jahren ein Ingenieursstipendium in der DDR und hat mich aufgrund meiner Aussprache während meiner Unterhaltung mit Nagender sofort als Deutschen identifiziert. Seine Neugierde sei größer als höfliche Zurückhaltung, entschuldigt er sich. Er würde gern wissen, wie es komme, dass sich da ein Deutscher im Rollstuhl und ein Inder nach My Tho verirrten, und was wir vorhaben.

Es entsteht eine angeregte Unterhaltung, an deren Ende ich es wage, ihn auf die recht herzlose Behandlung der lebenden Tiere hier auf dem Markt anzusprechen, das sei sicher nicht mit der buddhistischen Lehre vereinbar. Ich tue das, nicht ohne vorher auf die europäische Massentierhaltung hinzuweisen, die keinen Deut besser sei. Seine Antwort gibt mir einen kleinen Einblick in die vietnamesische Mentalität. Er könne mir nicht sagen, wie jede einzelne Marktfrau damit umgehe, wer hingegen ein reines Gewissen behalten wolle, wird sich bei den Tieren für die Quälerei mit der Begründung entschuldigen, dass sie sich nun einmal lebendig besser verkaufen lassen. Er verstehe meine Frage, schließlich kenne er Deutschland und wisse, dass Nutztierhaltung bei uns sehr kontrovers diskutiert wird.

Er lädt uns zu einem Hahnenkampf hinter der Markthalle ein, wohl wissend, dass diese aus Tierschutzgründen bei uns verboten sind und ich dieser Art Wettkampf ablehnend gegenüberstehen könnte. Ich bin gespannt. Es ist ein Testlauf zweier Hähne ohne Sporne, deren Aggressivität auf die Probe gestellt werden soll. Noch stehen sie sich grimmig gegenüber, werden von ihren Besitzern davon abgehalten, aufeinander loszugehen.

Jedes deutsche Masthähnchen wird diese beiden Kämpfer um ihr Leben beneiden. Denn sie haben eine fünfzigprozentige Überlebenschance. Erst nach zwei Jahren liebevoller Pflege werden sie in den Ring geschickt. Bis dahin stolzieren sie über den Hof, bekommen bessere Nahrung als viele Menschen und sorgen dafür, dass aus den Eiern der Hühner Küken schlüpfen. Unsere Masthähnchen dagegen haben nur eine Aufgabe: möglichst schnell schlachtreif zu werden. Sie sehen in ihrem kurzen Leben nicht einmal die Sonne und enden nach zweiundvierzig Tagen kopfüber als Broiler am Fließband. Wäre ich Hahn, ich würde den ehrlichen Kampf, und wenn es sein muss, den Heldentod sowie die Trauer meines Züchters um mich wählen.

Jetzt kämpfen sie, hacken, kratzen und picken sich gegenseitig in den Hals, vergessen jede Scheu, verirren sich bei ihrem Gerangel sogar unter meinen Rolli, bis sie von ihren Besitzern erneut in Stellung gebracht werden. Die Sache endet nach einer halben Stunde für beide ohne großes Blutvergießen. Dabei habe ich sehr wohl Herrn Nguyens Versuch durchschaut, mich zu einer kritischen Betrachtung europäischer Wertvorstellungen anzuregen. Da rennt er bei mir allerdings offene Türen ein. Ich glaube sogar, dass wir Europäer ein gestörtes Verhältnis zu unseren Nutztieren haben, um sie essen zu können. Es gehört ein gehöriges Maß an Doppelmoral dazu, in der Kühltruhe des Supermarktes nach einem Schnitzel – egal von welcher Kreatur – zu greifen und gleichzeitig die Tierquälerei in der Welt anzuklagen. Asiaten sind, was das angeht, ebenfalls keine Engel. Aber immerhin beschweren sie sich nicht.

Auf unserem Rückweg schlendern wir durch die Delikatessenabteilung des Marktes. Aufgespießte Engerlinge, riesige Flugkäfer und fette Heuschrecken liegen frisch frittiert bereit. Aber es gibt auch Kobras und Skorpione – vor nichts, was kreucht, fleucht, sich braten, einlegen, backen, kochen oder frittieren lässt, wird zurückgeschreckt. Es soll Zoologen gegeben haben, die auf den vietnamesischen Märkten längst ausgestorben geglaubte Spezies auf ihrem Teller fanden. Nur Tiere, die süß und niedlich sind und die man liebt, haben eine Chance, dem Hackebeil zu entgehen, etwa Schoßhündchen oder Singvögel.

