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Marcus Haas

Das Hert des Drachen



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Impressum

 

Marcus Haas

Das Hertz des Drachen

1. eBook-Auflage – Februar 2017

© vss-verlag, Frankfurt

vssinternet@googlemail.com

Titelbild: Armin Bappert unter Verwendung eines Fotos von Pixabay

Lektorat: Chris Schilling

Der Atem des Drachen

 

Mora spannte ihre Armbrust und brachte sie in Anschlag. Zwischen den ‎dichten Bäumen des Torwaldes hatten die Dragoner nicht bemerkt, wie sie ‎sich angeschlichen hatte. Dreizehn Reiter waren es, oft mehr als genug, ‎um ein widerständisches Volk zu unterdrücken.‎ Aber nicht heute.

Die Flugdrachen, auf denen die Dragoner ritten, waren am Boden ‎unbeholfen und schwerfällig. Aufgeblasene Lurche, dachte Mora, wenn sie nicht Feuer ‎spien. Nur wenn sie flogen, waren sie unschlagbar. Aber der Wald war zu ‎groß, zu ausgedehnt, sie konnten ihn nicht überfliegen.‎

Das wollte Mora ausnutzen. Sie zielte auf die Brust des Anführers. Ihre ‎List war aufgegangen. Hier im Wald würden die Dragoner ihre Lufthoheit ‎nicht ausspielen können. Moras Leute waren gut verteilt und im dichten ‎Wald nicht zu entdecken.

Hundert Leute aus den ‎verschiedenen Dörfern ihres Volkes.‎ Nicht die besten Kämpfer, es waren die, die noch übrig waren.

Ihr Schuss würde das Signal für den Angriff sein und dann würden sie die ‎Besatzer endlich aus dem Land Dakra vertreiben. Vonn, ihr weißer ‎Reitdrache fauchte ungeduldig, tief geduckt im Unterholz. Mora flüsterte ‎beruhigende Silben in seine schuppigen Ohren, damit er liegen ‎blieb und sie nicht durch seine auffällige Farbe verriet. Reitdrachen ‎spien kein Feuer, nur heiße Luft. Sie konnten nicht fliegen, aber im ‎Wald waren sie durch ihre geringe Größe viel wendiger als ihre großen ‎Verwandten.‎

In den Bäumen schrien ein paar Baumdrachen, kaum so lang wie ein Arm, aber mit lauten Stimmen, beklagten sie die Anwesenheit der Eindringlinge.

Die Flugdrachen brauchten Platz, um zu starten, alles hing davon ab, ‎den Angriff zu starten, bevor sie die nächste Lichtung erreichten.‎ Nur noch ein wenig näher, dann konnte der Bolzen nicht mehr fehlgehen. ‎Ihr würde nicht die Zeit bleiben, einen Zweiten einzuspannen. Aber ihr ‎Bastardschwert hing locker in seiner Scheide an ihrem Gürtel und wartete ‎ darauf, das Blut der Feinde zu schmecken.‎

Mora hatte lange auf diesen Moment gewartet. Viele aus Ihrem Volk waren ‎schon bei dem Versuch gestorben, die Freiheit zu erringen. Ihr Bruder, der ‎sie angeführt hatte, war in Gefangenschaft, womöglich in die Sklaverei ‎verkauft. Ihr Vater tot.

Ihre Idee, nicht den offenen Kampf zu suchen, sondern eine ‎Falle zu stellen, hatte den Rat überzeugt, oder ihre Beharrlichkeit. Es gab auch nichts mehr zu verlieren außer der Freiheit. Jetzt musste Mora beweisen, ‎dass es die richtige Entscheidung gewesen war.‎

Plötzlich stockte der Zug der Dragoner. Der Anführer hatte seine Faust erhoben, das Zeichen, anzuhalten. Die Drachen fauchten wütend, sie ‎wollten raus aus dem Wald, in dem sie ihre Flügel nicht ausbreiten ‎konnten. ‎

Mora konnte nicht verstehen, was gesagt wurde, zu weit waren die ‎Dragoner entfernt. Sie senkte einen Moment die Armbrust, um sich ‎umzuschauen, aber da war nichts zu sehen, das den Stopp hätte erklären ‎können. Moras Leute waren gut versteckt, sie konnten, sie durften nicht ‎entdeckt worden sein.‎

Mit einem male explodierte der Wald um Mora herum in Flammen. Die Flugdrachen legten das Unterholz in Flammen und die Hitze fraß sich durch das trockene Geäst.

