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Vorwort von Andreas Altmann

Andreas Pröve hatte Glück. An einem sonnigen Apriltag 1981 fliegt er mit seinem Motorrad aus einer Autobahnkurve und bleibt querschnittsgelähmt liegen. Als 23-Jähriger. Ein Hubschrauber bringt den Schwerverletzten in ein Krankenhaus. Dort wird er acht Monate bleiben und jeden Tag wissen, dass vieles nicht mehr so ist, wie es war. Sein halber Körper ist tot. Nur wenn er schläft, kann er die Aussichtslosigkeit vergessen. Seine Yamaha wird verkauft, seine Wohnung aufgelöst, sein Arbeitsvertrag als Tischler beendet. Ist das Glück? – Ja. Wenn einer Pröve heißt und ein Herz hat wie er. Und Herzkammern entdeckt, die sich ohne das Unglück wohl nie geöffnet hätten.

Wie viele haben zwei tadellose Beine und benutzen sie zu nichts anderem, als damit durch ein fades Leben zu schlurfen? Ob ihnen ein Desaster auf die Sprünge helfen könnte? Auf dass sie aufschrecken und begreifen, dass auch sie vergehen?

Andreas Pröves Buch tut not. Als Gegengift. Damit wir nicht ersaufen im Seichtgebiet der Verblödung, mit der wir täglich bombardiert werden. Pröve versus den grassierenden Idiotismus. Er stiehlt uns nicht die Zeit, er verzaubert sie. Weil er uns etwas erzählt, das unser Leben reicher macht. Indem er von seinem Leben berichtet. Und vom Leben der Inder. Und von ihrem gemeinsamen Leben: den tausendeinhundert Millionen und ihm, dem pfiffigen Rollstuhlfahrer.

So viele Gemütsbewegungen und Irritationen hat er aufgeschrieben, so viele Gedanken und Hintergedanken, so viele Ernüchterungen und Jubelschreie, so viele Herausforderungen und Antworten, so viele Rätsel und so viel Staunen, so viel Fassungslosigkeit und wunderliches Glück. Andreas Pröve weiß, warum er sich seit dreißig Jahren in Indien herumtreibt. Der Subkontinent ist kein anderes Land, er ist ein anderer Planet, ist der brausende Wahnsinn, der jeden, der irgendwann die Spielregeln verstanden hat, mit Geschenken überhäuft. Ich kenne Leute, die schreiend auf und davon sind. Und andere, die nie wieder loskommen. Pröve ist so einer.

Er hat ein männliches Buch geschrieben, ein viriles. Im alten, im besten Sinne des Wortes. Kein Säusler wimmert hier, kein mürber Buchhalter, der uns die Boshaftigkeit der Welt vorrechnet, keine Schmerzensmutter aus dem Fernen Westen auf Betroffenheitstour durch das asiatische Elend, kein blindwütiger Gutmensch, der nur an edlen und herrlichen Indern vorbeizieht. Pröve traf auch die indischen Hundesöhne, weiß auch vom Hundeleben, dem Scheißleben, dem so viele nicht entrinnen. Er war also vor Ort, Augen und Hirn und Herz weit offen. Bisweilen quälend weit offen.

Wie ein (geistiges) Aphrodisiakum wirken seine Bilder, wie ein Herzschrittmacher, der unser Innerstes antreibt, ja es zwingt, Stellung zu nehmen, hinzuschauen, zuzuhören uns selbst: Wie hätten wir reagiert? Wie standgehalten? Wie aufgegeben? Pröve macht es uns vor. Er ist listig, er fährt durch die Gegend wie ein gerissener Eulenspiegel. Schlau der Mann, so oft so klug. Kein Wunder, bei der Neugier.

Bei mancher Szene habe ich geheult. Weil ich sie anders nicht ausgehalten hätte. So nah ging sie, so innig stand sie da. Irgendwann fand ich das lustig, auch bizarr: Ich verliere die Nerven, und er, der Mann im Rollstuhl, muss mich trösten. Ich werde nicht der Einzige bleiben, dem es so ergeht.

Diesmal sucht Andreas Pröve das »spirituelle Indien«, sucht die Krishna-Verzückten, die Auf-einem-Bein-Steher, die Hungerkünstler, die Hanuman-Eiferer, die Shiva-Pilger. Trifft sogar die Jaina-Jünger, die mit dem Staubwedel über den Subkontinent wandern. Auf dass keine Mikrobe unter ihren Sandalen zuschanden geht. Und Pröve rollt die Augen, fasst es jeden Tag weniger, ist begeistert, erschüttert, gerührt. Und – noch ein dickes Plus für den Verfasser – glaubt nichts, glaubt an nichts. So wenig wie an die göttlichen Jungfrauen seiner Kindheit, die in den Himmel abhoben. Der Indienfahrer nervt nicht mit religiösem Ergriffenheitsdusel, reist nicht als Reporter an, um als schwadronierender Wallfahrer wieder heimzukehren. Er schaut überall hin, berichtet mit heißer Feder über den schillernden Irrsinn und: bleibt bravourös vernunftbegabt.

Das letzte Lob. Es gehört Pröves Sprache. In Reisebüchern ist sie meist die erste Schwachstelle. Als armes Luder tritt sie oft auf, brav und redlich unbegabt. Bisweilen weiß man, woran es liegt. Weil der Autor zu viel Zeit mit seinen zwölf Eseln verbringt, mit denen er vom Nordpol zum Südpol zieht. Oder Pläne schmiedet, wie er den langen Trott – ohne Sonnenbrille! – zur Rettung der Menschheit nutzen könnte. Statt das eselige Dutzend (und sein erhabenes Ansinnen) zuzeiten links liegen zu lassen und über den Swing, das Seufzen, die Lichterketten nachzudenken, die Sprache in uns Lesern auslösen kann. Pröves Wortwahl macht Freude, sie überrascht.

Antoine de Saint-Exupéry, Erfinder des Kleinen Prinzen, notierte einmal: »Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht die Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.« Andreas Pröve ist kein Seefahrer, er fährt über Land, er lehrt uns die Sehnsucht nach der weiten, endlosen Erde.

Andreas Altmann

Metropole, Moloch, Sumpf und Slum: Ankunft in Mumbai

Der Marmorboden, die Ledersessel, die angenehme Kühle in der VIP-Lounge mit der bildhübschen Hostess, all der Luxus liegt nun hinter mir. Nur noch ein Meter trennt mich von Indien, nur eine Handbewegung würde genügen, um die Lichtschranke der Glastür zu unterbrechen.

Dahinter, ich spüre es, brodelt das Leben. Gleich wird Indien mich empfangen, jäh und heftig, innerhalb des Bruchteils einer Sekunde. Ich werde wie ein Astronaut, der auf einem anderen Stern seine Raumkapsel verlässt, eine neue Welt betreten.

Mit geschlossenen Augen rolle ich vor. Die Tür öffnet sich, und allen Sinnen voran steigt Indien mir zuerst in die Nase. Ausdünstungen der Menschen, vereint mit Abgasen, einer Spur Zimt, dem Rauch verbrannten Kuhdungs, diversen Currymischungen, aufgeheizt von einer wabernden Hitze, bilden das typisch indische Masala der Gerüche. Ja, Indien hat sein eigenes Aroma.