Zum Abschied überreicht uns der Vietnamese seine Visitenkarte. Jetzt, wo ich den Namen Nguyen lese, fällt mir ein, dass ich einmal von einer Familie Nguyen aus der Nähe von Hannover gelesen habe, und frage ihn, ob er vielleicht mit ihr verwandt sei. Er lacht und klärt mich auf, dass etwa fünfzig Millionen Vietnamesen so heißen würden.

Die acht Arme des Mekong-Deltas, jeder breit wie der Rhein bei Rotterdam, haben bis vor Kurzem eine zeitraubende Barriere bei der Reise über die Mündung dargestellt. Inzwischen ist die Mündung mit hohen Brücken versehen, die den Hochseeschiffen genug Platz zur Durchfahrt bieten. Sie geben mir einen Vorgeschmack auf die Steigungen im Himalaja. Nagender ist gnädig, ich darf mich an seinem Gepäckträger festhalten. Auf den letzten einhundert Kilometern nach Can Tho gelingt es uns, die hohen Brücken mit Fähren zu umschiffen. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, verlaufen die Flussarme des Mekong nicht nur in Südostrichtung, sondern sind miteinander verästelt, mit Kanälen verbunden, teilen sich, um riesige Inseln zu bilden, und vereinen sich wieder miteinander: eine maritime Landschaft, getränkt vom Wasser des Mekong, der Millionen Menschen drei Reisernten pro Jahr beschert. Kein Fleck Erde bleibt ungenutzt. Sogar die Inseln werden von Saisonbauern beackert. Hier ist die Ernte besonders üppig, weil die Sedimente des Mekong nach den Sommerhochwassern frisches Land aufspülen.

Ihre Häuser bauen die Einwohner auf Stelzen, manchmal fünf Meter über dem Boden, als trauten sie ihrem Fluss nicht über den Weg; als wüssten sie, dass der Mekong auch Zerstörung und Tod bringen kann. Straßendörfer entstehen entlang der Lebensadern, ein Haus neben dem anderen. Dahinter wurden riesige Wasserbecken für die Fischzucht eingerichtet, und jenseits davon ziehen sich die Reisfelder, gesäumt von Kokospalmen, endlos bis zum Horizont. Früh am Morgen überqueren wir einen der unzähligen Kanäle. Hier ist Markttag auf dem Wasser. Alles ist in Bewegung. Melonen fliegen aus dem Bauch eines Kutters, werden aufgefangen und in einem anderen Boot zu einer Pyramide gestapelt. In einer schwimmenden Suppenküche gibt es Frühstück. Ein Boot Baguettes gefällig, oder sollen es lieber Ananas, Lychees, Bananen oder Kokosnüsse sein?

Wir werden es bis Chau Doc, wo Nagender das Moped abgeben kann, heute nicht mehr schaffen. Zu häufig haben wir uns beim Fotografieren verzettelt. Nun beginnt es zu dämmern, und wir beziehen in Can Tho eine kleine Pension. Die Besitzer wohnen im Untergeschoss. Durch ein breites Rolltor gelangt man vom Bürgersteig mit nur einem Schritt in das Wohnzimmer der Familie, das zugleich Schlafraum ist. Nachts parken zusätzlich die Mopeds hier. Kleine Rampen helfen, die Zweiräder von der Straße über den Bürgersteig ins Haus zu fahren. Nagender darf sein Moped ins Schlafzimmer der Familie stellen. Ja, es gebe Diebe des Nachts, und die Mopeds seien nun mal ihr ganzer Stolz, erklärt uns der Sohn des Hausherrn. Wobei der Begriff Hausherr nicht falsch verstanden werden darf. Er hat zwar theoretisch das Sagen, dem Beobachter drängt sich jedoch der Eindruck auf, als sei seine Macht damit erschöpft. Die Frauen scheinen den Ton anzugeben und sind überall in der Gesellschaft präsent. Sie arbeiten in nahezu allen Bereichen, fahren Moped und Auto, dominieren die Märkte. Etwas, das Nagender aus seiner Heimat nicht kennt.