Mora ‎duckte sich ins Unterholz, als die Hitzewelle über sie hinwegfegte. Sie sah ‎noch, wie die Dragoner von ihren Drachen sprangen und sich hinter den ‎grauen Leibern in Deckung brachten. Dann musste sie die Augen vor der ‎Glut schließen. Sie spürte, wie sich das Leder ihrer Kleider unter der Hitze ‎zusammenzog und die Sehnen in ihre Haut schnitten. Sie zog die Kapuze ‎des Leinenhemdes über den Kopf und grub das Gesicht in die ‎Blätter des Waldbodens, aber es hatte seit Tagen nicht geregnet, alles um sie herum wollte Feuer fangen.

Ihre nackten Schenkel brannten, bis sie spürte, ‎wie sich Vonns Körper über den Ihren legte, um sie vor der Hitze zu ‎schützen. Das Gewicht des Reitdrachens presste sie in den Boden, sie ‎bekam keine Luft mehr, aber die heiße Asche hätte ohnehin ihre Lungen ‎versengt.

Mora war kurz davor ohnmächtig zu werden, ihre Lungen ‎schmerzten, als sich das Gewicht Vonns von ihr hob. Konzentriert nahm ‎sie langsam einen Atemzug. Asche, Staub und Hitze brannten in ihrer Brust. Sie unterdrückte den Husten und sog ein zweites Mal die giftige ‎Luft in ihre Lungen.

Schließlich öffnete sie ‎vorsichtig die Augen und blinzelte in den versengten Wald. ‎Flammen züngelten an den Baumstämmen auf und ab. Sämtliche Blätter ‎und dünne Äste waren verbrannt und wirbelten mit dem heißen Wind ‎durch den toten Wald. Mora spürte die Verbrennungen an Händen und ‎Waden, jedem Stückchen Haut, das dem Brand ausgesetzt gewesen war.‎

Vonn schnüffelte an einem glühenden Busch und zuckte aufgeregt mit den ‎verkümmerten Flügeln. Moras Augen brannten als sich umsah. Die ‎Drachen der Dragoner hatten sich zusammengekauert und viele Soldaten, ‎die nicht verbrannt waren, waren von den schweren Leibern zerquetscht ‎worden, als die Drachen vor den Geschossen zurückgewichen waren. Einige Soldaten schrien vor Schmerz.‎ Nicht wenige hatten Bolzen in der Brust.

Mora stand auf und näherte sich vorsichtig, ihre Armbrust war noch gespannt, aber ob sie noch funktionierte hätte Mora nicht sagen können.

Führerlose Drachen brachen ‎durch das Unterholz und verließen ihre toten Herren, zwei versuchten ‎abzuheben, aber die schwarzen Stümpfe der Bäume hinderten sie. ‎Frustriert fauchte der eine, der andere spuckte einen klebrigen Feuerball, ‎der an dem toten Baum herunterlief. ‎

Sie hatte das Schwert gezogen, es war noch warm, aber nicht mehr so ‎heiß, dass man den Griff nicht anfassen konnte. Sie streckte zwei ‎Dragoner nieder; die verbrannte Haut hing in Fetzen von ihren Leibern und Mora erlöste ‎sie. Plötzlich stand sie vor dem Anführer. Sein Mantel aus ‎Drachenschuppen, Zeichen seiner Stellung, hatte ihn geschützt.‎ Mora legte ihm das Schwert an den Hals, aber sie hatte mit einem male nicht mehr die Kraft, ‎zuzustoßen.‎

‎"Deine Leute sind alle tot“, sagte der Mann, ohne sich um die Klinge an ‎seinem Hals zu kümmern.‎

Mora sah ihn an und sagte nichts. Es war still geworden. Es knackte und ‎krachte in dem verkohlten Holz, aber keine Stimme war mehr zu hören, ‎weder von Mensch noch Tier. Irgendwo da draußen lag auch der ‎verbrannte Körper Laams, ihres Verlobten.‎

‎"Deine auch" versuchte sie es mit Trotz, aber sie fühlte keinen ‎Widerstand mehr in sich.‎

Der Dragoner nickte, dann nahm er die Schneide des Schwerts zwischen ‎seine Finger und senkte sie langsam zu Boden. Mora lies es geschehen.‎

