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Krause & Winckelkopf

Ostkreuz

Ein Friedrichshain Krimi

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ebook im be.bra verlag, 2014

© der Originalausgabe:
berlin.krimi.verlag im be.bra verlag GmbH, Berlin-Brandenburg, 2013
KulturBrauerei Haus 2
Schönhauser Allee 37
10435 Berlin
post@bebraverlag.de
Lektorat: Gabriele Dietz, Berlin
Umschlag: Ansichtssache, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von fult/Quelle: photocase
ISBN 978-3-8393-6131-3 (epub)
ISBN 978-3-89809-530-3 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Ostkreuz

*

Ich brauche keine Zeitung, um mich dahinter zu verstecken. Ich bin unsichtbar, und doch sehe ich euch, wie ihr mir gegenübersitzt und eure iPods hört, eure iPads bedient oder mit euren Smartphones spielt. Wie ihr im Türraum steht und eure Stevens-Fahrräder festhaltet, in euren North-Face-Jacken, während des Bremsens und Beschleunigens im Takt der Stationen. Ich sehe euch dabei zu, wie ihr die Zeit mit Adler-Olsen-Thrillern totschlagt und euch beliebig ablenkt, bis ihr endlich aussteigen könnt. Raus. Nächster Halt Treptower Park. Ich fahre die ganze Runde, und ihr bemerkt mich nicht, weil ihr damit beschäftigt seid, zu warten.

Ein schmaler Kerl, der sich nervös auf der Bank herumdrückt. Ein pubertierendes Mädchen, das sich abwendet, als sie bemerkt, dass er sie ansieht. Vor mir das Logo Terror Worldwide auf dem Rücken einer Bomberjacke. Durch den Lautsprecher kriecht die Stimme des Zugführers wie aus einem Funkgerät. »Aufgrund von Polizeimaßnahmen kein Halt am S-Bahnhof Ostkreuz. Kein Halt am Ostkreuz.« Blicke suchen sich, dann Augendrehen und abgehakt – weiter.

Ich schaue aus dem Fenster und scanne Bäume und Büsche, ihr Grün, die silbrigen Unterseiten ihrer Blätter, vom Fahrtwind bewegt, dann wieder euch, vor, hinter und neben mir, mit euren Kaffeebechern auf dem Bahnsteig wartend. In euren Trainings- und Businessanzügen, euren Push-ups und Stretchleggins. Wie ihr da euren Platz behauptet.

Ihr seid aus dem Takt geraten, weil die Ringbahn den ganzen Morgen über ausgefallen ist. Eure Nerven liegen blank. Wer nicht mehr versucht, in den Rhythmus zurückzufinden, ist schon vor dem Mittag taktlos geworden, murmelt Schimpfwörter vor sich hin und bahnt sich beim Aussteigen seinen Weg mit den Ellenbogen. Wiederholte Durchsagen auf dem Bahnsteig, die ich nicht verstehen kann, weil am gegenüberliegenden Gleis ein Zug einfährt. Die Fahrgäste rücken unwillig noch enger zusammen, als eine Frau ihren Kinderwagen hereinschiebt. Die Türen schließen sich wieder. Ein kleiner Ruck und es geht weiter. Die kratzige Stimme weist noch einmal darauf hin, dass die nächste Station gesperrt ist.

Der Zug wird langsamer und ich sehe die in weiße Planen gehüllten Gerüste der Baustelle, unter denen seit Wochen die Bahnsteige eingedacht werden. Dann die ersten Spuren: Ruß und verbrannter Kunststoff. Aber ihr sitzt da wie kleine Denkmäler, steht dicht an dicht wie Vieh auf dem Transport zum Schlachthof und habt euch wahrscheinlich nicht eine Sekunde mit der Frage aufgehalten, weshalb der Bahnhof gesperrt ist.

Ich sehe genau hin. Wir fahren im Schritttempo ein. Polizisten und Menschen in weißen Plastikoveralls hinter Absperrungen um verkohlte Trümmerteile. Splitter überall im Gleisbett verteilt. Mir ist, als würden mich alle anstarren. Frankfurter Allee steige ich aus.

*

Das ist es eben. Das meine ich. Man muss seine Betrachtungsebene verändern, man muss innehalten, und dann plötzlich wird deutlich, dass man genauer hinschauen muss. Der erste Blick trügt. Er trügt immer! Aber dann wird klar, dass es unter dem Bild noch ein anderes gibt.

Ich hab meine Fotos über den Computer auf den Beamer gelegt und schaue mir die Bilder an, und jetzt wird mir allmählich klar, was ich sehe. Das Foto vom Bahnsteig hinunter auf die eigentliche Unglücksstelle. Auf den Signalmast, der daliegt wie ein abgetrenntes Bein, und auf die Leiche. Abgedeckt unter weißer Plastikhaut. Aber jetzt sehe ich den Kreis. Ich sehe die Trümmer, die umhergeflogenen Teile. Und ich kann erkennen, dass das nicht bloß ein Brand war. Das war eine Explosion. Da ist was in die Luft geflogen. Und vielleicht ist der Knall nur deshalb von niemandem wahrgenommen worden, weil der Bahnhof schon über zwei Jahre eine Baustelle ist und es dort pausenlos hämmert und knallt. Und weil Tag und Nacht Züge vorbeidonnern, Fernzüge auf dem Weg zum Ost- und dann zum Hauptbahnhof, in Richtung Flughafen Schönefeld und in den Norden. Es muss einen heftigen Schlag gegeben haben, sonst wären die Teile nicht so weit geflogen. Von einer Explosion hat niemand gesprochen, weil ja kein Gebäude oder etwas Ähnliches gesprengt wurde. Was durch die Luft geschleudert wurde, sind keine Trümmer, sondern Plastikstücke, Schottersteine, ein paar zerschrotete Betonplatten von den Kabelkanälen. Pflanzen, Goldrute und Beifuß.

Aber was ist da explodiert? Sicher keine Propangasflasche. Vielleicht haben sich Gase beim Brand so verdichtet, dass sie zu einem explosiven Gemisch wurden, und als die Temperaturen hoch genug waren: peng!

Die Tür geht auf und Franz kommt rein. Er schaut sich das Foto an und zuckt mit den Schultern. »Wir wissen noch immer nichts über den Toten«, sagt er, und ich kann hören, dass er irgendwie froh darüber ist. Franz hasst nichts mehr, als irgendwelchen Angehörigen die traurige Nachricht zu überbringen. Ich deute auf das Foto und erkläre ihm, weshalb ich eine Explosion vermute.

Franz nickt nachdenklich. »Ein Anschlag?«

Ich schaue ihn an. Meint der das im Ernst?

Als ich nach Hause komme, höre ich die Dusche laufen. Ich stelle mir augenblicklich Kerstin vor, nackt, und über ihre Haut fließt heißes Wasser. Sie ist im vergangenen Jahr fünfundvierzig geworden, aber ihre Haut ist immer noch weich und schön. Manchmal ist mir, als würde nur ich älter und sie wäre noch immer die, die ich vor fünfundzwanzig Jahren kennengelernt habe. Das ist einerseits deprimierend, aber andererseits kann ich mir einreden, dass ich von einer jungen Frau geliebt werde, um die mich andere beneiden. Das heißt, eigentlich muss ich mir das gar nicht einreden. Ich weiß es.