In den kommenden drei Tagen reisen wir getrennt weiter. Nagender, der das Moped nicht mit nach Kambodscha nehmen kann, besteigt in Chau Doc einen Bus nach Phnom Penh und erreicht die Stadt auf der Nationalstraße 2 bereits nach drei Stunden. Ich dagegen biege Richtung Nordosten ab, will nah am Mekong bleiben und nehme dafür in Kauf, die kommenden hundertzwanzig Kilometer auf Schotter zu fahren. In voraussichtlich drei Tagen treffen wir uns in der kambodschanischen Hauptstadt wieder. Drei Tage, in denen ich mich dem Land und seinen Menschen uneingeschränkt aussetze.

Nagender und ich sind nach Jahren gemeinsamen Reisens durch Jordanien, Syrien, den Iran und immer wieder Indien ein eingespieltes Team, das keiner großen Worte bedarf. Oft reicht ein Blick, um uns auszutauschen. Etwas, das mich anfangs überraschte und das ich noch heute für ein Phänomen halte. Dass zwei Menschen aus diesen extrem unterschiedlichen Kulturen enge Freunde werden können, hatte ich für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten – und wurde am eigenen Beispiel vom Gegenteil überzeugt. Dabei war es nicht mehr als eine Zufallsbekanntschaft auf der Straße in Indien. Man tauscht die Adressen aus und verspricht sich hoch und heilig zu schreiben. Allzu oft hört man danach nie wieder voneinander. Nicht so bei Nagender. Er schrieb fleißig zurück, und als ich ihn bei meinem nächsten Indienaufenthalt 1998 besuchte, entschloss er sich spontan, mich auf meiner Reise zu begleiten. Sie führte uns damals, ähnlich wie heute, flussaufwärts, von Kalkutta bis zur Quelle des Ganges. Vor allem Nagenders Leben hat durch diese Reise eine abenteuerliche Wendung erfahren. Oft habe ich ihn damals auf sein fotografisches Talent hingewiesen, auf seinen Instinkt für die exakte Belichtung, sein Gespür für den Augenblick und die Komposition, die den Wert eines guten Fotos ausmacht. Das hat gereicht. Nach unserer Rückkehr kündigte er seinen Job als Großhandelskaufmann im Geschäft seines Freundes und machte eine Ausbildung zum Fotografen. Heute betreibt er ein kleines Fotostudio in Delhi. Wann immer ich ihn einlud, mit mir auf Reisen zu gehen, schloss er sein Studio für mehrere Monate und begleitete mich. Wir gingen gemeinsam durch dick und dünn. Im Iran wurden wir vom Militär festgenommen und vom Geheimdienst verhört, weil wir versehentlich das nukleare Forschungszentrum bei Natanz fotografiert hatten, in Jordanien entgingen wir knapp einem Raubüberfall und wären als vermeintliche »Yahudis«, als Juden, fast gesteinigt worden.

In meiner Begeisterung, nicht mehr allein reisen zu müssen, einen Beschützer und Freund gefunden zu haben, mit dem sich Extremsituationen ohne Beziehungsstress meistern lassen, bemerkte ich fast nicht, dass sich meine Reisen in Nagenders Anwesenheit verändern hatten. Ich fand mich in einem Duo wieder, das plötzlich einen Teil der Zeit, die eigentlich dem Entdecken und der Neugier auf Land und Leute gewidmet ist, mit sich selbst beschäftigt war. Das ist menschlich und wäre nicht zu bedauern, würde nicht gleichzeitig der Kontakt zur Bevölkerung darunter leiden. Es hat eine Weile gebraucht, bis mir das bewusst wurde. Seitdem steuere ich dagegen. Wenn Sachzwänge es nicht ohnehin erfordern, getrennt unterwegs zu sein, halte ich mir auf jeder Reise Zeitfenster offen, die mir das Salz in der Suppe der Reise, die rechte Würze geben, indem ich mich, verletzlich und angreifbar wie ich bin, meiner Umgebung aussetze. Das versteht Nagender, ohne dass es vieler Worte bedarf, ohne gekränkt zu sein. Und er bleibt in den Tagen nicht untätig, erledigt organisatorische Dinge, recherchiert, besorgt sein Visum für die Weiterreise und fotografiert.