‎"Ein kleiner Preis für das ‎Zeichen, das wir euch und den anderen widerständischen Völkern geben."‎

Erst jetzt, als der Mann seinen Mantel zurückwarf, erkannte sie sein ‎Zeichen auf der Rüstung. Es war der Magus, der mächtigste Magier im ‎Land; nur der Drachenthron selbst war noch mächtiger. Mora senkte den ‎Kopf. Dass der Magus selbst die Truppen führte, änderte alles.‎

‎"Euer Widerstand hat den Drachenthron erzürnt. Ich, Arethon, habe seinen ‎Atem hierher geführt, um Euch zu bestrafen. Geh und erzähle deinem ‎Volk davon." Damit drehte sich der Dragoner um und ging den Weg ‎zurück, den er gekommen war. Sein weißer Drache folgte ihm.

 

Der Rat

 

Mora stand mit gesenktem Kopf vor den Vertretern ihres Volkes. Es waren nur wenige Tage vergangen, seit sie das erste mal vor den zwölf Männern ‎und Frauen gestanden hatte, um ihren Plan vorzuschlagen. Jetzt musste sie ‎ihr Versagen rechtfertigen und wäre am liebsten davongelaufen.‎

Mora erklärte dem Rat, was passiert war, und wurde dann hinausgeschickt, ‎damit man sich beraten konnte.‎

Ein Junge schloss das Tor hinter ihr und entzündete die Fackeln rechts und links davon, dann blieb er davor stehen und wartete, dass der Rat seine ‎Dienste fordern würde. Mora nickte dem Jungen zu, aber sagte nichts. Es ‎war Kar, der Enkel Adas. Sie war mit fünfzig Jahren die jüngste im Rat der Ältesten, eine Stellung, die sie von ihrem Vater geerbt hatte.‎

Vor dem alten Langhaus der Ältesten hockte Mora sich auf einen ‎Baumstamm und starrte in den Mond, der sich den Himmel zu dieser ‎späten Stunde noch mit der Sonne teilte. Auch Ragor und Nagor, der ‎Morgen und der Abendstern waren schon zu sehen. Wie alle fünfzehn Jahre ‎waren Sie für einige Wochen gemeinsam unterwegs, bevor sie die Rollen ‎tauschten und der Morgenstern zum Abendlicht wurde.‎

Jetzt kam es Mora lächerlich vor, dass sie sich so vorgedrängt hatte; wie ‎kam sie dazu zu glauben, dass ausgerechnet sie die letzten Kämpfer ‎anführen und gegen die Invasoren eine Schlacht gewinnen könnte. Wo alle ‎vor ihr versagt hatten.‎

Mora raffte sich auf und ging ein paar Schritte in die eine Richtung, dann ‎machte sie kehrt und stapfte in Richtung der Ställe, um Vonn zu sehen. ‎Mora hatte den Drachen mit ihren eigenen Händen aufgezogen. Weiße ‎Drachen, wie Vonn, wurden von ihren Eltern verstoßen und überlebten ‎selten die ersten Wochen. Mora stellte sich an das Gatter und betrachtete ‎die Drachen, die sich für die Nacht niedergelegt hatten. Nur hin und wieder ‎schaute einer von Ihnen auf. Es dauerte eine Weile, bis Vonn ihre ‎Anwesenheit bemerkte und zu ihr hinüber trottete. Seine Flügel klappten ‎freudig auf und zu, die Ohren waren in ihre Richtung gestellt, er lauschte, ‎ob sie etwas sagen würde, oder einfach auf ihren Herzschlag.‎

Mora hielt dem Drachen die offene Hand hin und spürte seinen warmen ‎Atem, als er daran schnüffelte.‎

‎"Du bist ein Guter“, murmelte sie leise. Es spielte keine Rolle, was sie ‎sagte, sie hatte immer das Gefühl, der Drache würde sie verstehen. Vonn ‎spürte, dass sie etwas bedrückte und zupfte mit den breiten Lippen an ‎ihrem Hemd, bevor er seinen großen Kopf an ihrer Schulter rieb. Mora ‎schlang ihre Arme um den Hals des Geschöpfs. Es kam ihr wie eine ‎Ewigkeit vor, als sie den kleinen Drachen als Baby in ihren Händen getragen hatte. ‎Heute konnte sei seinen Hals gerade noch mit beiden Armen umfassen.‎