Nur Augenblicke später werde ich vom visuellen Eindruck fast erschlagen. An die dreihundert erwartungsvolle Augenpaare starren mich an, als käme ich nicht aus Frankfurt, sondern direkt vom Mond. Ihre Rufe gelten den Ankommenden hinter mir. Mich holt niemand ab.

Nur die Taxifahrer haben es auf mich abgesehen und unterbieten sich bereits gegenseitig im Preis. Alles nur Show, am Ende würden sie mich gnadenlos übers Ohr hauen. Der Polizist am Ausgang prügelt mit seinem Lathi, dem gefürchteten indischen Holzknüppel, eine Gasse für mich frei, als gelte es eine Rinderherde ins Gatter zu treiben. Welch ein Empfang. Nun schauen nur noch die Chauffeure der großen Hotels und internationalen Konzerne mit ihren Namensschildern fragend auf mich herunter.

Soll ich mich als Mister Müller ausgeben und einen luxuriösen Lift in die Stadt abstauben?

Nein, ich nehme meine Ankunft in Mumbai in die eigenen Hände. Nach acht Stunden Regungslosigkeit im Flugzeug brauche ich Bewegung. Jetzt, mitten in der Nacht, sind die Straßen noch frei, die Luft wird tagsüber auch nicht besser, und ein Hochgefühl im Herzen, endlich wieder in Indien zu sein, treibt mich voran. Ich könnte die Welt umarmen. Dabei war meine Stimmung eben noch von tiefer Trübseligkeit geprägt.

Mein Anblick in der Ankunftshalle muss jämmerlich gewesen sein – und so fühlte ich mich auch in diesem hässlichen Toilettenstuhl. Den hatte das Flughafenpersonal vom First Aid Room abgezogen, weil mein eigener Rolli verschwunden war. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er verbogen oder zerbrochen wurde oder sogar am anderen Ende des Erdballs landete. Einmal mehr spürte ich, dass er längst zu einem Körperteil geworden war, ohne den ich hilflos, wie ein zappelnder Maikäfer auf dem Rücken, keinen Meter vorankam. Schlimmer noch, als hätte man meinen Ferrari mit einer Seifenkiste vertauscht, fühlte ich mich den mitleidigen Blicken der übrigen Passagiere ausgesetzt. Klar, alles nur Einbildung, denn für die meisten Menschen ist Rollstuhl gleich Rollstuhl. Aber eben nicht für mich. Obwohl ich innerlich kochte, wusste ich doch genau, dass mich nichts tiefer in den Schlamassel hätte hineinreißen können, als mich lauthals aufzuregen. Denn ich befand mich nun in Indien, und dort – das ist die erste Verhaltensregel – bewahrt die Contenance, wer nicht sein Gesicht verlieren will. Aus diesem Grund brach ich auch nicht in Freudengeschrei aus, als mir in der VIP-Lounge mein Rolli und das Handbike ausgehändigt wurden, ich blieb cool. Schnell unterzog ich alles einer Kontrolle und prüfte, ob die Motorenteile noch vorhanden waren. Mit dem Motor nämlich wollte ich später die großen Überlandstrecken bewältigen.

Mein indischer Freund Nagender hatte mir die Adresse einer entfernten Verwandten gegeben, die in ihrer großen Wohnung im Stadtzentrum freundlicherweise ein Zimmer für mich frei geräumt hat. »Nimm dir ein Taxi«, meinte er am Telefon, »und zahl auf keinen Fall mehr als tausend Rupien.« Nagender ist hin und wieder etwas überbesorgt um mich. Wahrscheinlich hat seine Mutter ihm gesagt, pass auf, dass dem Jungen nichts geschieht. Deshalb habe ich ihm am Telefon verschwiegen, dass ich auf das Vergnügen, mit dem Rolli in die Stadt zu fahren, sicher nicht verzichten werde. Um eines bat er mich noch. »Weck sie nicht vor sechs Uhr, da ist sie unausstehlich!« Notfalls sollte ich noch ein paar Stunden am Flughafen warten. Nun, das passt genau in meinen Plan und gibt mir Zeit, diese Stadt mit der aufgehenden Sonne zu begrüßen.

Die Taxifahrer rufen mir noch hinterher: »Tu es nicht, fahr nicht mit dem Rollstuhl auf der Straße, es ist gefährlich!« Aber ich bin überzeugt, in ihrer Besorgnis drückt sich nur die Enttäuschung über die entgangene Fahrt aus und die Hoffnung, mich noch umzustimmen. »No problem«, rufe ich ihnen gut gelaunt zurück und steuere der Schnellstraße entgegen.

Fünf Spuren führen in die Stadt, fünf hinaus. Mir reicht der Standstreifen, auf dem ich jetzt, drei Stunden nach Mitternacht, gut aufgehoben bin. Ich gebe zu, es ist nicht idyllisch hier auf der Autobahn, zwischen dem Nato-Draht, der das Flughafengelände abriegelt, und schmutzig-grauen Betonhochhäusern. Landschaftlich eher uninteressant und sicher kein Traumstart einer Indienreise. Aber die triste Umgebung im Zwielicht der Straßenbeleuchtung tut meiner Laune keinen Abbruch, im Gegenteil, ich platze vor Tatendrang.

Wie sehr habe ich Indien vermisst. Dieses riesige Land, in dem die Welt kopfsteht. Wo Götter einen Elefantenrüssel tragen, wo Ratten und Kühe heilig sind, wo Gurus mit ihrem Penis Ziegelsteine anheben und Vegetarier die Kartoffel vor dem Verzehr um Verzeihung bitten. Dieses Land, das ständig Fernweh in mir auslöst und mich magisch anzieht, dem ich aber nach drei Monaten ebenso gern wieder den Rücken kehre, weil es mich auslaugt, fertigmacht und mir alles abverlangt. Dieses Land, das nicht rollstuhlgerecht ist und eher einer riesigen unüberwindlichen Barriere gleicht, in dem ich nie eine Toilette finde, wenn ich sie brauche. Dieses Land meiner Träume, das mich zu einem Duell herausfordert, dem ich mich nicht entziehen kann.

Nun hat Indien mich wieder, um, wie mit jeder Reise, mehr Fragen aufzuwerfen, als es beantworten kann. Aber dieses Mal will ich mir Klarheit verschaffen, will das spirituelle Indien entdecken.

Meine erste Reise auf den Subkontinent, im Jahr 1980, als ich noch laufen konnte, war wie ein Blind Date. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwartet und was ich tun muss, wenn etwas schiefgeht. Ich ließ es einfach auf mich zukommen. Damals, es war unweit von Kalkutta, traf ich am Ganges einen alten Sadhu, der in seiner orangefarbenen Kutte reglos auf einem Stein am Ufer hockte und mich nur ansah – nein, eigentlich sah er mich nicht an, er sah durch mich hindurch.