So rolle ich also ohne Beschützer, Helfer und Freund an der Uferstraße flussaufwärts, offen für das Land, bereit, es in mich aufzusaugen. Die Besiedlung im Mekong-Delta ist enorm. Hundertzwanzig Kilometer Dauerdorf liegen bis Phnom Penh vor mir, in dem sich von wenigen Baulücken abgesehen, ein Haus an das nächste reiht – auf beiden Seiten der Straße. Einsamkeit ist woanders. Wie ich es bereits aus Indien gewohnt bin, folgt mir hier unentwegt ein Schweif Kinder, der sich permanent erneuert. Die Acht- bis Zehnjährigen mit guter Kondition schaffen durchaus zwei Kilometer. Am Ende meines Verfolgerteams tippeln die Kleinen, gerade Lauffähigen ein paar Meter mit. Sie wissen, was sich gehört. Kein Stein fliegt mir hinterher, kein Knüppel wird mir zwischen die Speichen geschoben, und niemand versucht, mich festzuhalten, Späßchen, mit denen indische Kinder sich gern über mich lustig gemacht haben. Für die Älteren ist es natürlich uncool, mir hinterherzurennen, sie stehen lachend am Wegesrand und würden doch so gern mitlaufen. Wenn ich mehr Rummel will, muss ich stoppen. Jetzt kommen sie alle. Zuerst die Kinder, dann die Frauen. An dritter Stelle finden sich die Alten ein, die im eigenen Interesse mein Gefährt begutachten. Zum Schluss können auch die Männer im mittleren Alter nicht mehr an sich halten und lassen ihrer Neugierde freien Lauf.

Diejenigen im Rentenalter legen zuerst ihre Berührungsängste ab. Alles wird befingert. Zunächst die Kniehebelbremse am Rollstuhl. Eine Vorrichtung, die – ich weiß nicht, warum – Jungs wie Mädchen und alte Männer auf der ganzen Welt gleichermaßen faszinierend finden. Weiter geht’s mit der Gangschaltung, und auch die Reifen werden mit zwei Fingern betastet, als ließe sich damit das Phänomen dieses ungewöhnlichen Vehikels besser begreifen. Und als wäre es nur ein weiterer Gegenstand, klopft man mir aufs Knie und ist ganz überrascht, dass es nicht hölzern klingt. Dem will man natürlich auf den Grund gehen. Ungefragt geht der Methusalem mir an die Wäsche, zieht mein Hosenbein hoch, um sich über die Beschaffenheit meiner Beine zu informieren. Seine Exkursion am unteren Ende meiner Gliedmaßen bleibt ergebnislos, denn ich trage Kompressionsstrümpfe bis zum Knie. Also erkläre ich ihm den Sachverhalt.

Dazu nehme ich einen imaginären Motorradlenker in die Hand, drehe am Gasgriff, und lasse den abgesägten Auspuff erklingen: »Brummm, brummm…« Yamaha! Plötzlich herrscht Stille, vor allem die Kinder stehen mit wachen Augen und offenen Mündern da, um meiner Geschichte zu lauschen. Sie sind im Bilde, schließlich fahren in Vietnam schon Achtjährige Mopeds. Ich sause in kurvenreicher Strecke mit tiefer Schräglage durch die Berge (in Wirklichkeit war es die B49 entlang der Lahn). Dann der Höhepunkt: eine sehr enge Kurve, der Autobahnzubringer auf die A3 in extremer Schräglage. Ich presse für mein Publikum Luft durch meine zusammengepressten Lippen. Eine Vollbremsung, ein Crash, plötzlich Stille, geschlossene Augen.