Sie weinte eine Träne und drückte ihr Gesicht in die rauen Schuppen.‎

 

Im Langhaus stand Arethon vor dem Rat, den Mantel hatte er ‎zurückgeschlagen, das Siegel seiner Stellung war deutlich zu sehen. Er war ‎hinzugetreten, als Mora aus dem Tor getreten war. Sie brauchte nicht zu ‎wissen, welche Fäden er zog.‎

‎"Mora hat Mut, sonst wäre sie den Dragonern nicht entgegen getreten. Sie hat ein magisches Talent, sonst hätte sie den weißen Drachen nicht ‎aufziehen können." erklärte er. "Vielleicht ist sie diejenige, die ich suche."‎

‎"Wie die vielen anderen, die Du in den letzten Jahren verbraucht hast, ‎Magus?“, wollte Ada wissen.‎

‎"Und wenn ich sie nicht formen kann, dann werde ich wieder jemanden ‎anderes auswählen“, fuhr Arethon fort.‎

‎"Wie viele sind schon für Deine Ziele gestorben?"‎

‎"Nicht genug, Ada. Denn das Ziel ist noch nicht erreicht."‎

‎"Für uns ist der Krieg vorbei. Wir werden unsere Ernte abgeben, unsere ‎Kinder in die Ferne schicken und den Wehrdienst leisten. Es gibt keinen ‎Grund Mora leiden zu lassen." warf Oton ein; der Vater Moras war ein ‎Freund seines Sohnes gewesen, sie waren die Ersten, die im Kampf gegen den Tyrannen ihr Leben ließen.‎

‎"Ich kenne Deinen Schmerz Oton. Ich war dabei, als Dein Sohn starb. All ‎diese Schlachten, die ich für ihn schlug, aber ich kann den Rex Drako nicht aufhalten, ich bin noch nicht mächtig genug dafür."‎

‎"Du sprichst vom Herzen des Drachen?“, fragte Ada.‎

‎"Ohne das Herz kann ich nicht gegen den Drachenthron vorgehen und ich ‎kann es nicht suchen, wenn das Auge des Rex Drako mir im Nacken sitzt. ‎Es ist schon ein Risiko, das ich hier stehe. Jede Minute kostet mich Kraft, ‎damit er meinen Verrat nicht entdeckt."‎

Ada und Oton sahen sich kurz an, die Anderen im Rat nickten. Aber die ‎Entscheidung war schon gefallen, bevor sie Mora hinausgeschickt hatten. ‎Endlich aufgeben zu dürfen, war für einige im Rat eine Erlösung, Andere hätten selbst noch das Schwert ergriffen, um für ihre Freiheit in den Kampf ‎zu ziehen, aber sie waren jetzt in der Minderheit. Diesen Punkt zu erreichen ‎war der einzige Grund, warum die letzten Krieger ihres kleinen Volkes im ‎Atem des Drachen verzehrt wurden.‎

Wäre das Los der Herrschaft des Drachenthrons über die ganze Welt nicht ‎schlimmer als das Schicksal eines einzelnen kleinen Volkes, so war der ‎Preis nicht zu hoch. Jeder Tag, den die Soldaten des Rex Drako nicht weiter ‎ins Hinterland vordrangen, war ein Tag mehr für Arethon.‎

‎"Mora," ertönte eine junge Stimme vom Dorfplatz hinüber. Mora riss sich ‎von Vonn los, als sie ihren Namen hörte. Man hatte die Beratungen, ‎darüber, was mit ihr geschehen sollte, abgeschlossen. Vonn brummte ‎dumpf, als sich Mora von ihm abwandte. Der Drache hatte erst lernen ‎müssen, dass sie immer wieder zu ihm zurückkam. Sonst hätte er jetzt das ‎Gatter durchbrochen, um ihr zu folgen. So aber folgte er ihr nur mit seinen ‎goldenen Augen und stieß die Luft aus, die Mora warm im Rücken traf. Sie ‎lächelte und wischte sich die Tränen von den Wangen, bevor sie in das ‎Licht der Fackeln trat, die das Tor zum Langhaus erhellten.‎

Kar hielt die Tür offen und rief ein zweites Mal ihren Namen, bevor er die ‎junge Frau auf sich zukommen sah.‎