Als Kerstin aus dem Bad kommt, hat sie das große blaue Tuch umgeschlungen. Von der offenen Balkontür weht es herüber. Sie ist einen Augenblick lang überrascht, mich zu sehen.

»Max! Schon zurück?«

Ich nehme sie in die Arme, küsse sie auf den Hals. Kerstin windet sich aus meinen Armen. »Heute gab’s wieder Chaos bei der S-Bahn«, sagt sie. »Die halbe Klasse fehlte und unsere doch sonst so erfinderische junge Generation hat natürlich keine Ahnung, wie man ohne die Ringbahn zur Schule gelangen kann. Die Ersten kamen gegen zehn. Völlig fertig. Na ja, ich hab mich mit diversen Hausaufgaben gerächt.«

»Wir rätseln noch«, sage ich. Ich mag es, Kerstin ein wenig auf die Folter zu spannen. Mir ist klar, dass das albern ist, aber irgendwie gehört es dazu, zu uns. So wie wir uns immer ein Zeichen geben, wenn wir abends miteinander schlafen wollen. Oder wie wir bestimmte Dinge vermeiden, weil wir wissen, dass der andere sie abscheulich findet. Zum Beispiel Kaffeesatz im Spülbecken zurücklassen.

»Was rätselt ihr?« Sie zieht sich die Jeans über. Auch so eine Bewegung, bei der ich nicht wegsehen kann.

»Bin ich heute fürs Abendbrot zuständig?«, frage ich, statt ihr zu antworten.

»Was war denn nun?!«

»Na ja, ich war heute nicht angeln. Ich durfte wieder antanzen. Ostkreuz.«

Kerstin schaut mich ungeduldig an. Sie ist total neugierig, sie will wissen, was los war. Manchmal denke ich, dass alle Lehrer so neugierig sein sollten, weil Lehrer, die alles wissen, die totalen Langweiler sind.

»Es gab einen Toten«, sage ich. »Wir wissen nicht, ob es der Täter ist oder ob der Mann einem Anschlag zum Opfer gefallen ist. Er lag unter einem umgestürzten Signalmast. Am Ostkreuz. Verbrannt. Es hat ein Feuer gegeben und wahrscheinlich eine Explosion, direkt vor den S-Bahngleisen und dem Gleis für die ICEs. Das ist deren Strecke zur Bereitstellung aus Rummelsburg. Fahrgäste sind da nicht drin. Aber die S-Bahnen sind natürlich voll besetzt am frühen Morgen.«

»Ein Anschlag?!«

»Wir können es nicht ausschließen.«

»Wer sollte einen Anschlag auf die S-Bahn verüben?«

»Fakt ist, dass das gesamte Signalsystem zusammengebrochen ist. Der Ringverkehr liegt still. Und nicht nur der, denn die Signale sind irgendwie alle miteinander verbunden. Fällt eines der Signale in dieser Weise aus, also durch eine Explosion zum Beispiel, geben die Computer das an das gesamte System weiter, und hier wurde offenbar ein Großteil auf Rot geschaltet. Es wird lange dauern, bis der Verkehr wieder normal laufen wird. Deine Schüler hatten wirklich keine Chance.«

Kerstin nickt nachdenklich. Sie drückt den Knopf am Radio. Sie sucht Inforadio, ihren Lieblingssender. Kaum hat sie eingeschaltet, wird bereits von dem Verkehrschaos und dem Unglück berichtet. Noch spricht niemand von einem Anschlag. Noch nicht mal von einer Explosion. Offenbar hat die Polizeiführung entschieden, die vorläufigen Ergebnisse der Ermittlungen unter der Decke zu halten. Anschläge auf die S-Bahn, so was kann eine Hysterie auslösen. Das ist nicht der 11. September, aber für ein gutes Gefühl sorgt so etwas nicht gerade.

»Hm«, macht Kerstin nachdenklich, »dann hätten meine Schüler theoretisch auch Opfer dieser Aktion sein können.«

»Wir wissen wirklich noch nichts. Es ist noch völlig unklar, ob der Tote der Verursacher der Explosion, ein Mittäter, ein zufälliges Opfer oder auch ein Zeuge war.«

Wir sitzen auf dem Balkon, im Sommer einer unserer Lieblingsplätze, neben dem Müggelsee natürlich. Wir lieben Friedrichshain, was man eigentlich gar nicht mehr sagen darf, weil dann gleich alle die Nasen rümpfen und was von Touri-Schwemme erzählen. Von hier kann man weit sehen, bis Warschauer Straße. Eine angesagte Gegend. Na und?

Kerstin ist still. Wahrscheinlich denkt sie an ihre Schüler. Und daran, was hätte passieren können. Bislang weiß niemand von ihnen, dass sie Glück hatten. Das sagt Kerstin plötzlich auch. »Die wissen gar nicht, dass sie echt Glück hatten.« Sie sieht mich an. Und mir wird plötzlich klar, dass ich da eine ernsthafte Aufgabe habe. Wenn der Tote nicht derjenige ist, der den Anschlag verübt hat, ist der Täter jetzt irgendwo in der Stadt unterwegs. Egal, ob der Staatsschutz eingeschaltet wird oder nicht, ich will diesen Typen finden. Jemanden, der ohne jede Vorwarnung, ohne irgendein Zeichen vorgeht, der bislang noch nicht einmal so was wie ein Bekennerschreiben ins Internet gestellt hat. Jemanden ohne Gesicht. Einen, von dem es noch keine Spur gibt.

In der Nacht werde ich von einem Geräusch geweckt. Ich schrecke hoch und bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich wirklich etwas gehört oder ob ich es nur geträumt habe. Da war ein heftiges Kratzen auf Metall. Ganz nah. So, als würde ein metallenes Werkzeug über ein Brückengeländer schaben. Ich habe plötzlich das Gefühl, als wäre ich in einem ganz anderen Raum. Einem Raum, in dem es nach Benzin riecht, nach Benzin und nach rostigem Eisen. Aber dann weht plötzlich die Gardine hoch und die Luft, die hereinströmt, ist kühl und frisch. Kerstin liegt neben mir, ich höre ihren Atem. Und dann höre ich es wieder, dieses Geräusch – die Ringe, mit denen die Gardine festgemacht ist, rutschen beim Zurücksinken leicht auf der Messingstange hin und her.

*

Am nächsten Morgen ist Lagebesprechung. Die Sache ist tatsächlich dem Polizeilichen Staatsschutz zugeleitet worden. Mir ist klar, was das bedeutet. Es bedeutet, wir arbeiten jetzt mit denen zusammen. Zwangsläufig. Und es bedeutet auch, dass der Staatsschutz dabei den Hut auf hat. Vier Leute von der Abteilung sitzen im großen Beratungsraum. Einer von denen stellt sich als Verantwortlicher vor und dann seine beiden Kollegen und eine junge Frau, Sabrina Zielinski. Ich soll mit den Kollegen zusammenarbeiten, so wie ich es erwartet hatte. Das Lagezentrum bleibt aufgrund der räumlichen Nähe zum Anschlagsort bei uns im Polizeipräsidium in der Wedekindstraße. Und der Fall hat jetzt auch einen Namen: Ostkreuz.