Jeden Tag saß er da. In meiner jugendlichen Naivität sprach ich ihn an und fragte, ob ihm nicht der Po wehtue und die Beine einschliefen und was er da überhaupt mache. Natürlich hat er dem dahergelaufenen Schnösel nicht geantwortet. Ich dachte, der Mann ist nicht von dieser Welt. Oder befand ich mich am falschen Platz? In einem jedoch war ich mir sicher: Sein Bewusstseinszustand lag jenseits meiner Vorstellungskraft. Er sah Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Allein sein bloßes Nichtstun warf tausend Fragen auf.

Seitdem versuche ich, Indien zu begreifen. Jetzt habe ich mir erneut vorgenommen herauszufinden, was den Sadhu auf dem Stein so geheimnisvoll machte. Ich will sie aufspüren und befragen, die Gurus und Sadhus, Babas und Heiligen, Asketen und auch die Quacksalber in ihren Ashrams und Einsiedeleien. Dabei sollen mir die Pilger als Spürhunde dienen, sozusagen als Navigator in das spirituelle Leben. Weil man Menschen an keinem Ort besser kennenlernen kann als bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, bei dem, was sie mit Inbrunst und ganzem Herzen tun, ihrer Wallfahrt. Ihnen will ich folgen, mit Bussen und Bahnen und, wenn es sein muss, auch in Handarbeit. Nagender, mit dem mich seit unserer gemeinsamen Reise zur Gangesquelle eine tiefe Freundschaft verbindet, wird dabei sein. Ich hole ihn zu Hause in Neu-Delhi ab, und dann starten wir gen Süden. Er wird mein Fährtenleser ins Herz der Inder sein.

Pilgern gleicht in Indien einem Volkssport, der keine Regeln kennt. Alles ist erlaubt. Wer sich ungern verausgabt, wählt die Lightversion und fährt im AC Luxury Coach bei Ganesh und Shiva vor. Damit kann man natürlich keinen Eindruck schinden. Wer dagegen seinem Gott zeigen will, wie lieb er ihn hat, gibt alles: Zeit, Geld, Schmerzen, die Gesundheit, und nicht selten geht dabei auch das eigene Leben drauf. Pilgern ist gefährlich. Der religiöse Kollateralschaden bezifferte sich in den letzten fünf Jahren auf über tausend Opfer. Dabei spielen die sonst so häufigen Verkehrsunfälle eine nachgeordnete Rolle. Bei religiös motivierten Terroranschlägen verbrennen Pilger oder werden zerfetzt. Häufig sind es nur Gerüchte, etwa von einem Feuer oder einer Blockade, die in großen Menschenmengen rasch zu einer Massenpanik führen. Dann stirbt es sich besonders schnell. Die Pilger werden zertreten, zerquetscht, sie ersticken. Nicht gerade rosige Aussichten für mein Vorhaben.

Jetzt, in den frühen Morgenstunden auf dem Highway, erregt etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Schon zum zweiten Mal überholt mich dieser Ambassador mit den verdächtigen Typen darin. Etwas merkwürdig auf der Autobahn, wo man nicht mal eben wenden kann. Vorhin, als sie an mir vorüberschlichen, so langsam, dass ich ihre Gesichter gut erkennen konnte, hatte ich ihnen noch freundlich zugewinkt und mich gewundert, dass keine Reaktion kam. Nun werde ich skeptisch. Wer sich auf der Autobahn verfährt, verlässt sie, um eine andere Richtung einzuschlagen, aber er begeht den Fehler nicht erneut, es sei denn, absichtlich. Ahnen die Typen, dass ich meine ganze Reisekasse im Gepäck habe? War es das, wovor die Taxifahrer mich am Flughafen hatten warnen wollen? Vernebelt mir die Euphorie den Blick auf die Gefahren? Ich sehe noch, wie der Wagen die nächste Ausfahrt nimmt. Auch ich müsste hier auf den Western Express Highway wechseln, um Richtung Stadtzentrum zu gelangen. Zum Glück ist die Betonbarriere, die verhindern soll, dass Kühe aus den Wohngebieten auf die Autobahn geraten, hin und wieder unterbrochen, was es mir ermöglicht, an einer Stelle hindurchzuschlüpfen und in einer schmalen Gasse zu verschwinden. Von hier aus kann ich unbeobachtet die Schnellstraße im Auge behalten. Ich nutze die Pause für ein zweites Frühstück und vertilge die Reste aus dem Flieger. Und tatsächlich: Nach zehn Minuten fährt der mysteriöse Ambassador erneut mit gedrosselter Geschwindigkeit vorüber. Alle Warnglocken in mir beginnen zu läuten, um mich darauf hinzuweisen, dass Inder nicht nur Gutmenschen sind.

Von nun an werde ich nur noch Schleichwege benutzen, egal, wie groß der Umweg auch ist. Laut Stadtplan befinde ich mich in Gandhi Nagar, einem modernen Wohnviertel, das, getrennt durch ein Sumpfgebiet, an Dharavi grenzt, den größten Slum Asiens. Mein Weg führt geradewegs durch diesen Moloch. Auch nicht gerade eine verlockende Alternative. Ich weiß zwar genau, dass Armut nicht gleichzeitig kriminell macht, aber mit Taschen voller Geld, Kreditkarten und einer teuren Kameraausrüstung nachts um vier durch einen Millionenslum zu fahren, und das als Rollifahrer, der kinderleicht auszurauben ist, wäre vermutlich etwas leichtsinnig. So werde ich also einen Bogen über das Air Force Quarter und den Stadtteil Tom’s Colony machen, um nach Kamathipura zu gelangen. Das erscheint mir der sicherste Weg.

Frau Sharma, Nagenders Verwandte, entstammt einer wohlhabenden Ärztefamilie aus Bophal, und ich freue mich schon auf eine mondäne Unterkunft mit Familienanschluss. Darauf, nicht wie sonst auf meinen Reisen zu überteuerten Preisen in irgendwelchen Hinterhofklitschen übernachten zu müssen. Sie wohnt in der S. V. P. Road, und das Haus hat sogar einen Namen: Sundara Bhavan, »Schönes Haus«. Wer so zentral zwischen der Chowpatty Beach und dem Hauptbahnhof wohnt, besitzt Geld, denn die Mieten in Mumbai sind die höchsten im Land. Welche Auswirkungen das auf die arme Bevölkerung hat, wird mir auf meinem Weg in die Stadt brutal vor Augen geführt. Es kommt mir vor, als rolle ich durch einen schlechten Science-Fiction-Film, in dem die Erde durch heillose Überbevölkerung aus den Fugen geraten ist. Aber hier ist das alles bereits Realität. Es gelingt mir kaum, die Slums zu umfahren, denn die Stadt ist durchsetzt davon. Die Bürgersteige sind gepackt voller Menschen, sie schlafen auf Bahndämmen, auf den Mittelstreifen der Schnellstraßen und zwischen parkenden Autos. Ich höre sie schnarchen, grunzen und furzen und im Schlaf reden. Die ersten Kilometer in Indien sind eine harte Prüfung, und ich frage mich, ob ich das Geld für die Reise nicht besser hätte spenden sollen.