‎"Ich komm ja schon, Kar“, rief sie zurück. Die Nacht senkte sich jetzt ‎schnell über das Dorf und durch offene Türen sah man erste Feuer, auf ‎denen das Abendessen gekocht wurde. Mora zögerte, wieder in das ‎Langhaus zu treten. Sie hatte das Gefühl, dass das vertraute Bild hier ‎draußen nicht mehr für sie bestimmt war, wenn sie wider hinaustrat.‎‎"Mora. Tritt näher." Oton stimme füllte den großen Raum, des Langhauses. ‎

‎"Kar. Geh zu Deiner Mutter. Wir brauchen Dich heute nicht mehr.‎Mora sah dem Jungen nach, als er aus dem Tor eilte und die beiden Flügel ‎zudrückte. Sie wäre zu gern, wie er, nach Hause gelaufen, zu ihrer Mutter ‎und der Schwester. Dem, was von Ihrer Familie, geblieben war. Sie war ‎gerade 22 Jahre alt und hätte selbst schon Kinder und einen Mann haben ‎sollen. Laam hatte sie nehmen wollen. Sein Haus und Hof hätten eine ‎Familie ernähren können.‎

‎"Mora“, verlangte Oton ihre Aufmerksamkeit und riss sie aus den ‎Gedanken.‎

Sie sah zu ihm hinüber. Vor langer Zeit war Oton wie ein Großvater für sie ‎gewesen, die Eltern ihrer eigenen Eltern hatte sie nie kennengelernt.‎

‎"Der Rat hat beschlossen, dass es besser ist, wenn Du unser Land verlässt. ‎Wir möchten nicht, dass Deinetwegen die Rache des Rex Drako unsere ‎Dörfer trifft."‎

Mora senkte den Kopf und nickte. So musste es sein. Sie verstand das, ‎irgendwie. Mit einem kleinen Teil des Verstandes, das seltsam klar arbeite, währen der ganze Rest von ihr flehen und betteln wollte, beleiben zu ‎dürfen.‎

‎"Pack Deine Sachen. Nimm Deinen Drachen. Bis zum Untergang Nagors ‎morgen früh, hast Du das Dorf zu verlassen."‎

Mora sah nicht, dass es Oton selbst das Herz brach, diese Worte ‎aussprechen zu müssen.‎

Hinter der Wand stand Arethon. Der erste Schritt in seinem Plan war ‎aufgegangen. Aber es war noch nicht genug, wenn Mora ihm eines Tages ‎folgen sollte. Nur so konnte er hoffen, dass sie das Herz der Drachen nicht gegen ihn einsetzte, wenn sie erst erkannte, dass es der Schlüssel zu allem ‎war, das sie der Schlüssel zu allem war.‎

Als Mora mit gesenktem Kopf den Saal verließ, verschwand der Magus ‎ungesehen durch eine Seitentür und folgte der jungen Frau ein Stück. Sie ‎ging wieder zu ihrem Drachen und führte das Tier zu ihrem Haus. Sie kam nur ein paar Schritte entfernt an Arethon vorbei, aber wenn der Magus ‎nicht gesehen werden wollte, dann wurde er nicht gesehen. Nur Vonn ‎schnaubte erregt, als er vorbeizog und sein linkes Ohr war ständig auf den ‎Magier gerichtet.‎

‎"Komm schon, Vonn.“, flüsterte Mora und der Reitdrache folgte.‎ Der weiße Drache würde als Nächstes verschwinden müssen, dachte ‎Arethon.‎

Aufbruch

 

Das Feuer knisterte in seiner steinernen Einfriedung und es roch nach Holz, ‎Rauch und Gemüsesuppe. Die Flammen tauchten die Hütte in ein unruhiges ‎Licht.‎

Mora wischte sich Rotz und Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht, ‎während ihre Mutter sie in den Armen hielt. Ihre Schwester Pa saß mit ‎ihrem Stickwerk gegenüber an der Wand und traute sich nicht, die ‎Schwester anzusehen, weil sie den Schmerz, den sie sehen würde, nicht ‎glaubte ertragen zu können. Mora hatte Angst ihre Familie nie wieder zu ‎sehen.‎

Ihre Sachen waren schon gepackt, es war nur eine kleine Rolle mit einer ‎Decke umwickelt. Ihre Kleider und ein paar wenige Dinge, die sie ihr eigen ‎nannte. Nur das Schwert war ihr geblieben, die Rüstung und die Armbrust ‎waren zerstört. Sie hatte lange kämpfen müssen, um die Waffen und den ‎Harnisch tragen zu dürfen. Aber die Erinnerung daran, wie ihr Bruder ihr ‎das Kämpfen gezeigt hatte, schmerzte, als würde ihr jemand das Herz in ‎der Brust zerquetschen.‎