Kiesewetter, unser Chef, fragt nach nächsten Schritten. Ich erkläre, dass ich die Vermisstenanzeigen durchgehen werde. Und es muss eine Meldung in die Zeitung mit der Bitte um Mithilfe der Bevölkerung. Wir müssen herausfinden, wer der Tote ist. Mit einem Foto kann man nicht dienen, die Leiche ist zu stark entstellt. Aber es wäre wichtig, schon mal eine Genanalyse zu machen, damit man bei ersten Hinweisen sofort reagieren kann. Und wir müssen die Gegend noch einmal weiträumig mit Hunden nach irgendwelchen verdächtigen Gegenständen absuchen, die zu dem Toten oder den möglichen Tätern gehören könnten.

»Und was machen wir mit der Information, dass es ein Anschlag gewesen sein kann?«, fragt Kiesewetter. Ich weiß, dass er Pressekonferenzen abgrundtief hasst.

Die Kollegin vom Staatsschutz runzelt die Stirn. »Warten wir, bis wir Genaueres wissen. Die Spurensicherung konnte ja noch nicht mal ermitteln, ob wirklich Sprengstoff zum Einsatz kam. Geschweige denn, um welchen es sich handeln könnte. Die Ergebnisse erwarten wir noch in den Vormittagsstunden. Noch sprechen wir also von einem Brand.«

»Gut.« Kiesewetter nickt erleichtert. »Dann gehen Max und ich zunächst an die Front.«

Mit »Front« meint er die Presse.

Die Pressekonferenz ist auf dreizehn Uhr angesetzt. Ich habe also noch Zeit und fahre zum Ort des Geschehens. Obwohl noch immer die Spurensicherung am Werke ist, Polizisten mit Suchhunden durch die Gegend spüren und überall Flatterband der Polizeiabsperrung hängt, sind die Experten von der Bahn schon dabei, neue Kabel zu ziehen und den völlig zerstörten Signalmast nebst Schaltschrank zu ersetzen.

Noch ist der Verkehr auf der Ringbahn stark eingeschränkt. Die Signalstörungen reichen bis Prenzlauer Berg und Neukölln. Auch die Richtung Schöneweide ist betroffen. Die ICEs fahren im Schritttempo ohne Signalgebung bis Ostbahnhof, erzählt mir ein Ingenieur von der Bahn, der die Arbeiten leitet. Jemand habe hier einen äußerst empfindlichen Nerv getroffen, meint er. Jemand, der sich auskennt? Der Mann wiegt den Kopf. »Wer weiß. Aber nach Zufall sieht das nicht aus. Die Stellrechner haben den Impuls sozusagen an alle Signale weitergegeben, und die wurden dann automatisch auf Rot gestellt. Nun muss alles neu eingegeben werden. Mit der Reset-Taste ist das nicht zu beheben.« Ich bedanke mich bei ihm. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt zumindest die Idee von einem Anhaltspunkt habe. Einen einzigen Zipfel, den ich packen werde.

Es ist kühl geworden. Ich reibe mir die Hände. Laufe durch das Gestrüpp der Baustelle. Die Arbeiten sind weiter in vollem Gange. Ich sehe das grelle Licht der Schweißarbeiten, die Betonfahrzeuge, die sich ihren holprigen Weg zu den Baugruben suchen, höre die Presslufthämmer.

Wie soll man jemanden finden, von dem man nur weiß, dass er sich mit Signalgebung, Elektrotechnik und Bahnverkehr auskennt und diese Kenntnisse dazu nutzt, einen Anschlag zu verüben? Soll ich nach ehemaligen Mitarbeitern der Bahn suchen? Einem Bahngegner? Nach jemandem, der sich von dieser Baustelle belästigt fühlt? Nach einem ehemaligen Mitarbeiter, der von der Bahn rausgeschmissen wurde? Der sich ungerecht behandelt fühlt und deshalb Rache nehmen wollte? Das läge immerhin nahe. Ich werde mir am Nachmittag die Personalabteilung vornehmen müssen.

Als ich den Blick hoch auf den Bahnsteig richte, sehe ich die Kollegin vom Staatsschutz oben stehen. Sie schaut zu mir herunter, fast so, als hätte sie mich beobachtet. Ich hebe kurz die Hand. Sie erwidert den Gruß.

Drei Minuten später stehen wir gemeinsam am Kiosk, der trotz der gesperrten Gleise auf der einen und der durchfahrenden Züge auf der anderen Seite geöffnet hat. Die blonde Frau hinter dem Tresen hat wider Erwarten gute Laune.

»Immerhin sind ja noch die Polizisten da und die Bauleute«, sagt sie und stellt uns die dampfenden Kaffeebecher hin. Ich nutze die Gelegenheit und frage, ob sie irgendetwas beobachtet hat. Die Frau schüttelt den Kopf. Ja, sie war gestern um die fragliche Zeit in ihrem Kiosk, das hat sie schon alles der Kollegin gesagt. Sie nickt Sabrina Zielinski zu. Hier seien ständig Leute am Werkeln, Bauleute von der Bahn, Typen mit Helmen und ohne. Und eine Explosion? Hat sie nicht gehört. Wie denn auch? Hier werden Metallgerüste in den Boden gerammt, Schienen abgeladen, dazu die Baufahrzeuge, und das geht jetzt schon Jahre so. Also, ihr macht das ja nichts aus, aber die Leute, die ringsum wohnen!

Sabrina Zielinski nippt an ihrem Kaffee. Sie lächelt. Wieso lächelt die jetzt? Ich lächle zurück und merke, dass ich mich kein bisschen anstrengen muss.

Sie sagt: »Seit dem elften September und allem, was dem folgte, ist die Arbeit wohl irgendwie anders geworden.« Sie erzählt, dass sie ihr Praktikum bei der Kripo in Hamburg gemacht hat. Und als sie nach der Ausbildung dort anfangen wollte, hat man sie gefragt, ob sie nicht gleich in den Staatsschutz wechseln wolle. Die taten unglaublich wichtig. Und es ging gleich zwei Gehaltsstufen höher los. Da hat sie halt ja gesagt. Nun jagt sie keine Diebe oder Einbrecher, sondern Staatsfeinde.

»Und«, frage ich, »waren hier Staatsfeinde am Werk?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Dagegen spricht, dass es keinerlei Bekennerhinweise gibt. Seltsam ist auch, dass die Täter nicht konsequenter waren. Ein Sprengsatz direkt an den Gleisen, das hätte mehr bewirkt. Vielleicht wäre ein Zug entgleist. Oder in unmittelbarer Nähe zum Bahnsteig. Leute steigen ein, Leute steigen aus. Das sind schnell mal hunderte. Wenn dann ein Sprengsatz hochgeht …«

»Jetzt denken Sie wirklich an Al Kaida?«, sage ich und bemerke, wie die blonde Kioskverkäuferin irritiert den Blick hebt. Sabrina Zielinski wendet ihr den Rücken zu.