Über Mumbai zieht die Dämmerung herauf, und zwanzig Millionen Menschen, die Hälfte davon wohnen in Slums, machen sich auf, ihr tägliches Brot zu verdienen. Die Obdachlosen hat noch keiner gezählt. Sie sammeln sich an den Hydranten zur Morgentoilette. Vielerorts hat die Stadtverwaltung Wasserhähne installiert. Eine Privatsphäre gibt es für diese Menschen nicht. Alles, was unsereins gewohnt ist, hinter verschlossenen Badezimmertüren zu tun, geschieht hier in der Öffentlichkeit. Die Menschen duschen ausgiebig, putzen sich die Zähne und schneiden sich die Fußnägel, ohne den Eindruck zu erwecken, als störe es sie, wenn alle Welt zuschaut. Faktisch aber ist die Menschenwürde hier auf dem untersten Niveau angekommen, und viele der Obdachlosen haben noch nie ein anderes Leben kennengelernt. Dem immer stärker werdenden Verkehr, der mich an den Straßenrand zu drängen droht, kann ich nur mit mutiger Hartnäckigkeit entgegentreten. Auf keinen Fall darf ich mich mit dem Rolli der Gosse nähern, die ist nämlich übersät mit den Exkrementen der Obdachlosen. Manche Spätaufsteher hocken immer noch da, mit dem Po zum Verkehr, und entleeren sich.

Die armen guten Geister der Nanny

In der S. V. P. Road angelangt, frage ich mich beim Anblick der Gebäude, ob ich hier wirklich richtig bin, denn Häuser reicher Leute hatte ich mir anders vorgestellt. Hier eine Fassade mit Farbe zu bepinseln wäre ein ziemlich sinnloses Unterfangen, denn von innen herauswachsender Schimmel sprengt jeden Anstrich im Nu ab. Manch unermüdlicher Hausbesitzer hat es dennoch versucht und sein Haus damit nur noch mehr verunstaltet. Die hohe Luftfeuchtigkeit setzt den Gebäuden sichtbar zu. In allen Fugen grünt und blüht es. Das hat zwar seinen eigenen Charme, aber den gilt es zunächst noch zu entdecken. Dazu kommen undichte, an der Außenmauer verlaufende Abflussrohre, die genau darauf hinweisen, wo in welcher Wohnung die Toiletten und Waschräume liegen und wann gespült wird.

Wie auf der Shiloh Ranch prangt über dem verrammelten Hoftor ein blechernes Schild mit der Aufschrift »Sundara Bhavan«. Ein kurzes Rütteln am Tor verursacht einen Höllenlärm, der den Nachtwächter augenblicklich hochschrecken lässt. Sein Bett sind die Treppenstufen vor dem Hauseingang. Verschlafen öffnet er das riesige Vorhängeschloss und lässt mich ein, er hat mich schon erwartet. Ohne ein Wort zu sagen, zerrt er mich umständlich die drei Stufen hinauf und weist auf den geöffneten Lift im Hausflur. Vor jeder Wohnungstür liegt jemand auf dem Fußabtreter, und auch der Aufzug wird als Nachtlager zweckentfremdet. Es ist der Liftboy, der hier schnarchend seinen Arbeitsplatz sichert. Vermutlich wäre für ihn die andere Alternative die Straße. Auf meine Entschuldigung, ihn geweckt zu haben, sagt er nur »no problem« und bringt mich in den dritten Stock. Doch verlassen kann ich den Lift nicht, am Ausgang schläft ein Mann ohne jegliche Zudecke auf dem blanken Steinboden. Hauspersonal zu haben ist in Indien ein Statussymbol, doch übernachten muss es vor der Tür.

Mit einem strahlenden Lächeln öffnet Frau Sharma mir im Morgenmantel die Tür: »Hallo, Andreas, komm rein, du bist früh dran, ich habe dich erst um sieben Uhr erwartet.«

»Ja, ich bin selbst überrascht«, lüge ich, »manchmal ist der Rollstuhl schneller als ein Taxi. Vielleicht sollte ich ihn Rennstuhl nennen«, klopfe grinsend auf die Räder und signalisiere ihr damit: Der Rollstuhl ist kein Tabuthema. Als sei sie erleichtert über diese Botschaft, entgegnet sie freudig erregt: »Nagender hat schon erzählt, wie geschickt du damit umgehst.« Mit Nachdruck fügt sie an: »Du kannst ›Nanny‹ zu mir sagen, all meine Enkelkinder nennen mich so, und du gehörst ja jetzt auch zur Familie.«

»Oh, welch eine Ehre für mich«, antworte ich herzlich.

Sie führt mich durch alle Räume, zeigt mir, wo in der Küche der Toaster, die Butter und die Marmelade stehen, erklärt, dass Besteck unverzüglich abzuwaschen ist, wegen der Ungeziefer, und dass ich das Leitungswasser getrost trinken könne, es sei sauber. Ich lächle freundlich und denke: Ich werde mich davor hüten. Das mit dem Wasser sagen sie nämlich alle. Lichtscheues Gesindel wie Kolibakterien und Konsorten schwimmen immer nur im Wasser der anderen. Nanny, die gute Seele, macht sich keine Vorstellung von den Wutausbrüchen meines Magen-Darm-Traktes, wenn man mit ihm experimentiert. Sollte ihr Leitungswasser tatsächlich frei von allen Bösewichten sein, muss es sich um eine verheerende Chlorbrühe handeln. Nein, bitte keine zweifelhaften Abenteuer. Ich will Indien erleben, aber doch nicht daran erkranken.

Nach ihrer Einweisung steigt Nanny ohne Umschweife wieder ins Bett, widmet sich dem Frühstücksfernsehen und würdigt mich keines weiteren Blickes mehr. Indische Gastfreundschaft ist manchmal merkwürdig.

Auch sie hat einen servant, ihre Dienerin. Allerdings muss sie nicht auf dem Flur übernachten, wie die der Nachbarsfamilien, sondern auf Nannys Bettvorleger. Als Leibeigene immer verfügbar. Gleichwohl noch besser als draußen, denke ich. Aber der Anblick bleibt schmählich für Nanny und entwürdigend für die arme Frau.

Sie ist das Mädchen für alles, was unterhalb der Tischkante liegt, macht mein Bett, räumt auf, wäscht die Wäsche, fegt, schrubbt den Boden und putzt das Klo. Ihr Sari ist so unansehnlich grau wie der Putzlappen, mit dem sie in gebückter Haltung, fast unterwürfig, überall herumwuselt. Was mich aber völlig irritiert, ist ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Manchmal komme ich in einen Raum und registriere sie erst Minuten später, als könne sie sich meiner Wahrnehmung entziehen – geradezu geisterhaft.

Mittags kommt eine zweite Frau, die aber im Kastenstand weit höher angesiedelt ist, was deutlich spürbar wird am wohlwollenden Ton, in dem Nanny mit ihr spricht. Die Köchin bringt Tüten voller Lebensmittel mit und bereitet für uns südindisches Thali, verschiedene vegetarische Gerichte in kleinen Schalen, zu. Kurz darauf ist sie wieder verschwunden.