Waren es nur sieben Sommer gewesen, das Iod ihr das erste Mal die Armbrust in die ‎Hand legte? Mora kam es wie gestern vor. Er sagte es sei eigentlich eine ‎Verteidigungswaffe, aber mit dem Hebel leichter zu spannen, als ein ‎Langbogen und man musste die Spannung nicht halten. Er lenkte die Waffe ‎in ihrer Hand in Richtung Heuballen, an dem ein rotes Stoffkreuz das Ziel ‎markierte. Der erste Bolzen ging fehl, weil das Mädchen mehr Angst vor ‎der Waffe hatte, als sie sich eingestehen wollte. Aber schon der Zweite und ‎Dritte traf das Kreuz, wenn auch nur am Rande. Iod lobte seine kleine ‎Schwester für das Talent, das sie zeigte, und versprach eine große ‎Kriegerin aus ihr zu machen. Mora hatte lachen müssen. Es gehörte mehr ‎dazu als das Wort der Dorfwache, um aus einem kleinen Mädchen eine ‎Kriegerin zu machen. Sie war damals gerade fünfzehn Jahre alt gewesen. Viel zu ‎jung, um tatsächlich zu verstehen, dass die Gefahr bereits auf dem Weg war ‎und der Drachenthron sein Land immer mehr ausdehnte und Ihr eigenes ‎Land Dakra früher oder später auf seinem Pfad der Zerstörung liegen ‎würde.‎

Erst viel später begriff sie, dass der Bruder schon damals ahnte, dass eine ‎Dorfwache gegen Dragoner und Soldaten nicht bestehen konnte. Trotzdem ‎tat er seine Pflicht und versuchte mit dem Vater die erste Angriffswelle ‎noch vor den Ausläufern des Torwaldes zurückzuschlagen.‎

Mora und ihre ältere Schwester Pa waren es, die die Leiche des Vaters in ‎den Leichenhaufen fanden. Sie mussten ihn mit den anderen Toten ‎verbrennen, weil sie den Toten nicht durch den ‎Torwald schleppen konnten, um ihn in der heimatlichen Erde zu begraben.

Es gab ein Ritual, fremde Erde zu weihen, aber für Mora war es ein leeres ‎Gehabe, das ihr nichts bedeutete.‎

Vom Bruder fanden Sie nur das Schwert, das Mora jetzt trug.‎

Sie wollte Rache und legte sich mit jedem an, bettelte und forderte, bis sie als Frau von neunzahn Jahren in die Dorfwache aufgenommen wurde.

Ihre Schwester Pa verstand sie nicht, für sie gehörte die Frau ans Feuer ‎und ins Haus, kümmerte sich um das Vieh und die Familie, wenn der Mann in den Kampf zog.‎

Inzwischen war Pa Witwe und musste alleine drei kleine Kinder ‎durchbringen. Sie war ins Haus der Mutter zurückgekehrt und die drei ‎Jungen ruhten am Ende des Raumes auf der strohgefüllten Bettstadt.‎

Die Mutter rieb Mora den Rücken und sang die Silben eines alten Liedes, ‎dessen Bedeutung lange vergessen war, wie die Sprache aus deren ‎Wörtern es bestand. Aber Gia hatte es immer für ihre Töchter gesungen, ‎wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte.‎

Mora trocknete ihr Gesicht mit dem Lappen, den Gia ihr reichte, und wurde ‎still, während sie lauschte und sich fragte, was das Lied wohl bedeuten ‎mochte. Wie jedesmal, seit sie die Silben das erste Mal bewusst gehört ‎hatte. Nur für ein paar Minuten konnte sie vergessen und sich glauben ‎machen, es würde tatsächlich alles wieder gut werden, wie Gia es versprochen hatte, als sie an ihrer Schulter nicht aufhören konnte, zu ‎weinen.‎

Als das Lied zu Ende ging, zog Ruhe ein, nur die Flammen knisterten und ‎die Schatten tanzten über die Wände. Mora starrte in das Feuer und stellte sich vor, dort eine Zukunft sehen zu können, aber sie sah nichts. Sie hatte Angst, dass ihre Zukunft genauso leer sein würde.‎