»Würde ich nicht ausschließen. Aber wie gesagt, kein Bekennerschreiben. Auf jeden Fall werden wir von uns aus auch in die Richtung recherchieren. Immerhin ist Berlin, was mögliche Extremisten anbetrifft, ein, sagen wir mal, ziemlich warmes Pflaster. Wir werden einen Experten auf Internetsuche schicken und unsere Spezialisten werden die zugänglichen Quellen anzapfen.« Sie lächelt wieder. »Und was glauben Sie? Ein Einzeltäter?«

»Keine Ahnung. Am meisten interessiert mich: Wer ist der Tote? Er wird offenbar bis jetzt nicht vermisst. Und wir wissen nicht, was er hier gesucht hat. Ob er der Täter war oder zu den Tätern gehörte.«

Unvermittelt streckt mir die Kollegin die Hand entgegen. »Sabrina«, sagt sie. Das hätte ich nun echt nicht erwartet. Ich nehme ihre Hand, die sich kühl und weich anfühlt.

»Ja«, sage ich, bevor ich meinen Namen nenne, »dürfen Sie denn das so ohne Weiteres?«

Sie lächelt.

*

Auf einem Hochsitz. Ich beobachte die Baustelle. Zoome die Einzelheiten heran. Das Blitzen der Schweißarbeiten, die noch immer fortgesetzte Arbeit der Spurensuche. Beobachte, wie die zersplitterten Glasscheiben ersetzt werden. Wie ein kleiner Kran die neuen Scheiben über die Gleislücke hebt, bis die Monteure sie annehmen. Beobachte, wie zwei Männer mit Bauhelmen – ein Polizist in Uniform, der ein Schreibbrett hält, und einer in Arbeitskleidung – ins Gleisbett klettern und auf die Absperrung des Explosionsortes zukommen. Wie sie dort stehen bleiben und sich unterhalten. Sehe den Ernst in ihren Gesichtern. Sehe den neuen Signalmast, ein paar Meter vom alten Standort versetzt. Vorsichtshalber mit einer geschlossenen Metallfront ummantelt. Idioten. Sehe den ganzen Aufwand, den ihr betreibt. Wie aufgeregt ihr durch die Gegend rennt, als hätte ich mitten ins Wespennest gestochen. Wie alles aus dem Takt geraten ist. Und wie wenig sie euch gefällt, die Situation, in der ihr jetzt steckt.

Mein Jägerstand: der rußgeschwärzte Wasserturm mit seiner Pickelhaube aus Schiefer. Ein Riesenfindling. Ihr bemerkt ihn kaum, weil er zum Ort gehört wie ein alter Baum. Das letzte gewachsene Stück inmitten des totalen Wandels. Das Chaos der Zugangsbrücken und Wegführungen am Ostkreuz wird mit Presslufthämmern eingedämmt. Eine neue Bahnhofsfiliale von der Stange. Ostkreuz, Südkreuz, alle gleich. Bald dahinter die erste Front der Townhouses, die die Stralauer Halbinsel bis zur Rummelsburger Bucht kolonisierten. Abgeschottete, sauber-grüne Biozonen, die durch Amazon und Paketdienste mit der Welt verbunden sind. Freigehege für die überbehüteten Kinder der akademischen Mittelschicht. Dann ein Sonnenstrahl, der durch die dichte Wolkendecke bricht und mir ins Gesicht fällt. Dem mein Blick folgt, bis er sich im Grau des Himmels verliert. Schwindelgefühl.

Ich bringe das Fernglas wieder in Position. Arbeiter laufen wie Ameisen über die Baustelle. Rackern, rackern, rackern. Na los. Arbeitet an eurer eigenen Vertreibung aus dem Bezirk mit. Arbeitet, damit ihr euch die neueste Unterhaltungselektronik kaufen könnt. Euer Platz in der schönen neuen Welt: Tanatoide vor den Bildschirmen in den Vorstadtplatten. Zimmer mit Meerblick. Und in der Stadt klafft ein riesiges Schwarzes Loch, wird die Leerstelle von Tag zu Tag größer. Kettenreaktionen des immer Gleichen. Filiale um Filiale. Berlin, New York, Tokio. Dasselbe noch einmal.

Dieselben Konzerne, die die Welt gleichförmig machen, verkaufen euch die Outfits, mit denen ihr aus ihrem Einheitsbrei herausstechen wollt. Verkaufen euch die Krücken, mit denen ihr besser durch ihre kranke Welt kommt. Sie verkaufen euch dieselben sozialen und ökologischen Versprechen, um Zeit zu gewinnen für dieselbe neoliberale Politik. Dasselbe Denken, das uns ruiniert hat, soll uns jetzt heilen.

Keiner da, der dagegenhält. Nur Tante-Emma-Fraktionen. Selbstgehäkeltes und Eingewecktes. Holunderblütensirup. Nur politisch korrekte Großmütterchen-Romantik. Schlapp und zahnlos. Keine politische Bewegung. Nichts, nur Mitläufer weit und breit. Keiner da mit Wahrheit. Keiner, der die Konsequenzen zieht.

Hier, direkt unter mir, die bunte Menschentraube an der Bushaltestelle. Schaut euch an! Wie ihr da posiert, als wäre es ein Casting für einen Werbespot. In euren zu engen Hosen, mit euren zu langen Bärten und euren zu saturierten Fressen. In der ganzen marktschreierischen Buntheit, die man euch verordnet hat. Wie ihr so tut, als würdet ihr nicht warten. In eurer Ereigniswelt. Ja, zerstreut euch! Lasst euch mit euren Einkaufstüten und Jutebeuteln aufgabeln und abtransportieren, um eure neuen Hollister-Shirts und American Apparel Basics anzuprobieren. Freut euch auf die Unikate, die ihr auf daWanda.com bestellt habt. Werft eure alten Primark-Einkäufe mit vollen Händen weg, weil ihr jetzt neue habt. Schaut euch an: eine Armee der Gehörnten. Schaufensterfiguren aus einem Kaufhaus der manipulierten Bedürfnisse. Ihr seid die neunundneunzig Prozent, die mitlaufen. Ihr habt keinen Plan. Ihr habt keine Wahrheit.

Da auf der Baustelle die Polizisten, die sorgsam die Gleise absuchen. Arme Schweine, die dabei helfen, ihre eigenen Kinder aus der Stadt zu vertreiben. Alle schaufeln sie mit am Schwarzen Loch. Wer hört da schon hin, wenn ich jetzt rufen würde: Was habt ihr mit uns gemacht? Wer denkt noch irgendetwas zu Ende? Wer fragt noch, in welchem Zusammenhang sein Handeln steht? Wer fragt sich noch, ob das, wovon er lebt, eine sinnvolle Sache ist? Niemand. Die Leute werden bezahlt, also ist es richtig, was sie tun.

Arbeitet für euer Geld, ja! Grabt den ganzen Bahnhof um, ihr werdet nichts finden, was euch weiterhilft. Mit mir habt ihr nicht gerechnet. Mich habt ihr schon abgeschrieben. Aber ich bin da, wie der alte Turm hier. Ihr bemerkt mich nicht, aber ich beobachte eure unbeholfenen Schritte. Schaue euch dabei zu, wie ihr euer eigenes Grab schaufelt. Grabt weiter. Hau ruck! Grabt gedankenlos weiter und wartet ab. Und wenn ihr den nächsten Knall hört, hab ich euch längst getroffen.

Ich lasse meinen Blick über den Bahnsteig schweifen. Weiter hinten am Kiosk erkenne ich zwei in Zivil und stelle das Fernglas scharf. Eine blonde junge Frau, daneben ein Mann, der sie um Kopfeslänge überragt. Sie sprechen miteinander, trinken Kaffee aus Plastikbechern. Der Mann dreht sich um.