Während wir die reichhaltige Auswahl verschiedener Soßen mit eingelegtem Gemüse mischen, hockt die Magd – mir kommt sie eher wie eine Sklavin vor – auf dem Boden und löffelt mithilfe eines zerfledderten Chapatis, dem indischen Fladenbrot, dünne Brühe aus ihrer Blechschale. Einem Haustier ähnlich. Ich finde die Situation höchst peinlich. Fast bleibt mir das Essen im Halse stecken. Ich bin vermutlich der Einzige, der sich hier unwohl fühlt. Nanny wäre sicher not amused, würde ich ihre Dienerin an den Tisch bitten. Widerwillig füge ich mich in meine Rolle als Gast und mache gute Miene zu bösem Spiel. Nanny ist mir nicht unsympathisch, doch ihr elitärer Habitus spiegelt eine Feudalgesellschaft aus dem letzten Jahrhundert wider. Im krassen Gegensatz dazu stehen ihre Essgewohnheiten. Sie schmatzt, rülpst, kleckert den Tisch voll und hinterlässt ihrer Dienerin ein Schlachtfeld.

In meinen Vorträgen stelle ich gewöhnlich die Behauptung auf, das Kastensystem verwässere sich in den Großstädten Indiens und verliere an Bedeutung. Hier, hinter den Kulissen, werde ich eines Besseren belehrt. Gerade erwäge ich zu fragen, wer das Essen zubereitet hat, da erklärt sie mir, wie wichtig reine Lebensmittel sind, als hätte sie meine Gedanken lesen können. Doch was sie mit »rein« meint, begreife ich erst im zweiten Moment: »Weißt du, Andreas, wir Inder schauen genau hin, wer unser Essen zubereitet.« Ich will es genauer wissen: »Ja, wer war denn die Frau, die das Essen gebracht hat?«

»Sie gehört zu der Religionsgemeinschaft der Jain und kommt von Olga, von Olgas Tiffin Service, hier um die Ecke.«

Dabei könnte ich es bewenden lassen und meinen Bauch zum Verdauen der Pritsche anvertrauen. Aber ich spüre schon, daraus wird nichts. Nanny hat mit den drei Sätzen eine alte Nervensäge in mir wachgerüttelt – die Neugier. Eine üble Plage, der schon vor vierzig Jahren das Kofferradio meiner Eltern zum Opfer fiel, weil ich dem Gnom darin ins Antlitz sehen wollte. Zum Glück hat sich die Nervensäge als produktiv, ja sogar lebensnotwendig entpuppt.

Frau Olga lehrt mich das Essen

Nun stürze ich mich neugierig ins Verkehrsgewühl von Mumbai und gehe auf die Suche nach Frau Olga. Den Solex-Motor hatte ich am Morgen gleich zusammengesetzt und im Hof einer Testfahrt unterzogen. Doch für meine Reise in den kommenden Wochen gen Norden will ich ihn nicht einsetzen. Nach Delhi werde ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, um auch diese Perspektive zu erleben. Der Motor soll dann seine Fähigkeiten auf den großen Distanzen Richtung Süden beweisen. Im Stadtverkehr von Mumbai, der regelmäßig zum Erliegen kommt, wäre der Motor sogar hinderlich. Mit der Handkurbel bin ich hier erheblich wendiger und schneller, kann im Zickzack durch den Stau an die Ampel heranfahren und bei Grün als Erster starten.

Bürgersteige meide ich in Indien wie der Teufel das Weihwasser. Sie sind extrem hoch, nirgends abgesenkt, werden als Toilette benutzt oder sind nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern. Nanny hatte mir, nachdem ich ihr Angebot, mir ein Taxi zu rufen, abgelehnt hatte, widerwillig erklärt, wie ich Olga finden kann. Aber vermutlich ist sie noch nie in ihrem Leben den Weg dorthin gegangen, denn ihre Beschreibung führt mich in ein Labyrinth von Gassen, in denen niemand Olga kennt. Entnervt stehe ich kurz davor, doch ein Taxi zu rufen, da sehe ich einen Radfahrer auf mich zukommen, beladen mit Henkeltöpfen, die denen ähneln, worin das Essen in Nannys Wohnung geliefert wurde. »Wo ist Olgas Tiffin Service?«, frage ich ihn. Er kennt sich aus und bombardiert mich mit einer Wegbeschreibung, die mein Gedächtnis deutlich überfordert. Am Ende stehe ich vor einer unscheinbaren Tür in einer Nebenstraße der S. V. P. Road, Nannys Wohnung liegt um die Ecke. Nichts weist darauf hin, dass hier reine Lebensmittel zubereitet werden. Im Gegenteil: Um Türklinken und Lichtschalter, am Handlauf des Treppenaufgangs und an den Wänden, überall sind die Rückstände Tausender Fettfinger sichtbar.

»Bitte warten Sie hier, Frau Olga wird Sie gleich in ihrem Büro empfangen.« Ein Mitarbeiter hat mich durch einen dunklen, engen Flur begleitet und klopft nun vorsichtig an eine Tür mit der Aufschrift »Olgas Tiffin Service – Office«. Ich werde hereingebeten und stehe zum ersten Mal in meinem Leben in einem Büro ohne jegliches Mobiliar. Alle Angestellten hocken im Schneidersitz auf dem Boden, eingekreist von Ordnern und losen Blättern. Frau Olga, beleibt, Mitte vierzig, begrüßt mich mit aneinandergelegten Handflächen, einem »Namaste«, und gibt bereitwillig Auskunft über ihr Geschäft: »Wir bereiten jeden Tag zweihundert Mahlzeiten zu, und dabei verwenden wir ausschließlich Lebensmittel, die über der Erde wachsen.« Ich bin überrascht und frage nach: »Das bedeutet, Sie sind nicht nur Vegetarier, auch den Verzehr von Wurzeln lehnen Sie ab?« »Ja«, bestätigt sie, »wir sind Jains und beschützen alles Leben. Pflanzen, die herausgerissen werden, müssen sterben. Das vermeiden wir, denn Tiere und Pflanzen sind genauso beseelt wie wir Menschen. Unsere Kunden schätzen das und bestellen das Mittagessen gern bei uns.« Fasziniert erfahre ich von ihr, dass durch den Fleischverzehr, der ja das Töten von Tieren voraussetzt, die Gewalt und das Leiden, das den Tieren angetan wird, in den Konsumenten übergeht. Das betrifft auch den Verzehr von Wurzeln.

Nahrungsaufnahme hat etwas mit Bewusstseinsbildung zu tun, meint sie und behauptet, dass auch die Seele des Kochs von immenser Bedeutung für den Verbraucher sei. Mit der Reinheit der Nahrungsmittel und des Kochs erhöhe sich der Bewusstseinszustand des Konsumenten. »Wer sich von ehrlosen Menschen Lebensmittel zubereiten lässt, wird selbst ehrlos«, stellt sie kategorisch fest.