Gia gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. "Es wird Zeit Mora, mein Kleines."‎

Mora schüttelte den Kopf und klammerte sich noch fester in das raue Kleid der Mutter. Gia nahm ihren Kopf in beide Hände und drehte ihn sanft, dass ‎Mora in ihre Augen schauen musste. "Ich möchte, dass Du zum Priester ‎gehst und Dich für die Reise segnen lässt."‎

Mora wollte sagen, dass es keine Reise war, sondern Verbannung, dass sie nicht an die alten Götter glaubte und den Priester nicht sehen wollte. Aber sie sagte nichts und nickte nur.‎

‎"Nimm das und trag es immer um den Hals." Gia löste den Knoten des ‎Lederbandes, das ein keines Stück Muschelscheibe festhielt. Mora kannte ‎das Stückchen Perlmutt gut, in das der zunehmende Mond und die Sterne ‎des Morgens und des Abends eingeritzt waren. Sie hatte als Kind damit ‎gespielt. Vom vielen Anfassen waren die Rillen der Gravur schon verblasst. Früher wollte Mora wissen, wo das glänzende Stück herkam und Gia hatte ‎den Töchtern erzählt, dass ein fahrender Händler es vor vielen Jahren von ‎der fernen Küste hier ins Hinterland gebracht hatte. Jetzt hielt Mora ‎den Anhänger in ihrer Faust und ihre Mutter nahm das Band und knote es ‎für ihre Tochter.‎

‎"Geh jetzt zum Priester. Mir zu Liebe."‎

Mora stand schwerfällig auf und biss sich auf die Lippen, weil sie etwas ‎sagen wollte, aber nicht wusste was.‎

‎"Schon gut." nahm Gia ihr die Last. "Ich weiß, dass ich Dich wiedersehen ‎werde. Nun geh."‎

Mora band sich den Ledergürtel mit der Schwertscheide um die Hüften, ließ ‎das Schwert, dass die Schwester ihr reichte, hineingleiten und legte den ‎Mantel um die Schultern; er hatte einmal dem Vater gehört. Die Stiefel die ‎sie trug waren die ihres Bruders. Mit Stroh ausgestopft, damit sie warm hielten und besser passten.‎

Sie schwang das Paket mit ihren Sachen über die Schulter und ging hinaus ‎durch die offene Tür, ohne sich umzusehen. Aus Furcht, sie würde sich ‎dann nicht noch einmal abwenden können. Aber sie hörte das unterdrückte ‎Schluchzen ihrer Schwester.‎

Vonn wartete vor dem Haus, den Sattel schon hinter den kleinen Flügeln ‎auf den Rücken gespannt. Er folge Mora, ohne dass es ein Wort von ihr ‎gebraucht hätte, hinüber zum Tempel der alten Götter. Früher hatte sie vor ‎den Bildern der drachenköpfigen Wesen, halb Mensch, halb Drache, mit ‎den Eltern und den Geschwistern gebetet. Fünf Jahre war es her, dass sie ‎den Tempel, das einzige Haus aus Stein im Dorf, das letzte mal betreten ‎hatte. Es brannten Kerzen auf dem Altar als Mora den einzigen Raum ‎betrat. Türen gab es nicht. Die Götter sollten immer zu sprechen sein.‎ Aber sie hatten Mora nie geantwortet. Vonn brummte vor dem Haus und ‎lugte mit einem Auge durch das Tor.‎

Mora tat nur zwei Schritte in den Raum und blieb stehen. Sie fühlte sich ‎nicht so, als ob sie hier noch hingehörte.‎

‎"Laam ist tot", sagte sie in die Stille.‎

Eine Antwort bekam sie nicht, es waren nicht ihre Götter, die hier geehrt wurden, schon lange nicht mehr.