Hitze steigt mir in den Kopf. Ich bin verwirrt. Ich lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand neben dem Fenster, schließe die Augen. Atme ein, atme aus und öffne die Augen wieder. Das Blut pocht in meinen Schläfen. Ich muss lachen. Warte einen Moment, dann gehe ich zurück ans Fenster. Schaut her, hier stehe ich, noch immer auf der richtigen Seite. Ihr glaubt, ich wäre so wie ihr. Aber ich bin nicht auf eurer Seite.

Als sie in meine Richtung über den Bahnsteig zum Explosionsort spazieren, versuche ich, mir das Gesicht der Frau einzuprägen. Mache ein paar Fotos. Vielleicht ist sie seine Kollegin? Aber wie sie ihn jetzt anlächelt. Die beiden kennen sich nicht gut.

Das Grinsen wird euch noch vergehen. Eure taube Ignoranz. Ich könnte rufen, von hier oben runterschreien, ihr würdet es nicht hören. Ihr wollt es nicht hören. Aber ihr werdet es noch spüren. Wartet ab. Es wird euch nicht gefallen. Der Spaß ist vorbei und ihr werdet erschüttert sein. So wie ich erschüttert bin.

*

Bei der Pressekonferenz sitze ich neben Kiesewetter. Der macht ein wahnsinnig ernstes, wichtiges Gesicht. Dabei weiß ich, dass er am meisten Angst vor einem Schluckauf hat, der ihn immer mal wieder in solchen Situationen ereilt. Ich fühle förmlich, wie er versucht, sich irgendwie zu beherrschen.

Ich sehe Sabrina, die sich auf einen Stuhl an der Seite gesetzt hat. Sie beobachtet den Saal und uns. Keine Ahnung, was das bedeutet. Auf jeden Fall will sie hier offenbar nicht in ihrer Funktion auftreten, und sicher ist das auch mit Kiesewetter abgestimmt. Nur ich weiß nichts davon.

Der Raum ist gut gefüllt. Blitzlichter. Die ersten Fragen, ganz das Übliche. Nein, wir haben keinen Verdächtigen. Der Tote ist unbekannt. Noch keine wirkliche Spur. Dann die Zeitung mit den vier Buchstaben: »Kann es sein, dass die Feuerwehr alle Spuren in einem Schaumteppich zerstört hat, weil die Polizei erst zwölf Minuten später als die Feuerwehr eintraf? Gibt es dafür eine Erklärung?«

Ich habe nicht übel Lust, der Dame zu erzählen, dass ich gestern eigentlich frei hatte und wie schön es auf der Großen Krampe am Müggelsee ist. Aber ich schweige. Kiesewetter faselt etwas von »alle Kräfte im Einsatz« und »unsere Leute geben jeden Tag das Beste«. Das ist wahr und zugleich Schwachsinn.

Ich sage, dass die Feuerwehr zunächst den Brand bekämpfen musste. Immerhin gab es Hoffnung, dass der Mann, der eingeklemmt unter der Kabelbrücke lag, noch lebte. Schweigen. »Außerdem sind nicht alle Spuren vernichtet, im Gegenteil.« Ich schaue in die fragenden Gesichter. Kiesewetter stößt mich mit dem Knie an. Ich füge hinzu: »Aber darüber können wir wegen der laufenden Ermittlungen leider noch nicht sprechen. Vielleicht nur so viel: Der oder die Täter sind erstaunlich planvoll vorgegangen.« Das klingt nach allem und nichts, aber man kann eine Schlagzeile daraus machen. Die Vierbuchstabenfrau notiert. Vielleicht hat sie ja selbst die Schnauze voll von diesem Dauervorwurf, dass die Polizei in Berlin zu faul, zu doof und zu langsam ist. Da klingt etwas wie »Der Plan des Verbrechens« oder »Anschlag von langer Hand vorbereitet« schon viel besser.

Ich werfe den Beamer an und meine Fotos auf die Leinwand. Damit können die Leute von der Presse nicht viel anfangen, aber es macht Eindruck. Und ich erkläre, dass wir dringend Unterstützung aus der Bevölkerung benötigen, um die Identität des Toten zu ermitteln. Ich bemerke, wie Kiesewetter unter einem Schluckauf erbebt. Der kann einfach keine Pressekonferenzen machen. Das wirklich Blöde ist, dass er am Ende nicht mal danke sagen wird. Das ist auch immer das Gleiche.

»Und gibt es Verdächtige oder Zeugen?«, fragt einer der Journalisten. Ich kenne den Mann, er will immer der Superschlaue sein. Und gerissen ist er allemal. Außerdem habe ich manchmal den Eindruck, er hat es auf mich abgesehen. Wir sind uns fünf-, sechsmal begegnet und immer ist er um mich herumgeschlichen, als würde er gerade von mir Informationen erwarten, die er sonst von niemanden bekommen könnte, oder aber als würde ich ganz sicher den nächsten Fehler machen, über den er dann berichten könnte. Er heißt Roman Klinger. Ein freier Journalist. Einer, der Informationen auf dem Markt anbietet und möglichst viel Geld dafür verlangt. Manche sagen ja, dass die Freien die einzigen wirklichen Journalisten sind, weil sie sich nicht an die Vorgaben einer Zeitung halten müssen, sondern sich tatsächlich ein eigenes Bild machen können. Aber ich traue dem Ganzen nicht. Ich glaube, dass der harte Kampf auf dem Informationsmarkt zu immer skurrileren Methoden führt und letztendlich zu immer abgefahreneren Berichten über das, was man die Realität nennt. Klinger schaut mich an. Er blickt so, als wären nur er und ich in diesem Raum. Er lauert wie ein Tier. Dabei war es eine ziemlich einfache Frage.

»Wir werden ganz sicher diverse Zeugen finden«, erwidere ich ruhig. »Nicht nur Leute, die auf den Bahnsteigen gestanden haben, auch Leute, die in den S-Bahnen vorbeigefahren sind, werden uns weiterhelfen können. Es ist die Frage, ob wir uns jetzt schon an die Bevölkerung wenden. Und dann ist noch in unmittelbarer Nähe und zum Zeitpunkt der Explosion ein Güterzug vorbeigefahren. Wir gehen davon aus, dass der Zugführer die Situation genau im Blick hatte. An Zeugen mangelt es uns also nicht. Mit den Verdächtigen ist es schon schwieriger. Auch da haben wir Leute im Blick, aber wir wollen die Untersuchungen nicht gefährden, deshalb bitten wir um Entschuldigung, dass wir zu diesem frühen Zeitpunkt hierzu noch nichts mitteilen können.«

Das lief echt gut. Der Journalist, dieser Klinger, hat ein leichtes Lächeln im Gesicht. Er hakt nicht nach, was er sonst gerne tut. Vielleicht wollte er mir nur sagen: Ich bin da, ich bin dran an der Sache, gib Acht.

Manchmal fallen mir die Sätze wirklich zu. Ich bemerke, dass die Presseleute im Prinzip erst mal zufrieden sind. Das wird sich ändern, wenn wir in den nächsten Tagen nichts wirklich Brauchbares präsentieren können. Aber so weit ist es noch nicht. Im Prinzip hab ich ja auch Recht mit meiner Einschätzung, es gibt viele Menschen, die zum Zeitpunkt der Explosion zugegen waren. Schwierig wird es nur, wenn es eine ferngezündete Sprengladung oder ein Zeitzünder war. Aber das steht zurzeit noch nicht zur Debatte.