Jetzt komme ich mit Gestik nicht mehr weiter. Ich nehme den Alten, der meine Beine so vorwitzig untersucht hat, bei der Hand, ziehe ihn heran, um ihn zu drehen und auf seine Wirbelsäule zu deuten. Nun muss ich einen nicht vorhandenen Knüppel überm Knie zerbrechen und dazu das entsprechende Geräusch erklingen lassen. Alle verstehen, was passiert ist. Bis hierher war die Geschichte halbwegs lustig. Doch jetzt sind die Kinder stumm. Sie haben die Betroffenheit und Bestürzung der Erwachsenen registriert, denen die Tragweite einer solchen Verletzung durchaus bewusst ist. In Vietnam kann sie das Todesurteil sein. Weil natürlich überall in der Welt Geschichten ein Happy End haben und das in Vietnam nicht anders ist, schließe ich mit einem sorglosen Lachen und »no problem«. Dazu greife ich zur Kurbel meines Handbikes und sage »Vietnam – Tibet«. Weil das den Horizont meiner Zuhörer übersteigt, male ich mit dem Stöckchen von einem der Kinder den Verlauf des Mekong in den Sand und schreibe »fünftausend Kilometer« daneben.

Würde ich jetzt die flache Hand an meine Wange legen und den Kopf neigen, hätte ich im Nu eine Unterkunft. Aber dazu ist es zu früh, heute will ich noch die Grenze nach Kambodscha überschreiten. Der Kleine bekommt sein Stöckchen zurück, und damit lasse ich mein Publikum allein. Fragend schauen sie auf meine Skizze und dann mir hinterher. Das gibt mir einen Vorsprung für die nächsten fünfhundert Meter, bis sich der nächste Schwarm Kinder hinter mir sammelt.

Es hat Zeiten gegeben, in denen ich dieses Verfolgtwerden und nie für mich sein zu können als Belastung empfand und mir einsame Landschaften gewünscht habe. Die fand ich auf meinen Reisen durch Jordanien, Syrien und Iran. Doch damals wurde mir bewusst, dass etwas Elementares fehlte. So schön unberührte Natur sein mag – dort, wo das Leben brodelt, ist mein Zuhause. Dort, wo mich tagein tagaus das entwaffnende Lachen der Kinder begleitet. Wenn ich mich heute gestört fühle, male ich mir aus, wie es wäre, wenn niemand da wäre, der mich anlächelt, wenn Einsamkeit mich umgäbe. Ganz nebenbei hat das den Vorteil, dass sich dort, wo viele Menschen sind, meist jemand findet, der helfen kann. Das mag ein Grund sein, warum mich meine Reisen in den letzten dreißig Jahren überwiegend durch Länder mit Übervölkerung geführt haben.

Wenn sich rechts von mir eine Lücke zwischen den Häusern auftut, sehe ich den Mekong, genauer gesagt, einen seiner vielen Mündungsarme. Breit und träge fließt er dahin. In seiner Mitte sind zahlreiche Containerschiffe unterwegs, in Ufernähe schwimmen Holzboote mit aufgemalten Augen am Bug, die böse Geister fernhalten sollen.

Schließlich habe ich Vietnams Landesgrenze erreicht und stehe am Grenzübergang bei Vinh Xuong. Hier werden größtenteils die Passagiere der Schnellboote, die zwischen Chau Doc und Phnom Penh pendeln, abgefertigt. Gerade hat sich eine Gruppe Backpacker ihre Einreisestempel abgeholt. Sie sind bereits wieder auf ihrem Boot und haben es sich auf dem Dach in der Sonne gemütlich gemacht. Der Grenzbeamte wundert sich über mein Gefährt und bezweifelt, dass ich es damit nach Phnom Penh schaffe, das seien weit über hundert Kilometer. Ich erspare es mir, ihm von meinem Ziel, der Quelle des Mekong, zu erzählen, und erwidere nur, dass ich viel, viel weiter will. Er bleibt hartnäckig, lässt obendrein kein gutes Haar an den Kambodschanern und meint, der Mopedverkehr sei drüben total chaotisch. Und überhaupt: Es würden überall Gauner lauern. Noch chaotischer als in Ho-Chi-Minh-Stadt ginge es wohl nicht, entgegne ich ihm. Kopfschüttelnd knallt er mir den Stempel in den Pass und meint, ich müsse ja wissen, was ich tue. Aus Sicht der Vietnamesen sind Kambodscha und seine Menschen unzivilisiert und beschränkt, selbst den kambodschanischen Geistern könne man in ihren Augen nicht trauen. Sie seien unfähig, und man solle sich vor ihnen hüten. Ein paar Meter weiter gratuliert mir der kambodschanische Grenzbeamte dazu, dass ich Vietnam überlebt habe, ab jetzt sei ich sicher und müsse mir keine Sorgen mehr machen. Herzlich willkommen!

