Über das Buch

Die Menschen streben nicht mehr nach dem Paradies; sie haben sich Ersatzfreuden geschaffen, zum Beispiel das ewige Starren auf den Bildschirm. Manche wollen an ihrem Ende sogar lieber zur Hölle fahren, wo sie sich statt Frieden endlose Unterhaltung erhoffen! Das Himmlische Management beschließt Gegenmaßnahmen und veranstaltet einen Tag der offenen Tür. Das kriegt die Hölle spitz und schickt den Jungteufel Ronaldino als Spion. Wie die menschlichen Besucher ist allerdings auch er überrascht und begeistert von dem Angebot. Er schließt Freundschaft mit Eleusi und bleibt im Himmel. Als Rache für die Abwerbung öffnet der Chefteufel seinerseits die Pforten der Unterwelt. Leider ist die höllische Veranstaltung ein Flop. Im Himmel hingegen gibt es ein großes Fest und ein Gospel-Konzert mit den irdischen Besuchern. Rosy, Eleusis große Liebe, singt im Chor mit, und Eleusi würde sie am liebsten im Himmel behalten, doch er muss sich gedulden – zum Glück spielt im Himmel die Zeit keine Rolle.

Eveline Hasler

Tag der offenen Tür im Himmel

Nagel & Kimche

Inhalt

1  Der Himmel gerät in Schieflage

2  Ein neuer Auftrag für Engel Eleusius

3  Jungteufel Ronaldino wird Spion

4  Albert Einstein spielt Fußball

5  Im Paradiesgärtchen von Fra Angelico wird getanzt

6  Ein Jungteufel landet im Wäldchen der Läuterung

7  Jungengel und Jungteufel umarmen sich

8  Generalissimo lässt fragen: «Glück, was ist das?»

9  Wohin mit der Bischöfin aus Hamburg?

10  Eleusi und das Ferngespräch am Chefdesk

11  Teufelshörnchen oder die Mauer um das Paradies

12  Das Privatkabinett des Generalissimo

13  Gebührt dem Teufel Fairness?

14  Der alte Gärtner und seine Weltenblume

15  Der Engel Eleusius will das Höllenfeuer sanieren

16  Der Gospel-Chor aus Manhattan

17  Lieder und Gebete nähren die Weltenblume

18  Rosy meldet sich bei Petrus an

1  Der Himmel gerät in Schieflage

Wie immer bei Vollmond riefen der himmlische Türwächter Petrus und sein Adjutant Zelus die Jungengel zur Versammlung.

Sie lagerten sich auf ihre Wolkenkissen, einige noch verschlafen wie irdische Schüler während der ersten Schulstunde.

Doch die Stimme von Petrus, klar und stark, rüttelte sie auf. «Engel im zweiten und dritten Lehrjahr! Unser Himmlisches Management ist in Sorge! Die Menschen wissen nichts mehr vom Himmel und vom Paradies. Unablässig flimmern über ihre Bildschirme Bilder von Ersatzparadiesen. Diese kosten sehr viel Geld, und deshalb rennen die Menschen nur noch dem Mammon hinterher, freudlos hetzen sie durch ihre kurzen Tage. Wenn das so weitergeht, stehen unsere Paradiesgärten bald gähnend leer wie die Nobelhotels in den Schweizer Alpen!»

«Die Menschen sind anspruchslos geworden», sagte darauf Zelus. «Sie halten jedes Dorfkonzert und eine halbverkohlte Bratwurst schon für himmlische Freuden.»

«Heilige Einfalt», murmelte Petrus.

«Warum sind sie denn so unwissend?», seufzte Hyazinthus, ein empfindsamer Engel, dem das Geschick der Menschen zu Herzen ging. «Sehen sie denn nicht dauernd fern und hören Berichte aus aller Welt? Und läuten nicht, wo sie gehen und stehen, ihre Telefone?»

«Ja, sie müssten eigentlich sehr klug sein», bemerkte Segafredo, ein pummeliger Engel mit südländisch dunklen Augen. Segafredo meldete sich selten zu Wort. Meist saß er auf seiner Wolke und hörte nur mit halbem Ohr zu, während er durch ein Wolkenloch in die Tiefe starrte.

«Weg von deinem Wolkenloch, Segafredo!», rief jetzt Zelus, der strenge Ordnungshüter. «Wohin starrst du?»

Der Jungengel fühlte sich ertappt und errötete. «Verzeihung, Meister Zelus. Da direkt unter mir dürfte Bologna sein, und ich denke daran, wie ich dort einst in einem Hinterhof Fußball spielte …»

«Heilige Einfalt», murmelte Petrus. «Morgen vor Sonnenaufgang darfst du im Paradiesgarten Fußball spielen. Hinter den Olivenbäumen ist ein Feld, da werden die Neulinge sanft von ihren irdischen Ritualen entwöhnt.»

«Jungengel brauchen Geduld», brummte Zelus.

Petrus schüttelte nachdenklich seinen Graukopf, bevor er fortfuhr: «Ja, unser Himmlisches Management ist betrübt über die Unwissenheit seiner Geschöpfe. Vor wenigen Hundert Jahren, als die meisten Menschen noch ihre Felder bearbeiteten, lernten sie durch die Beobachtung der Natur vom Sterben im Winter und vom erwachenden Leben im Frühjahr … Sie lebten bescheiden, doch sie wussten, woher sie kamen, wohin sie gingen, wozu sie auf Erden waren. Nun wohnen sie in Waben und stopfen sich an ihren Bildschirmen aus Langeweile den Kopf voll mit Nichtigkeiten. Mit belanglosem, unnützem Plunder! Kein Platz ist mehr übrig, um auf die innere Stimme zu hören.»