Doch dann kommt natürlich noch die unausweichliche Frage: »Gibt es auch Ermittlungen gegen Islamisten?« Kiesewetter atmet sehr tief ein. Ich schaue kurz zu Sabrina. Sie blickt mich mit zusammengepressten Lippen fragend an, als wäre sie eine von den Zeitungsleuten. Ich habe verstanden.

»Wir ermitteln in alle Richtungen. Sobald sich eine Spur in dieser Hinsicht ergeben sollte, würden wir auch darüber berichten. Aber im Augenblick gibt es keinerlei Hinweise darauf. Nicht die geringsten. Also sollte man sich bei der Berichterstattung zurückhalten, damit keine Hysterie in der Stadt entsteht.«

Ich weiß, dass ich mit der Äußerung etwas weit gegangen bin, denn bekanntlich lässt sich die Presse absolut nicht sagen, was sie tun oder nicht tun soll. Ganz im Gegenteil. Vielleicht war mein Appell sogar ein verdecktes Zeichen für die Presseleute, umso mehr in dieser Hinsicht zu spekulieren oder wirre Vermutungen in Umlauf zu bringen. Andererseits hoffe ich, dass ich ausreichend authentisch rübergekommen bin und man bemerkt hat, dass wir wirklich keine Hinweise auf derlei Zusammenhänge haben.

Als ich mich auf den Weg zur S-Bahnzentrale mache, ruft mich Kerstin an und fragt, ob wir am Abend ins Kino gehen. Mit dem Kino ist das immer so eine Sache: Entweder fangen die Filme zu früh an oder zu spät. Aber ich weiß, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt es kein Wenn und Aber. Neunzehn Uhr dreißig vorm Filmtheater am Friedrichshain. Ich hoffe nur, dass sie keinen allzu langweiligen Film aussucht, damit ich nicht einschlafe. Wie beim letzten Mal.

Eine gute Stunde später bin ich in der Personalabteilung der S-Bahn. Die dickliche kleine Frau, die vor mir sitzt, schüttelt nachdenklich den Kopf. Ich erkläre, dass eine solche Sache Jahre zurückliegen kann. Jemand ist aus seiner Sicht zu Unrecht gekündigt worden, hat einen beruflichen Neuanfang gemacht, ist dann aber doch gescheitert, hat vielleicht sogar seine Familie verloren und am Ende den Schuldigen an seinem Unglück in der Bahn gesehen, will Rache und jagt eine Signalanlage in die Luft, von der er weiß, dass die den halben Bahnverkehr in der Stadt lahmlegen wird. Die pummelige Dame schüttelt wieder den Kopf. Natürlich habe man sich von dem einen oder anderen trennen müssen, das bliebe ja nicht aus. Allerdings habe sie nie von jemandem gehört, der den Hass aufbringen würde, so etwas zu tun. Mein Gott, was stellt sich diese Frau vor? Dass einer herumläuft und verkündet: Ich hasse die Bahn und deshalb werde ich einen Anschlag verüben?

Ich lasse mir die Namen von den Bahnangestellten geben, die in den letzten drei Jahren wegen grober Arbeitspflichtverletzungen gekündigt wurden. Es sind fünf. Absolut überschaubar.

Die Überraschung des Tages hat Franz parat. Er hockt gut gelaunt auf meinem Drehstuhl, als ich ins Büro komme. Er weiß genau, dass ich es nicht leiden kann, wenn er auf meinem Stuhl sitzt.

»Manchmal«, sagt Franz, »muss man eben den richtigen Riecher haben.«

Das muss gerade er behaupten. »Du hast also den richtigen Riecher«, sage ich und gieße mir einen Kaffee ein. Ganz ruhig. Er soll nicht merken, dass ich gern gewusst hätte, was er damit meint.

»Hab ich«, sagt er und knallt ein Schlüsselbund auf die Schreibtischplatte. In Wirklichkeit kann er die Spannung selbst nicht aushalten. Da ist er wie ein kleines Kind, nicht wie ein Kriminalpolizist. »Ich habe bemerkt, dass unter den Schlüsseln, die wir bei dem Toten gefunden haben, ein ganz neu angefertigter ist, und hier unten ist ein Prägestempel. Damit habe ich die Firma ermitteln können, die ihn angefertigt hat.« Er grinst.

Darauf hätte ich wirklich auch kommen können. »Also?«

»Was also?«

»Na, und weiter?«

»Na, nichts. Die Firma gehört zu ’ner Kette. Ich muss noch rauskriegen, in welcher Filiale der Schlüssel nachgefertigt wurde.«

»Und das hast du noch nicht?«

Franz wird sehr kühl. »Ich wollte mich ja schon kümmern, aber Kiesewetter meinte, wir sollen über die Kollegen vom Staatsschutz gehen. Und die haben gesagt, wir sollen warten.«

Der Kaffee ist lauwarm. Ich hab plötzlich ein angenehmes Gefühl. Und dann bemerke ich, was der Auslöser dieses Gefühls ist. Der Auslöser ist die Kollegin vom Staatsschutz. Offenbar will sie, dass die Ermittlungen ganz bei ihr bleiben. Vor allem, wenn es sich um eine möglicherweise interessante Spur handelt.

Mein Handy klingelt. Sabrina fragt, ob wir uns treffen können. Wenn möglich sofort. Seltsam, denke ich, gibt’s da etwa was Telepathisches?

»Und wo?«

»Hier bei Ihnen, ich sitze im Beratungsraum.«

Ich greife nach der Personenbeschreibung des Toten, die Franz mir rüberschiebt, und überfliege den Text. Es ist nicht viel, aber immerhin. Ich reiße mich zusammen und sage: »Alle Achtung, Franz, das mit dem Schlüssel ist mir nicht aufgefallen.«

Das reicht, ihn versöhnlich zu stimmen.

Sabrina sitzt allein im Beratungsraum. Sie hat einen Laptop vor sich und einen eigens mitgebrachten Beamer, der ein Foto auf die Projektionsfläche wirft. Es ist eins meiner Fotos. Ich frage sie, ob ihre Abteilung etwas mit der Personenbeschreibung des Opfers anfangen konnte. Die Kollegen seien noch bei der Auswertung, erwidert sie und deutet auf den Stuhl neben sich.

»Ich habe mal mit einer unserer speziellen Softwares deine Fotos durchgesehen«, sagt sie und zoomt das Bild groß. »Die Software repariert die Lücken, wenn die Vergrößerung die Details zu ungenau werden lässt. Das entspricht dann zwar nicht hundert Prozent der tatsächlichen Abbildung, aber nahezu.«

Sie schiebt den Zoom auf dem Vergrößerungsbereich hin und her. Tatsächlich kann man zunächst ungenaue, verschwommene Flächen sehen, die sich rasch zu glasklaren Bildern verdichten. Und dann sehe ich plötzlich einen Mann. Er steht allein da und hält einen Feldstecher vors Gesicht. Ganz offenbar beobachtet er das Geschehen am Anschlagsort. Sabrina zoomt ihn noch näher heran. Man kann jetzt die Mundpartie erkennen, die Gesichtsform, seinen Körperbau, seine Kleidung.