‎‎"Mora.“Die Stimme war zu Jung für den alten Mann, der hinter ihr in den ‎Tempel trat. Er hätte in den ältesten Rat gehört, aber solche Dinge ‎interessierten den Priester nicht.‎

‎"Priester."‎

‎"Komm und setzt Dich mit mir."‎

Sie folgte dem Mann und sie hockten sich vor den Altar, der auf einem ‎Handbreit hohen Steinpodest ruhte. Von hier aus konnte man den Dorfplatz ‎durch die offene Tür sehen. Sehr Dunkel neben dem von Kerzen erhellten ‎Tempel. Vonn hatte seinen zehn Fuß langen Körper auf dem Platz vor dem ‎Tor zusammengerollt. Sein Kopf ruhte auf den Schwanz. Ein Auge war ‎geschlossen, das andere beobachtete Mora.‎

‎"Weißt Du, was es bedeutet, einen weißen Drachen aufzuziehen?“, fragte ‎der Priester.‎

Mora schüttelte den Kopf, und obwohl sie beide nach draußen schauten, ‎kannte der Priester ihre Antwort.‎

‎"Niemand weiß das heute noch“, fuhr er fort. "In den alten Zeiten war das anders. Vor tausend Jahren oder mehr."‎

Er machte eine Pause und fragte dann: "Was bedeutet es für Dich?"‎

‎"Weiß nicht."‎

‎"Doch Mora, ich glaube, du weißt es."‎

Mora sah den Priester kurz an. Seine Falten waren immer noch genauso tief ‎und zahlreich, wie sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Es gab auch keinen Platz für weitere.‎

‎"Ich war dabei, als er geboren wurde. Sieben Drachen hat Genn in der ‎Nacht zur Welt gebracht. Das ganze Blut, die sechs graugrünen kleinen ‎Geschöpfe und Vonn. Sie hat die anderen abgeleckt und mit ihrem Atem ‎getrocknet, aber Vonn hat sie nicht einmal angesehen."‎

Der Priester nickte und wartete, dass sie weitersprach.‎

‎"Dieser winzige Drache war so hilflos. Ich konnte nicht zusehen, wie er von ‎Minute zu Minute schwächer wurde." Mora lächelte bei dem Gedanken. "Ich ‎bin durch die Gatterstäbe geklettert. Pa wollte mich noch festhalten, ‎aber ich war schneller. Dann saß ich neben dem Winzling im Stroh, hielt es ‎fest in den Armen und hoffte, meine Körperwärme würde es retten, ‎während ich darauf wartete, dass mich der Schwanz der Drachenmutter ‎treffen würde, weil ich in ihr Lager gesprungen war."‎

Mora zog den Mantel Enger um ihre Schultern. "Ganz langsam kroch ich ‎zurück. Meine Schwester wickelte mich und das Geschöpf in eine alte Decke, ‎die nach Metall und Teer stank." Sie schaute noch einmal zum Priester und dann zurück zu Vonn. "Eine ganze Woche habe ich den kleinen Drachen ‎nicht losgelassen. In Decken gehüllt saß ich, mit ihm an der Brust, am ‎Feuer und wagte kaum aufzustehen." Mora musste bei dem Gedanken ‎grinsen. "Ich hab ihn sogar mit zum Abort genommen und nicht eine ‎Minute aus den Augen gelassen. Ich hab selbst wie ein Drache gestunken, und als er nach einer Woche endlich fiepte und mich kratzte, hab ich vor ‎Freude geweint."‎

Der Priester nickte. "Man muss schon zu einem Drachen werden, um einen aufzuziehen."‎

Sie schwiegen wieder eine Weile und schaute, wie die Sterne sich unendlich ‎langsam über den nächtlichen Himmel schoben. Gegen den Schein der ‎Kerzen waren nur wenige der hellsten zu erkennen. Ragor und Nagor ‎waren von hier aus nicht zu sehen, genauso wenig, wie der Mond.‎

‎"Ich glaube Mutter möchte, dass Du mich segnest."‎

Der Priester schüttelte den Kopf. "Das ist nicht nötig. Gesegnet bis Du mit ‎dem Geschöpf da draußen."‎

Es war seltsam angenehm hier zu sitzen und sie schauten zusammen ‎einige Minuten einfach still in die Nacht hinaus.‎

‎"Es ist an der Zeit, Mora."‎

Sie senkte den Kopf und stand auf Sie nahm einen tiefen, zittrigen ‎Atemzug. "Meine Mutter glaubt, sie würde mich irgendwann wiedersehen."‎

‎"Deine Mutter hat einen unerschütterlichen Glauben. Und ihre Liebe zu Dir. ‎Sie wird wohl Recht haben."‎

Mora hoffte das sehr, während sie immer weiter geradeaus ging, bis sie das ‎Dorf verlassen hatte und sich die ersten Wipfel des Torwaldes über ihren ‎Weg neigten. Vonn stapfte ihr hinterher.‎

Fahrende Händler