Eleusius, Jungengel im dritten Lehrjahr, waren die Sorgen des höchsten Managements schon länger bekannt, immer wieder fühlte er sich davon berührt. «Wir müssen uns etwas einfallen lassen», sagte er. «Wenn ich an meine Erdenzeit denke, dann erinnere ich mich, was irdische Betriebe veranstaltet haben, wenn sie in Schieflage gerieten: einen Tag der offenen Tür.»

«Einen was?», fragte Zelus.

«Einen Open Day, so hieß das damals, in modischem Englisch. Zur Zeit meines Vaters hingegen bediente man sich gern des vornehmen französischen Ausdrucks. Und als die Preußen im neunzehnten Jahrhundert …»

«Zur Sache, Eleusius», mahnte Petrus. «Wie funktioniert denn so ein Open Day?»

«Das geht so: Man lädt alle Menschen zur Besichtigung ein. Sobald welche eintreffen, schickt man die freundlichste Mitarbeiterin an die Tür, sie öffnet, lächelt, lässt die Neugierigen ein. Dann übernimmt ein älterer, erfahrener Mitarbeiter und erklärt den Betrieb. Und schließlich, da die Irdischen immer Hunger und Durst haben, offeriert man leckere Häppchen und etwas zu trinken …»

«Klingt tatsächlich ganz einfach», murmelte Petrus. «Also, wenn ich so darüber nachdenke: Ich wäre sehr für einen Tag der offenen Tür.»

«Nur einen einzigen Tag, Petrus?», fragte die Engelin Anastasia mit dem mondförmigen Gesicht, die sich im Geist schon die Himmelspforte öffnen sah.

«Ja, Engelin. Und merke dir: Unsere Tage im Himmel sind länger als anderswo, es sind die Brosamen der Ewigkeit.»

Wenn von nun an der Tag der offenen Tür zur Sprache kam, offenbarten sich bei genauer Betrachtung Probleme himmelsspezifischer Art. Logisch, der Himmel ist schließlich nicht so ein simpler Betrieb wie eine Bäckerei oder eine Kleiderboutique!

Auch das Himmlische Management ging in sich und ließ anschließend Petrus wissen, es wolle sich, wenn eine solche Öffnung schon stattfinde, gern persönlich um gewisse Besucher kümmern. Es plane deshalb, gelegentlich seinen Chefsessel zu verlassen, um hinauszutreten und Zwiesprache zu halten oder ein Tänzchen in den Paradiesgärten zu wagen.

«Heißt das, der Thron wäre in dieser Zeit verwaist, o Herr?»

«Genauso ist es.»

«Ist das nicht gefährlich in unserer unsicheren Zeit?»

«Nun, du wirst wie immer Unbefugte fernzuhalten wissen, Petrus.»

«Herr, wie erkennt man Unbefugte bei offener Tür? Mir scheint, Zelus und ich bräuchten Hilfe!»

Diesem Ansinnen gegenüber zeigte sich das Management einsichtig. Es empfahl einen Jungengel auszuwählen, dieser habe in seinem Erdenleben mit schwierigen Menschen Erfahrungen gesammelt, die noch nicht verblasst seien. Komme einer in böser Absicht daher, dann würde so ein Jungengel es spüren.

2  Ein neuer Auftrag für Engel Eleusius

Nur zwei Engel hatten sich freiwillig für den Job gemeldet: Esato und Loco.

«Wir nehmen zur Befragung noch einen dritten hinzu. Ich denke da an Eleusi», sagte Petrus.

Zelus signalisierte durch ein knappes Kopfnicken zurückhaltende Zustimmung.

Sie kamen überein, zuerst Eleusius zu befragen.

«Nun, Eleusi, wir sind etwas erstaunt – warum hast du dich nicht freiwillig gemeldet?», begann Petrus.

«Meister, ich möchte mir etwas Ruhe gönnen zum Nachdenken. Mir scheint, ich habe schon genug Aufgaben bekommen.»

«Aufgaben? Welche denn?»

«Im zweiten Lehrjahr schickte man mich in die Welt zurück, um die weihnachtliche Botschaft zu verkünden.»

«Davon hat man allerdings einiges gehört», bemerkte jetzt Zelus schnippisch. «Hast du nicht anlässlich dieses Auftrags in New York mit einer rothaarigen jungen Frau geschäkert?»

«Ja, ja, stimmt. Danke für die schöne Erinnerung, Zelus. Ich habe tatsächlich beim riesigen Christbaum auf dem Rockefeller-Platz eine wundervolle Frau kennengelernt. Ganz natürlich war sie und sehr hübsch. Lebhaft, mit einem Sinn für Humor und einem Herz für andere …» Eleusi lächelte vor sich hin. «Ich habe Rosy dann einem Dichter vorgestellt, der Trost brauchte. Es heißt, die beiden würden sich nun häufig treffen.»

«Eleusi, du hast das damals gut gemacht», sagte Petrus schnell. «Ganz toll, ehrlich. Wie gut, dass Eifersucht nicht mehr zu unserer Welt gehört.»

«Und weiter?», drängte Zelus.

«Nun, im Jahr darauf wurde ich in Waldsiedel Garderobier der berühmten schwarzen Madonna.»

«O weh!», feixte Zelus. «Auch das wurde zu einem Skandal! Das war doch die Geschichte mit diesem Schmuckstück, ein Diamantherz aus schwarzem Lavastein, nicht wahr?»