Im Land der Khmer

Es erübrigt sich zu erwähnen, dass Vietnam und Kambodscha Nachbarn mit einem gespaltenen Verhältnis zueinander sind. Das hat vielfältige historische Gründe, die, wie so vieles in Indochina, mit dem Ende der Kolonialzeit und dem Vietnamkrieg zusammenhängen. Eingezwängt zwischen den wirtschaftlich erfolgreicheren Nachbarn Thailand und Vietnam, die von jeher Gebietsansprüche geltend gemacht haben, fühlte sich das Volk der Khmer bedrängt. Dazu muss man wissen, dass im 18. Jahrhundert vietnamesische Truppen einen Großteil des zu Kambodscha gehörenden Mekong-Deltas erobert hatten.

Gegen ihren Willen wurden die Kambodschaner in den Vietnamkrieg hineingezogen und erlebten wie kaum ein anderes Volk der Erde eine brutale Schreckensherrschaft. Dass sie sich ausgerechnet mit der Hilfe der ungeliebten Vietnamesen 1979 vom Joch der Roten Khmer befreien lassen mussten, empfinden die Kambodschaner nach wie vor als eine große Schmach. Ihren Stolz, ihre nationale Identität und das Gefühl, kulturell überlegen zu sein, schöpfen die Kambodschaner aus der über tausend Jahre alten Hochkultur von Angkor. Die Silhouette des Haupttempels ist Bestandteil der Nationalflagge (auch die Roten Khmer hatten die stilisierte Silhouette Angkors auf ihrer roten Flagge), wird gern als Symbol für Qualität benutzt und findet sich auf vielen Verpackungen, made in Kambodscha, wieder. Die Menschen dort beackern die fruchtbarsten Böden Asiens. Der Mekong mit seinen ungeheuren Wassermassen, der das Land in Nord-Süd-Richtung und die Ebene des Tonle-Sap-Sees durchfließt, bildet eine Lebensachse für das ganze Volk.

Ein paar Hundert Meter hinter dem Immigration Office findet sich ein kleiner Lebensmittelladen. Ich kaufe mir eine SIM-Karte und eine Dose Angkor-Bier, gehe auf die Straße und begrüße dieses spannende Land. Ich freue mich auf Kambodscha.

Südlich von Phnom Penh teilt sich der Mekong zum ersten Mal in einen Hauptarm und einen kleineren Nebenarm. In ihrer Mitte rolle ich gen Norden. Seit meinem Grenzübertritt hat der Fluss einen neuen Namen: Die Kambodschaner nennen ihn Tonle Thom, großer Strom.

Nun muss ich mich entscheiden, welche Straße mich nach Phnom Penh führen wird: eine nagelneue Asphalttrasse, die schnurgerade quer über die Felder gezogen worden ist, oder die uralte gewachsene Verbindung direkt entlang des Mekong, eine elendige Schotterpiste, kurvenreich und voller Leben. Ich wähle den Weg des größeren Widerstands. Komme ich an eine Gabelung, an der ich mir nicht sicher bin, welche Richtung ich einschlagen muss, findet sich schnell jemand, den ich fragen kann. Sogar die Kinder um mich herum können dazu eine verlässliche Auskunft geben. Wenn ich mich allerdings nach der Entfernung erkundige, wird es rätselhaft. Bald stelle ich fest, je höher der Arm des befragten in Fahrtrichtung gehalten wird, umso weiter ist die Distanz. Später erfahre ich den Sinn dahinter. Vielen Bauern ist die Benennung einer Entfernung in Kilometern fremd. Ihren Aktionsradius um den heimatlichen Hof definieren sie in Tagen per Ochsenkarren. Wobei der Horizont – das Höchstmaß dessen, was Ochsen zuzumuten ist – drei Tagesreisen entfernt liegt. Hebt der Bauer an der Straße seinen Arm so hoch es geht, muss das Ziel ziemlich weit sein.