»Ja, was soll man sagen«, meint die Kollegin. »Da hast du ein schönes Foto geschossen.«

Komisch ist, dass ich sofort denke, dass ich den Mann kenne. Ich sage nichts. Es ist nur so ein Gefühl.

Ihn kennen – woher?

Als ich nach Hause fahre, ist es schon spät. Ich biege in unsere Straße ein und bemerke sofort Kerstin. Sie steht auf dem Balkon. Mir fällt siedendheiß ein, dass wir verabredet waren. Neunzehn Uhr dreißig vorm Filmtheater am Friedrichshain. Ich hab es vergessen! Passiert mir so was in letzter Zeit öfter?

Kerstin sagt kein Wort. Sie ist sauer und redet einfach nicht. Sie hat sich etwas zu essen gemacht und sitzt auf dem Balkon. Ich entschuldige mich und fasele was von diesem wirklich komplizierten Fall. Sie isst und schaut durch mich hindurch. Sie sagt nichts und fertig.

Aber ich habe Glück. Plötzlich gibt es einen lauten, dumpfen Knall. Kerstin zuckt zusammen. Sie schaut mich erschrocken an. Das Geräusch kann von einem Auto stammen, Fehlzündung, oder eben einer Explosion. Nun ist sogar eine Sirene zu hören. Wir beugen uns über die Balkonbrüstung. Die Straße liegt ruhig da wie immer um diese Zeit. Wahrscheinlich war der Knall irgendwas Harmloses. Kerstin sagt: »Hättest anrufen können.« Ich nehme sie in die Arme, sage: »Ich habe das verdammte Gefühl, dass dieser Anschlag nicht der letzte war.« Sie löst sich aus meinen Armen und schaut mich an.

Es ist kurz nach Mitternacht, als mein Handy klingelt und mich aus dem Schlaf reißt. Sabrina ist dran. Ich stehe rasch auf und verlasse leise das Schlafzimmer. Kerstin kennt das, sie schreckt schon lange nicht mehr hoch, wenn wir im Schlaf vom Summen meines Handys gestört werden.

Sabrina redet, als sei es vormittags um zehn. »Mir geht dieser Mann mit dem Fernglas nicht aus dem Kopf. Wir haben das mal recherchiert. Er stand an einem Gleisweg, der eigentlich nur dem Bahnpersonal zugänglich ist, von der Straße aus schwer erreichbar. Und genau an der Stelle, an der er stand, haben wir eine Figur gefunden. Eine kleine Figur aus Gips.«

»Eine Figur?«

»Ja, ein Engel. Ein weißer Engel aus Gips. Natürlich ist nicht sicher, ob der zu diesem Mann gehört. Ob der ihn verloren hat. Es sind keine Fingerabdrücke drauf. Auch seltsam.«

Ich überlege, weshalb sie mir das mitten in der Nacht erzählen muss, traue mich aber nicht, sie zu fragen.

»Dann sehen wir uns morgen.« Sie legt auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Ich bleibe noch eine Weile im dunklen Zimmer stehen, dann gehe ich zum Balkon und öffne die Tür. Kühle Luft dringt herein. Was ist los mit dieser Frau? Sucht sie meine Nähe, weil das ihre Art ist, Fälle zu bearbeiten?

In der Bahnzentrale erfahre ich telefonisch gar nichts. Man sagt mir nicht einmal den Namen des Menschen, der für die Personalplanung der Züge zuständig ist. Als man mich mal wieder weitervermittelt an irgendjemanden von der Pressestelle, heißt es, dass gerade jetzt mit Auskünften sehr vorsichtig umgegangen würde. Ob ich nichts von diesem Anschlag gehört hätte? So hat es keinen Sinn. Ich mache mich auf, um persönlich zur Logistikzentrale zu fahren.

Eine geschlagene Stunde nach meiner Ankunft sitze ich endlich vor einer äußerst korpulenten Dame Ende zwanzig. Sie redet nicht. Sie starrt nur auf ihren überdimensionalen Bildschirm und hackt mit schweren Fingern auf die Tasten. Es dauert ewig; kein Wunder, dass es bei der Bahn so viele Verspätungen gibt. Es scheint ein echtes Problem zu sein, den Zug in den offenbar unüberschaubaren Mengen von Daten zu finden. Ich schaue mich um. An ungefähr fünfzehn Schreibtischen sitzen lauter kräftig gebaute Menschen. Alle starren wortlos auf ihre Bildschirme. Kafka kommt mir in den Sinn. Der arbeitete zwar bei einer Versicherung, aber vielleicht war die Behörde, in der er sein Dasein fristete, ganz ähnlich? Vielleicht könnte man dieses ganze Büro wegrationalisieren und niemand würde es merken? Vielleicht würden dann sogar mehr Züge pünktlich fahren? Wer weiß. Und plötzlich werden in meiner Fantasie all diese emsigen Angestellten zu krabbelnden Insekten, die nicht mehr auf zwei Beinen laufen, sondern auf sechs, mit langen, dürren Fühlern und Mündern, die wie die Werkzeuge von Fräsmaschinen aussehen, und die mit ihren riesigen pechschwarzen Augen auf die Bildschirme starren. Eine Horde lang gestreckter, kräftiger Käfer, die sich selbst nicht mehr wahrnehmen, die zu beinahe hirnlosen Kreaturen geworden sind.

Dann scheint es jedoch geschafft. Die Bilder meiner Fantasie lösen sich auf, die Konturen verschieben sich, aus den Insekten werden wieder fleißige Menschen, die, von irgendwelchen Impulsen gesteuert, angemessen sinnvoll zu handeln scheinen. Die Frau vor mir drückt auf eine Taste, steht mühsam auf und verlässt ohne ein Wort zu sagen den Raum. Ich schaue auf den Bildschirm. Da stehen die Zugnummer, die Abfahrten auf jedem der angesteuerten Bahnhöfe, die Namen des Zugpersonals. Nur der des Lokführers ist nicht vermerkt. Ich warte eine gefühlte Ewigkeit, dann kommt die Dame zurück, ein Blatt Papier in der Hand, das sie missmutig vor sich auf ihren Schreibtisch legt. Sie schaut mich an und sagt: »Sie wollen den Namen des Lokführers.« Ich nicke. Sie nickt ebenfalls und wendet sich wieder ihrem Computer zu.

»Die Sache ist so: Der reguläre Lokführer muss an diesem Tag erkrankt sein. Jedenfalls ist er die Lok nicht gefahren. Es gab einen Ersatz und der ist nicht vermerkt.«

Und nun?

Die Frau zuckt die Schultern. »Weitersuchen.«

Ich lege ihr freundlich lächelnd meine Karte hin und sage, dass es ganz wunderbar wäre, wenn sie mich anrufen könnte, wenn sie irgendetwas herausgefunden hätte. Immerhin ginge es um Mord.

Als die Frau das Wort Mord hört, glimmt Interesse in ihren Augen auf. »Mord?«, sagt sie. »Wirklich? Sie müssen wissen …«

Ich unterbreche sie und ergänze: »Sie lesen für Ihr Leben gern Krimis.«

Die Dicke lächelt. Ich tippe auf meine Karte und zwinkere ihr zu.

Sie nickt und lächelt immer noch.