Ohne darüber nachzudenken, wie phantasielos ihr meine Frage erscheinen muss, entgegne ich: »Aber was bleibt übrig, wenn die Palette der Nahrungsmittel so eingeschränkt ist?« Als hätte sie auf eine solche Äußerung nur gewartet, ruft sie einen ihrer Mitarbeiter herbei, der mir ein Tablett mit Thali, dem südindischen Gericht, auf dem Schoß serviert. »Bitte, probieren Sie selbst.« Im festen Glauben daran, dass der Koch nicht nur eine makellose Seele hatte, sondern auch saubere Finger, greife ich zu und bin von der geschmacklichen Vielfalt der Soßen und den vielen Gemüsesorten begeistert. »Sind Sie Vegetarier?«, fragt sie fast beiläufig. Jetzt hat sie mich kalt erwischt. Soll ich ehrlich oder diplomatisch antworten? Vielleicht folgt meiner Antwort eine Lehrstunde in Mystik. Auf Inder kann nämlich auch eine Hölle warten. Es ist eine Zwischenwelt vor der Wiedergeburt, in der der Fleischesser allen Tieren noch einmal begegnet, an denen er sich vergangen hat und die sich nun ihrerseits an seinem Fleisch gütlich tun. Ein Grund, warum vegetarische Kost in Indien so verbreitet ist. Ich beschließe, ehrlich zu bleiben: »Nein«, lautet meine Antwort, »aber ich esse wenig Fleisch.«

Ich ahne, wen Frau Olga mit mir in einen Topf wirft: die Moslems und alle, die tote Tiere essen. Wie denkt sie wohl über mich?

Die Frage, ob sie mich als unreinen Fleischesser verabscheut, stelle ich ihr lieber nicht. Ich will sie nicht in Verlegenheit bringen. Und doch erhalte ich darauf eine Antwort, als ich sie bitte, in der Küche fotografieren zu dürfen. Sie lehnt ab, bietet mir aber an, selbst die Fotos zu machen. Mir könne sie das nicht erlauben, ich würde die Küche beschmutzen. Klar, dass damit nicht nur meine Rolliräder gemeint sind, auch mein unreines Bewusstsein könnte die Lebensmittel kontaminieren.

Wieder auf der Straße, komme ich mir plötzlich befleckt vor, als hätte mir gerade jemand einen Spiegel vorgehalten, in dem ein Stigma sichtbar wird, das sich nicht abschütteln lässt. Ich muss schwer schlucken und gehe in die nächste Garküche auf einen Chai, dem mit Milch aufgebrühten Tee, um über die Sache nachzudenken.

Ich reise nach Indien, um Land und Leute besser kennenzulernen – zu verstehen, wie die Inder ticken, sozusagen –, muss mir aber erst einmal darüber klar werden, mit welchen Augen ich eigentlich betrachtet werde. Halten die Hindus mich für ein Monster, weil sie wissen, dass ich, ohne mit der Wimper zu zucken, ein blutiges Steak vertilgen könnte? Ekeln sich die Moslems vor mir bei dem Gedanken, jemandem gegenüberzustehen, der Schwein isst? Verachten mich die Jains, weil ich Kartoffeln und Möhren verspeise? Was halten die Sikhs, Parsen und Buddhisten von Leuten wie mir? Warum massakrieren sie sich nicht gegenseitig, weil der eine etwas tut, was der andere despektierlich findet?

Ich bin nicht in das Kastensystem integriert, also ein Kastenloser. Erschwerend kommt hinzu, dass ich im Rollstuhl sitze, also durch das Ansammeln von schlechtem Karma in meinem vorigen Leben heruntergestuft wurde. Auch physisch bewege ich mich auf einer niederen Ebene, nah dem schmutzigen Boden. Tatsächlich, wenn ich meine Hände betrachte, sind sie durch die Art meiner Fortbewegung immer dreckig. Indische Rollstuhlfahrer treten in der Regel als verstümmelte, bemitleidenswerte Bettler auf, denen man Almosen gibt, um sein eigenes Karma günstig zu beeinflussen. Die Reichen unter ihnen lassen sich von ihrem Chauffeur hinter getönten Scheiben durch die Stadt kutschieren und treten in der Öffentlichkeit kaum auf.

So oft haben mir indische Mitreisende im Zug ihr tiefes Bedauern ausgesprochen, weil ich allein reise und nur aus einem kleinen Rucksack lebe. Inder reisen ungern allein, und oft scheint es so, als hätten sie den halben Hausstand dabei.

Angesichts dieser Tatsachen frage ich mich, warum die Inder noch immer so zuvorkommend sind und mich nicht wie einen Aussätzigen behandeln. Meine Situation scheint gänzlich hoffnungslos. Oder besitzen sie einfach eine große Toleranz, die sie alles akzeptieren lässt, selbst ihrem eigenen Glauben diametral gegenüberstehende Weltanschauungen und religiöse Rituale? Eher glaube ich, dass es unter der friedlichen Oberfläche heftig brodelt.

Das Einzige, was mich rettet, sind meine Hellhäutigkeit und zweihundert Jahre englische Kolonialherrschaft, in der die weiße Haut zu einem Synonym für die Schönen und Reichen geworden ist. Sie überstrahlt alle negativen Attribute. Die Engländer sind zwar längst vertrieben, und der Konzern TATA dreht langsam den Spieß um, kauft in einem Akt postkolonialer Vergeltung scheinbar aus der Portokasse die englischen Traditionsmarken Jaguar und Landrover, doch die riesigen Werbeplakate verkünden noch immer die Botschaft: helle Haut gleich edle Herkunft, Wohlstand und Schönheit. So habe ich bei den Indern vielleicht noch eine Chance, wenn ich mich nicht zu lange in die Sonne lege und dunkelhäutig werde.

Vom Klappern der Henkeltöpfe an den vorbeifahrenden Rädern werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Wo fahren die eigentlich hin? Ich zahle den Tee und folge einem von ihnen. Akrobatisch laviert der Radler zwischen den Fahrzeugen, touchiert hier und da mit einer der Kannen das Blech einiger Autos, dass ich Mühe habe, ihm zu folgen, und endet schließlich an der Churchgate Station, unweit des zweiten großen Bahnhofs, der Victoria Terminus Station. Hier wird er bereits von Dabba Wallas erwartet, einer Gruppe weiß gekleideter Männer.