Natürlich komme ich zu spät zur Sitzung. Neben Sabrina ist der einzige freie Platz. Ich setze mich zu ihr. Sie berührt kurz meine Hand, eine ganz schnelle Berührung. War das ein Streicheln?

Kiesewetter hat das Flipchartpapier vollgekritzelt.

»Fakt ist doch«, sagt er nachdenklich, »dass es sich offenbar um eine Art Sprengsatz handelt. Also, daran ist kaum zu zweifeln. Als Material wurden handelsübliche Chemikalien verwendet. Und es könnte eine zeitgesteuerte Zündung, vielleicht von einem Wecker gewesen sein« Kiesewetter schaut zu einem der Techniker von der Spurensicherung.

Der fährt fort: »Der Signalmast. Wir haben gerätselt, weshalb er so rasch umstürzen konnte, sodass der Mann, der von ihm eingeklemmt wurde, nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Normalerweise kippt so eine Anlage nicht innerhalb von einer Sekunde um, die hat verschiedene Stahlhalterungen. Eigentlich müsste die Kabelbrücke erst das Gewicht verlagern, schließlich langsam zu kippen beginnen, bis die Halterungen nachgeben, herausgerissen oder verbogen werden. Aber die Stahlstreben waren an mehreren Stellen mit einem Schleifgerät oder einer Säge durchtrennt.«

Sabrina ergreift das Wort. »Da gibt es eine gewisse Ironie. Wir haben herausgefunden, dass genau diese Kabelanlage im Zuge der Bauarbeiten am Bahnhof bereits zum Abriss vorgesehen war und dass sich vor sechs Wochen Arbeiter darangemacht hatten, die Konstruktion zu demontieren. Deshalb die Durchtrennungen. Die Abrissarbeiten wurden dann abgebrochen, weil die Bauplanung eine veränderte Verlegung der Kabel entwickelt hatte und einfach noch nicht so weit war, dass die Kabel neu verlegt werden konnten. Man prüfte die Konstruktion und ging davon aus, dass sie in ihrem schon ansatzweise demontierten Zustand stehen bleiben könnte, bis man sie endgültig beseitigen würde. Die Sprengladung hat eine so verheerende Wirkung entfaltet, weil sie auf diese Schwachstelle traf. Ein Zufall? Oder hat der Täter von dem Umstand gewusst?«

»Jedenfalls«, sagt der Techniker, »hat der Druck der Bombe ausgereicht, den Mast regelrecht abzuscheren. Die Last hat ihn dann umgeknickt wie ein Streichholz. So wird es gewesen sein. Tja.«

Kiesewetter schaut in die Runde. »Sonstige Spuren?«

Der zuständige Kollege hebt bedauernd die Hände. »Also, es ist schon so, wie befürchtet. Die Feuerwehr hat mit Wasser, Schaum und all den Leuten, die da herumgetrampelt sind, alle verwertbaren Spuren vernichtet. Das muss man schon so einschätzen. Uns bleiben deshalb nur diese technischen Teile des Sprengsatzes, der Tote, seine Kleidung und diverse eingesammelte Gegenstände in seiner Nähe, die natürlich auch von sonst irgendwem stammen können. Wir haben Teile von Regenschirmen, weggeworfene Schulstullenpakete, ein paar hundert Kippen, Pappteller. Alles, was man sich denken kann. Aber bisher kann man daraus absolut nichts machen. Vielleicht, wenn es noch andere Hinweise gibt.«

»Bis auf das«, sagt Sabrina, und eigentlich erwarte ich jetzt, dass sie diesen Engel auf den Tisch stellt. Aber sie hält keine Figur in der Hand, sondern einen Zettel. Ein vom Wetter in Mitleidenschaft gezogenes Stück Papier. »Ich habe es an einem der Bäume entdeckt. Es war mit Reißzwecken festgemacht.« Mit Edding sind die Worte: »Aktion JETZT« darauf geschrieben. Rot. »Es ist zumindest denkbar, dass dieser Zettel so etwas wie ein Bekennerzeichen ist. Wir haben das geprüft, ›Aktion jetzt‹ gibt es immer mal wieder. Auch im Internet. Tierschutzorganisationen oder Umweltverbände, Gewerkschaften verwenden den Begriff. Vielleicht ist der Zettel auch im Zusammenhang mit Anwohnerprotesten, die sich gegen den Baulärm richten, angebracht worden. Wir wissen es noch nicht. Für die Annahme, dass das Papier eben doch im Zusammenhang mit dem Anschlag steht, spricht eigentlich nur, dass es erst am Morgen nach der Tat angebracht wurde.« Kiesewetter schaut fragend in die Runde. Sabrina schaltet den Beamer an. »Da ist noch ein Aspekt, weshalb es sinnvoll ist, einen Tatort weitflächig zu fotografieren.«

Eins von meinen Fotos wird an die Wand geworfen. Sabrina zoomt einen Ausschnitt heran. Ein Baum, an dem einige Papiere angebracht sind. Werbezettel, jemand sucht etwas. Das Papier, das vor Sabrina auf dem Tisch liegt, hängt da nicht. Sabrina zeigt ein neues Foto. »Am nächsten Tag aufgenommen«, sagt sie und zoomt den Baum heran. Da ist der Zettel. »Theoretisch«, sagt sie, »also, es wäre sogar denkbar, dass die Person, die das Papier angepinnt hat, von einer Überwachungskamera auf dem Bahnhof hätte erfasst werden können. Es gibt immerhin zwölf Stück auf dem Gelände. Aber diese Ecke ist nicht im Blickwinkel einer Kamera. Das kann ein Zufall sein, oder aber diese Person weiß, wo die Kameras sind.«

Ich schaue auf den Zettel auf dem Tisch. »Aktion JETZT«. Die Buchstaben haben seltsame Längen und sind exakt gerade. Und dennoch verschwimmen sie plötzlich vor meinen Augen. Sie verschwimmen, fallen ineinander, bilden einen Kreis, der sich rotierend in Bewegung setzt. Ich schließe rasch die Augen. Versuche mich zu konzentrieren. Und höre Kiesewetter sagen: »Und sind wir bei dem Toten weitergekommen?«

Ich atme tief ein. Schiebe das Blatt weiter. Franz meldet sich. Sollte der nicht die Rausgeschmissenen von der Bahn aufsuchen? Vor ihm steht eine Flasche mit blassroter Brause. Birne-Holunder. Hatte er heute Morgen nicht grüne? Irgendwas mit Sternfrucht?

Franz hebt an, als würde er jetzt Informationen liefern, die den Kapitalismus auf alle Zeiten aus den Angeln heben werden. »Es gibt seit heute Morgen einen Hinweis auf die mögliche Identität des Toten.« Alle schauen auf. Sogar Sabrina scheint überrascht. »Es hat sich jemand gemeldet, der sagt, der Mann sei wie jeden Morgen durch ein Loch im Zaun auf das Gelände des Bahnhofs gestiegen. Wahrscheinlich, weil er eine Abkürzung nahm.«

Kiesewetter beugt sich vor. »Wie jeden Morgen? Wie soll man das verstehen?« Franz gießt sich Brause in ein Glas. Er genießt es. So ein Idiot. Das merkt doch jeder, dass er sich in dieser Rolle großartig findet! Kann er das nicht ein bisschen subtiler machen?