Wallas erleichtern den Menschen das Leben. Jedes Büro hat einen. Sie bringen Tee und erledigen Botengänge. Sie schleppen den Einkauf nach Hause, waschen das Auto oder führen die Hunde aus. Dienstleistungen sind ihr Job. Des Dabba Wallas Markenzeichen ist seine zu einem Schiffchen geformte Kappe. Emsig sind sie damit beschäftigt, Hunderte Tiffins zu sortieren, von Fahrrädern auf Handkarren umzuladen und abzutransportieren. Ich versuche das System dahinter zu begreifen, denn jede Kanne ist mit geheimen Runen, Buchstaben und Zahlen in unterschiedlichen Farben beschriftet. Aber es bleibt mir ein Rätsel. Ich ahne, dass ich gerade Zeuge einer logistischen Meisterleistung ohnegleichen bin, denn jede Mahlzeit hat in dieser Zwanzig-Millionen-Metropole eine bestimmte Herkunft und ein genaues Ziel. Und wehe, ein Tiffin wird vertauscht, schließlich geht es hier um nichts Geringeres als die Reinheit von Körper und Seele der Kunden. Die sitzen in ihren Büros und erwarten in einer halben Stunde die Hausmannskost ihrer Ehefrauen oder Olgas Delikatessen, individuell gewürzt und in jeder Hinsicht rein. Ich suche mir eine Kanne aus, um ihr zu folgen. Für wen mag die Mahlzeit darin gedacht sein? Auf dem Deckel prangt die Swastika, das seitenverkehrte Hakenkreuz, ein indisches Glückssymbol. Das kann ich mir gut merken. »Mein« Henkeltopf wird mit zwanzig anderen auf ein Fahrrad verladen, und schon geht’s ins Verkehrsgewühl. Weit muss ich dem Dabba Walla zum Glück nicht folgen, bereits eine Straße weiter, vor dem Gebäude der »Southern Railways«, ist das Ziel erreicht. Der Aufzug bringt uns in ein Großraumbüro im ersten Stock. Schreibtisch an Schreibtisch steht hier aneinander, es herrscht emsige Betriebsamkeit, und die Luft ist erfüllt vom Geruch angespitzter Bleistifte. Wie ein Briefträger verteilt der Bote die Henkelmänner auf den Tischen und liefert die letzte Kanne ins Büro von »Superintendent Dr. Gupta«.

»Ich möchte Sie nicht stören«, beginne ich vorsichtig, nachdem er sein Mittagessen in Empfang genommen hat, »aber ich hätte Sie gern etwas gefragt.«

»Nur zu«, antwortet er mit ausgesuchter Höflichkeit und bietet mir einen Stuhl an. Dankend lehne ich ab, einer reicht mir. Sein Fingerschnipp aktiviert den Teewalla in der Ecke – wieder so ein Mensch, der sich unsichtbar machen kann –, und schon habe ich einen heißen Chai zwischen den Fingern.

Bevor ich jedoch meinen Wissensdurst stillen kann, werde ich von ihm in einen typisch indischen Smalltalk verwickelt, in dem er mir unmissverständlich mitteilt, dass er wenig Zeit und Lust hat, sich mit mir zu unterhalten. Er stellt Fragen, deren Antwort er nicht abwartet, greift im Gespräch zu Akten, die er sich ansieht, und unterbricht mich mitten im Satz, um erneut Tee anzubieten. Erst als ich ihn nach dem faszinierenden Verteilsystem der Dabba Wallas frage, beginnen seine Augen wach zu werden. Wie ein Springbrunnen sprudeln plötzlich die Lobeshymnen auf den Durchhaltewillen der Inder, ihren Optimismus, ihren Fleiß und ihre Fähigkeit, selbst aus kleinsten Marktlücken noch ein lukratives Geschäft zu machen.

Eigentlich wollte ich von ihm wissen, was seine Frau ihm heute gekocht hat, aber mit seinem Enthusiasmus bringt er mich auf eine Idee: »Wie würden Sie Mumbai charakterisieren?«, frage ich ihn. Sarkastisch ruft er aus, als solle es jeder im Büro hören: »Mumbai ist die Stadt der Hoffnung. Selbst wer im letzten Dreckloch lebt, findet immer jemanden, dem es noch schlechter geht. Das baut auf und spornt an, sich hochzuarbeiten. Die Portugiesen haben Bom Bahia auf sieben Mangroveninseln errichtet. Bis heute strampeln seine Bewohner, um sich aus dem Sumpf zu befreien.« Er fordert mich auf, aus dem Fenster zu schauen, und fragt, was meiner Ansicht nach wohl der Mann dort unten mit dem roten Kopftuch tue. »Keine Ahnung, der steht da nur«, antworte ich ratlos. »Ja, der wartet auf Kunden, denen er die Ohren putzen kann.« Während er zurück zum Schreibtisch geht und sein Tiffin öffnet, fügt er hinzu: »Er ist ein Beispiel für den Überlebenswillen der Menschen hier.«

Ich spüre, dass für ihn die Unterhaltung damit beendet ist, denn er wendet sich nun seiner Mahlzeit zu und lässt mich links liegen. Ich will ihm nicht mit weiteren Fragen den Appetit verderben und verabschiede mich.

Nur die Geier verweigern den Service

Service wird in Mumbai großgeschrieben. Es gibt keine Dienstleistung, für die sich nicht jemand finden lässt. Da sind die Ohrenschmalzentferner, die mit einer Nadel und Fingerspitzengefühl zusätzlich Sand und kleine Steinchen aus den Gehörgängen ihrer Kunden zaubern – man will schließlich etwas sehen für sein Geld. Da gibt es Sitzplatzbesorger, beauftragt von Fahrgästen der Bahn ohne Platzreservierung, Teleskophalter warten am Gate of India mit selbst gemachten Ferngläsern auf Kunden, denen sie in achtzig Sekunden vorplappern, wie Bom Bahia über Bombay zu dem Namen Mumbai kam.

Sollte einem der Überblick über das Hauspersonal verloren gehen, bedient man sich eines Butlers, der für die gute Kommunikation zwischen den Hierarchien sorgt.

Auch das spirituelle Wohlbefinden der Bürger ist Lebensgrundlage einer ganzen Armee von Helfern. Wer seinem Karma auf die Sprünge helfen will, kann bei den Geldwechslern günstig Papiergeld in Münzen tauschen, um es unter den Bettlern zu verteilen. Die wiederum tragen es am Abend zurück, um sich Noten auszahlen zu lassen. Natürlich nur gegen Gebühr. Anderen Gutes tun entspringt hier egoistischem Denken und weniger der Nächstenliebe.

Mumbai lehrt mich auch, dass sich das Füttern von Tauben und Kühen positiv auf das zukünftige Leben auswirken kann. Diese lukrative Einnahmequelle haben Bauern und Futterverkäufer für sich entdeckt. Der Bäuerin an der Straßenecke das Gras abkaufen und es ihrer eigenen Kuh zum Fraß vorwerfen gehört zu den Diensten am eigenen Seelenheil, für das man auch gern etwas mehr Geld ausgibt. Die Bäuerin freut es und die Kuh allemal.

Tauben füttern ist für viele Bewohner Mumbais zu einem Ritual geworden, das vor dem Tempelbesuch durchzuführen ist. Über die ganze Stadt verteilt liegen die Taubenfütterungsstellen, an denen der Gutmensch erstklassiges Getreide kauft, um es über dem Vogelschwarm zu verstreuen. Damit wird die Saat gelegt für ein blühendes zukünftiges Leben. Dass es besser wäre, die Lebensmittel unter den Obdachlosen der Stadt zu verteilen, finden die Tierfreunde nicht, schließlich sei Taubenfüttern die effektivste Art, das Karma zu beeinflussen. So leidet Mumbai unter Millionen Tauben, die alles – mit Verlaub – zuscheißen.

Ich stehe am Apollo Bunder, am Gate of India, und werde von ungezogenen Kindern belagert. Es ist ein historisch bedeutender Ort, denn durch das Tor verließ 1948 das letzte britische Bataillon Indien und beendete damit eine fast zweihundertjährige Kolonialherrschaft. Gegenüber steht drohend das Reiterstandbild Shivajis, des berühmten Marathenführers, als wolle er dem letzten Engländer noch einen Tritt in den Hintern geben. Keiner der verhassten Imperialisten sollte im Land zurückbleiben. Er ist Held der Hindu-Nationalisten, die es durchgesetzt haben, dass von den Briten geänderte oder gar verballhornte Ortsnamen wieder indisch klingen. Wenn aber die VT-Station, der Hauptbahnhof, plötzlich in Chatrapati Shivaji Terminus umbenannt wird, ist die Toleranz Mumbaier Zungen überstrapaziert. Sie ignorieren das.

Ich frage mich, was wohl aus Indien geworden wäre ohne die britische Okkupation. Vielleicht hätte es das Hotel Tadsch Mahal, dessen riesiger Bettenturm einen Schatten auf die Stadt wirft, nicht gegeben. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, der Großindustrielle Tata, ein Parse, habe es 1903 errichten lassen, weil er ein von Engländern betriebenes Hotel nicht betreten durfte. Bis heute bilden die Nachfahren eingewanderter Perser eine einflussreiche, sehr wohlhabende Schicht. Und noch immer pflegen sie ihre Tradition der Verehrung des Feuers, des geflügelten Gottes Ahura Mazdas und ihres Propheten Zarathustras.

Ob sie mich hineinlassen? Ich fahre schließlich nicht in einer Limousine vor, sondern im Rollstuhl.

Der Ausblick von den oberen Stockwerken muss atemberaubend sein, da könnte ich einmal über den eingeschränkten Horizont meiner Froschperspektive hinausschauen. Ich bin überzeugt, einem Inder mit meinem Outfit wäre hier der Zutritt verwehrt. Doch das Empfangspersonal, kostümiert wie Aladin mit der Wunderlampe, schiebt mich eigenhändig die Rampe hinauf. Als wäre ich ein Gast, rolle ich quer durch die Eingangshalle den Aufzügen zu. Ein halbes Jahr später, Ende 2008, richten Terroristen hier ein Blutbad an, bei dem dreiunddreißig Hotelgäste sterben. Als gäbe es bereits jetzt dunkle Vorahnungen, scheinen die Sicherheitsvorkehrungen verschärft zu sein. An strategisch wichtigen Punkten stehen Rambos, die aussehen, als würden ihnen beim nächsten Atemzug die Knöpfe vom Revers fliegen. Auffällig unauffällig haben sie das Geschehen im Blick.

Weil Rollstuhlfahrer per se harmlos sind, beachtet mich niemand. Etwas Glück brauche ich trotzdem, denn der Lift lässt sich nur mit einer Chipkarte bedienen. Im letzten Moment husche ich schnell durch die Tür und fahre mit den anderen Gästen ins oberste Stockwerk. Jetzt, in den späten Vormittagsstunden, steht der Room Service unter Hochspannung, viele Zimmertüren stehen offen, und niemand hindert mich am Betreten der Suite. Drei Nächte in diesem Luxus würden meine komplette Reisekasse ruinieren. Wie erwartet, steht der »Floor Observer« in der Tür und fragt, ob er helfen kann. Ohne ihn besonders zu beachten, wühle ich unter Bettdecken, in Schubladen und Schränken herum und sage beiläufig, dass ich nur etwas vergessen hätte. Seine Arglosigkeit verschafft mir zehn unbeobachtete Minuten, um durch das Fenster herrliche Fotos von der Skyline Mumbais zu machen. Aber ich sehe auch die Obdachlosen in den Straßen, deren Lebensraum Lichtjahre von einem Hotelzimmer wie diesem entfernt ist.

Beim Verlassen gehe ich noch einmal luxuriös pinkeln, greife das Betthupferl ab und verschwinde unauffällig.

Draußen an der Kaimauer werde ich wieder von Kindern umkreist, die mir vergilbte Bücher wie »Werde reich und glücklich« oder »Das Google-Imperium« andrehen wollen. »Hello, Uncle, cheap price only for you.« Als ich auch ihr Haschisch in »best quality« ablehne, verlieren sie endlich das Interesse an mir. Direkt vor meinen Augen rauscht plötzlich eine verdunkelte Limousine heran, der Chauffeur sprintet um das Auto und öffnet die Beifahrertür. Nach allen Regeln gängiger Klischees müsste jetzt ein gut gekleideter Schauspieler oder Politiker erscheinen. Doch es ist eine in weißes Tuch gehüllte alte Dame, die mit einer Plastikflasche schnurstracks die Piertreppe hinuntersteigt. Mit der Hand schiebt sie den abscheulichen Teppich von Tang, in dem sich Müllreste, tote Ratten und Fische verfangen haben, etwas beiseite, bis das von Ölresten in allen Regenbogenfarben schimmernde Wasser des Hafenbeckens sichtbar wird. Nun schöpft sie es mit ihrer Flasche, lässt es zurücklaufen und murmelt dabei Gebete. Als sie die Treppe wieder heraufkommt, rolle ich auf sie zu und frage, was sie da gerade getan hat. Abgeklärt und jovial, wie wohlhabende Inder sich gerne geben, erklärt sie mir, dass es heiliges Wasser sei und sie, wie alle Parsen, die Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser verehrt. Ich frage mich, wie man eine solche Giftbrühe anhimmeln kann. »Aber das Wasser hier ist doch vollkommen verdreckt«, ermahne ich sie, wohl wissend, dass ihr das nicht entgangen ist. »Ja«, stimmt sie zu, »früher war auch die Luft in Mumbai besser, aber das ändert doch nichts am spirituellen Wert der Elemente!« Die Heiterkeit in ihrer Stimme trübt sich ein, als ich auf die Lebensverhältnisse in Mumbai zu sprechen komme. »Es hat sich vieles verändert«, beginnt sie und schaut sorgenvoll auf die historische Hotelfassade, »die Reichen werden immer reicher, die Armen ärmer. Der Boom erreicht nur wenige.« So redet sie, als seien die Probleme unabwendbar und gottgegeben. Dann aber wird sie energisch: »Das Schlimmste ist«, sagt sie verächtlich, »es gibt keine Geier mehr. Wenn ich einmal sterbe, werden sich Milane und Krähen über mich hermachen.« Mit einer wegwerfenden Bewegung verabschiedet sie sich von mir. Ich überlege, ob es einen großen Unterschied macht, wenn die sterbliche Hülle von Milanen und Krähen statt Geiern ausgeweidet wird. Mir wäre das egal.

Wie man einen Touristen übers Ohr haut